Von der Baukunst zur Lebenskunst

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100 Jahre „Bauhaus“ – ­Anmerkungen zu einer symbolischen Verwandtschaft zur „Bauhütte“.

Den Begriff „Bauhütte“ hat Goethe erstmals in einer Schrift von 1816 benutzt („Kunst und Altertum am Rhein und Main“). Zuvor sagte man einfach nur „Hütte“, englisch „Lodge“, altfranzösisch „Loge“.  Eine solche „Hütte“ war zunächst nicht mehr als ein zentrales Areal auf einer gotischen Dom-Baustelle mit einer einfachen Überdachung auf drei Hüttenpfeilern. Weil es beim Behauen der Steine staubte, war sie meist seitlich offen. Weil es dabei auch splitterte, trugen die Werkleute bei ihrer Arbeit am rauen Stein Schurze.  Der Begriff „Hütte“ hatte spätestens dann Berechtigung, als man dieses zentrale Areal auch als Versammlungs- und Beratungsstätte nutzte. Dort vertiefte man sich in die Baurisse, d. h. die Zeichnungen wurden aufgelegt, Pläne erörtert, man versuchte weitgehende Mitbestimmung.

Gropius machte aus der Bauhütte das Bauhaus

1919 hat Walter Gropius (1883–1969) die Bezeichnung „Bauhütte“ in den zeitgemäßeren Begriff „Bauhaus“ übersetzt und gesagt, wie er diese zentrale Versammlungsstätte sah, nämlich so wie einst: Als Stätte für ein „bewusstes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander“.  Das geschah bei den alten Bauhütten im besonderen Maße bei den vergleichsweise souveränen Steinmetzbruderschaften, die eine eigene Ordnung und eine eigene Rechtsprechung hatten und sich untereinander mit Zeichen, Wort und Griff auswiesen.

Die Freimaurer-Symbolik lehnt sich daran an. Aber auch die Bauhäusler verwendeten gewisse Rituale in Anlehnung an die alten Bruderschaften. „Bei Veranstaltungen wurden mittelalterliche Bauhüttenzeremonien nachgeahmt“, schreibt Frauke Mankartz („Das Bauhaus und der Gedanke der Dombauhütte“, 1999).

Die Bauhäusler haben bei allem Sinn für verbindende Architektur und gradlinige Formgebung immer auch Rückgriffe auf symbolische Entsprechungen praktiziert und zitiert. Auch das übernahmen sie — wie die Freimaurer — von den Bauhütten.
Von Walter Gropius stammt die Überlegung, man müsse „die geistig gleichgesinnten Werkleute wieder um sich sammeln. Zu enger, persönlicher Fühlung — so, wie der Meister der gotischen Dome in den Bauhütten des Mittelalters …“

Eine solche Idee bilde den „geistigen Nährboden“ des Bauhauses, behauptet Annemarie Jaeggi in einem redaktionellen Beitrag mit dem Titel: „Ein geheimnisvolles Mysterium: Bauhütten-Romantik und Freimaurerei am frühen Bauhaus“, 2005). Ja, eine „Idee“ sagt Bauhaus-Meister Mies van der Rohe, „nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten“.

Die Gedankenbrücke zwischen Bauhütte, Bauhaus und Freimaurerei reizt zum näheren Hinsehen. Interessanterweise tun das viele Nichtfreimaurer, wie beispielsweise Andreas Jahn, der in einem Essay mit dem schönen Titel „Konstruktion des Geheimnisses“ (für die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte) 2011 schreibt: „Die Kunst der mittelalterlichen Bauhütte erbten die Freimaurer und Form-Meister des Bauhauses auf ihre jeweils eigene Art.“

Dem Bauwerk und dem Leben Form und Inhalt geben

Gropius nahm diesen Bezug als symbolisches Idealbild des Miteinanders und Für­einanders, so, wie es sich auch die Freimaurer vorgestellt hatten. Daraus leitet sich ab, was Bauhäusler und Freimaurer gleichermaßen adaptiert haben: Die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum.

Im Sinne dieser Idee setzen beide – Bauhäusler und Freimaurer – symbolisches Material ein, was Andreas Jahn in seinem Essay sehr sinnfällig „Bausteine einer Denkbarkeit“ genannt hat. Ein treffendes Bild, denn wir tun ja doch eigentlich nichts anderes, als symbolische Bausteine (und Werkzeuge) einzusetzen, um darüber nachzudenken. Walter Gropius sagt: „Jedes Gebilde wird zum Gleichnis eines Gedankens.“ Das symbolträchtige „Gebilde“ der alten „Bauhütte“ hat man am Bauhaus ebenso als „Gleichnis eines Gedankens“ verstanden, wie wir das in der Freimaurerei tun.

„Fast alle Zeichen scheinen einen dreifachen Sinn besessen zu haben“, schreibt Ludwig Keller („Zur Geschichte der Bauhütten und der Hüttengeheimnisse“, 1898). „… sie dienten einmal zur rituellen Symbolik, ferner zum Ausdruck sittlich-religiöser Vorstellungen und endlich zur Versinnbildlichung fachlicher Begriffe und Regeln.“ „Dieser mehrfache Sinn erschwert natürlich (bewusst!) für Uneingeweihte das Verständnis der Hüttensprache.“

Diese „Hüttensprache“ haben einige Bauhütten in Verse gefasst. Gereimte Texte waren leichter zu behalten, zumal nur wenige der Werkleute lesen und schreiben konnten. Als Beispiel mag ein altes „Stain-Mez-Büchlein“ aus dem 16. Jahrhundert gelten. Ein Gedicht (Auszug) im „dreifachen Sinn“ daraus (sprachlich auf unser Verständnis abgestimmt):

„Was in Stein-Kunst zu sehen ist:
dass kein Irr- noch Abweg ist.
Sonder Schnur recht, ein Lineal
durchzogen den Zirkel überall.
So findest du Drei in viere stehn
und also durch eins ins Zentrum gehen …“

Ein Nichteingeweihter kann damit nichts anfangen. „Eingeweihte“, wie symbolgeübte Freimaurer, sind immer noch in der Lage, einiges davon zu übersetzen: „Kunst“ und „Ohne Irr- und Abwege“ — das ist zunächst Ausdruck der Tradition und des Selbstbewusstseins der Steinmetze. Mit Schnur und Lineal ist die Bleiwaage oder Winkelwaage gemeint, mit einer Lot-Schnur (an der das Senkblei hängt). Mit beiden kann man einen rechten Winkel darstellen.
Das Fundament (das Niveau) war sichergestellt, wenn sich das Lot in der Mittelkerbe eingependelt hatte. Symbolisch kennzeichnet das die gleiche Ebene aller, auf der wir uns gleichberechtigt begegnen.
Des „Zirkels Kunst und Gerechtigkeit“ galt seit alten Zeiten als Werkzeug, mit dem man rationale wie irrationale Kreise ziehen und übertragen konnte („Gedankenkreise“).
„Drei“ schrieb man damals deswegen in Versalien, um die „heilige Zahl“ hervorzuheben. Vier steht für ein konstruiertes Quadrat, in dem ein gleichseitiges Dreieck steht. Das „Zentrum“ ist hier der gemeinsame Mittelpunkt (der Konstruktionszeichnung und des Denkens). Das alte Gedicht aus dem Steinmetz-Büchlein geht natürlich noch sehr viel weiter als der oben zitierte Ausschnitt. Die gereimte Symbolik führt letztlich zu einer Konstruktionszeichnung.
Über solche Verschlüsselungen konnten die Bauhäusler auch spotten. Oskar Schlemmer:

„Fort mit allem Eigendünkel,
Glück ist nur im rechten Winkel.
In diesem Zeichen wirst du siegen,
sterben oder Kinder kriegen.“

In den Werkstätten der Bauhaus-Meister

Symbolische Entsprechungen aus den alten Bauhütten finden sich in vielfältiger Form am Bauhaus. Marcel Breuer, der berühmte Designer, schuf zum Beispiel 1921 einen ganz besonderen Chair für seinen Chairman.
Christoph Wagner von der Uni Saarland, schreibt („Das Bauhaus und die Esoterik“, 2005), Marcel Breuer habe ein Stuhl-Unikat designed als eine Art „Thron für den Bauhaus-Direktor Walter Gropius in seiner Rolle als Meister der Bauloge“.

Nun gab es den „Meister vom Stuhl“ am Bauhaus nicht, obwohl man beim Stuhl-Designer Breuer und beim Seitenblick auf die Freimaurerei vielleicht darauf hätte kommen können. Und auch die Definition der „Bauloge“ gab es nicht, wohl aber das, was sie meinte: Eine enge, „verschworene“ Gemeinschaft, die ihre Mitglieder nur nach bestimmten Kriterien aufnahm. Der Nicht-Freimaurer Gropius war ihr „Meister“.
Im Bauhaus hießen alle Lehrkräfte „Meister“, und die Klassen hießen bei Gropius „Werkstätten“. Wer sich im Bauhaus einschrieb, war zunächst „Lehrling“. Gropius: „Die Werklehre des Bauhauses soll den Lehrling zur … Arbeit vorbereiten … Erst der Geselle ist durch Werk- und Formenlehre geistig und werklich reif geworden zur Mitarbeit am Bau.“

Lehrling — Geselle — Meister. Klassischer Auf­bau des Lernens und Könnens, wie das schon in der alten Bauhütte praktiziert wurde. Werklehre gehört dazu und auch die „geistige“ Reife. Freimaurerei und Bauhaus hatten in ihrer spekulativen Anlehnung an die operative „Hütte“ ganz ähnliche Wege im Sinn: „Erkenntnisstufen“. Stufenweise Vertiefung. Aber auch immer wieder die gemeinsame Lehrlingsarbeit im ersten Grad. Gropius sprach von „Künstlern und Handwerkern aller Grade“, die sich „zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben“.

Ja, es gab auch „esoterische Denkfiguren und Bildvorstellungen“, die „in geheimnisvollen symbolischen Kodierungen weitreichende Fragen zur esoterisch-geistigen Kultur“ am Bauhaus aufwerfen (Christoph Wagner, 2005). „Esoterik“, aus der griechischen Wortwurzel „innerlich“, „dem inneren Bereich zugehörig“, ist etwas, was sich dem Außenstehenden nicht erschließt. „Symbolische Kodierungen“ nennt Wagner das. Also Sehbilder, die für Eingeweihte zu Denkbildern werden, wie unsere freimaurerischen Symbole auch. Solche Bilderwelten waren am Bauhaus und in der Freimaurerei Chiffren aus der Welt des Bauens, die sich dazu anboten, aus „Bauen“ auch „Leben“ zu denken.

Die Ideale gleichen einander

Der Bauhäusler Hannes Mayer deutet 1927 „Leben“ als „Drang zur Harmonie“, und er sagt: „Arbeiten heißt: Suchen nach der harmonischen Daseinsform.“ Unser Verständnis von „Tempelarbeit“ ist da wohl sehr ähnlich.
Das ist im Kern dasselbe Ideal, an welches die Bauhaus-Denker dachten. Der „neue Baugeist“, sagt Gropius, „bedeutet Ausgleich der Gegensätze.“ Wie gleicht man Gegensätze aus? Indem man sie toleriert.
Auch das Musivische Pflaster im Westen ist die „gleiche Ebene“. Selbstfindung und Sinnsuche beginnen dort, wo das symbolische Fundament für den Bau gedacht werden darf, der himmelwärts strebt wie eine Kathedrale, wie ein Dom, wie ein imaginärer Tempel.

Am Bauhaus wurde „die Kathedrale des Mittelalters … zum Leitbild, die Bauhütte zum Ideal“, schreibt Hanno Rautenberg unter der Überschrift „Die ganze Welt ein Bauhaus“ in der Wochenzeitung die „Die Zeit“ (2009).
„Weltoffene Gemeinschaftsarbeit am großen Bau einer humaneren Gesellschaft“ hat Michael Siebenbrodt die Bauhaus-Idee 1925 genannt. Diesen Gedanken hatte auch Gropius als „Großen Bau“ bezeichnet und gefordert: Wir müssen ihn gemeinsam „wollen, erdenken, erschaffen“.

„Warum nennen wir uns Freimaurer?“, heißt es im AFAM-Ritual. Antwort: „Weil wir als freie Männer am großen Bau arbeiten.“ „An welchem Bau, mein Bruder?“ — „Wir bauen den Tempel der Humanität.“
Die Arbeit am „Großen Bau“ war und ist die Idee des Großen Ganzen. Der ideelle Tempel, die idealistisch gedachte Kathedrale. Daran wollte man am Bauhaus als „verschworene Geistes- und Werkgemeinschaft“ (Peter Hahne, 1993) arbeiten, nach Gropius „ohne klassentrennende Anmaßung“.

