Auf der Flucht – Was geht uns das an?

Immigration emigration migration concept, paperboat with meeples

Der nachfolgende Text entstammt der Zeichnung, wie der Vortrag im Rahmen einer rituellen Arbeit heißt, anlässlich des 180. Stiftungsfestes der Loge “Furchtlos und Treu”. Am Beginn der Reise nach Stuttgart stand eine Bitte: “Lieber Bruder Hans-Hermann – so hieß es – wir haben folgendes Thema als Anliegen an dich: Millionen Menschen kommen nach Europa und Deutschland, wie stehen wir als Freimaurer dazu? Viele werden an unserer Tür anklopfen.”

Und ich habe geantwortet: Einverstanden. Mein Thema heißt:

Auf der Flucht – Was geht uns das an?
Die Flüchtlingsproblematik und der Weltbund der Humanität

Ja, meine Brüder: Was geht uns das an?

Ich meine, es geht uns gründlich an, als Menschen, als Bürger der ersten gelungenen Demokratie in Deutschland und auch als Brüder Freimaurer.

Denn der Freimaurer befindet sich an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft. Von der Art und Weise, wie die Freimaurerei heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgeht, hängt die Zukunft des Bundes ab: Wer öffentlich ernst genommen werden will, muss selbst das Öffentliche Ernst nehmen.

Allerdings: eine flächendeckende freimaurerische Antwort auf die mir gestellte Frage gibt es nicht. Denn es handelt sich bei dem, was heutzutage verkürzend gern die Flüchtlingsproblematik genannt wird, um eine sehr komplexe und interdependente Problematik mit vielen Aspekten, es geht um ein schwer zu entwirrendes Knäuel von Flucht, Asyl, Migration und Integration, von Innen-, Europa- und Weltpolitik, von Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten. Und beides: Dimension der Aufgabe und Möglichkeiten, sie zu lösen, sind nicht starr. Die Lösungsmöglichkeiten insbesondere hängen ja sehr von unserer Bereitschaft ab, Lösungsmöglichkeiten ausfindig zu machen und zu nutzen. Wenn wir starr sind und uns verweigern, sind wir mit unserem Latein schnell am Ende.

In Anbetracht all dieser Gesichtspunkte muss sich der Redner der Großloge, selbst wenn er Politikwissenschaftler ist, vor Schnellschüssen und Gemeinplätzen hüten und auch davor, unter die schrecklichen Vereinfacher zu geraten, zumal es von solchen ja schon reichlich viele gibt.

Demokratie ist ein offenes System. Was richtig und möglich ist in der Politik, steht in keiner Weise a priori fest. In der Demokratie ist politisches Denken und Handeln immer perspektivisch, es ist prinzipiell ergebnisoffen, und es ist das Wechselspiel zwischen politischen Gruppen, Interessen und Überzeugungen, von Zielvorstellungen und Sachverstand, in dem um effektive und effiziente Lösungen gerungen wird. Und da gilt zunächst auch hier die von Euch zum Wahlspruch Eurer Loge auserkorene These von Karl Jaspers: „Niemand hat die Wahrheit, wir alle suchen sie.“

Trotzdem will ich Überlegungen darüber anstellen, ob es nicht trotz aller Komplexität der Flüchtlingskrise gemeinsame Überzeugungen der Brüder Freimaurer geben könnte oder sollte, vielleicht gar schon gibt, und ich will mir Gedanken darüber machen, inwieweit dabei spezifisch freimaurerische Denkweisen und Handlungsformen vorstellbar sind.

Als Ausgangspunkte meiner Überlegungen zur Flüchtlingsproblematik wähle ich einige Feststellungen unseres Bundespräsidenten. Beim Festakt zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2015 in Frankfurt am Main führte Joachim Gauck u. a. folgendes aus:

„Der Empfang der Flüchtlinge im Sommer dieses Jahres war und ist ein starkes Signal gegen Fremdenfeindlichkeit, Ressentiments, Hassreden und Gewalt. Und was mich besonders freut: Es ist ein ganz neues, ganz wunderbares Netzwerk entstanden – zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Es haben sich auch jene engagiert, die selbst einmal fremd in Deutschland waren oder aus Einwandererfamilien stammen. Auf Kommunal-, Landes- wie Bundesebene wurde und wird Außerordentliches geleistet. Darauf kann dieses Land zu Recht stolz sein und sich freuen.

