Menschenliebe, Bruderliebe

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Die freimaurerische "Bruderliebe" ist ein irreführender Begriff. Sie hat mehr zu tun mit einer geistigen Verwandtschaft, mit Vertrauen, Respekt; sie ist eine vernunftbegründete Entscheidung freien Willens. Dieser Beitrag untersucht die Begrifflichkeiten.

Vor längerer Zeit habe ich folgenden bemerkenswerten Abspann in einem Kriminalroman von Elisabeth George gelesen, der mich sehr berührt hat:

Die Welt ist ein schöner und zugleich schrecklicher Ort. Jeden Augenblick werden Gräueltaten begangen, und am Ende sterben die, die wir lieben. Wären die Schreie aller Lebewesen dieser Erde zu einem einzigen Schmerzensschrei vereint, würde er die Sterne erzittern lassen. Aber wir haben die Liebe. Sie mag uns zu zart erscheinen, um uns gegen die Schrecken dieser Welt zu schützen, aber wir müssen an ihr festhalten und an sie glauben, denn sie ist alles, was wir haben.

Elisabth George

Die Liebe soll also, so verstehe ich das, nichts weniger als die menschliche Identität, die Wahrheit des Menschseins auf unserer Erde ausmachen. Weil das so ist und für die Freimaurerei im Besonderen von so fundamentaler Bedeutung sein soll, so stehen am Anfang meiner Betrachtungen natürlich die Fragen: Was ist das überhaupt, die Liebe? Und wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Lexikalisch wird die Liebe, aus dem Mitteldeutschen kommend und – Gutes, Angenehmes, Wertes bedeutend – als die stärkste Zuneigung beschrieben, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden in der Lage ist. Menschenliebe ist nach gleicher Quelle ein allgemein menschenfreundliches Denken und Verhalten.

Bruderliebe im freimaurerischen Sinne schließlich bezeichnen Eugen Lennhoff und Oskar Posner in ihrem Freimaurerlexikon als „gesteigerten Grad der Zuneigung … in geistiger Blutsverwandtschaft“. Ein wenig schwülstig, wie ich meine.

Menschenliebe nicht auf „Charity“ reduzieren!

Wie dem auch sei: Das Wortkompositum „Menschenliebe“ taucht im 18. Jahrhundert, im umwälzenden Zeitalter der Aufklärung, erstmals auf. In einer Zeit also, in der auch die Freimaurerei ihren ersten Ausdruck fand. So wurde die Liebe Bestandteil auch des freimaurerischen Katechismus. Es kam zu dieser Zeit unter der Bezeichnung Philanthropismus zu einer Ausbildung einer regelrechten Lehre von der Erziehung zu Natürlichkeit, Vernunft und „Menschenfreundschaft“, wie es damals hieß.

Leider wurde der Begriff „Menschenliebe“ im 20. Jahrhundert eher ungebräuchlich und bis heute etwa auf Karitas oder – schlimmer noch – auf „Charity reduziert und dem Non-Profit-Sektor zugewiesen. Diese Begrifflichkeiten deuten, bei allem Wohlwollen, eher auf ein Tun, eine Handlung, als auf eine innere Einstellung hin. Oft heißt es in diesem Zusammenhang, dass das Christentum, um nur eine Religion zu nennen, für sich in Anspruch nimmt, den Gedanken der Menschenliebe als eine Kardinaltugend eingeführt habe. Ja das Postulat der Menschlichkeit sei überhaupt ein Vorrecht, weil es Bestandteil der sogenannten Gottesliebe sei.

Ich glaube demgegenüber nicht, dass die unverzichtbare Liebe unter uns Menschen von einer göttlichen Herkunft ist. Da würden allein die von mir eingangs bei Elisabeth George geschilderten Gräuel auf unserer Erde entsprechende Fragezeichen setzen.

Die Freimaurerei begründet ihre Ethik nach meiner Auffassung zunächst aus Vernunft und nicht aus einer dogmatischen göttlichen Satzung. Für mich fordert die Freimaurerei ja auch nicht ein seliges Leben im Jenseits, sondern ein sittliches Leben im Diesseits.

Schon bei dem Naturrechtslehrer Christian Thomasius ist Anfang des 18. Jahrhunderts aufklärerisch zu lesen, dass im Gegensatz zu traditionellen christlichen Modellen die Menschenliebe nicht von einer Gottesliebe abhängig gemacht wird, sondern als eigenständige Naturgegebenheit zu würdigen und in den Mittelpunkt zu stellen ist. Menschenliebe könne nicht auf Gottesliebe reduziert werden, sondern eher Gottesliebe auf die Menschenliebe.

So glaube ich denn auch mit einer gewissen Konsequenz, dass nicht ein Gott den Menschen nach seinem Bild schuf, sondern der Mensch schuf seinen Gott oder seine Gottheiten nach seinem idealisierten Bilde.

Die Liebe unter den Menschen ist somit Auswirkung zunehmender Aufklärung über die Zeiten. Dies führt mich weiter zum Symbol des Allmächtigen Baumeisters aller Welten, den ich nur als ein Sinnbild betrachte, das dazu auffordern möchte, den eigenen sittlichen Willen in einer gewissen Weisheit zu stärken und meine eigene Unvollkommenheit zu erkennen. Der also auch nicht eine Liebe spendende Funktion für mich haben kann, ich ihn im christlichen Sinne nicht anrufen kann.

Wie dem auch immer es für jeden einzelnen Bruder sei und welche Bedeutung es für ihn haben möge: Ich gehe davon aus, dass der ethische Fortschritt auf unserer Erde schon vor der Begründung des Christentums entstand und nicht selten von Revolutionären und Außenseitern ausging.

„Wo Mensch den Menschen liebt“

Die Philanthropie jedenfalls hat schon in vorchristlicher Zeit ihre Erkenntnis gefunden und erfuhr in den Religionen der Neuzeit ihre, zugegeben eindrucksvolle Ausdeutung. Hier seien als Stichworte Der Liebe Gott, das Hohe Lied der Liebe im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus und die Stichworte Barmherziger Samariter und Martin von Tours, den Sankt Martin, gegeben.