Das Machbare des Denkbaren tun

Wir Freimaurer nennen so etwas „Brüderlichkeit“ und sagen: „Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus.“ Wir begreifen uns als Idealisten, die das Phantastische denken. Die freilich aber auch nicht müde werden (sollten), das Machbare des Denkbaren zu tun. Ideal und Alltag. Es ist der gleiche Zwiespalt zwischen Ideal und Alltag, der auch Walter Gropius und die Seinen umtrieb. Einige haben die Alltagserfahrung schmerzlich empfunden. Oskar Schlemmer beispielsweise mit der Reminiszenz an die Dombauhütten: „Der Gedanke an den Dom ist vorläufig in den Hintergrund getreten. Heute ist es so, dass wir bestenfalls ein Haus denken dürfen.“ Auch die große Idee des freimaurerischen Tempelbaus ist manchmal nur ein bescheidenes Haus, aber immerhin hat unser symbolischer Baugedanke auch mal in einer „Hütte“ angefangen. Um daraus einen Tempel zu denken, braucht man Ideale, Utopien, Träume. Auch das sind Stichworte zur Verwandtschaft von Bauhaus und Freimaurerei. In einem Instruktionstext unserer Großloge heißt es u. a.: „Solange es Kunde von Menschen gibt, haben sie versucht, in Bildern festzuhalten, was ihnen bedeutsam erschien. Dabei handelt es sich nicht nur um Aufzeichnungen äußeren Geschehens, sondern auch um solche inneren Erlebens. Ihre Aufgabe ist es nicht, den Intellekt zu fördern“, sondern die Seele anzusprechen. Das sahen die Bauhaus-Künstler ganz ähnlich.

Bauhaus-Symbolik und freimaurerische Symbolik kommen aus der Welt des Bauens. Die ist ohne die Welt der Kunst nicht zu denken. Es war immer der Künstler, der den Menschen lehrt, die Welt zu sehen. Der kreative Akt der Gestaltung, der Formgebung, ist sinnbildlich auf das Leben zu übertragen. Man gibt seinem Leben Form und Inhalt. So, wie der Künstler seinem Kunstwerk Form und Inhalt gibt.  Die geistige und symbolische Nähe zu den Freimaurern war den Bauhäuslern durchaus bewusst, aber sie waren ein Werkbund eigener Prägung. Sie lehrten und lebten einen eigenen Stil. „Wir müssen uns immer vor Augen halten“, sagt Gropius, „dass das Bauhaus eine Bildungsstätte sein soll.“ Darunter verstand er Menschenbildung plus fachliche Ausbildung. Aus dieser Symbiose sollten beispielhafte Architekturen und menschengerechte Designs entstehen. Gradlinig und zeitlos, wie wir das heute immer noch, oder besser: wieder verstehen.

Das 100-jährige Jubiläum der Bauhaus-Idee 2019 mag uns an symbolische Verwandtschaften mit den Bauhütten erinnern, die am Schluss eines Gedichtes um das „Hüttengeheimnis vom gerechten Steinmetzgrund“ gemahnen:

„Hier habt ihr die ganze Kunst,
versteht ihr‘s nicht, so ist‘s umsonst.“

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Eine freimaurerische Vision

Foto: Alexas_Fotos auf Pixabay

Das Wort „Vision“ leitet sich von lateinisch „visio“ ab und bedeutet „Erscheinung“ bzw. „Anblick“. Als „Vision“ wird ein subjektives Erleben von etwas sinnlich nicht Wahrnehmbarem bezeichnet, das aber dem erlebenden Visionär als wirklich erscheint.

Von Alexander Trettin

Im Mittelalter wurden „Visionen“ noch religiös gedeutet – im Sinne einer Einwirkung durch eine jenseitige Macht. Im Zeitalter der Aufklärung, erhielt der Ausdruck „Vision“ auch die etwas negativeren Nebenbedeutungen „Einbildung“, „Trugbild“, „Wahnbild“, „Traumbild“, und „Fantasievorstellung“. Sobald „Visionen“ einen Zukunftsbezug beinhalten, spricht man von „Zukunftsvisionen“ im Sinne einer Wunschvorstellung. Diese kann eine für realisierbar gehaltene „Utopie“ aufweisen. Gemeint sind dann meist kühn wirkende „Entwürfe“, „Konzepte“ und „Ideale“. Visionen nehmen ihren Anfang in der „Fantasie“. Mittels unserer Fantasie erträumen wir uns gelegentlich eine bessere Zukunft. Deshalb stellt sich mir die Frage, wie heutzutage eine Vision von einer besseren Zukunft, unter freimaurerischen Gesichtspunkten aussehen könnte? Auf jeden Fall bräuchte es hierfür „Visionäre“. Ein „Visionär“ ist jemand, der mutige, bahnbrechende Ideen formuliert und verwirklicht. Sind wir Freimaurer heutzutage noch Visionäre? Gibt es genügend Visionäre in unserem Bund?

Natürlich gibt es Brüder, die bereits mit der Bearbeitung ihres „rauen Steins“ vollends ausgelastet sind und keine Zeit für Visionen haben. Sicherlich gibt es auch Brüder unter uns, die es mit dem Zitat von Helmut Schmidt halten und denken, dass diejenigen, die Visionen haben, lieber zum Arzt gehen sollten. Dann gibt es wahrscheinlich auch noch die Brüder, die insgeheim denken, dass sich jemand anderes um die Zukunftsgestaltung kümmern sollte. All diesen Brüdern sei gesagt, dass das visionäre Denken im freimaurerischen Sinne gelernt und eingeübt sein will. Das Denken an sich beinhaltet nämlich nur eine Illusion von Macht, mit der die meisten Menschen — ungeübt — nicht umgehen können. Zum Glück gibt es die Toleranz! Wir sollten in diesem Zusammenhang nur aufpassen, dass wir nicht irgendwann — so wie Br. Werner Güttler es ausgedrückt hat – „toler-ranzig“ werden.

C. G. Jung (1967, S. 347 f.) wiederum definierte die Vision als einen Vorgang, der wie ein Traum sei, sich aber im wachen Zustand abspiele. Die Vision tritt aus dem Unbewussten neben die bewusste Wahrnehmung und ist somit „nichts anderes als ein momentaner Einbruch eines unbewussten Inhaltes in die Kontinuität des Bewusstseins“. Visionen können aber auch im Traum empfangen werden. Ist das, was wir gerade erleben, Wirklichkeit oder nur ein Traum? Der berühmte taoistische Philosoph Zhuang Zi (1994, vgl. S. 52) träumte eines Nachts, er wäre ein Schmetterling, der mit sorgloser Leichtigkeit herumflog. Der Traum war so real für ihn, dass er, als er erwachte, sich fragte, ob er Zhunag Zi war, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling, oder ob er wirklich ein Schmetterling war, der träumte, er sei Zhuang Zi. Wenn ein Traum real scheint, wie kann man feststellen, was die Realität ist?

Auch in der Antike gab es Erklärungen dafür, warum wir träumen und was den Zustand des Träumens von dem des Wachseins abgrenzt. Dazu ein Beispiel: Schon in Homers „Odyssee“ (19. Gesang) kündigt sich Penelope das Kommende im Traum an. Sie träumt von zwanzig Gänsen in ihrem Haus, die sich an ihrem Weizen gütlich tun und dann von einem Adler getötet werden. Der Adler gibt sich ihr kurz darauf als Odysseus zu erkennen. Wenig später, in der Wirklichkeit, tötet Odysseus tatsächlich einige ungebetene Gäste in seinem eigenen Haus. Sind Träume nur unterbewusste Wunschvorstellungen? Oder vielmehr ein „überbewusstes“ Verlangen? Ein Verlangen, dessen Stärke vielleicht darin besteht, sich immer und immer mehr in das eigene Innere zu fressen? Oder ist es genau dieses Verlangen, dass die Vision unsterblich macht? Was aber ist „geträumt“ und was ist „wirklich“? Was ist es, das den Traum von der Wirklichkeit unterscheidet?

Das „Erkenne Dich selbst“ der Freimaurer bleibt zeitlos

Der Philosoph René Descartes (1976, 1979) entwickelte seine Philosophie aus dem „methodischen Zweifel“ heraus. Auch er fragt: Könnte nicht alles in der Welt und somit auch das eigene Bewusstsein bloß ein Traum sein? Es kann doch durchaus sein, dass wir vielleicht — jetzt in diesem Moment — träumen. Doch selbst wenn wir nur träumen, bleibt etwas übrig, dass wir nicht mehr bestreiten können, nämlich, dass wir träumen. Wenn wir denken können, dass wir träumen, dann denken wir — egal ob der Traum „wirklich“ oder „unwirklich“ ist. Das meint Descartes mit seinem Ausspruch „Ich denke, also bin ich!“ Die Frage ist bloß, wer oder was bin ich? Und wie kann ich mich diesbezüglich eigentlich selbst erkennen? Das „Erkenne dich selbst“ ist und bleibt unbestritten eine zeitlose Idee der Freimaurerei. Jeder Bruder hat also die Aufgabe, sich selbst zu erkennen und seine Persönlichkeit auszubilden. Der Selbsterkenntnis, die als eine wesentliche Voraussetzung für die Selbstwerdung des Einzelnen angesehen wird, folgt die Selbstkritik. Die Selbstbeherrschung ist darüber hinaus eine Voraussetzung zur Selbstveredelung, die wiederum in der Selbstüberwindung mündet. Dabei schadet es sicherlich nicht, Bestätigung durch andere zu erleben und an seiner eigenen Selbstverwirklichung zu arbeiten, solange man nicht im „narzisstischen Interesse“ verbleibt.

Freuds Psychoanalyse (1923) konfrontiert das Bewusstsein jedoch mit der peinlichen Einsicht, dass das „Ich“ nicht Herr in seinem eigenen Haus sei. Nur indem „Ich“ mich reflexiv betrachte, bilde ich ein eigenes „Selbst“ aus. Bei dieser Art der Reflexion wird demnach die Aufmerksamkeit auf das „Selbst“ gelenkt, wodurch die Person das „Subjekt der Wahrnehmung“ und „wahrgenommenes Objekt“ zugleich ist. Dieses „reflexive Selbstbewusstsein“ kann im Kern jedoch zugleich eine Entfremdung hervorrufen, „nämlich den Verlust der Spontanität, der Unbefangenheit und der Unschuld des kindlichen Lebens; es gleicht dem biblischen ‚Sturz aus dem Paradies‘“. (Fuchs, 2017, S. 20) Sind wir Freimaurer in der Lage unsere eigenen Gedanken und Handlungen in ausreichendem Maße zu reflektieren?

Seit jeher beschäftigt die „Vision“ also unser Denken. Sie fasziniert uns und erscheint doch zugleich als etwas zutiefst Fremdes, etwas Andersartiges und Unwirkliches. Ist es das Fremde, das uns vielleicht insgeheim Angst macht, eine Vision auszubilden? Das Fremde kann als Jenseitiges, als unbekanntes Draußen, oder als jenes verstanden werden, das in den psychischen Raum des Eigenen einbricht. Das Fremde kann aber auch definiert werden als „das Äußere in Abgrenzung vom Inneren. […] Fremd ist sodann, was nicht zum Selbst oder zur eigenen Gruppe gehört, im Gegensatz also zum Eigenen, Verwandten oder Heimischen. Fremd ist schließlich das Unbekannte, Unvertraute oder gar Unheimliche im Unterschied zu Bekannten, Vertrauten und Gewohnten.“ (ebd.) Das „Fremde“ hat aber noch eine zusätzliche Bedeutung: „Es wird dann nämlich zu einem notwendigen Gegenpol dessen, was wir die persönliche Identität nennen.“ (ebd.) Die Identität „stiftet der Person Kohärenz, Sinn und Richtung im Leben“ und bildet zudem eine Konstante des Selbstseins und Selbsterlebens über die Zeit hinweg. (Rauthmann, 2016, S. 28)

Das Fremde im eigenen Bruder

Spannend ist nun, welche Formen die emotionale Reaktion auf das visionhafte „Fremde“ annehmen kann. Im positiven Sinne kann das Fremde als Neugier, als Faszination oder als eine verlockende Gegenwelt wahrgenommen werden. Im negativen Sinn reicht sie „zunächst von der bloßen Überraschung und Irritation über Verunsicherung und Beunruhigung bis zu Furcht oder Angst, aber auch zu Verachtung, Feindseligkeit und schließlich Aggression. Dementsprechend kann das Fremde Reaktionen der Vermeidung, des Rückzugs und der Flucht ebenso auslösen wie den Versuch, es abzuwehren, zu bekämpfen oder gar zu vernichten.“ (Fuchs, 2017, S. 18)

Wie entstehen solche negativen emotionalen Reaktionen? Traumatische Erfahrungen, erlebte Zurückweisung sowie Verletzungen während der frühesten Kindheit können „die Beheimatung in der Welt, das Urvertrauen und die Entwicklung eines stabilen Selbstgefühls mehr oder minder gravierend beeinträchtigen. Lebenslange existenzielle Grundgefühle der Fremdheit, Unsicherheit und Ausgesetztheit in der Welt können die Folge sein.“ (ebd., S. 19) Hinzu kommt eine Reihe von „selbstreflexiven Emotionen“, wie z. B. Scham, Verlegenheit, Stolz oder Schuldgefühle, die auf dem „internalisierten Blick der anderen“ beruhen. Des Weiteren erfordert jede definierte soziale Identität, „dass wir unser Selbstbild mit dem Bild abgleichen, das uns von außen angeboten oder zugewiesen wird. Dieses aber gerät häufig in Konflikt mit dem primären, spontanen Selbstsein. Darin besteht das Grunddilemma der menschlichen Identität: Das durch Fremdzuschreibungen geschaffene Selbstbild oder Rollen-Ich wird dem spontanen, werdenden Selbst immer wieder zum Fremden.“ (ebd., S. 20) Ein regelrechter Teufelskreis. Denn jede „Identität grenzt andere Möglichkeiten des Selbstseins aus“ (ebd.).