Und dennoch spürt wohl fast jeder, wie sich in diese Freude Sorge einschleicht, wie das menschliche Bedürfnis, Bedrängten zu helfen, von der Angst vor der Größe der Aufgabe begleitet wird. Das ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Tatsache ist: Wir tun viel, sehr viel, um die augenblickliche Notlage zu überwinden. Aber wir werden weiter darüber diskutieren müssen: Was wird in Zukunft? Wie wollen wir den Zuzug von Flüchtlingen, wie weitere Formen der Einwanderung steuern – nächstes Jahr, in zwei, drei, in zehn Jahren? Wie wollen wir die Integration von Neuankömmlingen in unsere Gesellschaft verbessern?“

Joachim Gauck spricht hier einen grundlegenden Widerspruch an, ein Dilemma, wie er sagt, dem wir in der Tat nicht entgehen können und das es zu reflektieren gilt: Die Werte, die unserer politischen Ordnung zugrunde liegen, die politische Kultur des Grundgesetzes mit dem Recht auf Asyl als explizitem Bestandteil, die Rückkehr Deutschlands in die Gemeinschaft freier Völker nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, schließlich auch die im Kettenlied der Freimaurer ausgedrückte alte Hoffnung, „dass das menschliche Geschlecht eine Bruderkette werde, stark durch Wahrheit, Licht und Recht“: All das fordert Offenheit und Hilfe für in Not geratene Menschen, wo immer sie sind und woher sie auch kommen, das heißt jetzt vor allem für die Menschen, die aus Verfolgung, Krieg und lebensbedrohender Not nach Deutschland kommen, auch wenn sie nicht nur vorübergehend physische und materielle Sicherheit suchen, sondern bei uns heimisch werden wollen.

Doch ein Zustrom ohne Grenzen begrenzt die Möglichkeiten, die uns für die Lösung der damit verbundenen Probleme zur Verfügung stehen, und der derzeitige Stand des Flüchtlingsproblems verlangt von uns, das notwendige Gleichgewicht zu finden zwischen der Notwendigkeit einer wirksamen Hilfe und besonnenen Integration auf der einen und der Sicherung der erforderlichen Bedingungen für eine stabile, von der breiten Mitte der Gesellschaft getragene Weiterentwicklung der deutschen Demokratie auf der anderen Seite.

Um ein Begriffspaar des großen Soziologen Max Weber aufzugreifen: Gesinnungsethik und Verantwortungsethik müssen auch beim Flüchtlingsproblem zusammenkommen. Gesinnungsethik erfordert Empathie, Offenheit und Hilfe – Verantwortungsethik lässt dabei aber auch nach dem Machbaren und Verkraftbaren, nach dem Vernünftigen fragen.

Von Weber stammt auch der Hinweis, dass es vor allem drei maßgebliche Qualitäten sind, die einen guten Politiker (und eine gute Politik) auszeichnen: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.

  • Leidenschaft im Sinne des unermüdlichen Einsatzes für die als richtig erkannte Sache,
  • Verantwortlichkeit gegenüber dieser Sache und den damit verbundenen Menschen als – so Weber – Leitstern des Handelns und
  • Augenmaß als unverzichtbare Fähigkeit, vor dem und beim politischen Handeln die Strukturen der Wirklichkeit mit – so wiederum Weber – innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, nicht zuletzt, um dem zu entgehen, was der Autor im gleichen Text mit dem Begriff sterile Aufgeregtheit beschreibt und kritisiert.

Was Weber hier mitteilt, sind nun genau die Eigenschaften, die man sich für den Freimaurer wünscht: Zunächst, den Flüchtlingen praktisch zu helfen, materiell und durch persönlichen Einsatz, furchtlos und treu, ist eine Aufgabe für uns alle. Gewiss, da mag der eine oder andere von uns besorgt fragen: aber sind nicht Betrüger unter denen, die um Hilfe bitten, oder vielleicht gar aktuelle oder potentielle Terroristen? Und sicherlich ist das auch so, und selbstverständlich muss dagegen mit den Mitteln des Rechtsstaats und der öffentlichen Ordnung konsequent vorgegangen werden.