Als bemerkenswertes und möglicherweise frühestes Beispiel sei Aischylos aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert genannt, der die Tat des uns in Bonn besonders verbundenen Titanen Prometheus, den Menschen das Feuer zu verschaffen, als – wörtlich übersetzt – menschenfreundlichen Akt bezeichnete. Denn es scheint plausibel: Ohne die Schlüsseltechnologie der Feuerbändigung, da haben die alten Griechen schon recht mit ihrem Prometheus-Mythos, wären wir niemals zu dem geworden, was wir sind.

Aus gleicher Zeit sei Konfuzius zitiert: „Menschenliebe ist das Wesen der Sittlichkeit, Menschenkenntnis das Wesen der Weisheit.“ Lessing fragt: „Was ist ein Held ohne Liebe?“, während Kant die Liebe als „Pflicht zu tätigem Wohlwollen“ identifiziert.
Der freimaurerische Autor Franz Carl Endres schrieb in einem seiner Werke über die Liebe: „Nichts ist unsittlich, wo (seelische) Wahrhaftigkeit maßgebend ist, und nichts ist sittlich, wo der Egoismus motivlich beteiligt ist.“

In Sarastros Hallenarie in Mozarts „Zauberflöte“ ist von Menschenliebe die Rede, die einen gefallenen Menschen wieder zur Pflicht führt: „Wo Mensch den Menschen liebt.“  Dostojewski lässt den alten Sossima im Roman „Die Brüder Karamasow“ sagen: „Ihr Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der Schmerz darüber, dass man nicht mehr zu lieben vermag.“
Der Freimaurer Heinrich Heine ging idealistisch noch weiter. Für ihn war „Cosmopolitismus, allgemeine Völkerliebe“. Er glaubte 1831, zwölf Jahre bevor er unserem Bund beitrat, bereits an eine „neue Religion der Liebe und Brüderlichkeit“.

Das freimaurerische Symbol der Liebe ist schließlich in den mir besonders am Herzen liegenden drei Johannisrosen enthalten, die Licht, Liebe und Leben symbolisieren.  All das, was ich bisher als Stichworte, Hinweise und Zitate ausgeführt habe, wäre einer eigenen umfänglichen Betrachtung wert.  Für mich, und damit möchte ich den ersten Teil meiner Zeichnung abschließen, gilt in diesem Zusammenhang ein Bedeutungspaar, wie es der Naturwissenschaftler Carl Friedrich Gauß in der Zeit der Aufklärung zusammengestellt hat:

„Durch zwei Dinge kann man wirklich glücklich werden: durch reine Liebe und durch reine Vernunft.“

Carl Friedrich Gauß

Respekt und Vertrauen sind der Ausdruck brüderlicher Liebe

Ich möchte mich nun weiter dem für uns Freimaurer so fundamentalen Thema mit zwei Fragen widmen: Was ist denn eigentlich genau diese Liebe, die wir Brüder Maurer füreinander empfinden sollen? Verwenden wir in der Freimaurerei das Wort „Liebe“ nicht oft zu bedenkenlos? Als erste mögliche Deutung möchte ich Friedrich Mossdorf von 1818 vortragen:
„Es ist ein Gewinn für den Mann, des Geist und Herz von reiner Menschenliebe warm und für sie empfänglich ist, in der Maurerbrüderschaft einen Bund zu erblicken, welcher Bruderliebe zu seinem Wesentlichen rechnet und Gelegenheit giebt, sich mit gleichgesinnten liebevollen Brüdern zu geselligem Fleiß im Geiste reiner Menschenliebe zu vereinen. Die Maurerbrüder sollen, nach der Vorschrift ihrer Kunstlehre, in Liebe und Friede zu allem Menschlichen vereint seyn, wie eine Seele.“
Bei diesem Bruder Mossdorf und auch bei anderen aus dieser Zeit finden wir ein stark gefühlsmäßiges Erfassen einer freimaurerischen Wahrheit vor.

Der Bezug auf den Begriff Seele greift dabei aber ganz offensichtlich auf unterschiedliche, insbesondere religiöse, philosophische oder psychologische Traditionen zurück. Mit rein rationalen Gründen wäre eine solche Liebe nicht zu erklären. Dennoch ist die so von Mossdorf erklärte Bruderliebe auch heute vielfach unverändert die Basis des sittlichen Denkens der Freimaurerei. So interpretiert wird die seelische Bruderliebe – wenn ich sie einmal so nennen darf – zum Bestandteil des freimaurerischen Traumes, der den Tempel der Humanität fertig gebaut sieht.

Das kann man so betrachten. Allerdings: Die brüderliche Liebe, so als Seelenvereinigung der Brüder interpretiert, lässt außer Acht, dass jeder Bruder für seine persönliche Quest, also seinen Weg der Individuation, zunächst einmal selbst verantwortlich ist. Bei jedem Bruder persönlich beginnt die Suche nach seinem verlorenen Wort.

Der Bezug auf eine angeblich unsterbliche „Seele“ setzt außerdem zweifellos Glauben voraus, hat also – wie bereits dargestellt – neben einem mythischen bzw. philosophischen insbesondere einen religiösen Hintergrund.

Dies wäre für mich, der ich mit Kant für eine Befreiung der Ethik aus der Bevormundung durch die Theologie einig bin, nicht akzeptabel. So halte ich denn auch Religionen für ein psychisches Phänomen. Dies alles ist der Kontext, in dem sich meine Vorstellung von ehrlicher, aufrichtiger Menschen- und Bruderliebe bewegt.

Deshalb sollte man – um zum Thema Bruderliebe direkt zurückzukehren – meines Erachtens so argumentieren: Die brüderliche Liebe beruht im Wesentlichen auf einer vernunftbegründeten Entscheidung des freien Willens. Dem anderen Bruder sollen ohne Vorbehalte vor allem zwei Gefühle entgegengebracht und dürfen auch erwartet werden: Respekt und Vertrauen.

Dies ist am besten gepaart mit einer durchaus empathischen Fähigkeit, sich in den Anderen hineinzudenken und seine Beweggründe zu verstehen. Dieses Einfühlungsvermögen kann man sich durchaus anerziehen. Hierzu muss der Sinnbild gebende raue Stein nur kräftig genug bearbeitet werden, damit als Resultat auch Zuneigung entsteht.
Kennenlernen im geschützten Raum der Loge

Welcher Interpretation man nun eher zuneigt, der seelischen oder der eher rational begründeten brüderlichen Beziehung, kann jeder Bruder natürlich für sich entscheiden. Auch hier gilt, wie in der Freimaurerei im Allgemeinen: Vielfalt in der Einheit.
Das darf aber, um nicht missverstanden zu werden, nicht bedeuten, dass auf die gemeinsame freimaurerische Innenarbeit verzichtet werden kann. Ganz im Gegenteil!