Dennoch bleibt „das Ausgegrenzte immer eine latente Herausforderung; es gelingt uns nie, uns ganz von ihm zu trennen. Wer das Eigene verdrängt (oder verleugnet), bleibt in der Negation umso mehr auf es bezogen. Das zeigt sich an der Heftigkeit, mit der das Verdrängte an anderen attackiert wird. In der Projektion repräsentiert der andere das, was ursprünglich im eigenen Inneren zu finden war und was das insgeheim Gesuchte oder Begehrte geblieben ist. Umso unnachgiebiger muss der Gegner bekämpft werden, um das latente Eigene im Fremden zum Schweigen zu bringen. Das führt zu dem Paradox, dass die Abwehr mit der Ähnlichkeit oder sozialen Nähe des anderen eher noch zunimmt.“ (ebd.) Nichts wird so heftig abgelehnt oder bekämpft wie ein Angehöriger der gleichen Schicht. Auf uns Freimaurer übertragen würde dies bedeuten, dass wir in einem solchen Fall auch schon einmal unsere Toleranz über Bord werfen, um das — auf unseren Bruder projizierte Fremde — besser bekämpfen zu können. „Das Fremde wirkt umso bedrohlicher, je näher und ähnlicher es uns in Wahrheit selbst ist.“ (Fuchs, 2017, S. 21) Diese Art der „Dialektik des Selbst“ „wird zur Dynamik der Entwicklung, in der wir zeitlebens auf der Suche nach uns selbst sind“. (ebd.) Das entspricht dem Motto, dass wir Freimaurer ein Leben lang Lehrlinge bleiben und uns somit auch immer wieder aufs Neue „selbst erkennen“ müssen.

Wie steht es mit dem Sozialkapital der deutschen Freimaurerei?

Ist es das Fremde innerhalb unserer freimaurerischen Vision, das anderen vielleicht Angst macht? Werden wir deshalb so oft als Weltverschwörer tituliert? Ist es die Angst vor dem Fremden, weshalb gerade so viele Menschen in der Welt irgendwelchen Populisten an die Macht verhelfen? Wie gehen wir Freimaurer mit dem mörderischen Potenzial von Vorurteilen dieser Populisten um, die sich leider auch in unseren Logen wiederfinden? Wie steht es mit dem Sozialkapital der deutschen Freimaurerei, angesichts der vielen Flüchtlingen, die in unser Land kommen? In diesem Zusammenhang möchte ich einen Witz aus einem Asterix-Band (1976, S. 16) wiedergeben. Methusalix sagt bei der Ankunft von Fremden in seinem Dorf zu seiner jungen Frau, die gerade ihr blondes Haar vor dem Spiegel kämmt: „Du kennst mich ja, ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da, die sind nicht von hier!“

Um es mit Hölderlin (StA 6,1, S. 425f.) zu sagen: „Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde.“ Aber wie verstehen und definieren wir Freimaurer eigentlich „Gemeinwohl“ und „Solidarität“ in der heutigen Zeit? Doch hoffentlich ganz anders als jene Populisten! Dabei stellt sich ebenfalls die Frage, wie wir Freimaurer unsere Vision einer selbstbestimmten, demokratischen, freien und offenen Gesellschaft verwirklichen? Der brasilianische Befreiungstheologe Hélder Camara (1969) schreibt in diesem Zusammenhang: „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit!“ Und jede visionäre Tat beginnt mit einem Traum, wie es Martin Luther King (1963) ausgedrückt hat: „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden. I have a dream!“ Wäre das nicht traumhaft? Willkommen in der neuen Welt der Wirklichkeit!

Träumen wir Freimaurer eigentlich immer noch gemeinsam von einer besseren Welt? Oder um es mit Leibniz (1710) zu sagen, von der „besten aller möglichen Welten“? Oder sind wir doch nur Individualisten, die in Deckung gehen, wenn es brenzlig wird? Als Freimaurer können wir zwar alle möglichen Welten denken, aber doch nur die Beste von ihnen wollen. Denn mit unseren Idealen wäre es unverträglich, das weniger Vollkommene zu verwirklichen.

Daher rufe ich euch zu, meine Brüder: Erkennt auch weiterhin die Menschenwürde an, fördert die Menschenkräfte anderer, orientiert euch an der Redlichkeit und an der reflexiven Vernunft, klärt auf, wo es etwas aufzuklären gibt, benutzt eure intellektuelle bzw. soziale Offenheit und verteidigt somit eine offene Gesellschaft. Eignet euch Werte an und setzt diese um, schult euren Charakter, beteiligt euch an der Erinnerungskultur sowie am allgemeinen Diskurs und nehmt auch eure Verantwortung in der Außenwahrnehmung ernst!

Nur dann bleiben die Worte des Meisters vom Stuhl, nämlich: „Geht nun zurück in die Welt […] und bewährt Euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst“, nicht nur eine ständige Mahnung, sondern eine echte ‚Arbeitsanweisung‘ für jeden einzelnen von uns.

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Freimaurerei ist Jazz!

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Diese Zeichnung soll einen wichtigen Aspekt der Tempelarbeit auf besondere Weise beleuchten: die Musik.

Nach den physischen Gegebenheiten (Anwesenheit und Handlungen im Tempel) und den geistigen (die feierliche, kontemplative Stimmung) ist die Musik für mich eine Art dritte Dimension, die der Arbeit im Tempel – eben wie die dritte Dimension – Tiefe gibt. Was Schnee für den Winter ist, Farbe für ein Bild oder Butter für ein Nutellabrot, ist Musik für eine Tempelarbeit – es ginge auch ohne, aber erst durch diese besondere Zugabe erlangt man eine zusätzliche Facette, eine Würze und eine weitere Ebene von Eindrücken. Die Musik begleitet und ergänzt die Arbeit, so wie ein guter Wein ein gutes Essen unterstützt. Hierfür ist unser Musikmeister zuständig, der für jede einzelne Tempelarbeit feierliche, zur Stimmung passende Stücke auswählt und uns die Arbeit versüßt.

Wir stellen uns vor, dass die uns gewohnte klassische Musik ausnahmsweise etwas Anderem weicht, etwas in dieser Umgebung Fremdartigem: dem Jazz.

Dies hier soll freilich keine Revolution werden. Vielmehr soll es eine andere Betrachtungsweise sein, eine Überlegung, eine andere Perspektive geben. Aber wozu? Und warum ausgerechnet Jazz, dieses Genre, mit dem viele so überhaupt nichts anfangen können? Der Grund: In meinen Augen sind Jazz und Freimaurerei nur verschiedene Umsetzungen der gleichen Sache. Dafür möchte im Folgenden Beispiele geben:

Die Geselligkeit.

Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, keine Frage. Wir treffen uns allwöchentlich, um in den Tempel zu gehen, Vorträge zu hören oder einfach nur nett beisammen zu sitzen und zu tratschen. Wir sind Brüder, wir sind Freunde, wir arbeiten Hand in Hand an einem großen Werk und haben Spaß daran. Jazz und die Bühnen, auf denen Jazz gespielt wird, sind schon seit der Geburt dieser Musikrichtung vor ungefähr einhundert Jahren ein Symbol für gemeinsame Leistung sowie für die Gemeinsamkeit und Geselligkeit an sich. Ich komme aus einer Familie von überwiegend klassischen Musikern, bin mit Rock und Heavy Metal groß geworden und in verschiedenen Musikerszenen unterwegs. Aber ich habe in keinem anderen musikalischen Umfeld jemals ein solches „Wir“-Gefühl erlebt.

Bei einer Jamsession oder einem Konzert arbeitet man zusammen gewissermaßen – wie wir Freimaurer auch – an einem Bauwerk: Wir bauen den Tempel der Harmonie. Die Steine, derer wir bedürfen, sind die Musiker. Und wenn sich diese auf der Bühne nicht in das Werk einfügen und nicht „um sich schauen“, gelingt das Werk nicht. Im Jazz ist auf der Bühne kein Platz für einsame Wölfe – für Leute, die nur stur in ihre Noten schauen, nur auf sich hören oder nur für sich selbst spielen. Es gilt – und wird zu Recht von jedem Dozenten gebetsmühlenartig gepredigt –, nicht auf sich allein zu hören, sondern auf das Ganze – mit sich selbst als Teil davon. Als kubischen Stein im großen Gefüge sozusagen. Auf der Bühne wird gemeinsam gelacht, gefeiert und Spaß gemacht, was der gebotenen Ernsthaftigkeit keinen Abbruch tut. Es ist in den meisten Fällen ein Fest der Herzlichkeit und des Ausdrucks von Gefühlen. Die Geselligkeit und das Miteinander sind allgegenwärtig.

Offenheit und Kommunikation.

Ein wesentlicher Bestandteil unserer Logenaktivität sind Vorträge, bei denen ein Bruder sein Wissen mit uns teilt und es an uns weitergibt, im Anschluss wird darüber diskutiert und die Brüder tauschen sich über das neu Gelernte und die neuen Denkansätze aus. Danach geht jeder mit etwas Neuem im Kopf nach Hause, etwas, über das man nachdenken kann. Die Suche nach Licht, nach Erkenntnis, das Streben nach neuem Wissen sowie offen für Neues zu sein sind Dinge – zumindest nach meinem Verständnis –, die einen Freimaurer auszeichnen sollten. So ist auch Jazz ein Konstrukt aus verschiedenen Einflüssen. Ursprüngliche Wurzeln waren Blues, Worksongs der afroamerikanischen Sklaven, Ragtime und auch klassische Musik.
Kaum ein Genre enthält so viele äußere Einflüsse, seien es kulturelle oder musikstilistische. Der klassisch ausgebildete Jazzpianist Dave Brubeck beispielsweise bezog viel Inspiration aus klassischer Musik. Bill Evans wäre ein weiteres Beispiel oder der vor kurzem verstorbene Jacques Loussier, der mit seiner Verjazzung von Bachstücken bekannt wurde. Viele Jazzer ließen sich von traditioneller afrikanischer Musik beeinflussen und bezogen sie in ihre Musik mit ein. Sun Ra ließ in seine Musik sowie in seine gesamte Identität ägyptische Kultur mit einfließen, Al DiMeola spanische Flamencomusik und so weiter. Latin Jazz, wie beispielsweise Bossa Nova, ist ein ganzes Subgenre, das Jazz mit traditioneller lateinamerikanischer Musik vermischt. Die Fusionbands der 70er- und 80er-Jahre, wie die Brecker Brothers oder Weather Report, vermischten traditionellen Jazz mit damals zeitgenössischer Rockmusik. Moderne Jazzmusiker wie Robert Glasper oder Snarky Puppy beziehen unter anderem Inspiration von Hiphop oder Soul. Kurzum: Jazz wäre nicht halb so interessant und so lebendig ohne diese Weltoffenheit, dieses Willkommenheißen von Neuem und das Annehmen von anderen Ansichten, allerdings ohne dabei den eigenen Charakter und Ursprung zu vergessen.