Aber erlaubt dies einen Generalverdacht, mit dem alle überzogen werden? Muss da nicht genau hingeschaut und gründlich differenziert werden? Könnte es nicht sein, dass bis an den Rand der Hysterie übertrieben wird, wenn – so hörte ich neulich gar in einer Loge – inzwischen der Selbstmord Deutschlands eingeleitet wurde? Und was die Flüchtlinge betrifft: Ist nicht jeder von ihnen zunächst einmal der „bloße Mensch“, von dem Lessing spricht? Lessing, wenn er sein Alter Ego Falk sagen lässt, dass „jede Glückseligkeit des Staates, bei welcher, so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, Bemäntelung der Tyrannei ist“, und dass die Natur nicht „die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat, Vaterland und dergleichen – zur Absicht gehabt hätte, sondern die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnen Wesens“.

Auch hier – wie nicht selten anderswo – hätte der Freimaurer der Versuchung zu widerstehen, seine Wertgrundlagen wie ein Taxi zu verwenden, in das man bei Bedarf ein- und aussteigen kann.

Außer persönlich zu helfen, sollte sich der Freimaurer – einzeln oder gemeinsam mit seinen Brüdern – dem gesellschaftlichen Diskurs stellen, dem Gespräch auch mit den Menschen, die zu uns kommen, über ihre Schicksale, ihre Erwartungen, ihre Potenziale, die Bereicherung, die sie uns mitbringen, aber auch über die Pflichten, die sie in unserer Gesellschaft erwarten.

Auf diese Weise könnten sich die Freimaurer als Übersetzer der politischen Kultur des Grundgesetzes bewähren. Denn hierauf kommt es in der Tat entscheidend an: Alle deutschen Bürger, alle Menschen hierzulande, die die bereits hier leben, die seit eh und je deutsche Bürger sind, aber auch alle, die kommen und zukünftig mit uns leben wollen, müssen den verfassungsmäßigen Rahmen unseres Gemeinwesens anerkennen, nicht nur durch Erklärungen, sondern auch im Handeln.

Gewiss: Wir müssen die Freiheitsräume von Minderheiten schützen, und wir müssen lernen, die Besonderheiten fremder Kulturen zu tolerieren. Denn Kultur bedeutet Heimat, die man auch und gerade in der Fremde braucht, und die ja auch Zugewinn für uns bedeuten.

Doch dies gilt primär für die privaten Bereiche des Gemeinwesens. In den öffentlichen Bereichen dagegen müssen die Regeln des Pluralismus und der Demokratie gelten, in der Politik muss es säkular zugehen, religiöser Glaube muss privat sein, einerlei, um welche Religion es sich handelt, und die politischen Entscheidungen müssen von den Bürgern im Regelspiel der demokratischer Institutionen getroffen werden. Sicherlich sind diese Bürger in vielen Fällen gläubige Menschen, aber es muss auf alle Versuche verzichtet werden, politische Richtlinien vom Himmel herunter zu holen, nachdem man sie zuvor nach oben projiziert hat.

Über all das sollten die Freimaurer sprechen, und zwar mit der von Max Weber angemahnten inneren Sammlung und Ruhe. Die von Weber gleichfalls benannte Unkultur der „sterilen Aufgeregtheit“ taugt nicht für den gesellschaftlichen wie den freimaurerischen Diskurs. Pegida-Parolen dürfen nicht in die Loge eindringen, und die Gespräche, die wir führen, sollten nicht den Fremdenhass und die Oberflächlichkeit der Internetforen und der Stammtische bei uns heimisch werden lassen.

Wir haben uns vielmehr in unserer Arbeit und bei den Diskursen unter uns und mit unseren Partnern in der Zivilgesellschaft an Prinzipien auszurichten, die zu den besten Traditionen unseres Bundes gehören und in denen wir Freimaurer sicher übereinstimmen: Menschenwürde, Demokratie, Toleranz, soziale Gerechtigkeit, Friede unter den Menschen und mit der Natur sowie die Bereitschaft, beim politischen Handeln vernünftigen und rationalen Lösungen den Vorrang einzuräumen gegenüber Vorurteilen und Ideologien.