Ich meine hiermit das gemeinsame Versenken in den immer wieder anrührenden Zauber des Ritualgeschehens, das stets aufs neue angebotene Erschließen unserer Symbole, also die kontemplative Tätigkeit bei den beruhigend von der profanen Welt abgeschlossenen Tempelarbeiten.

Hier im Tempel ist, um mit dem von mir geschätzten freimaurerischen Autor Klaus- Jürgen Grün zu sprechen, der Spielraum, „in dem wir uns spielerisch die Szenen des Lebens vergegenwärtigen, um selbst tüchtig für eine humanitäre Gesellschaft zu werden“. Hier im Tempel kann man sie immer wieder spüren, wenn wir singen, „unsrer Freundschaft Harmonien“. Mit Verlaub: alle Brüder, alte wie junge gemeinsam! Das „Mögen wir uns alle so wiederfinden“ zum Schluss jeder Tempelarbeit ist für mich denn auch jedes Mal wieder eine Verheißung.

Fest steht für mich, dass wir nur mit so gespeister Hingabe und mit offenem Herzen dem wohlverstandenen freimaurerischen Gebot der Bruderliebe werden entsprechen können. Ich denke, man muss an sich selbst in Erfahrung bringen, wie dem Anderen zumute sein kann. Das geht nur durch vertiefendes Kennenlernen untereinander, durch Gespräche, durch Zuhören im geschützten Raum der Loge. Es geht, wie unser Bruder Friedrich-Karl es ausdrückte, um „die mächtige Kunst der heilenden Kommunikation“. Diese persönlich gehaltene Zeichnung soll auch ein Beitrag dazu sein.

Die brüderliche Liebe muss fußen auf Erfahrungen des „Erkenne dich selbst!“, dem vorchristlichen „nosce te ipsum“, und mit Demut, Disziplin und Beharrlichkeit erworben werden. Die brüderliche Liebe muss zweitens basieren auf der von Gauß neben der Liebe geforderten Vernunft, denn die Freimaurerei begründet ihre Ethik aus eben dieser Vernunft und nicht aus einer göttlichen Satzung. Dafür müssen wir unermüdlich am rauen Stein arbeiten. Das Ziel dieser Arbeit an sich selbst sollte sich ausdrücken in Fürsorge, Verständnis, Interesse, Freude, Hilfsbereitschaft, Respekt und Vertrauen – und nicht zu vergessen: in Aufrichtigkeit. Das alles, es ist ja nicht gerade wenig, getragen von Güte und Nachsicht.

Für mich steht fest: Wenn sich die so interpretierte brüderliche Liebe im Wunsch nach Gemeinsamkeit und Gemeinschaft auch mit einer nicht geringen Portion Frohsinn und Lebensoptimismus verwirklicht wird, dann wird diese Liebe erfüllend sein.

Mit Optimismus aus dem Jammertal herausfinden

Wir Freimaurer müssen allem Jammertalgerede auf unserer Erde widerstehen. Es gibt, um mit Bertrand Russell zu sprechen, auch keine Hölle und keine ewige Verdammnis. Da sei die irdische Liebe vor. Nur derart überzeugt, froh und lebensbejahend gestimmt, ich wiederhole es, wird unsere Liebe wirklich erfüllend und ansteckend sein. Es darf auch nicht um ein Trostspenden in einer angeblich unerträglichen Moderne gehen oder um ein Beklagen mit Blick auf die unaufhaltsame „Chinaisierung“ unserer Lebenswelt bzw. um Frustzustände etwa bei den Followern und Likes in den sozialen Netzwerken. Es darf nicht um Angst vor Algorithmen oder vor künstlicher Intelligenz gehen bzw. etwa um die düsteren Prognosen des Philosophen Richard David Precht, dem „Fackelträger der deutschen Verzagtheit“ (Siering).

„Think positive!“ muss die Devise sein.

Da hält man es besser mit dem im Jahr 2018 verstorbenen Stephen Hawking: „Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologien und der Weisheit, mit der wir davon Gebrauch machen. Wir sollten sicherstellen, dass die Weisheit gewinnt.“

Erwerben wir diese Weisheit mit freimaurerischen Mitteln!

Und dabei sollten wir nicht vergessen: Die Welt ist aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst da. Da versteigt sich ja auch heute bereits die aktuelle Evolutionsforschung zu der Aussage, es gäbe keine „Mutter Natur“. Mit einer derartigen Romantik käme der nicht weiter, der die Geschichte des Lebens erklären wolle. Es habe auch keinen Plan gegeben, nach dem dabei der Mensch herausgekommen sei (Axel Meyer, 2019). Nicht mehr, aber auch nicht weniger an dieser Stelle zum Thema Zukunftsorientierung, mit der sich auch die Freimaurerei so schnell wie möglich auseinandersetzen muss.

Für uns Freimaurer ergibt sich somit ein anspruchsvolles Programm, zweifellos sehr idealistisch. Aber sind wir Freimaurer nicht alle unverbesserliche Idealisten? Nur so ehrlich erfüllt und idealistisch durchdrungen kann jeder Bruder Freimaurer auch den immerwährenden Existenzanspruch und die Notwendigkeit der Freimaurerei gerade in unserer Zeit überzeugend und beispielgebend in die uns umgebende schnelllebige profane Welt tragen.

Unsere Bemühungen als Menschen und Brüder müssen deshalb schlussendlich unverdrossen – wider alle noch so populistischen Fake News dieser Welt und wider alle Verschwörungstheorien – münden in eine überzeugende vernunft- und nicht religiös bezogene Nächstenliebe, sind es doch die Menschen, will sagen alle Menschen, derer wir beim Tempelbau bedürfen. Da darf sich kein Bruder Freimaurer irritieren lassen. Diese Liebe, die Nächstenliebe also, beinhaltet – ich fasse zusammen – jede dem Wohl der Mitmenschen zugewandte aktive, uneigennützige Gefühls-, Willens- und Tathandlung.
Hierher gehört der Begriff Barmherzigkeit, aber auch ein Verweis auf Kants Kategorischen Imperativ.