Zudem ist die Kommunikation ein wichtiges Stilmittel. Sei es zwischen zwei oder mehreren Musikern beim sogenannten „Call and Response“, bei dem sich Instrumente mittels musikalischer Phrasen gewissermaßen „unterhalten“ und Motive von einem anderen Instrument musikalisch beantwortet werden, wie auch bei der Kommunikation zwischen Solist und einer unbekannten Instanz. Wie ein Sänger in einem Lied beispielsweise seine Geliebte anspricht, kann man in gewissen Stücken eine gewisse Form von Anrede wahrnehmen. Der Musiker spielt sein Instrument für eine meist unbekannte, dritte Person und als Zuhörer darf man dieser beinahe intimen Unterhaltung lauschen.

Wenn man auf der Internetplattform YouTube Coltranes „Spiritual“ anhört, findet man unter dem Video den folgenden Kommentar eines Nutzers: „The sound of Coltrane speaking to God.“ Diese Formulierung finde ich sehr treffend. Man hört dabei zu, wie jemand sich mittels eines Werkzeugs immer weiter und weiter in einen Monolog verstrickt, der aussagen mag, was auch immer der Hörer hineininterpretiert, und dessen wahre Bedeutung wahrscheinlich einzig John Coltrane bekannt ist.
Oder ein persönlicher Moment, der mir stark in Erinnerung geblieben ist: Mein Onkel, der bei der Beerdigung meines Großvaters, also seines Vaters, im Regen am noch offenen Grab stand und dort Saxophon spielte – eine Improvisation in das Grab hinab, und ein letztes Mal das Wort an seinen Vater richtete, in der Sprache, die sie beide so gut sprachen. Was er ihm genau gesagt hat, weiß nur er, aber alle Anwesenden hörten und verstanden. Kommunikation ist ein grundlegendes Werkzeug des Menschen und für uns Freimaurer ganz besonders wichtig. Nur durch Austausch untereinander und durch Miteinanderreden können wir gemeinsam wachsen.

Progressivität.

Wir Freimaurer möchten die Welt besser machen, wir bemühen uns, eine Gesellschaft voller Liebe, Toleranz und Humanität zu schaffen und zu erhalten. Jazz wollte schon immer verändern, revolutionieren, Neues in die Welt bringen.
Sei es ein politischer Wandel für mehr Gerechtigkeit (damals insbesondere die Gleichberechtigung für Afroamerikaner) oder ein musikalisches Umdenken. Jazz war nach der Dixieland-Ära nicht mehr einfache Unterhaltungsmusik, sondern ein Statement. Er war Protest, er war Demonstration von Meinungen und Forderung nach Wandel.

Auf der musikalischen Ebene: Aus gutem Grund nennt man die teilweise vom Jazz beeinflusste Rockmusik, die in den späten 60er Jahren entstand „Progressive Rock“. Bands wie King Crimson, Yes, EL&P, Gentle Giant etc. zeichneten sich dadurch aus, dass sie die harmonisch, rhythmisch und thematisch relativ einfache Rockmusik mit komplexeren Harmonien, Taktarten und motivischer Arbeit anreicherten. Diese Musik ist progressiv, fortschrittlich, und wurde demnach auch so genannt. Sie ging über die Grenzen der Rockmusik hinaus und stellte eine Weiterentwicklung dar. Auch Jazz selbst entwickelte das bis dato Bekannte weiter – die Pioniere des Jazz drangen in ganz neue harmonische Tiefen vor und experimentierten, was das Zeug hielt.
Diesen Punkt könnte man so zusammenfassen: Sowohl die Freimaurerei als auch Jazz haben ihren Ursprung in dem Wunsch, die Dinge in die Hand zu nehmen und Wandel hervorzubringen.

Freiheit.

Schon der Name unserer Bruderschaft bezieht sich darauf. Sowohl die physische Freiheit im Sinne von uneingeschränkter Bewegungsfreiheit als auch die geistige Freiheit (freie Religionswahl, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit etc.) sind grundlegende Menschenrechte und ein Bestreben der Freimaurerei. Freiheit war (und ist) nicht nur ein musikalisches Bestreben, das sich in freier Improvisation, freierer Harmonik und Rhythmik und irgendwann auch im Free Jazz äußerte.
Zu den Ursprüngen des Jazz gehört der Blues. Der Wunsch nach Freiheit benachteiligter Afro-Amerikaner spiegelte sich oft in den Texten wider. Blues war schon immer stark politisch, und der Tenor der Unzufriedenheit übertrug sich später auch auf den Jazz. Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark diskriminierten Afroamerikaner fanden mithilfe des Jazz Gehör, Anschluss und Bewunderung.

Barack Obama sagte bei seiner Rede am International Jazz Day 2016 folgendes: „Jazz ist in so vielen Punkten die Geschichte des Fortschritts unserer Nation. Geboren aus den Schwierigkeiten der Afroamerikaner, die sich nach Freiheit sehnten. Jazz hat etwas Furchtloses und Wahres an sich. Es ist Wahrheit erzählende Musik.“

Duke Ellington sagte, von Barack Obama in eben jener Rede zitiert: „Jazz ist ein Barometer der Freiheit.“ Ebenfalls beim International Jazz Day 2016 sagte Herbie Hancock: „Jazz stand immer schon für Hoffnung in der Welt.“

Diese Hoffnung auf eine bessere Welt, diese Herzlichkeit und Liebe und dieser Drang, Neues zu finden – all das waren vermutlich Gründe, warum so viele Jazzmusiker selbst Freimaurer sind und waren. Duke Ellington, Nat King Cole, Count Basie, Fats Waller, Lionel Hampton, Irving Berlin, um nur einige zu nennen. Sie alle waren Freimaurer, sie alle waren Jazzmusiker und sie alle versuchten, die Welt ein wenig besser zu machen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Spiritualität, Esoterik, Religion: Wo steht die Humanistische Freimaurerei?

Foto: Taigi / Adobe Stock

Die Beziehungen zwischen Spiritualität, Esoterik und Religion auf der einen und Freimaurerei auf der anderen Seite sind von großer Bedeutung für das Selbstverständnis unseres Bundes und für sein Verhältnis zum öffentlichen Raum. Hier herrscht immer noch viel Unklarheit vor.

Von Br. (Prof. Dr.) Hans-Hermann Höhmann

Es ist hohe Zeit, sich des Komplexes Religion und der damit verbundenen Zusammenhänge offen anzunehmen. Schieben wir den fälligen Religionsdiskurs weiter auf, so droht Schaden für die humanitäre Freimaurerei in Deutschland, die sich doch immer wieder darauf beruft, in der Tradition von Humanismus und Aufklärung zu stehen.[1]

Ich möchte meine Grundeinstellung zum Kontext Spiritualität, Esoterik, Religion im Folgenden umreißen und beginne thesenhaft mit sechs, meine Sichtweise pointierenden Feststellungen:

  • Freimaurerei ist spirituell.
  • Freimaurerei ist nicht Esoterik, kann aber Forum esoterischer Diskurse sein.
  • Freimaurerei ist keine Religion, sie ist eine Wertegemeinschaft und keine Glaubensgemeinschaft im religiösen Sinn.
  • Auf der anderen Seite wäre es gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.
  • Die Brüder einer Loge haben die Freiheit, die persönlichen und gruppenspezifischen Mischungsverhältnisse von Spiritualität, Esoterik und Religiosität im gemeinsamen Erleben, im Nachdenken und im Diskurs herauszufinden und zu praktizieren.
  • Die Großlogen der VGLvD stimmen in ihrer Einstellung zur Religion nicht überein. Hierzu sind eindeutige Klarstellungen erforderlich, und es muss nach innen und außen Transparenz hergestellt werden.

Freimaurerei und Spiritualität

Spiritualität, wie ich sie verstehe, ist die mehr oder minder bewusste Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins. Spiritualität umfasst die besondere Lebenseinstellung eines Menschen, der sich auf die Suche begibt nach Lebenssinn und Orientierung. Innerhalb einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei ist die vom Ritual vermittelte Spiritualität ein komplementärer Faktor zu Freundschaft und ethischer Orientierung. Zur Spiritualität des Freimaurers gehört vor allem die Motivation, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben zu beschäftigen.[2] Das Ritual setzt hierfür den Rahmen und vermittelt immer wieder neue Impulse, die auch außerhalb des Rituals weiterwirken können und auf Dauer die Reflektiertheit und geistige Offenheit des Freimaurers generell fördern. Die Formel des leitenden Meisters „Die Loge ist geöffnet“ kann ja nichts anderes bedeuten als Bewusstsein, Empfindungen und Gemüt des Bruders für neue Erfahrungen zu öffnen. Dann kann sich ereignen, was Friedrich Nietzsche mit den Worten beschreibt: „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“[3]

Spirituelle Bedürfnisse sind gemüthafte Bedürfnisse: sie reflektieren das Verlangen nach Sinn, Ziel, Halt, Ordnung, Trost, Mut im Leben. Wie alle geistigen Bedürfnisse, die zur Natur des Menschen gehören, können sie eine religiöse und eine nicht-religiöse Antwort finden. Jedenfalls ist es sachlich falsch und intellektuell unredlich, bereits diese Bedürfnisse selbst religiös zu vereinnahmen und mit Hilfe eines weitgefassten, funktionalistischen Religionsbegriffs jeden Sinnsucher zum Gottsucher zu mystifizieren.

Eine „offen“ erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit und Harmonie, alles Aspekte des Lebens und der menschlichen Wahrnehmung, die über eine rein materialistische Sicht der Welt hinausgehen, ohne notwendigerweise den Glauben an eine übernatürliche Wirklichkeit oder ein göttliches Wesen vorauszusetzen.

Auch zu einer säkular verstandenen Spiritualität des Freimaurers gehört es, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins zu beschäftigen, mit der Beschaffenheit der Welt und den Lebensmöglichkeiten der Menschen und besonders mit der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben sowie in der Vorbereitung auf den Tod.

Das Ritual bekräftigt die für Bund und Brüder unverzichtbaren Gestaltungsprinzipien der Freimaurerei – Weisheit, Stärke und Schönheit –, die dem Freimaurer allerdings nicht zufallen, sondern erarbeitet werden müssen.

  • Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und Provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.
  • Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.
  • Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungs¬prinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollini¬schen Dimension, von der Schönheit der Sym¬bole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüberreicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst“ erst vollendet.

Noch einmal: Spiritualität bedeutet die Bereitschaft zur Reflexion über Grundfragen menschlicher Existenz, die Grundsolidarität mit anderen Menschen, die Empfänglichkeit für die Sphäre des Moralischen, die Verbundenheit mit dem Bereich des Ästhetischen, die Offenheit für das Schöne. Das freimaurerische Konzept der „Lebenskunst“ ist ohne Spiritualität nicht denkbar. Zu einer ganzheitlichen – Verstand und Gefühl umschließenden – Art von Spiritualität gehört auch das Gespür für die Wirkungskraft von Metaphern, Symbolen und Ritualen und deren nichtsprachlichen, visuellen und multimedialen Ausdruck. Freimaurerische Spiritualität beinhaltet die Fähigkeit, gleichzeitig mit Gedanken und Gefühlen wahrzunehmen, und heißt nicht zuletzt, die kognitiven Qualitäten des Emotionalen zuzulassen. Wichtigstes Medium für spirituelle Erfahrungen in der Freimaurerei ist das Erlebnis eines kreativen Rituals, denn das Ritual ist die Inszenierung aller Sinne und Wertvorstellungen des Freimaurers: Verstand, Gefühl und Körperlichkeit werden gleichermaßen angesprochen und im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung gebracht.

Freimaurerei und Esoterik

Der Begriff der „Esoterik“[4] ist sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Forschung als auch im Rahmen öffentlicher Kontroversen umstritten. Stehen sich in der akademischen Diskussion ideengeschichtliche, sozialgeschichtliche und diskursive Zugriffe auf „Esoterik“ gegenüber, so bestimmen seit etwa zwanzig Jahren in der breiten Öffentlichkeit die unterschiedlichsten Schlagworte das Bild: „New Age“, „Sekten“, „Jugendreligion“, „Okkultismus“ usw. Während eine von den Medien beherrschte Öffentlichkeit „Esoterik“ meist vage mit „New Age“ gleichsetzt, versucht die religionswissenschaftliche Forschung seit den 1990er Jahren, zu einem differenzierteren Verständnis zu gelangen.