Solche Orientierungen an europäischen Werten, Werten der Aufklärung zumeist, sind nicht dogmatisch, aber auch nicht beliebig. Sie repräsentieren vielmehr den erforderlichen Konsensrahmen für eine politische und gesellschaftliche Leitkultur, ohne die ethisch verantwortliches Handeln unter den komplexen Bedingungen der Welt von heute und morgen nicht möglich ist und bei deren Fehlen die Gesellschaft auseinander zu fallen droht.

Versuchen wir zu bilanzieren: Die Flüchtlingsströme werden so schnell kein Ende finden. Die Reaktion darauf aber darf nicht aus Hilflosigkeit, Hass und Gewalt bestehen. Hass, der inzwischen ja zum mörderischen Hass geworden ist, wenn wir den Mordanschlag bedenken, dem die zukünftige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am vergangenen Samstag zum Opfer gefallen ist, und der einen fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Hintergrund hatte.

Doch wenn wir uns nicht über unsere Werte verständigen und ebenso gründlich wie aufrichtig prüfen, was uns erwartet, wozu wir verpflichtet sind, was wir leisten können und wo unsere Grenzen liegen, wenn wir nicht umsteuern und vor Ort wie global Solidarität praktizieren, werden Ängste, Hass und Feindseligkeit bei uns wie anderswo zunehmen, so sehr vielleicht, dass wir sie nicht mehr kontrollieren können.

Über das Flüchtlingsproblem hinaus reflektiert werden müssen deshalb auch Zustand und Entwicklungstendenzen unserer deutschen Gesellschaft. Zu Recht hat die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan kürzlich in einem Beitrag für die Wochenzeitung DIE ZEIT davon gesprochen, dass Gesellschaften mit einer breiten Mittelschicht und ohne große soziale Diskrepanzen an und für sich durchaus in der Lage sind, günstige soziale Voraussetzungen für Demokratie und für eine freiheitliche, gemäßigte Politik zu schaffen.

Wenn aber – so führt Schwan dann weiter aus – (ich zitiere)

„wenn aber die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich immer größer werden und die Mittelschicht Angst bekommt, zwischen Reich und Arm zerrieben zu werden, wenn auch den einzelnen Menschen jederzeit Prekariat und sozialer Abstieg drohen, dann sucht sich diese mit Ohnmacht gepaarte Angst eben als Blitzableiter jene Menschen, an denen sie ohne Gefahr ihre Wut abreagieren kann.“

Und Gesine Schwan folgert:

„Wir müssen auf allen Ebenen politisch und zivilgesellschaftlich handeln: vor Ort gegen soziale Isolierung und aggressive Vorurteilsbereitschaft, im Staat gegen die schamlose Durchsetzung von Partikularinteressen gerade derer, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld, in Europa gegen ein verachtendes Desinteresse an den ärmeren Staaten, in denen ebenfalls viele Reiche leben, und zugleich global, weil die gegenseitige Interdependenz einen ganzheitlichen Ansatz der Umkehr erfordert.“

Nicht zuletzt wir Freimaurer sollten angesichts historischer Erfahrungen aus der Zeit von Weimarer Republik und Nazi-Diktatur und nicht zuletzt vor dem Hintergrund massiver eigener völkischer Verirrungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren die Bedrohlichkeit und das mörderische Potenzial von Vorurteilen und aggressiven Ressentiments zur Kenntnis nehmen und uns damit auseinandersetzen.

Nein, meine Brüder, die Welt wird auf absehbare Zeit nicht bequemer. Ja, meine Brüder, Turbulenzen und Verwerfungen aller Art werden uns begleiten, national und international.

Auch für uns Freimaurer wird es weder angenehmer noch bequemer, sofern wir uns unseren Werten verpflichtet fühlen und uns nicht hinter die Mauern zurückziehen, die die Welt von unseren Tempeln trennen, zurückziehen in die Verantwortungslosigkeit und vielleicht gar noch unser Gewissen mit der Vorstellung beruhigen, dass das Politische doch tabu sei für uns.