Das ist die Quintessenz meiner Zeichnung. „Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch.” Hierbei Hilfreiches lese ich abschließend bei Sebastiao Magalhaes Lima, dem 1850 geborenen Vorkämpfer des portugiesischen Liberalismus und Freimaurer: „Es gibt nur ein dauerndes Gesetz auf der Welt, das ist das Gesetz der Liebe. Es ist nicht allein die Liebe , die sich in Güte und unendlicher Schönheit offenbart, in dem großen Mitleid mit jeglicher Kreatur , sondern es ist auch die Liebe, die sich kurz als die Liebe zum Weltall ausdrücken lässt, als brennender Wunsch, für andere zu leben. Es ist die Liebe für die Kleinen, für die Bescheidenen, für die Bedrückten. Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch: Das ist die Liebe des Freimaurers.“

Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch! So soll es sein.

Kant hat die „Nächstenliebe“ auf seine Art in dem Werk „Die Religion innerhalb der bloßen Vernunft“ so beschrieben: „Die Pflicht der Nächstenliebe kann also auch so ausgedrückt werden: sie ist die Pflicht, anderer ihre Zwecke (sofern diese nur nicht unsittlich sind) zu den meinen zu machen; die Pflicht der Achtung meines Nächsten ist in der Maxime enthalten, keinen anderen Menschen bloß als Mittel zu meinen Zwecken abzuwürdigen (nicht zu verlangen, der andere solle sich selbst wegwerfen, um meinem Zwecke zu frönen).“

Diese so bei Lima und Kant identifizierte Nächstenliebe – die Menschenliebe und Bruderliebe gleichermaßen umfasst – hilft, den Grundgedanken der Freimaurerei, die Autonomie des Sittengesetzes zu realisieren. Diese Nächstenliebe muss also zum Schlussstein unseres symbolischen Tempelbaues werden.

Das könnte und sollte das Ende meiner Zeichnung sein.

Da ich aber dem Freimaurersein eine gehörige Portion Fröhlichkeit beimessen möchte und da meiner Zeichnung ganz offensichtlich ein Link zur erotischen Liebe gefehlt hat, hier zum definitiven Schluss einige Zeilen aus der Feder unseres Bruders Heinrich Heine:

Sie saßen und tranken am Teetisch und sprachen von Liebe viel. Die Herren, die waren ästhetisch, die Damen von zartem Gefühl. „Die Liebe muß sein platonisch“, der dürre Hofrat sprach. Die Hofrätin lächelt ironisch, Und dennoch seufzet sie. „Ach!“ Der Domherr öffnet den Mund weit: „Die Liebe sei nicht zu roh, Sie schadet sonst der Gesundheit.“ Das Fräulein lispelt: „Wieso?“ Die Gräfin spricht wehmütig: „Die Liebe ist eine Passion!“ Und präsentieret gütig Die Tasse dem Herren Baron. Am Tisch war noch ein Plätzchen; Mein Liebchen, da hast du gefehlt. Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, Von deiner Liebe erzählt.

Heinrich Heine
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Das Symbol des 24-zölligen Maßstabs

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Von den Puhdys, einer ostdeutschen Kultband, stammt der Soundtrack zu dem 1973 veröffentlichten Film „Die Legende von Paul und Paula“. Das Lied „Wenn ein Mensch lebt“ besitzt dabei einen außergewöhnlich bewegenden Text, geschrieben von Ulrich Plenzdorf.

Von Paul Franke

„Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine verstreuen,
Bäume pflanze, Bäume abhauen,
Leben und Sterben und Streit.“

Die Vorlage dazu findet sich jedoch schon im Alten Testament in den Texten des Predigers Salomo:
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat eine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“

Die Zeit mit Weisheit einzuteilen, das ist die Forderung, die das Symbol des 24-zölligen Maßstabs an uns stellt. Jeder von uns denkt und redet mehrmals am Tag über die Zeit: „Ich habe keine Zeit“ oder „ich habe heute Zeit“ für dieses oder jenes. Aber wenn ich mich frage: Was ist denn eigentlich die Zeit?, dann gerate ich schon ins Stocken. Gut, es ist eine physikalische Größe, man kann mit ihr rechnen. Die Wirtschaft, der Verkehr, die Arbeit, ja unser ganzes Leben ist danach und von ihr eingeteilt, also gibt es sie. Das wird niemand bestreiten. Aber was weiß ich denn wirklich über sie, über die Zeit? Ich kann Zeit nicht schmecken, nicht hören, nicht sehen, nicht fühlen und nicht anfassen. Ja, wir können die Zeit nicht einmal direkt messen, so wie man zum Beispiel eine Menge abwiegen kann. Wir messen die Zeit nur indirekt, indem wir die Menge der Sandkörner in einer Sanduhr messen oder die Bewegung des Zeigers auf dem Zifferblatt einer Uhr oder die scheinbare Bewegung der Sonne oder des Mondes am Firmament. Und von dem Messen dieser verschiedenen Abstände des sich bewegenden Gegenstandes schließen wir auf die Zeit, die vergangen ist. Das ist nach allen unseren Erfahrungen auch richtig und führt zu überprüfbaren Ergebnissen. Aber die Zeit, die tatsächliche Zeit können wir nicht messen. Ja wir wissen nicht einmal, ob die Zeit kommt und vergeht oder ob sie nicht vielmehr einfach da ist. Zieht die Zeit an uns vorüber, wie der ständige Strom eines Flusses? Oder bewegen wir uns an der Zeit entlang und die Zeit steht wie ein stabiler Strang von einer Ewigkeit zur anderen Ewigkeit?

Früher fuhren auf vielen Flüssen Kettendampfer. Auf dem Grunde des Flusses zog sich eine sehr lange Kette entlang, die am Bug des Dampfers über eine Welle aufgenommen und am Heck wieder hinabgelassen wurde. Das Schiff zog sich an dieser Kette gewissermaßen bergauf. Ziehen wir uns in unserem Leben gewissermaßen auch an einer Kette entlang, deren einzelne Glieder wir jeweils Gegenwart nennen, einem unbekannten Ziel entgegen? Sozusagen von einer Gegenwart zur nächsten Gegenwart?