Entscheidenden Anteil an der Profilierung der Esoterikforschung hat der französischer Religionswissenschaftler Antoine Faivre. Seit den 1980er Jahren setzte er sich intensiv mit der Religionsgeschichte der Renaissance und der Neuzeit auseinander und erarbeitete ein Verständnismodell des Esoterischen, das mehrere Traditionslinien und Disziplinen systematisch zusammenfasst. Dazu gehören einerseits die „okkulten Künste“ Astrologie, Alchemie und Magie, deren Wurzeln in der Antike zu suchen sind, die jedoch seit dem fünfzehnten Jahrhundert kulturell neu positioniert wurden; hinzu kommen das neuplatonische und hermetische Denken sowie die Kabbalah, die als antikes Geheimwissen galt und mit philosophischen Anschauungen verknüpft wurde. Die Zusammenhänge jener Traditionslinien wurden schon in der Frühen Neuzeit erkannt und mit dem lateinischen Begriff „philosophia perennis“ („Ewige Philosophie“) belegt. Mit diesem Begriff verband sich der Anspruch, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, die älter als alle historischen Religionen ist und die in verschiedenen Disziplinen auf je eigene Art ihren Ausdruck findet.

Nach Antoine Faivre[5] ist Esoterik eine historisch nachweisbare Denkform, die durch sechs Eigenschaften oder Komponenten bestimmt werden kann, die in unterschiedlicher Gewichtung innerhalb eines weiten historischen und empirischen Kontextes nachweisbar sind. Vier davon sind „wesentlich“, und zwar in dem Sinn, dass ihr gleichzeitiges Auftreten eine notwendige und hinreichende Bedingung dafür darstellt, dass ein gegebenes Untersuchungsmaterial zur „Esoterik“ zu rechnen ist. Zu diesen vier kommen weitere hinzu, die Faivre als sekundär, d.h. als nicht grundlegend bezeichnet, deren Vorkommen im Verein mit den vier anderen allerdings häufig ist.

Die vier grundlegenden (Komponenten) von Esoterik sind die folgenden:

1. Die Entsprechungen: Esoterik geht davon aus, dass zwischen allen Teilen des sichtbaren und unsichtbaren Universums symbolische und reale Entsprechungen bestehen. Die Natur, sogar das Universum, ist der Schauplatz wechselseitiger Abspiegelungen.

2. Die lebende Natur: Esoterik beinhaltet die Idee einer Natur, die in all ihren Teilen als wesentlich lebendig angesehen, erkannt und erfahren wird.

3. Das Prinzip von Imagination und Vermittlung: Es ist die „Imagination“ oder Einbildungskraft, die es ermöglicht, Mittler, also Symbole und Bilder, zum Zweck der Erkenntnis zu verwenden, die Hieroglyphen der Natur … zu entschlüsseln, die Idee der Entsprechungen in konkrete Praxis umzusetzen und die zwischen der göttlichen Welt und der Natur vermittelnden Wesenheiten zu entdecken, zu schauen und zu erkennen.

4. Die Erfahrung der Transmutation: Das Wort „Transmutation“ entstammt der alchemistischen Literatur. Ohne diesen vierten Bestandteil würden alle drei zuvor genannten kaum über die Grenzen einer spekulativen Spiritualität hinausgehen. Voll wirksam werden sie erst durch Transmutation, durch eine „zweite Geburt“, durch eine hierdurch erleuchtete Erkenntnis.

In Faivres Sicht gesellen sich nun diesen vier grundlegenden Komponenten zwei weitere hinzu, die nicht unabdingbare Bestandteile seiner Esoterik-Definition sind, aber häufig im Verein mit den vier anderen Elementen auftreten – und, so ergänze ich, eine besondere Bedeutung für manche Formen der Hochgradfreimaurerei gewonnen haben.

Diese beiden Komponenten sind:

5. Die Konkordanzbildung, die sich dadurch auszeichnet, dass nach gemeinsamen Nennern zwischen verschiedenen Esoterik-Traditionen gesucht wird, in der Hoffnung, durch ihre Zusammenführung eine „Erkenntnis“, höheren Ranges zu erreichen, und

6. die Transmission, die Auffassung, dass esoterischen Lehren auf vorgezeichneten Wegen (etwa durch Rituale) und unter Einhaltung bestimmter Stadien (etwa durch Grade) vom Meister an seine Schüler weitergegeben werden können.

Nach Kocku von Stuckrad handelt es sich bei der Esoterik nicht um eine eigenständige „Tradition“ oder „Strömung“ europäischer Geschichte, sondern um ein analytisches Konstrukt moderner Forschung, und so ließe sich im Grunde auch keine „Geschichte der Esoterik“ schreiben.[6] Dennoch bestehe in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass die folgenden Themenfelder und religiösen Kontexte für die Esoterik als zentral zu bezeichnen sind:

(1) Wissensansprüche, die auf „Gnosis“ (gr. „Wissen“) im Sinne absoluter Erkenntnis abheben, insbesondere die Rezeption antiker Gnosis in Neuzeit und Moderne sowie der Bezug auf Hermes Trismegistos (Hermetismus);

(2) die so genannten „okkulten Wissenschaften“ (insbesondere Astrologie und Alchemie);

(3) mystische Traditionen in Judentum, Christentum und Islam (insbesondere Kabbalah und Sufismus sowie deren Rezeption in der Christlichen Kabbalah);

(4) der Neuplatonismus der Renaissance, der mit den Ideen einer „theologia prisca”, einer „Urtheologie“, und einer „philosophia perennis“, einer ewigen Philosophie verbunden wurde. Die „theologia prisca“ geht davon aus, dass es ein gemeinsames Urwissen von der Wahrheit Gottes gibt, dessen Träger der Ägypter Hermes Trismegistos, der Perser Zoroaster, der Hebräer Mose und andere waren;

(5) die christliche Theosophie, die von der Bedeutung individueller göttlichen Eingebungen im Rahmen eines inneren „geistigen Schauens“ ausgeht;

(6) die initiatischen Gemeinschaften (wie die Rosenkreuzer und die Freimaurer, hier insbesondere die Hochgradfreimaurerei des amerikanischen „Schottischen Ritus“);

(7) die Bewegungen im Umfeld der Theosophischen Gesellschaft, die 1875 von Helena Blavatsky und anderen in New York gegründet wurde und die beträchtlichen Einfluss auf nachfolgende esoterische Bewegungen genommen hat;

(8) Teile der als „New Age“ bezeichneten religiösen Bewegung nach 1960.

Die vorstehend aufgezeigten Darlegungen Antoine Faivres und Kokku von Stuckrads lassen nun – vor allem in historischer Perspektive – zweifellos Beziehungen zwischen Freimaurerei, vor allem ihren Hochgradsystemen, und Erscheinungsformen der Esoterik erkennen. Allerdings ergeben sich aus meiner Sicht dabei auf drei für die Freimaurerei wichtigen Bedeutungsfeldern beträchtliche Spannungen, die nicht folgenlos bleiben können und die mit den gleich zu erörternden Stichwörtern „freimaurerische Inhalte und Organisationsformen“, „Verhältnis Esoterik – Christentum“ sowie „Einschätzung der Freimaurerei in der Gesellschaft“ umrissen werden können.

Zunächst machen es die Ideen und Strukturen einer in der Tradition von Humanismus und Aufklärung stehenden Humanistischen Freimaurerei unmöglich, sich auf eindeutige Weise als „esoterisch“ zu verstehen oder gar den Versuch zu unternehmen, in ihre Ritualstruktur die ganze Fülle oft sehr heterogener Esoterikelemente aufzunehmen. Dies würde ganz einfach ihren humanistisch-aufklärerischen Kern beschädigen und zu einem dem Ansehen der Freimaurerei abträglichen Durcheinander der Formen und Ideen führen.

Dazu kommt, dass eine „esoterische“ Freimaurerei auch in organisatorischer Hinsicht zu sehr bedenklichen Konsequenzen führen kann. Nur ein Beispiel dafür: Manly Palmer Hall, Mitglied des 33. Grads des AASR in den USA, fasst die freimaurerische Sendung, wie er sie versteht, in seinem Buch „The Lost Keys of Freemasonry“ folgender Maßen zusammen:[7]

„The Masonic order is not a social organization, but truly is composed of those who have banded themselves together to learn and to apply the principles of mysticism and the occult rites“.
Und an anderer Stelle:

„Es gibt tausende von Maurern, die nur dem Namen nach Brüder sind, denn ihre Unfähigkeit, die Ideen ihrer Kunst zu verstehen, macht sie sprachlos gegenüber den Lehren und Zwecken der Freimaurerei. Eine wahrhafte Maurerei erst gewährt den Schlüssel zum Tempel und ohne diesen Schlüssel kann keines seiner Tore geöffnet werden. Erst wenn dies besser verstanden und gelebt wird, wird die Freimaurerei erwachen und das solange vorenthaltene Wort aussprechen. Die spekulative Zunft wird operativ werden und das alte, lange verborgene Wissen wird aus den Ruinen des Tempels auferstehen als die größte spirituelle Wahrheit, die jeden Menschen enthüllt wurde.“[8]

Dies ist gelinde gesagt, eine bedenkliche Ideologie, die außerhalb des Bundes zu Recht großes Misstrauen erregt und nur allzu leicht den Eindruck erweckt, es handele sich bei der Freimaurerei um eine esoterische Sekte. Ein solches Verständnis unseres Bundes wäre für mich als einem durchaus spirituellen aber doch eindeutig aufklärerisch-ethisch orientierten Freimaurer nicht akzeptabel. Und ganz allgemein und deutlich gesagt: Alle analytischen Überlegungen und alle empirischen Beobachtungen der gesellschaftlichen Realität machen deutlich – ja überdeutlich -, dass nur eine eindeutig auf Humanismus und Aufklärung gestützte Freimaurerei auf Dauer überlebensfähig ist.

Nicht nur zwischen Esoterik und Freimaurerei, sondern auch zwischen Esoterik und Christentum bestehen gravierende Spannungen, die sich immer wieder im Verhältnis der Kirchen zur Freimaurerei niederschlagen. Monika Neugebauer-Wölk, emeritierte Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hat den Hintergrund dieser Spannungen deutlich gemacht:

„Stellt man … die Frage nach den strukturellen Unterschieden (zwischen Esoterik und Christentum H.-H. H.), so bietet der elitäre Charakter esoterischer Glaubensgewissheit einen guten Ausgangspunkt, um die Relevanz der Unterschiede zum Christentum deutlich zu machen. Die religiöse Grundkonzeption des Christentums besitzt im Gegensatz zur Esoterik kein hierarchisch geordnetes Menschenbild, dessen Strukturen sich vom Zugang zum heiligen Wissen ableiten. Prinzipiell ist die Offenbarung für alle Menschen dieselbe und ist auch allen zugänglich. Es gibt keine höhere Offenbarung, die dem Nicht-Wissenden verschlossen wäre; es gibt keine privilegierte Heilsweisheit. Wunder, d. h. Überschreitungen der regulären Funktionsweisen der Natur, sind im Christentum nur auf der Basis göttlichen Wirkens möglich, d. h. Wunder tut Gott, nicht der Magus. Ja, man kann darüber hinausgehen und formulieren, dass der Begriff des ‘Wunders’ überhaupt nur im religiösen Horizont des Christentums Sinn macht, esoterisch dagegen nicht. Es hat nichts ‘Wunderbares’, also Irreguläres, wenn der Weise Blei in Gold verwandelt, Kontakt zu Engeln oder Toten aufnimmt, wenn er die Zukunft kennt, sondern es ist das erwartbare Resultat höheren Wissens und höherer Kompetenz und entspricht den Funktionszusammenhängen von Makro- und Mikrokosmos. Es ist das Wissen um die verborgenen Qualitäten aller Dinge, das Gestaltungsmacht verleiht, und dieses Wissen ist das Wissen Adams vor dem Sündenfall. Der Christ kann den Folgen der Erbsünde nur durch die Gnade Gottes und das Heilswerk seines Sohnes entgehen. Der Esoteriker ist immer auf dem Weg, dieses Ziel durch Erkenntnis zu erreichen.“[9]

Will man den skizzierten Spannungen zwischen Esoterik, Christentum und Freimaurerei endgültig und ein für alle Mal entgehen, so hilft wiederum nur die humanistisch-aufklärerische Form und Praxis der Freimaurerei, in der Freimaurerei ganz eindeutig Wertegemeinschaft und nicht Glaubensgemeinschaft oder esoterische Sekte ist.

Das von mir bisher zu Freimaurerei und Esoterik dargestellte bzw. zitierte macht meine folgende zusammenfassende These plausibel:

Die Freimaurerei bietet zwar Platz für esoterische Diskurse, doch eine esoterische Freimaurerei wäre höchst bedenklich und zwar (1) wegen der Konsequenzen für die konzeptionellen, rituellen und organisatorischen Strukturen der Freimaurerei und (2) wegen unnötiger Konflikte mit Religion und Kirche.