Ein humanitärer Bund aber darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Und seine Repräsentanten sollten auch im Kontext der europäischen Freimaurerei ausloten, wo es Möglichkeiten gibt, dem Flüchtlingsproblem, das ja weit über den deutschen Rahmen hinausgeht und ein europäisches Problem ist, entgegenzuwirken. Handeln statt repräsentieren, darauf käme es auf der europäischen Freimaurer-Ebene an.

Humanismus hat keine nationalen, er hat europäische Wurzeln, und er begründet verpflichtende Traditionen. Es sollte keine rhetorische Leerformel sein, wenn es auf der Internet-Homepage der Großloge AFuAM von Deutschland heißt:

„Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland steht in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung“,

und wenn auch die Verfassung unserer Großloge ganz eindeutig darauf hinweist, welche ethischen Maßstäbe den Freimaurern innerhalb und außerhalb der Loge vorgegeben sind:

„In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten (die Freimaurer) ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und für Erziehung hierzu.“

Es geschehe also!

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Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Leiter

Kommentare geben nicht zwingend die Ansichten der Redaktion, der Großloge oder gar der Bruderschaft wieder. Sie spiegeln Meinungsbilder einzelner Brüder, zeigen den Facettenreichtum unseres Bundes und sollen zur Diskussion anregen, weshalb diese Beiträge auch kommentiert werden können.

Was ist Wahrheit? — Es ist verführerisch, sich auf die kleinste Formel zu verständigen: Wahrheit ist das, was ist.

Aber was ist „das“? Etwa jenes, das mit der Wirklichkeit übereinstimmt? Was ist Wirklichkeit? – Eine Frage der Wahrnehmung, und die kommt aus durchaus unterschiedlicher Sichtweisen. Wahrheit und Wahrnehmung sind also gewissermaßen polare Schwestern. Kann man das Wahre wahrnehmen, „beurteilen“?

Der Wortzusammenhang „Urteil“ wird gern den Juristen zugeordnet. Die sprechen, wenn sie Wahrheit beurteilen oder Unwahheit verurteilen, gern von „Sachverhalt“. „Recht ist Wahrheit, und Wahrheit ist Recht“. Das stimmt freilich nicht immer. „Fehlurteile“ sind, wie wir wissen, nicht auszuschließen. Andere nehmen Wahrheit in Anspruch, wenn es um Richtigkeit, Echtheit, Authentizität geht. Aristoteles hat Aspekte der Logik hineingebracht. „Alle Menschen sind sterblich.“ Das ist logisch und scheint deswegen wahr zu sein. Doch mit „Sterblichkeit“ kommen die nächsten Fragen. Und dann ist man schon fast bei der ganz großen Dimension. Bei „Wahrheit“ im Kontext zum Sinn des Lebens und bei der „göttlichen Wahrheit“. Und so ist die philosophische Strecke zur Wahrheit unendlich. Angekommen ist niemand. „Die Wahrheit ist nicht das Ende des Weges, sie ist der Weg selbst“ (André Comte-Sponville). Auf diesem Weg treffen wir uns als sinnsuchende Freimaurer. Unterwegs zur Wahrhaftigkeit. Zum Wahren, was haften bleibt.

Nochmal gefragt: Was ist Wahrheit?

Ein simples Beispiel für etwas, was wir alle für „wahr“ halten. Die Erde ist (ziemlich) rund, dreht sich um ihre eigene Achse und bewegt sich auf einer elliptischen Bahn um die Sonne. Das dauert 365 Tage. So etwas „weiß“ man, obwohl das niemand von uns wirklich „wissen“ kann, und erkennen schon gar nicht. Warum halten wir solche Wahrheiten für „wahr“? Früher gab es auch Menschen, die es für „wahr“ hielten, dass die Erde eine Scheibe ist.Auch wir Heutigen sind nicht frei von der landläufigen Behauptung, die schon die Altvorderen so angesprochen haben, wie sie es sahen. Nämlich: dass die Sonne im Osten „aufgeht“ und im Westen „untergeht“. In Wahrheit tut sie beides nicht. Die Sonne ist ein Fixstern.