Wir teilen unsere Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein. Die Vergangenheit ist das, was hinter uns liegt und woran wir uns, wenigstens teilweise und meist sehr subjektiv, erinnern können. Zukunft liegt vor uns und ist uns von der Erfahrung her noch unbekannt. Sie ist der Ort der Hoffnungen und Befürchtungen. Soweit ganz einfach. Aber was ist nun eigentlich die Gegenwart? In dem Moment, in dem ich diesen Satz denke und aufschreibe, ist er schon Vergangenheit und nicht mehr Gegenwart. Die Gegenwart scheint fast unmessbar kurz zu sein, denn kaum ist sie da, vergeht sie sofort und wird Vergangenheit.

Es kann ja sein, dass das fast unnütze Gedanken sind, „ohne Nährwert“, würde meine Großmutter sagen, aber vielleicht doch bedenkenswert. Leibniz schreibt: „Die Zeit ist die Ordnung des nicht zugleich existierenden. Sie ist somit die allgemeine Ordnung der Veränderungen.“ Das klingt einleuchtend, aber bin ich deshalb wirklich klüger? „Zeit ist eine Erscheinung, die sich in Form von Tag und Nacht darstellt“, schrieb Sextus Empiricus im zweiten Jahrhundert, aber bringt uns das weiter?

Augustinus schrieb in seinen Confessiones: „Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Dieser Satz kommt meinem Gefühl der Zeit gegenüber deutlich am nächsten.
Und warum ist die Wahrnehmung der Zeit in unserem eigenen Leben, in unseren Lebensabschnitten so unterschiedlich?

Rasend schnell ist die Zeit vorbei, wenn wir in einer angeregten und zufriedenen Runde miteinander sind. Scheinbar lang und ewig erstreckt sie sich in einem langweiligen Vortrag. Als ganz furchtbar empfinde ich, dass man im Alter des Lebens die Zeit als rasend schnell vorübergleitend wahrnimmt. Ehe man es sich versieht, ist schon wieder ein Jahr vorüber. Als Kind dagegen schien mir die Zeit vom 20. Dezember bis zum Heiligen Abend überhaupt nicht zu vergehen. „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die Zeit vorüber, in der man kann“, sagte Marie von Ebner-Eschenbach. Manchmal sprechen wir von einer Beschäftigung als von einem „Zeitvertreib“. Eigentlich ein schlimmer Begriff, denn haben wir so viel Lebenszeit, dass wir sie auch noch vertreiben möchten? Wohl kaum, denke ich. Auch Seneca schrieb dazu: „Nein, nicht gering ist die Zeit, die uns zu Gebote steht; wir lassen nur viel davon verloren gehen!“

Die Zeit erscheint wie ein riesiger feststehender Fels, neben dem alles andere herum winzig und in ständiger Bewegung ist. Ist die Zeit ewig? Und noch zaghafter gefragt: Ist die Zeit vielleicht Gott? Oder eine Erscheinungsform von Gott?

Mir ist bewusst, dass diese Gedanken höchst unfertig sind. Ich habe den Versuch unternommen, über etwas nachzudenken, was eigentlich nicht zu fassen ist. Daher muss es notwendigerweise unvollkommen bleiben. Und dennoch scheint mir die Zeit als etwas, über das es sich lohnt nachzudenken, denn wir alle sind immer mitten in der Zeit. Letztendlich ist unsere Lebenszeit das einzige, was wir wirklich besitzen.

Wie oft sagten oder dachten wir schon: „Die Zeit vergeht.“ Welch ein Irrtum! Nicht die Zeit vergeht – wir sind es, die vergehen. Die Zeit bleibt.

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Der Freimaurer Alphonse Mucha

„Omladina“ aus dem „Slawischen Epos“ von Mucha, 1926 © mit freundlicher Genehmigung von „Praga Masonica“

Der tschechische Jugendstilmaler Alphonse Mucha erlangte um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in Paris weltweite Berühmtheit. Seine Plakate für die Schauspielerin Sarah Bernhardt brachten ihm Anerkennung, ebenso wie später die zahlreichen Aufträge und Arbeiten in dem Stil, der manchmal „Le Style Mucha“ genannt wurde.

Obwohl er im Zentrum der Weltkunst aktiv war, blieb er ein Patriot seines Landes, was er mit seinem Zyklus „Slawisches Epos“ (Slovanská epopej) demonstrierte, der eine Reihe von großformatigen Gemälden mit bedeutenden Ereignissen aus der tschechischen und slawischen Geschichte darstellt. Mucha hatte aber auch eine kosmopolitische Seite, die sich durch seine lebhaften Aktivitäten in der Freimaurerei bemerkbar machte, die er als einen Weg ansah, um universellen Frieden, Brüderlichkeit und Glück zu erreichen.

Mucha wurde am 25. Januar 1898 in die zum Grand Orient de France gehörende Loge „Les Inséparables du Progres“ in Paris aufgenommen. Der Slogan der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ inspirierte ihn; er sah eine Stärke in der Freimaurerei, die auch seinem Land Freiheit bringen konnte, das damals Teil der Habsburger Monarchie war. Während dieser Zeit lebte und arbeitete Mucha im Ausland, hauptsächlich in Paris. Nach seiner Rückkehr in die Heimat gestaltete Mucha 1910 die Bürgermeisterhalle im Prager Gemeindehaus aus, in der auf dem Wandtriptychon neben patriotischer Symbolik auch verborgene Freimaurersymbole zu sehen sind. Auch auf einigen Leinwänden des „Slawischen Epos“ sind Verbindungen zur Freimaurerei zu erkennen.

Mucha war Mitbegründer der ersten tschechisch-sprachigen Loge „Jan Amos Komenský“, die 1918 in Prag von einer Gruppe tschechischer Maurer gegründet wurde, die Mitglieder ausländischer Logen waren. Der Direktor des Nationaltheaters und Rusalka-Opernlibrettist Jaroslav Kvapil war ebenfalls sehr aktiv an der Gründung dieser Loge beteiligt. Mucha war fest davon überzeugt, dass die Freimaurerei das Rückgrat für den Aufbau einer jungen demokratischen und freien Republik sein würde. 1922 wurde Mucha zum Oberbefehlshaber des tschechischen schottischen Ritus gewählt. In den Jahren der Ersten Republik (1918–1938) galt er als höchster Vertreter der tschechoslowakischen Freimaurerei. Von dieser Position aus unterstützte er die Gründung der Nationalgroßloge der Tschechoslowakei im Jahr 1923, der Dachorganisation der dortigen Freimaurerei.