Freimaurerei und Religion

Wie eingangs festgestellt, bedarf das Verhältnis zur Religion aus der Sicht einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei dringend der Klärung. Als Teilnehmer am gegenwärtigen Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei möchte ich, zwecks weiterer Diskussion, meine Sicht der Beziehungen zwischen Freimaurerei und Religion in fünf Thesen folgendermaßen umreißen.[10]

  1. Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung und keine Religion, und sie will auch keinen Ersatz für eine Religion bieten, denn sie vermittelt kein Glaubenssystem und kennt weder sakramentale Heilsmittel noch Theologie und Dogma. Auf der Internetseite der Vereinigten Großloge von England heißt es dazu auch durchaus zustimmungsfähig: „Freemasonry does not seek to replace a Mason’s religion or provide a substitute for it. It deals in a man’s relationship with his fellow man, not in a man’s relationship with his God.” Dass die Freimaurerei für manchen Bruder den Charakter einer Ersatzreligion angenommen hat, bedeutet nicht, dass eine solche Funktion von ihr angestrebt würde.
  2. Die Freimaurer haben und brauchen auch keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Die symbolische Präsenz eines „Großen Baumeisters aller Welten“ in ihren Ritualen darf nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden.
  3. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ stellt vielmehr das umfassende Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit dar und ist als solches vom Freimaurer zu respektieren. Denn ethisch orientiertes Handeln setzt die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, eines die Unverbindlichkeiten des Alltags transzendierenden „höheren Seins“ voraus, das – weltanschaulich bestimmt, oder empirisch gefunden – Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, ohne ihn auszufüllen, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz, als „ein „Übersichhinausgehen innerhalb des Seins des Menschen“ – so der Philosoph Ernst Tugendhat[11] – verstanden werden kann. In diesem Sinne ist auch die Bibel im Kontext der Freimaurerei kein Buch der Offenbarung, sondern ein moralisches Symbol. Zugleich enthält die Bibel den Kernmythos des Bundes, den Bau des symbolischen Tempels der Humanität. Wenn sie im Verlauf des Rituals aufgeschlagen wird, sollte sie daher da aufgeschlagen werden, wo von Salomos Tempelbau die Rede ist (1. Könige 6, 2. Chronik 3).
  4. Die freimaurerische Tempelfeier ist kein Gottesdienst. Das Brauchtum des Bundes soll vielmehr menschliches Miteinander, ethische Lebensorientierung und emotionale Spiritualität durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar machen.
  5. Als ethisch orientierte Gemeinschaft ist Freimaurerei offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne. Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Unabdingbar ist allerdings, dass sie mit den im Diskurs gefundenen ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien des Freimaurerbundes übereinstimmen und zu aktiver Wertschätzung seiner symbolisch-rituellen Ausdrucksformen fähig sind.
  6. Aufgrund einer solchen Festlegung und Abgrenzung kann das Verhältnis zu den großen christlichen Kirchen – wie zu Religion und Religionsgemeinschaften generell – entspannt und selbstbewusst entwickelt werden, zumal an zwei bedeutsame Gemeinsamkeiten von Freimaurerei und Kirchen zu erinnern ist:
  • die gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte sowie
  • die Verpflichtung zum ethischen Handeln, insbesondere zu praktischer Mitmenschlichkeit.

Im Hintergrund meiner Überlegungen und Abgrenzungen stehen Begriffe von Religion und Religiosität, die Glaubensinhalte und religiöse Funktionen auseinanderhalten und die ihren Ursprung in der Religionssoziologie haben.

Talcott Parsons etwa, einer ihrer wichtigsten Vertreter, sieht die Aufgabe des Religiösen darin, kulturelle Werte und Normen den durch Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit – Parsons spricht von „ultimate reality“ – lebendig und verbindlich zu halten[12]. Das was Parsons „Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit“ nennt, ist nun aber nichts anderes als das, was der Begriff Religion jenseits aller ihrer konkreten Erscheinungsformen und Glaubensinhalte meint, nämlich Rückbindung an und Vertrauen auf eine sinnspendende Ordnung. Genau das aber will Freimaurerei leisten: die Herstellung eines tragfähigen, das bloß materielle Sein transzendierenden Sinn- und Wertbezugs, der freilich spezifisch religiöser Rückbindungen oder eines Glaubens an Gott im traditionellen Sinne nicht bedarf.

Auch der Soziologe Thomas Luckmann stellt die konstruktive gesellschaftliche Rolle der Religion in den Vordergrund, indem er auf deren Potenzial bei der Krisenbewältigung und bei der Stabilisierung der Gemeinschaft in Phasen sozialer Umbrüche hinweist. Religiosität ist für Luckmann eine anthropologische Konstante, die sich in der Moderne nur neue Formen der Repräsentation sucht und nicht – wie die Säkularisierungsthese behauptet – verschwindet. Luckmann hat im Rahmen seiner Religionssoziologie Aufgabe und Wirkungsweise der Religion als „Einübung … in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“ bezeichnet.[13]

Bei aller Ablehnung der Religionseigenschaft der Freimaurerei im Sinne eines inhaltlich definierten Glaubens wäre es folglich gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.

Noch einmal: Freimaurerei ist kein Heilsweg, sondern ein Weg zur Bewährung im Hier und Jetzt. Ein Weg – es gibt viele andere. Die Gleichzeitigkeit des Respekts vor Religion und des Verzichts auf Nachahmung von Religion und/oder Einmischung in Religion kann die Freimaurerloge zu einer Gemeinschaft machen, in der sich gläubige Menschen ganz verschiedener Religionen mit religiös skeptischen, ja ungläubigen Menschen auf der Grundlage verpflichtender Werte freundschaftlich miteinander verbinden. Hierin sollten Freimaurer eine integrierende Kraft sehen, die – wenn auch gewiss nur in bescheidenem Maße – dazu beitragen kann, die moderne (oder postmoderne) Gesellschaft mit all ihren Auflösungs- und Spaltungstendenzen auf der Basis einer gemeinsamen Wertbasis zusammenzuhalten.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

[1] So z. B. ihr Großmeister, Prof. Dr. Stefan Roth-Kleyer, auf der Homepage der Großloge AFuAM von Deutschland: „Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland ist mit ihren fast 10.000 Mitgliedern die mitgliederstärkste deutsche Großloge. Ihre Mitglieder stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung und bekennen sich zu Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen. Sie vereint geistig und menschlich aufgeschlossene Männer unterschiedlicher weltanschaulicher, religiöser und politischer Überzeugungen. Wichtig ist, den Freimaurerbund als Einheit von tragender Idee, verbindender Gemeinschaft und symbolischer Ausdruckskraft zu verstehen, hierin liegt ihre Besonderheit gegenüber allen anderen Zusammenschlüssen mit verwandten Zielsetzungen“, https://freimaurerei.de, Download 30. 03. 2019./

[2] Vgl. Sponsel, Rudolf: Spiritualität. Eine psychologische Untersuchung, http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm, zuletzt aufgerufen am 09.12.2015.

[3] Nietzsche, Friedrich Wilhelm: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Werke, Kritische Gesamtausgabe, Berlin 1968, S.165.

[4] Dies und das Folgende nach Kocku von Stuckrad, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad, Download 01. 02. 2019. Kocku von Stuckrad ist Professor für Religionswissenschaft an der niederländischen Reichsuniversität Groningen.

[5] Ein neues Feld europäischer Religionsgeschichte. Antoine Faivre gibt Auskunft zur Esoterikforschung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Interview/, Download 01. 02. 2019.

[6] Kocku von Stuckrad, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad, Download 01. 02. 2019.

[7] Manly P. Hall, The Lost Keys of Freemasonry, ursprünglich 1923.

[8] Ders.: The Lost Keys of Freemasonry, New York 2006 (ursprünglich 1923), zitiert nach Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Bremen 2011, S. 331.

[9] http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Neugebauerwoelk/index_html, Download 04. 02. 2019.

[10] Siehe hierzu auch meinen umfangreichen Beitrag „Von Gott und der Religion“ – Zum Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei, in: Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Bremen 2011, S. 179 – 197.

[11] Ernst Tugendthat, Anthropologie statt Metaphysik, Teil I, 2. Auflage, München 2010, S. 14f..

[12] A. Javier Trevino (Ed.): Talcott Parsons today. His theory and legacy in contemporary sociology, Langham/Md. and Oxford 2001.

[13] Thomas Luckmann, Religion in der modernen Gesellschaft, in: J. Wössner (Hrsg.), Religion im Umbruch: soziologische Beiträge zur Situation von Religion und Kirche in der gegenwärtigen Gesellschaft, Stuttgart 1972, S. 13 -15, hier S. 5.

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Auf den Spuren der Mannheimer Freimaurer

Foto domeckopol / pixabay

Das Großlogentreffen vom 29. bis 31. Mai in Mannheim ist der Höhepunkt des Maurerjahres für unsere Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Im 70. Jahr ihres Bestehens treffen sich die Vertreter der Mitgliedslogen, um über die Aufgabe und Rolle unseres Bruderbundes in einer sich immer stärker verändernden Welt zu beraten.
Mit Mannheim wurde ein auch für Freimaurer sehr geschichts- und symbolträchtiger Veranstaltungsort gewählt.
Br. Alexander John, Meister vom Stuhl der gastgebenden Mannheimer Loge „Carl zur Eintracht“ Nr. 31, hat sich auf die Spuren der masonischen Geschichte Mannheims begeben.

Seit wann Freimaurerei in Mannheim existiert, ist nicht eindeutig belegt. Gesichert ist 1756 als Gründungsjahr der Loge „Charles de l’Union“, mitten in der Regentschaft des Kurfürsten Karl Theodor, dem gemeinhin eine Nähe zur Aufklärung nachgesagt wird. Indes finden sich Spuren, die dafür sprechen, dass in Mannheim gar die erste Loge im deutschsprachigen Raum 1727 gegründet wurde. Die Spuren sind allerdings nicht sehr konturreich. Ausgangspunkt ist ein kurpfälzisches Dekret von Kurfürst Karl Philipp vom 21. Oktober 1737. In ihm verbietet der Kurfürst bei Strafe der Amtsentsetzung allen in Zivil- und Militärdienst stehenden Personen, in die „sogenannte Brüder- oder Gesellschaft der franc macons ein[zu]treten“ – mithin Freimaurer zu werden. Und wo die Mitgliedschaft verboten wird, müsste doch eigentlich eine Loge existieren …

Liegen in Mannheim die Wurzeln der deutschen Freimaurerei?

Ein späteres Quellenzeugnis, der Brief von Ignaz Freiherr von Reibelt an seinen Bruder Uriot aus dem Jahr 1769, behauptet, der englische Gesandte am Pfälzer Hof, Graf Albrecht Wolfgang von Schaumburg-Lippe, der erste deutsche Freimaurer überhaupt, habe 1727 eine Loge in Mannheim mit dem Namen „Einigkeit“ gegründet. Doch kennen wir weder den vollständigen Namen noch den Sitz und weitere Mitglieder. Es muss also offenbleiben, ob ab 1727 wirklich eine feste Organisation oder erst noch ein loser Zusammenschluss Gleichgesinnter bestand. Jedenfalls dürfte Kurfürst Karl Philipp – in seiner ganzen Programmatik einem kämpferischen Geist des Katholizismus verhaftet – jegliche Vereinigung von Personen, die hinter verschlossenen Türen eigene Vorstellungen über einen besseren Staat und eine bessere Kirche debattierten, ein Gräuel gewesen sein. Generell kann für das 18. Jahrhundert die These formuliert werden, dass das Verhältnis zwischen der machtvoll wachsenden Zahl an Freimaurern und dem kurpfälzischen Staat in der Tendenz eher kompliziert blieb.

Mannheimer mit guten Manieren und erlesenem Geschmack

Sicheren Boden betreten wir also erst ab 1756, als in Mannheim die Loge „Charles de l’Union“ (Matrikel-Nr. 31) begründet wird, die allerdings nicht nach dem Kurfürsten benannt ist, sondern nach dem Stuart-Prätendenten für den englischen Thron, Charles Edward, da die Loge dem französisch-schottischen Freimaurersystem anhing. Franzosen waren die führenden Persönlichkeiten in der Mannheimer Loge, so etwa der Hofzahnarzt Johann Baptist Drouin oder der französische Schauspieler Le Bauld-de-Nans als erster Meister vom Stuhl. Unter den Gründungsmitgliedern war auch der Jesuit Franz Joseph Seedorf, väterlicher Erzieher, Beichtvater und später einer der engsten Berater des jungen Kurfürsten Karl Theodor. 1774 löste sich die Loge offenbar wegen interner Konflikte auf, was nicht untypisch in der Geschichte der Freimaurerei ist, die immer wieder von inneren Richtungskämpfen erschüttert wurde.