Man sieht, wie eng auch hier „Wahrheit“ mit „Wahrnehmung“ zu tun hat. Und wie sehr Symbolik hineinspielt. Natürlich ist der „Sonnenlauf“ kein wirklicher „Lauf“. Wir Freimaurer interpretieren jedoch unsere ganze Licht-Symbolik hinein. Und unsere Sinnsuche konkurriert sogar gegen naturwissenschaftlich fixierte „Wahrheiten“, weil wir versuchen „hinter“ Dinge zu sehen, die vielleicht nur vordergründig „sind wie sie sind“. Als Symbolbund und Wertegemeinschaft sind wir „offen“ für solche Deutungsversuche zur „Wahrheit“. Alle Ideologien und alle Religionen kommen hingegen mit fixierten, wenn nicht sogar dogmatisierten „Wahrheiten“ daher und erwarten gläubige Gefolgschaft. Was „wahr“ ist, steht in Gesetzestexten, Heiligen Büchern, Statuten und Regelwerken. Es gibt nur wenige Gruppierungen, die sich derart „frei“ davon machen können, wie wir Freimaurer. Unser Grundverständnis ist aufs Selberdenken angelegt. Das ist jedoch kein „Muss“ und die Grenzen sind liberal offen. Jeder kann, wenn er mag, natürlich auch denen trauen, die man für kompetent hält, im Besitze von Wahrheiten zu sein. Das war früher meist die Kirche. Heute halten wir es gern mit der Wissenschaft. Sind wir „wissenschaftsgläubig“?

Nun, derartige „Gläubigkeit“ kann sich je nach Wissensstand ändern. Was wir gestern für „wahr“ hielten, für wissenschaftlich bewiesen, das kann heute überholt sein. Wir lernen daraus: „Wahrheit“ ist nie endgültig. So gibt es z.B. sehr deutliche wissenschaftliche Glaubwürdigkeits-Schritte von Ptolemäus zu Kopernikus, von Kopernikus zu Newton, von Newton zu Einstein und von Einstein zu Hawking. Einstein sagt, alles ist relativ. Auch die Wahrheit. Ich zitiere den Franzosen Jules Lequier:

„Wenn wir felsenfest glauben, die Wahrheit zu besitzen, müssen wir wissen, dass wir glauben. Und nicht glauben, dass wir wissen.“

Nicht ketzerisch, nur symbolspielerisch mit einem Bibelzitat angemerkt: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Buchstabengetreu muss das eigentlich „wahr“ sein. Wie ist es denn aber nun, wenn man mit Darwin und dessen Abstammungslehre fragt, wie viel Tier im Menschen steckt, und wie viel davon der Evolution geschuldet ist? Man sieht an diesem Beispiel nicht nur, dass „Wahrheit“ tatsächlich relativ ist, man kann auch gut daran festmachen, dass wir zur Deutbarkeit von Allegorien, Metaphern und Symbolen durchstoßen könnten, mit denen beispielsweise die Bibel manche Geschichten chiffriert. Vieles davon ist „übersetzbar“. Auch Naturwissenschaft, ja, sogar Mathematik.

Die hat sogar Wahrheiten, die sind, wie sie sind. Freilich nichts anderes als mathematische „Richtigkeiten“. Drei mal drei ist neun.

Was nicht stimmt, das kann übrigens auch stimmig gemacht werden. Ich zitiere mal einen Heiligen. Ignatius von Loyola, der im 16. Jahrhundert gesagt hat: „Wenn etwas in unseren Augen weiß erscheint, aber die Autorität der Kirche es als schwarz definiert, so müssen wir ohne jeden Zweifel bejahen, dass es schwarz und sicher schwarz ist.“ Es gab auch mal eine Zeit, ist noch gar nicht lange her, da hieß es „die Partei hat immer Recht.“ Man sieht: Das ist eine schwierige Sache mit der objektiven „Wahrheit“.

