Licht als Metapher der Aufklärung

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Foto: Tanja Richter / Pixabay

Der Br. Hans-Hermann Höhmann machte sich im Rahmen einer Zeichnung zur Verpflichtung des neuen Beamtenrates Gedanken zum Licht, das als Metapher eine bedeutende Rolle in der Freimaurerei spielt.

Die Humanistische Freimaurerei, zu der sich die Loge „Ver Sacrum“ seit ihrer Gründung vor 70 Jahren bekennt und in deren Sinne sich unsere Brüder Beamten heute neu oder wieder verpflichten, beruht auf vier, allesamt aus der Geschichte unseres Bundes ableitbaren Säulen:

  • Freundschaft und Geselligkeit
  • Ethische Orientierung und ethische Diskurse
  • Arbeit mit Symbolen und Ritualen
  • Einübung in Lebenskunst und moralische Bewährung im Alltag

Das Ritual konstituiert dabei den spirituellen Erfahrungsraum der Loge. Es schafft im symbolischen Raum unserer Tempel-Werkstatt auf nachhaltige Weise eine symbolische Zeit, die einerseits Ruhe, Gelassenheit und Nachdenklichkeit ermöglicht, andererseits zugleich unsere Persönlichkeit und die Kultur unseres Miteinanders im Sinne unserer Werte fördert, wozu vor allem die Arbeit mit Symbolen und Metaphern dient.

Zu den bewusst gewählten Metaphern der Humanistischen Freimaurerei gehören vor allem vier Gruppen von Sprachbildern oder auch Metaphernfeldern, die einerseits mit den Konzepten der Humanistischen Freimaurerei korrespondieren und andererseits in vielen entsprechenden Einzelsymbolen und symbolischen Handlungen Ausdruck finden.

Es sind dies die Metaphernfelder „Licht“, „Wandern“, „Bauen“ und „brüderliche Liebe“, die zu immer neuen Sinnstiftungen und Konzepten für die freimaurerische Praxis führen. Dabei ist freilich stets festzuhalten, dass das Ritual keine bloße Aneinanderreihung von Metaphern ist, dass die freimaurerischen Metaphern vielmehr auf sinnvolle Weise in die performative Gesamtstruktur des Rituals einzubinden sind.

Das Ritual ist ein Gesamtkunstwerk und wir vergessen zuweilen, dass seine Wirkung vom harmonischen Zusammenklang aller seiner Elemente abhängt, von der Art und Weise vor allem, wie Sprechen, Schweigen, Bewegungen und Musik miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt sind.

Mir geht es heute – dem Anlass entsprechend – um das Metaphernfeld „Licht“ mit den vielen, uns allen vertrauten Einzelmetaphern, die um Licht, Aufklärung und Erleuchtung kreisen, teils mehr rational konnotiert (im Sinne von „Aufklärung“), teils mehr spirituell verstanden (im Sinne von „Zuversicht“ und „innerer Erleuchtung“).

Es fällt nicht schwer, Metaphern des Lichts in unserem Lehrlingsritual aufzufinden:

  • Wir wollen unser Herz gegen das Licht richten.
  • Lasst uns diese Werkstätte völlig erleuchten, auf dass wir im klarsten Licht unsere Arbeit beginnen.
  • Licht zu erlangen, sei stets Ihr tiefstes Bestreben.
  • Hüten Sie sich vor allen Lehren, welche das Licht des menschlichen Denkens nicht ertragen.
  • Meine Brüder, helft mir, unserem neu aufgenommenen Bruder das Licht zu geben.

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung.

In allen kulturellen Systemen hat die Lichtsymbolik ihren festen Platz. Sie kennzeichnet, oft konkretisiert in den Bildern der sinnlich erfahrbaren Lichtträger – Sonne, Mond, Sterne, Blitz und Feuer – Mythen und Kulte und gelangt als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt auch in das freimaurerische Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, für ein gleichsam „inneres Leuchten“, sondern auch für gesellschaftsrelevante Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis, dafür, dass der Maurer – so fordert es das Ritual – sich vor Lehren hüten soll, die das Licht der Vernunft nicht aushalten, und das Ritual erläutert weiter: „Was das Licht für die Augen, das ist die Wahrheit für den Geist des Menschen. Unwissenheit und Vorurteil verhalten sich zur Wahrheit, wie Finsternis und Dunkel zum hellen Tag.“

Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichtgebung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