Nachdem Karl Theodor in der Silvesternacht 1777/78 zum Erbe des bayerischen Kurfürstentums wurde und die Residenz von Mannheim nach München verlegt hatte, erstarkten die Bestrebungen zur Wiederbelebung oder gar Neugründung einer Loge in Mannheim. So ersuchte der spätere Theaterintendant Wolfgang Heribert von Dalberg den Kurfürsten um die Zustimmung zur Gründung einer Loge der Strikten Observanz. Karl Theodor lehnte ab. Unabhängig davon lebte 1778 die alte Loge „Charles de l’ Union“ wieder auf, unterstützt vor allem von Offizieren und Mitgliedern der Schauspieltruppe.

Der Florentiner Cosimo Allessandro Collini, eine Persönlichkeit des Hofes, attestierte den Mannheimern Urbanität, Höflichkeit, gute Manieren und Geschmack, insbesondere den „besseren Kreisen“ am Ende des 18. Jahrhunderts. Zu den für neue Ideen offenen Kreisen wie etwa die Deutsche Gesellschaft gehörten vor allem viele Offiziere, Künstler und Theatermitglieder, die wiederum das Gros der Mitgliedschaft in der Mannheimer Freimaurer-Loge stellten. Von 57 ­bekannten Mitgliedern waren 22 höhere Militärs, je sechs Schauspieler und Tänzer, drei Musiker, zwei bildende Künstler, darunter Egid Verhelst, und je zwei Advokaten, Kaufleute und Handwerker. Das heißt, um 1780 dominierten die höfisch-staatlichen Bediensteten in der hiesigen Freimaurerei.

Illuminaten unterwanderten die Logen in der Kurpfalz

Seit 1781 begann sich auch der einige Jahre zuvor gegründete Illuminatenorden in der Kurpfalz zu verbreiten. Zweiter Gründer neben Prof. Adam Weishaupt war Adolf Freiherr von Knigge, der in Heidelberg lebte. Knigges Programm der Unterwanderung und Übernahme der bestehenden Logen durch den Illuminatenorden wurde in Heidelberg, Mannheim und Kaiserslautern angewandt. Dalberg zeigte sich als Anhänger einer fürstlich-gemäßigten Aufklärung und einer eher mystischen, auf jeden Fall staatstragenden Maurerei allerdings als entschiedener Gegner der geheimbündlerischen Illuminaten, denen er etwa in der Deutschen Gesellschaft entgegentrat.

Nach Aufdeckung des Geheimbundes in Bayern ergingen seit 1784 Verordnungen gegen Freimaurer wie Illuminaten, die 1785 zur Auflösung aller Logen in der Kurpfalz führten. Unmittelbar vor ihrer Auflösung hatte die Mannheimer Loge in Karlsruhe noch eine neue Loge unter dem Namen „Karl zur Einigkeit“ gegründet. Der Name war eine direkte Übersetzung des alten Namens der Mannheimer Loge. Dies zeigt, dass die Loge angesichts ihrer drohenden Auflösung ihre Aktivitäten in ein benachbartes Territorium verlegte – eine Strategie, der wir auch in späteren Jahren wieder begegnen. Dennoch herrschte in Mannheim nach wie vor ein vergleichsweise liberales, aufgeklärtes und intellektuelles Klima, bekanntlich verkörpert in Schillers „Räubern“, die hier 1782 ihre gefeierte Uraufführung erlebten.

Als der Kurfürst 1778 nach Bayern abreiste und Mannheim seinen Status als Residenz verlor, war Karl Theodors Abschiedsgeschenk das von Dalberg geleitete Nationaltheater. Diese Spielstätte trat gewissermaßen bis in die frühe badische Zeit, vor allem als die beiden Freimaurer Heribert von Dalberg und Anton von Klein das Theaterleben bestimmten, das Erbe der Aufklärung an. Zwar gelang es nicht, den führenden deutschen Freimaurer Gotthold Ephraim Lessing als Leiter des neuen Nationaltheaters zu gewinnen, der durch die Freimaurergespräche „Ernst und Falk“ 1778 hervorgetreten war. Doch die Mannheimer Theaterszene, ob in der Leitung oder im Ensemble, stand in großen Teilen der Freimaurerei und ihrem Streben nach Weltverbesserung und Menschheitsveredelung nahe. Offiziell wurden die Logen ab 1806, wenn auch nur für kurze Zeit, wieder zugelassen. So erlebte das „Logenhaus“ des Großherzoglichen Hof- und Nationaltheaters am Donnerstag, dem 15. Januar 1818, die Erstaufführung eines Stückes, das den bezeichnenden Titel „Der Freimaurer“ trägt und aus der Feder von August Friedrich Ferdinand von Kotzebue stammt.

Dichter und Freimaurer August von Kotzebue wurde in Mannheim ermordet

Seit 1813 war die Freimaurerei im Staat Baden wieder einmal verboten. Die Mannheimer Freimaurer waren deswegen nach Frankenthal ausgewichen und hielten dort ihre Zusammenkünfte ab. Das Verbot galt in Baden übrigens bis 1830.
Mittlerweile ist das eher seichte Bühnenspiel Kotzebues, wie nahezu alle Stücke des Autors, in Vergessenheit geraten. Der Name Kotzebue ist aus einem ganz anderen Grund bis heute präsent. Seine Ermordung am 23. März 1819 in A 2, 5 – unweit vom Schloss – lieferte bekanntermaßen den Anlass, um mit den Karlsbader Beschlüssen ein restauratives System im Deutschen Reich zu begründen. Die Burschenschaften wurden aufgelöst, missliebige Professoren ebenso wie Journalisten und Redakteure mit Berufsverbot belegt, die Universitäten unter staatliche Aufsicht gestellt. Eine geradezu allgegenwärtige Zensur suchte die Presse mundtot zu machen und jeglichen Freigeist zu ersticken. Versammlungsfreiheit war nicht mehr gegeben. Davon waren wieder einmal auch die Freimaurer betroffen.

Und die Karlsbader Beschlüsse führten mit dazu, dass sich das Urteil des zeitgenössischen Malers Wilhelm von Kuegelgen (1802–1867) im kollektiven Geschichtsbild durchsetzte, wonach der Freimaurer Kotzebue „ein literarischer Giftmischer, ein russischer Spion, ein Vaterlandsverräter und Abgrund alles Verderbens“ gewesen sei. Dagegen habe, so Kuegelgen, der „Heldenjüngling“ Sand – Kotzebues Mörder – „diesen Höllenpfuhl mit seinem Pestqualm geschlossen, sich selbst als ein anderer Curtius fürs Vaterland und seine heiligsten Interessen opfernd“. Insofern hat im heutigen Geschichtsbild eine merkwürdige Rollenverdrehung stattgefunden: der Freimaurer Kotzebue erscheint als der geistige Täter der deutschen Unfreiheit, hingegen Karl Ludwig Sand als das heldenhafte Opfer, als Bannerträger von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ und damit gleichsam als ein „Freimaurer im Geiste“.

Bürgerlich-demokratische Positionen prägten Mannheim im 19. Jahrhundert

Die Stadtpolitik wurde zu jener Zeit vom bürgerlichen Flügel der Fortschrittspartei und der daraus erwachsenden Deutschen Volkspartei geprägt, die im politischen Spektrum als linksliberal etikettiert werden kann. Bedeutende Freimaurer haben in ihr eine gewichtige Rolle gespielt: Zum einen der Kaufmann Karl Nestler, Meister vom Stuhl der Johannis-Loge „Carl zur Eintracht“ von 1852 bis 1854 und Bürgermeister der Stadt Mannheim von 1849 bis 1869. Zum anderen Eduard Moll, der erstmals 1870 als Stadtoberhaupt gewählt und 1875 und 1885 wiedergewählt wurde. Er trug in dieser Funktion den Titel des Ersten bzw. dann des Oberbürgermeisters. Von 1852 bis 1865, mithin dreizehn Jahre, stand er als Meister vom Stuhl der Johannis-Loge „Carl zur Eintracht“ vor.

Karl Nestler wie auch Moll prägten nahezu vier Jahrzehnte das lokalpolitische Geschehen der rasch wachsenden Handels- und Industriestadt Mannheim, in der 1886 der Benzwagen patentiert und im gleichen Jahr mit dem Bau des Wasserturms begonnen wurde. In ihrer politischen Grundhaltung verkörperten beide eine eigenständige, stark vom Geist der 1848er-Revolution bestimmte bürgerlich-demokratisch Position, die auf die strikte Trennung von Staat und Kirche pochte, worin sich beispielhaft ihre freimaurerische Grundhaltung widerspiegelte. Doch sollten die von ihnen repräsentierten Demokraten in Mannheim ab den 1870er Jahren zwischen den nun heraufziehenden führenden Antipoden, den Nationalliberalen und den Sozialdemokraten, allmählich zerrieben werden, so dass ihre dominierende Ära mit Eduard Molls Rücktritt im August 1891 endete.

Moll bot jeglicher politischen und religiösen Hetze – auch dem im deutschen Kaiserreich wieder anwachsenden Antisemitismus – energisch die Stirn. Das war auch Ausdruck seines Verständnisses von Humanität oder, wenn man so will, Ausdruck seiner freimaurerischen Überzeugungen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass führende jüdische Intellektuelle und Bürgersöhne, wie z. B. Bernhard Herschel, der Loge „Carl zur Eintracht“ angehörten. Und die 1877 von der Badenia-Loge abgespaltene Spinoza-Loge rekrutierte ihre Mitglieder sogar überwiegend aus jüdischen Kreisen.
Es waren auch Mannheimer Freimaurer, die um den Erhalt der ersten deutschen Republik kämpften und für eine Aussöhnung mit dem Nachbarn Frankreich warben.

„Carl zur Eintracht“ ist die Mutterloge der Mannheimer Freimaurerei

Pfingsten 1929 – am 200. Geburtstag von G. E. Lessing – fand die neunte „Internationale Freimaurerische Friedensmanifestation“ in Mannheim statt. Aber auch hier scheint die lokale Szene noch gespalten gewesen zu sein, denn fünf Mannheimer Logen nahmen an der Kundgebung offiziell nicht teil. 1929 haben verschiedene Redner, darunter der Ludwigshafener Logenbruder Dr. Friedrich Wilhelm Wagner, auf die deutsch-französische Verständigung abgehoben. Den Faschismus sahen Wagner wie andere Redner schon als Bedrohung für Europa. Man traf sich bezeichnenderweise im Logenhaus der „August-Lamey-Loge“ des befreundeten jüdischen B’nai-B’rith-Ordens in C 4, 2, ferner bei einer Vorstellung im gerade erst zwei Jahre zuvor eröffneten Planetarium im Luisenpark und – wie könnte es anders sein – im Nationaltheater bei Mozarts Freimaueroper „Zauberflöte“.

In den 30er Jahren zog die Diktatur auf, und bereits im Winter 1932/33 waren die meisten Logenhäuser verkauft. Während es bei den altpreußischen Großlogen Versuche der Anbiederung gegenüber der NS-Diktatur gab, scheint es im Südwesten von Anfang an einen klaren Willen zur Selbstauflösung gegeben zu haben. So auch bei der Loge „Carl zur Eintracht“, die am 22. April 1933 nach eingehender Aussprache einstimmig die Selbstauflösung beschloss.

Nach 1945 erfolgte die Wiederbelebung der Freimaurerei bemerkenswert schnell und unaufgeregt, auch wenn die Rückgabe und Entschädigungsfrage des im Zweiten Weltkrieg zerstörten, einst unter Eduard Moll 1885 gebauten Logenhauses in L 8, 3 auf sich warten ließ. Mit dem neuen Haus in L 9, 9, geweiht am 2. März 1952, fand die älteste Mannheimer Loge „Carl zur Eintracht“ eine würdige neue Heimstatt. Aus ihr gingen im Laufe der Jahre zahlreiche Freimaurerlogen als Tochterlogen hervor. „Carl zur Eintracht“ ist somit die „Mutter“ aller Freimaurerlogen in Mannheim.

Inzwischen gibt es mit der 1981 gegründeten „Unitas“ nicht nur eine Loge für Freimaurerinnen in Mannheim und Umgebung, sondern auch gemischte Logen. Die Vielzahl und die Selbstverständlichkeit, mit der die Logen innerhalb der Stadt wirken, ist durchaus ein Indiz für das Maß an liberaler Toleranz von Stadt und Gesellschaft insgesamt und Spiegel einer gelebten ethisch-sozialen wie integrativen Praxis, in der Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit keine verstaubten Begriffe aus der Mottenkiste sind.