Manches, was als „wahr“ bezeichnet wird, gehört schlicht in den Bereich des Glaubens oder des Gehorchens. Oder eines Dogmas, welches mündigen Widerspruch erdrückt. Im Zeitalter der Aufklärung, deren geistesgeschichtliches Kind die Freimaurerei ist, gehörte es zu den Leitgedanken, durch die Vernunft eine Wahrheit zu suchen, die dann auch die Tugenden des Handelns beeinflusst, wie etwa Gerechtigkeit und Brüderlichkeit.

Wenn ich sage, Wahrheit ist das, was ist, dann habe ich versucht, einschränkend zu sagen: Wir haben immer nur eine subjektive Sicht der Dinge. Wir wissen nicht, wie die Dinge an sich sind. Wir wissen nur, wie sie für uns sind, wie wir sie verstehen. Oder, wie andere sie für uns so glaubhaft interpretieren, dass wir sie uns zu eigen machen. Weil das so eine unsichere Sache mit der „Wahrheit“ ist, gefällt mir Lessing gut mit seinem Plädoyer für den Zweifel. Zweifler bleiben Suchende. Besitz macht träge . Das trifft oft auch auf den zu, der sich im Besitz der Wahrheit wähnt.

Lessing: „“Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir „Wähle!“ – Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: „Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für Dich allein!“ Und dann sagt Lessing: „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.“

Damit sind wir bei der Wahrhaftigkeit, die das Streben nach Wahrheit meint und das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit anspricht, wie er sie für sich selbst glaubt, erkannt zu haben. Ich habe gesagt, wir haben immer eine subjektive Sicht der Dinge. Die Dinge sind für uns, wie wir sie verstehen. Freimaurerei fördert die subjektive Sichtweise. Sie öffnet alle Freiheiten. Es gibt keine blinden Gefolgschaften, keinen geschuldeten Gehorsam. Persönlichkeitsbildung braucht diese Freiheiten zum Selber-Denken. So ist Wahrhaftigkeit das subjektive „Für-Wahr-Halten“. Das ist auch die Beziehung des Menschen zu sich selbst. Man könnte auch sagen, das ist eine Charakterhaltung.

In seinen „Gesprächen für Freimaurer“ sagt Lessing, es gehe um die Ehrlichkeit und Einsichtigkeit„… nicht zu glauben, dass alles gut und wahr ist, was man für gut und wahr hält.“ Sich also gewissermaßen selbst überprüfen und offen und tolerant bleiben gegenüber anderen Wahrheiten, die ebenso richtig oder falsch sein können wie das, was ich selbst für mich erkannt habe. Das ist schönster freimaurerischer Sinn. Weil der Wahrheitsbegriff nicht zweifelsfrei definiert werden kann ( sagt August Wolfstieg) und weil man auch andere Sichtweisen von „Wahrheit“ respektieren muss, sucht der Freimaurer Wahrheit, und zwar ohne davon auszugehen, dass er sie jemals findet. Ich habe vom Weg gesprochen, auf dem wir uns sinnsuchend begegnen. Wir sind und bleiben Wahrheitssucher.

Jeder für sich hat eine Begrifflichkeit davon, die ihn „ausmacht“, die seinem Charakter Kontur gibt. Die aber auch tolerant begreift, dass andere das anders sehen. Das muss uns umtreiben.Wenn wir uns das ehrlich eingestehen und danach handeln, dann sind wir „wahrhaftig“. Albert Schweitzer sagt, das habe mit Treue vor sich selbst zu tun. Zitat: „Tatsächlich aber ist es die Ehrfurcht, die wir unserem eigenen Dasein entgegenzubringen haben, die uns anhält, uns immer selbst treu zu bleiben.“ Synonymbegriffe für „wahraftig“ sind aufrichtig, geradlinig, glaubwürdig, verlässlich. Charakteristik eines Freimaurers. So sollte er sein. Daran sollte er arbeiten, danach muss er streben.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer zählt Charaktereigenschaften auf, die ein ganzes Leben unvermindert durchgehalten werden können und auch im hohen Alter ohne Abstriche funktionieren, wenn wir sie uns einmal erarbeitet haben: „Güte des Herzens, Sanftmut, Geduld, Redlichkeit, Uneigennützigkeit, Menschenfreundlichkeit …“ und: „Wahrhaftigkeit“.

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