Mucha besuchte oft das Schloss Zbiroh, wo er am „Slawischen Epos“ arbeitete. Von dort hatte er es nicht weit bis Pilsen, wo er die „Dobrovsky“-Loge besuchte und unterstützte. Zum 10-jährigen Bestehen der Tschechoslowakischen Republik (1928) wurde er Mitbegründer der Loge „Pravda vítězí“ (Die Wahrheit siegt) in Prag. Anlässlich seines 70. Geburtstages wurde er zum Ehrenmitglied aller Freimaurerlogen unter der Obödienz der Nationalen Großloge der Tschechoslowakei ernannt. Trotz seines Patriotismus war er auch offen für die deutschsprachigen Freimaurer im Land und entwickelte eine freundschaftliche Zusammenarbeit mit ihnen. Dank dieser Aktivitäten wurde er 1930 zum Ehrenmitglied der deutschen Großloge „Lessing zu den drei Ringen“ in Prag ernannt. Mucha vertrat die tschechoslowakischen Maurer auch im Ausland. Beispielsweise war er 1926 aktiver Teilnehmer der „Internationalen Freimaurer-Friedenskonferenz“ in Belgrad. Er pflegte auch eine enge persönliche Freundschaft mit J. H. Cowles, dem amerikanischen Großkommandeur des Schottischen Ritus in Washington.

Als Künstler war Mucha auch maßgeblich an der Schaffung verschiedener Artefakte für die tschechoslowakischen Logen beteiligt. Er entwarf zum Beispiel das Design für die Briefpapiere des Schottischen Ritus und der Nationalen Großloge sowie die Grafiken auf der Titelseite der Zeitschrift „Svobodný zednář“ (Der Freimaurer). Muchas Entwürfe von freimaurerischen Bijous wurden weltweit populär. Diese Bijous zeigen seinen unverwechselbaren Stil mit den unverkennbaren Jugendstil-Schwüngen und angenehmen farbigen Nuancen. Die Bijous sind immer flach, aus Bronze und mit farbigem Emaille gefüllt. Er kombinierte nationale und freimaurerische Elemente zu Formen, die die Mission einer bestimmten Loge zum Ausdruck brachten. Sein Gespür für dekorative Effekte drückte sich sowohl in der Darstellung des Schmuckstücks selbst als auch in den ungewöhnlichen Formen aus. Sein erster Entwurf war für die Loge „Jan Amos Komenský“ bestimmt. Das Bijou zeigt das Datum 1918, das Gründungsjahr, und das Jahr 1919, das Weihejahr. Es folgten Bijous für die Logen „Dílo“, „Dobrovský“, „Pravda vítězí“ und „Vyšehrad“ (Vierter Grad des Schottischen Ritus). Die Verzierungen der Schurze für den 4. und 18. Grad zeigen ebenfalls deutlich Muchas Stil, ähnlich wie der Hammer und die Aufbewahrungsbox für das „Buch des heiligen Gesetzes“ und wichtige Dokumente der Loge „Dobrovský“. Er malte ein Bild eines Maurers mit dem Titel „Poslední dílo“ (Letztes Werk) für den Freimaurertempel in der Dittrich-Straße in Prag.

Neben anderen kunsthandwerklichen Arbeiten mit masonischem Hintergrund gerieten Muchas Freimaurer-Gläser fast in Vergessenheit. Sie wurden um 1930 als repräsentatives Geschenk geschaffen. Gleichzeitig sollten die Verkaufserlöse den Bau eines Freimaurerzentrums in Prag finanzieren.

Viele dieser Stücke waren vom 8. Dezember 2018 bis 30. März 2019 erstmals in einer Ausstellung versammelt. Das „Dačického-Haus“ in Kutná Hora, Tschechien, widmete eine Schau dem „Freimaurer Alphonse Mucha“. Den Hintergrund für dieses Projekt gab das einhundertjährige Bestehen der ersten tschechisch-sprachigen Loge „Jan Amos Komenský“ im Jahr 1918, deren Mitbegründer Mucha war. Die meisten der freimaurerischen Ausstellungsstücke stammten ausschließlich aus privaten Quellen, darunter von Mitgliedern der „Praga Masonica Society“, der Großlogen von Tschechien und vom „Mucha Trust“.

Dieser Beitrag ist im Original in englischer Sprache erschienen in:
Quatuor Coronati Berichte
Wiener Jahrbuch für historische Freimaurer-Forschung
Nr. 39/2019
Salier, Leipzig, 2019
Klappenbroschur, 448 Seiten
ISBN 978-3-96285-029-6
überall im Buchhandel

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Der unterbestimmte Mensch und das freimaurerische Ritual

Foto: Johannes Plenio / Pixabay

In unseren westlichen Philosophien seit der griechischen Antike tritt der Mensch auf als ein Wesen, das wesentlich bestimmt sei.

Von Klaus-Jürgen Grün

Das Wesen des Menschen sei – so Aristoteles – ein zoon politicon. Er widersprach damit Platon, der das Wesen des Menschen als verkörperte Idee des Guten bestimmte. Menschen, die dieser Idee zu wenig entsprachen, sollten mit Methoden der Bildung und Gewalt umerzogen werden. Wo dies nicht zu gelingen schien, riet Platon auch schon einmal zum Töten. Überhaupt erweist sich Platon als Chefideologe der Dogmatiker, seien sie Anhänger der katholischen Inquisition oder der islamistischen Terrormiliz. Wer sein Menschenbild ohne Bezug auf Gott und die Götter schafft, dem soll, wenn ihn auch alle Überredungskunst im Kerker nicht zum Abschwören geführt hat, „von Neuem der Prozeß gemacht und er dann mit dem Tode bestraft werden“ (Platon: Nomoi).