Der gekürzte Aufsatz ist eine für die Drucklegung überarbeitete Festrede, die der Verfasser Prof. Ulrich Nieß, Leiter des Marchivums in Mannheim, am 16. Juni 2017 anlässlich der Veranstaltung „300 Jahre Freimaurerei“ hielt, ausgerichtet von der Interessengemeinschaft Rhein-Neckar-Logen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.

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Keine Verschwörung um Laurel & Hardy

Foto: Archiv Rainer Dick

Päpste sind nicht erst seit Aufkommen des Internets eine verlässliche Projektionsfläche für Verschwörungstheoretiker. Die jüngsten „Enthüllungen“ über den ab 1939 amtierenden katholischen Oberhirten Pius XII. (1876–1958) wären mithin wenig spektakulär, stünde nicht der Pontifex gemeinsam mit den Filmkomikern Laurel & Hardy im Mittelpunkt – noch dazu mit einem angeblich freimaurerischen Hintergrund.

Benedetto Gemma, seines Zeichens Filmhistoriker aus Italien, berichtete im vergangenen Oktober in der Regionalzeitung „Messaggero Veneto“, der Heilige Vater habe die Hollywood-Stars Stan Laurel (1890–1965) und Oliver Hardy (1892–1957) zur Privataudienz gebeten, als diese 1950 in Rom ihren letzten gemeinsamen Film „Dick und Doof erben eine Insel“ vorbereiteten. Die Begegnung sei so geheim gewesen, dass weder Text- noch Bilddokumente existierten und etwaige Hinweise gar aus den vatikanischen Archiven getilgt worden seien.

Stellt sich die Frage, was an dieser Audienz so geheim, brisant oder heikel gewesen sein könnte. Kinokenner Gemma ist Mitglied der internationalen Laurel-&-Hardy-Gesellschaft „Die Wüstensöhne“ und hat an der kürzlich erschienenen italienischen Ausgabe einer Doppelbiografie mitgearbeitet. Die Frage nach den Gründen für die Geheimhaltung ist leicht zu beantworten: Sowohl der galante Südstaaten-Charmeur Oliver Hardy (in den „Dick-und-Doof“-Filmen der Korpulente) wie auch der als Schürzenjäger beständig Schlagzeilen produzierende Stan Laurel („Doof“) waren mehrfach geschieden und hatten damit das Sakrament der lebenslangen Ehe verletzt. Hardy gehörte außerdem den Freimaurern an, die von der katholischen Kirche bis heute mit Argwohn beobachtet und von Gegnern zu Unrecht der „Weltverschwörung“ bezichtigt werden. Zu ergänzen wäre, dass keiner der beiden Spaßmacher der katholischen Kirche angehörte. Gemma sieht in dieser „Sündhaftigkeit“ des Komikergespanns den Grund, warum diese Audienz unter dem Deckmantel der Geheimhaltung stattgefunden habe. Verbürgt scheint zumindest, dass Pius sich regelmäßig Filme des Duos vorführen ließ.

Es ist jedoch – wie meistens – sehr viel weniger geheimnisvoll als angenommen: Über das Zusammentreffen von Stan und Ollie mit Papst Pius berichteten italienische Zeitungen bereits im Juni 1950. „Geheim“ war dieses sicher nicht und in den Pressearchiven wurde seitdem auch nichts „getilgt“. Es handelt sich mitnichten um einen klandestinen „katholisch-komödiantischen Konvent“. Die denkwürdige Troika war schon damals den Zeitungen und Wochenschauen sowie dem jungen Medium Fernsehen eine ausführliche Berichterstattung wert.

Nachdem Laurel & Hardy sich 1945 vom US-Film zurückgezogen hatten, unternahmen sie zahlreiche triumphale Tourneen durch Europa. Überall wurde ihr Auftreten von den kriegsmüden Menschen enthusiastisch bis tumultartig gefeiert, etwa bei ihrer Ankunft im römischen Termini-Bahnhof.

Dieses Gastspiel erörterte der französische Autor Roland Lacourbe schon 1975. In seinem Standardwerk über Laurel & Hardy heißt es: „In Rom gibt man ihnen im Grand Hotel eine Suite, die üblicherweise Staatsoberhäuptern vorbehalten ist. Man erzählt sich (…), dass während ihres Besuchs im Petersdom die Menge der Gläubigen bei einer Prozession ausschert, um sich Autogramme geben zu lassen. Sicher ist, dass ihnen Papst Pius XII. eine Audienz gewährt.“

Also kein Geheimnis um Laurel & Hardy im nebulösen Dickicht zwischen Vatikan und Freimaurerlogen. Sicher ist ihre anhaltende Beliebtheit; sicher auch ihr unbestrittener Rang als bedeutendstes Komikerpaar der Filmgeschichte; sicher schließlich Hardys Beisetzung in einem für Freimaurer reservierten Areal des „Valhalla-Memorial“-Friedhofs in Hollywood. Als halbwegs gesichert dürfte auch das Faible des Papstes für ihre Filme gelten.

Nichts an alledem ist geheim, mithin musste nichts aus den Archiven „getilgt“ werden. Das Lachen über die destruktive und dennoch surreal-poetische Slapstick-Komik von Laurel & Hardy dauert seit annähernd neun Jahrzehnten an – im Himmel wie auf Erden.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.

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Erinnerung an einen Freund und Schriftsteller

Ein so reichhaltiges Leben! Kann man das in wenige Zeilen fassen? Kann man es in einer Viertelstunde erzählen? Ist das möglich, wenn man jedem Aspekt gerecht werden will? Ich habe Zweifel. Es bleibt mir nur ein strebendes Bemühen, unserem Bruder und Freund annähernd gerecht zu werden.

Das Geburtsjahr unseres Bruders Alfried lag in einer unseligen Zeit. Drei Jahre von den „tausend“ waren erst vorüber. Dr. med. Adolf Lehner und seine Frau Babette, die Eltern, sowie der ältere Bruder Olf bildeten seine Familie. Man lebte gut situiert in einer Villa in Dresden. Weißer Hirsch und „Blaues Wunder“.
Vom beginnenden Weltenbrand dürfte der Junge nichts mitbekommen haben. Als er zu Beginn der 1940er Jahre in Dresden eingeschult wurde, rückten die mit erschreckendem Erfolg weit ausgeworfenen Fronten schon auf die Heimat zu.

Ab Herbst 1944 gab es die ersten Luftangriffe auf den Großraum Dresden. Im Zuge der historisch bekannten vier Angriffswellen vom 13. bis 15. Februar 1945 floh die Familie. In Solnhofen an der Altmühl lebten die Großeltern mütterlicherseits. Dort verbrachte Alf dann auch seine Jugend und nahm eher das Fränkische denn das Sächsische als Muttersprache an. In Eichstätt besuchte der Gescheite das humanistische Gymnasium. Dort baute er im Jahr 1956 auch das Abitur.

Im Jahr davor war die junge Bundesrepublik Deutschland der Nato beigetreten. Damit wurde auch die Frage eines nationalen Wehrbeitrages grundsätzlich entschieden. Die historisch einmalige Herausforderung, neu aufzustellende Streitkräfte in ein bestehendes Staatswesen einzubinden, reizte viele junge Männer – auch unseren Bruder Alfried. Sie wollten es besser machen als die Väter. Aber nicht im revanchistischen Sinne, sondern einer Konzeption folgend, mit deren Hilfe die unverzichtbare hierarchische Struktur der neu aufzubauenden Armee und ihr Prinzip von Befehl und Gehorsam mit den Grundrechten des Bürgers in Einklang gebracht und ein „Staatsbürger in Uniform“ geschaffen werden sollte.

Husum war sein erster Standort. Weitere folgten – ein typisches Offiziersschicksal. Das auch die Familie betraf, die sich selbstredend einstellte. Aus der Ehe mit seiner ersten Frau Helga ging 1964 ein Sohn hervor, Ulf Lehner.
Bis 1967 war Alfried – ganz klassisch – zuerst als Panzerzugführer und später als Kompaniechef eingesetzt. Von 1967 bis 1969 absolvierte er die Generalstabsausbildung. Es folgten weitere Verwendungen im Truppengeneralstabsdienst und im Bundesministerium der Verteidigung. Zuletzt war er als Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg tätig. Oberstleutnant i. G., das heißt im Generalstabsdienst. So der letzte Dienstgrad.
1977 lernte er seine spätere zweite Frau Ulla kennen. Erst als Alfried 1986 mit 50 Jahren die Bundeswehr altershalber verließ, konnten beide zusammenziehen. 1988 dann die Eheschließung, 2002 der Einzug in das neuerbaute Haus in Rudersberg.

Zum Bund der Freimaurer kam Alfried im Jahr 1977. Eine Zeitungsannonce hatte ihn ins Logenhaus in der Hamburger Welckerstraße gelockt. Dort fing er sofort Feuer. In seinem Aufnahmeantrag ließ er die Loge „Roland“ wissen: „Der aus den dortigen Vorträgen leuchtende Geist ließ mich erkennen, dass hier eine geradezu verblüffende Parallelität mit meinen Vorstellungen vorhanden ist.“
Alfried hatte die Freimaurerei nicht nur schnell so gut verinnerlicht wie wenige, er konnte auch erklären, was es mit dem Tempelbau der Humanität auf sich habe. Er übernahm schon bald zahlreiche Aufgaben und bekleidete hervorgehobene Ämter, die er nicht suchte, die aber zu ihm kamen. Ich will sie gar nicht alle aufzählen. Ihm wäre das peinlich. Dennoch sei als Beispiel die Leitung des Ritualkollegiums unserer Großloge genannt. Dort kann nur mittun, wer den Sinn von Ritual versteht. Ehrungen blieben auch nicht aus. So zum Beispiel im Oktober 1985 die Silberne Matthias-Claudius-Medaille der Vereinigten Großlogen für Verdienste auf dem Gebiet der freimaurerischen Literatur und Kunst. Im Juni 1994 folgte das goldene Ehrenzeichen der Großloge.

Mit seinem Wechsel in den Süden schloss er sich 1987 der Loge „Sarastro“ in Stuttgart an, wo er ebenfalls wirkte. Erneut auch – wie bei „Roland“ – als Stuhlmeister. 2006 wechselte er nach Esslingen zur Loge „Zur Katharinenlinde“. Ende 2017 konnten wir sein 40. Freimaurer-Jubiläum feiern. Dabei wurde ihm auch – als letzte große Auszeichnung – der Goldene Verdienstorden der Vereinigten Großlogen von Deutschland verliehen.

Wichtig war ihm aber vor allem das Schreiben. Und dazu hatte er nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr Zeit. Mehrere Bücher erschienen und fast jeder von uns Freimaurern hat ein paar davon in seinem Bücherschrank. Einige wenige Titel möchte ich nennen: „Das wunderbare Wissen vom Wesen der Welt“, „Eines zu sein mit allem“, „Sagt es niemand“, „Lyrik von Sehnsucht nach Frieden und Harmonie“, „Ich bin eine Stufe“.

Er reiste nun durch die Republik und stand den Logen für Öffentlichkeitsarbeit, rituelle Weiterbildung sowie Dichterlesungen zur Verfügung. Daneben interessierten ihn Philosophie, Religionswissenschaften, Mythologie, Ornithologie, klassische Musik, Kunstgeschichte und Literatur. Auch andere Gesellschaften profitierten von seiner Mitarbeit. Er betätigte er sich sowohl in der Sokratischen als auch der Humboldt-Gesellschaft. Nicht vergessen sei der pythagoreische Orden.

Br. Thomas Seng hat nun das letzte Buch mit Alfrieds Referaten herausgeben. Erschienen ist es im April 2019, wenige Wochen nach seinem Tod.

Dann kam das Jahr 2013 mit einem Hirnschlag. Die Folgen setzen ihm mehr und mehr zu. Zu Beginn des Jahres 2015 benötigte Alfried dann endgültig professionelle Pflege. Im Karlsstift in Schorndorf hat er seine letzten Jahre verbracht. Zunehmend entrückt von dieser Welt. Bemerkenswert war seine heitere Gelassenheit, sein Lächeln, wenn er den Besuch sah: „Du lieber Bruder“, auch wenn der Name dahin war. Keine bittere Aggression wegen seines Schicksals, sondern stets Dankbarkeit und Zuversicht. Selbst dort noch, im Stift, bei seinen limitierten Möglichkeiten, hat er sich eingebracht, zum Beispiel mit einer Dichterlesung, gemeinsam mit Ulla.

Am 22. Februar 2019 wurde Br. Alfried Lehner zur höheren Arbeit abberufen. Und also verlosch ihm das Licht seines irdischen Lebens! Das Licht im ewigen Osten leuchte ihm!

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.

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