Die Beziehungen zur freimaurerischen Praxis sind leicht erkennbar: Redlichkeit und Wahrhaftigkeit werden angemahnt, der Verzicht darauf, als Wahrheit auszugeben, was eigenes Vorurteil ist. Die Loge will – auch dies ist Grundlage des Rituals – „eine sichere Stätte sein für alle, die Wahrheit suchen“. Wohlgemerkt, für die, die Wahrheit suchen, nicht für die, die meinen, universelle Heilsrezepte zu besitzen und ewige Wahrheiten zu verwalten. Hier ist an ein Wort und eine Warnung Lessings zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass – so Lessing wörtlich – „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Und wenn ich von „Licht“ spreche, dann bin ich bei einem wesentlichen Element der Frei­maurerei, dann bin ich bei Aufklärung. Aufklärung heißt Licht ins Dunkel bringen, das bringt ihre Benennung im Englischen – Enlightenment – und im Französischen – Lumières – viel­leicht noch deutlicher zum Ausdruck als ihre deutsche Bezeichnung.

Viele Aufklärer gehörten dem Freimaurerbund an, in England, in Frankreich, nicht zuletzt aber auch in Deutschland, wo vor allem an Gotthold Ephraim Lessing und das Weimarer Dreigestirn Wieland, Herder und Goethe zu denken ist.

Aufklärung gehört aber nicht nur zur freimaurerischen Tradition, Aufklärung ist auch ein wichtiger Bestandteil und Zielpunkt der Freimaurer in der Gegenwart.

Stellen wir also die alte Frage „Was ist Aufklärung“ und fragen wir dann weiter, was Aufklä­rung heute bedeutet.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass der Begriff der Aufklärung untrennbar an die Meta­pher des Lichts gebunden ist (Konrad Paul Liessmann): Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Verborgene, Falsche, Verdüsterte, aber auch jeder falsche Schein, jedes Blendwerk, jede Täu­schung, jede Illusion ihrer Unwahrheit überführt wird. Aufklärung tut not, wo die Gedanken und Sinne der Menschen vernebelt sind, wo an angeblich unumstößliche Wahrheiten geglaubt werden muss und wo vermeintliche Gewissheiten aufgezwungen werden. Aufklärung setzt demgegenüber darauf, dass Wahrheitsansprüche, Weltdeutungen, moralische Einstellungen und politische Überzeugungen kritisch überprüft und aus Vernunftgründen einsichtig, zumindest plausibel gemacht werden müssen.

Allerdings: Unumstritten war Aufklärung nie. Dass die Vernunft zu weit gehen, sich über­schätzen, selbst dogmatisch werden kann – dieser Verdacht begleitete die Aufklärung von ihrem Anbeginn an.

Als der Berliner Pfarrer und Freimaurer Johann Friedrich Zöllner im Jah­re 1783 in der Berlinischen Monatsschrift die berühmt gewordene Frage „Was ist Aufklä­rung“ stellte – auf die dann – neben anderen – Immanuel Kant seine berühmten Antworten gab –, da stellte er seiner Frage ein kleines Gedicht voran, das aus seiner Skepsis keinen Hehl machte. Das Ge­dicht trägt den bezeichnenden Titel „Der Affe – ein Fabelchen“ – und liest sich folgender Maßen:

Ein Affe steckt‘ einst einen Hain von Zedern nachts in Brand, und freute sich dann ungemein, als er’s so helle fand. „Kommt Brüder, seht, was ich vermag; Ich, – ich verwandle Nacht in Tag!“ Die Brüder kamen groß und klein, bewunderten den Glanz und alle fingen an zu schrein: „Hoch lebe Bruder Hans! Hans Affe ist des Nachruhms werth, Er hat die Gegend aufgeklärt.“

Johann Friedrich Zöllner

Zöllner gibt mit seinem kleinen Gedicht zu bedenken, dass man die Welt – scheinbar – auch dadurch er­leuchten kann, dass man sie in Brand steckt, und so lässt sich diese Fabel durchaus als erste Vari­ante jener „Dialektik der Aufklärung“ verstehen, die Theodor Adorno und Max Horkheimer im 20. Jahrhundert konstatierten: Eine rabiate, instrumentell verkürzte und losgelassene Ver­nunft kann in ihr Gegenteil umschlagen. Die Vernunft erkrankt, wenn sie zu einer „instrumentellen“ Vernunft wird und zu einem von einer wertfreien oder gar wertfeindlichen Zweck-Mittel-Logik gesteuerten Herrschaftsinstrument verkommt.