Die vom Platonischen abgeleitete Wesensbestimmung des Menschen im Christentum erklärte den Menschen gottähnlich. Individuen oder ganze Völker, die diesem Ideal nicht entsprachen, sind oftmals pyrotechnisch oder kolonisatorisch entsorgt worden. Aber die zunehmende Unglaubhaftigkeit, dass solcherlei Grausamkeit mit der Gottähnlichkeit vereinbar sein könnte, schuf in der europäischen Aufklärung den Vernunftmenschen, der als die Inkarnation der Vernunft bestimmt war. Aufklärer legten von Anbeginn die Bestimmung des Menschen in die Vernunft. Sie konzipierten den Menschen dabei – meistens verschleiert – als göttliches Wesen, denn die Vernunft des Menschen war strukturiert wie vormals der christliche Gott: Vernunft sei der Sitz von Gut und Böse; sie sei vor jeder moralischen Entscheidung um Rat zu befragen; ihrem Rat sei stets Folge zu leisten; und die Vernunftentscheidung entsprach immer der Wahrheit.

Noch die Väter unseres Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat zu Beginn unserer neuen Republik gingen davon aus, dass der deutsche Wähler ein vernunftbegabter und mündiger Bürger sei. In der Gegenwart allerdings erleben wir, dass die lautesten und barbarischsten Stimmen zur Verteidigung des völkisch orientierten deutschen Wesens des Menschen weder mit Aufklärung noch mit Vernunft etwas zu tun haben wollen.

Hier nun ist der vorläufige Gipfel der Komplexität erreicht, der jede vormals für einzigartig gehaltenen Bestimmung des Menschen ad absurdum führt. Dass jeder Nazi, jeder Islamist, jeder dogmatische Katholik, aber auch jeder Moralist immer noch der Illusion aufgesessen ist, er oder sie hätte die einzig objektive Bestimmung des Menschen erfasst, widerspricht der hier vertretenen Auffassung nicht. Denn jede dieser Illusionen ist Bestandteil der Komplexität, und sie alle zusammen bestätigen die These der Unterbestimmtheit des Menschen.

Hinzu kommt in der modernen Gesellschaft die Beobachtung, dass man „sehr leicht ohne Religion und vielleicht ohne Kunst leben [kann]. Man kann aber nicht ohne Recht und ohne Geld leben“ (Niklas Luhmann, Archimedes und wir. Interviews, Berlin 1987, S. 79). Keine Bestimmung des Menschen leistet, was sie verspricht, aber alle zusammen strukturieren, was keine der einzelnen wahr haben will: Es gibt keine einzig und allein gültige Bestimmung des Menschen. Von allen Seiten aber reden uns Ideologen mehr oder weniger gewaltsam ein, dass man als Mensch nicht ohne die in der jeweiligen Ideologie für unverzichtbar erklärte Bestimmung des Menschen leben könnte.

Freimaurerei verfährt perspektivisch

Freimaurerei pflegte allerdings von Anfang an einen klugen Umgang mit der Unterbestimmtheit des Menschen. Sie holte die Männer mit unterschiedlichstem Dünkel, was die Bestimmung des Menschen angeht, in die Logen. Dort mussten sie erfahren, dass ihre eigene Religion, ihre eigene politische Überzeugung, ihre eigene Zugehörigkeit zu einem sozialen Stand nichts weiter war als eine von vielen Perspektiven. Sicher war es ein Glück für das Gelingen der Freimaurerei, dass diese Männer nicht gleichzeitig noch überfordert wurden damit, dass auch Frauen eine Perspektive in Bezug auf die Bestimmung des Menschen haben. Die Großloge von England ist ja bis heute noch überfordert damit, dass Frauen als echte Freimaurerinnen in den Logen einen Beitrag zur Offenheit der Bestimmung des Menschen leisten.

Vergleichen wir die Bestimmungen des Menschen in Theologie, Philosophie und Anthropologie mit der Praxis im Ritual der Freimaurerei, so fällt ein deutlicher Unterschied ins Auge. In der Freimaurerei wird keine Theologie, keine Philosophie und keine Anthropologie, die das Wesen des Menschen metaphysisch festgelegt hat, vorausgesetzt. Die Praxis der Freimaurer zelebriert die Unterbestimmtheit des Menschen. Was die Bestimmung des Menschen sein könnte, bleibt wie der unvollendete Bau des symbolischen Salomonischen Tempels stets offen. Die empirischen Tätigkeiten in den rituellen Arbeiten – nicht die Ideologien in den Köpfen vieler individueller Freimaurer und Freimaurerinnen – offenbaren das Bild eines rauen Steines, der in Gesellschaft anderer an sich selbst arbeitet, um sich mit diesen zu einem funktionierenden Sozialverband zu vernetzen. Keine scheinbar an sich feststehenden Tatsachen über den Menschen, sondern die sich stets neu zusammensetzenden Individuen mit unterschiedlichen Perspektiven strukturieren eine vorläufige Vorstellung von der Bestimmung des Menschen. Und sie bleibt immer vorläufig und unvollendet.

Freimaurer und Freimaurerinnen treten zusammen in ihren Tempeln, wo sie das Bild konstruieren, das sich aus Individuen zusammensetzt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie sind in verschiedenen Religionen aufgewachsen, gehören verschiedenen gesellschaftlichen Schichten an, haben verschiedene Bildungswege hinter sich, leben verschiedene Interessen aus, bringen unterschiedlichste Begabungen zum Ausdruck, und vieles mehr an Unterschieden. Von einem einheitlichen Wesen des Menschen oder sogar einer einheitlichen Bestimmung zu sprechen, schließt dieses Bild aus.

Freilich beschleicht manche Menschen panisches Unbehagen, wenn sie sich ihre eigene Unterbestimmtheit vorstellen sollen. Sie konstruieren dann eine Bestimmung des Menschen, indem sie ihre eigene Wahrheit über Religion und Ethik als absolut gültige und als das Ziel der freimaurerischen Arbeit unterstellen. Aber ihre Wahnvorstellung von einer Objektivität ihrer Konstruktionen wird in der Praxis der Tempelarbeit parodiert. Wer hierbei Bauchschmerzen bekommt, der macht sich dann seine eigene Freimaurerei, in der er beschließt, nur Männer oder Frauen eintreten zu lassen, die ihm unentwegt bestätigen, dass seine Perspektive die einzige sei, die der objektiven Wahrheit entspreche. Freimaurerei hat sich jedoch von diesen dogmatischen Sonderwegen nie vereinnahmen lassen.