Wir werden darüber gleich noch weiter nachdenken, doch noch sind wir nicht soweit. Denn in derselben zuvor zitierten Nummer der Berlinischen Monatsschrift des Jahrgangs 1783 versuchte sich kein geringerer als Immanuel Kant an der Beantwortung der von Zöllner gestellten Frage nach Wesen und Struktur der Aufklä­rung.

Die Bestimmung, die Kant in seiner Zuschrift der Aufklärung gegeben hat, erscheint bis heute so gültig, so griffig, so klar, und auch so freimaurerisch, dass sie unverzichtbar ist für jede weitere Überlegung. Hören wir deshalb hin und folgen wir wieder einmal dem Gedankengang des Königsberger Philosophen:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! (Wage es, weise zu sein!) – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben – und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Es ist für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Daß aber ein Publikum – sprich: eine Gruppe von Menschen – sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unvermeidlich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende … finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit … abgeworfen haben, den … Beruf jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden.“

Ein solches „Publikum, das sich selbst aufklärt“, wollen die Freimaurer nun auch heutzutage sein, ein Publikum, das genau hinschaut auf Fakten und Probleme, ein Publikum, das in einen Diskurs tritt mit anderen Menschen, um den Prozess der Aufklärung weiter zu bringen und hineinzutragen in unsere so unübersichtlich gewordene und zerrissene Gegenwart. „Erkenne dich selbst“, so heißt es im Aufnahmeritual der Großloge AFuAM, doch Selbsterkenntnis und Selbstaufklärung sind für den Freimaurer untrennbar miteinander verbunden.

Angesichts der medialen Informationsüberflutung unserer Tage war es ja einerseits noch nie so leicht, sich mit Wissen zu versorgen, andererseits jedoch noch nie so schwer, sich in der scheinbaren Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden (Ha­rald Welzer). Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annähe­rung an Fakten und die Gewinnung von Urteilsvermögen. Eine der wirklich dramati­schen Gegenwartsfragen lautet doch zweifellos: Was, generell betrachtet, sind Fakten in der heutigen Medien­gesellschaft? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist die Wirklichkeit für unser urteilendes Be­wusstsein längst hinter einer bloßen Informationsfassade unerreichbar geworden oder sogar zusammengebrochen, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor mehr als einem Jahrzehnt behauptet hat?

Jedenfalls muss der in unseren Tagen zu beobachtenden Tendenz, die Realitäten der Gesell­schaft nicht auf der Grundlage einer soliden Ermittlung und Prüfung von Fakten zu verstehen und statt sorgfältig erarbeiteter Wahrheiten jeweils schnell selbstfabriziert-opportune „alter­native Fakten“ (sprich Vorurteile oder gar Lügen) zur Hand zu haben, entschieden entgegengewirkt werden. Wenn wir handeln wollen in der Gesellschaft, wenn es unsere Absicht ist, Probleme zu lösen, soziale Probleme, ökologische Probleme, Probleme von Migration und Integration, dann brauchen wir ebenso dringend wie eine feste Wert-orientierung genaue empirische Analysen von Ausmaß und Ursachen all unserer Gegenwartsprobleme sowie eine gründliche Erörterung der institutionellen Chancen und der politischen Mittel, ihnen abzuhelfen (Herbert Schnädelbach).

Freilich ist auch dieses ist zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag: Der Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht nur der, welcher informiert, sondern auch der, welcher informiert wird (Nathalie Sarraute). Das heißt, kritikloses Für-wahr-Halten ist in sozialer Hinsicht ebenso schädlich wie die Manipulation der Wahrheit, und das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahr­heit ist der Zweifel“ bleibt Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für den Freimaurer der Gegenwart.

Gehen wir also an die Arbeit meine Brüder im Lichte der Aufklärung aber auch mit jener Bescheidenheit innerer Erleuchtung, die verhindert, dass aus Aufklärung ein Fetisch wird, ein Schlagwort oder eine Ideologie. Bescheiden zu sein, gründlich im Nachdenken und redlich in der Vermittlung unserer Auffassungen, ist nicht nur ratsam für jeden Einzelnen von uns, es könnte sich auch als die entscheidende Qualität der Freimaurerei erweisen, wenn es darum geht, einen Beitrag zur gesellschaftlichen Orientierung zu leisten in einer unübersichtlich gewordenen Welt.