Jeder ist Gestalter der Welt und für sein Tun selbst verantwortlich

Freimaurerei arbeitet nicht auf der Basis irgendwelcher Einheitlichkeiten wie der Einheit der Welt. Sie stellt vielmehr eine von unzähligen Möglichkeiten des Zustandekommens solcher Einheiten durch ihr Dasein als ein Gesamtkunstwerk vor. Vollkommen unabhängig von den Vorstellungen jedes Einzelnen zeigt der Vollzug des Rituals, dass in ihm keine außenstehenden Beobachter existieren. Wer an einer freimaurerischen Tempelarbeit teilnimmt, ist niemals ein außenstehender Beobachter. Stattdessen dienen bereits die vorbereitenden Ritualhandlungen dem Erlebnis, dass die Welt der außenstehenden Beobachter für die Dauer einer Tempelarbeit durch „Deckung“ ausgegrenzt wird. Innerhalb des gedeckten Tempels ist jeder einzelne Teilnehmer des Rituals. Keiner ist mehr unbeteiligter Beobachter.

Im Theater und in der Kirche ebenso wie im Museum ist das anders. Im Museum steht der Betrachter vor dem Bild oder der Statue; in der Kirche sind die Profanen auf der einen Seite des Geschehens untertänigst angeordnet – sie verbeugen sich vor dem Priester und empfangen von ihm die Weihe oder die Hostie, und der Priester seinerseits ist geweiht und kann niemals durch einen Profanen ersetzt oder gar durch freie Wahl abgelöst werden. Deutlicher noch sind im Theater die Beobachter von den Handelnden der Handlung getrennt. Sie entrichten ihren Eintritt, verhalten sich ruhig und geben nur dann Zeichen ihres Daseins kund, wenn es die Handelnden vorgesehen haben.

Mit dem Fehlen einer objektiven Bestimmung und dem rituellen Aufbau eines beständig neu konzipierten vorläufigen Bildes des Menschen sowie der Humanität sperrt sich Freimaurerei gegen jede Art völkischer, rassistischer oder religiöser und kirchlicher Festlegungen. Von daher nähert sich die Metapher „Toleranz“ dem Gedanken, dass man es beim Menschen mit etwas sichtlich undurchschaubar Komplexem zu tun hat.

Das überfordert natürlich das Toleranzverständnis der meisten Menschen. Denn hierbei werden „Ungewissheiten unserer Orientierung und die Risiken der Desorientierung … so stark, dass es beruhigt, wenn andere sich ähnlich orientieren“ (Werner Stegmaier, Orientierung im Nihilismus – Luhmann meets Nietzsche, Berlin/Boston 2016, S. 57). Die ähnliche Orientierung stellt aber auch das rituelle Geschehen im Freimaurer-Tempel bereit – und zwar weit ab von der Vorstellung, dass Deutsche nur gegenüber Deutschen tolerant sind; Christen nur gegenüber Christen usw. Sie erleichtert es, bei der Vielfalt der Unterbestimmtheiten den Menschen nicht aus dem Auge zu verlieren. Was für Kommunikationsstrukturen allgemein gilt, gilt für Freimaurerei im Besonderen: „An die Stelle der ‚Einheit des Menschen‘ tritt so ein hochkomplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Systemtypen“ (Stegmeier, Orientierung im Nihilismus, S. 148). Dadurch erfährt Freimaurerforschung einen besonderen Sinn. Sie erweist sich als eine Forschung, die nicht letztgültige Wahrheiten aufzuspüren bestrebt ist, sondern zur Artikulation verschiedener Perspektiven ermuntert.

Die Forschungsloge Quatuor Coronati mit Sitz in Bayreuth untersteht den Vereinigten Großlogen von Deutschland. Sie ist der bedeutendste Träger freimaurerischer Forschung in Deutschland mit insgesamt etwa 1.500 Mitgliedern. Mit ihren Publikationen und Tagungen ist Quatuor Coronati als vereinsrechtlich eingetragene Forschungsgesellschaft auch für Nichtfreimaurer geöffnet und bildet ein einzigartiges internationales Netzwerk.

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Humor als Humus der Humanität

© ArtTower / Pixabay

Der rituelle Gehalt des Gesellengrades in der Königlichen Kunst erinnert uns unter anderem daran, dass wir alle in einer menschlichen Gemeinschaft leben und uns in dieser bewähren und entwickeln sollen, um gemeinsam den Tempel der Humanität zu bauen.

Von Horst Delkus

„Mit Humanität ist ein Ideal beschrieben, das sittliche und geistige Bildung, Würde, Geschmack und Anmut, ebenso Milde, Menschenfreundlichkeit, Bildung und Humor umfasst.“

Klaus-Jürgen Grün

Weisheit, Stärke und Schönheit sind bekanntlich die drei Säulen unseres Tempelbaus. Nun habe ich mich schon als junger Bruder gefragt: Wie kann ein Bauwerk denn nur auf drei Säulen stehen? Wie sieht ein solcher Bau dann aus? Wie ein Ziborium jedenfalls nicht. Schließlich erfuhr ich: Es gibt noch eine 4. Säule. Diese 4. Säule ist geheim, so geheim, dass sie auch viele Brüder nicht kennen. Sie taucht in keinem Ritual der Königlichen Kunst auf. Die 4. Säule unseres symbolischen Tempelbaus ist – der Humor.

Nun werden sich vermutlich einige Brüder fragen: Hat Humor denn überhaupt Platz in der Freimaurerei? Vertragen sich etwa ein Clubabend oder gar die Würde eines Rituals mit Humor? Wird nicht durch Humor unser edles Vorhaben – die Erziehung und Selbsterziehung zur Humanität – entweiht?

Schauen wir dazu zunächst einmal in unser freimaurerisches Grundgesetz, die „Alten Pflichten“ von 1723. Da taucht der Begriff „Humor“ zwar nicht auf, aber Artverwandtes. Im Kapitel „Vom Betragen in geöffneter Loge“ heißt es: „Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befasst, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine unziemliche Sprache führen.“

Ich interpretiere das so: Schabernack treiben, Witze erzählen, Zoten und Flüche sind in geöffneter Loge verboten. Aber Humor? Feiner Humor? Ich habe besonders bei den Tempelarbeiten ausländischer Logen erlebt, dass da die eine oder andere humorige Bemerkung durchaus statthaft ist.

Nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind, heißt es weiter in den „Alten Pflichten“, können die Brüder „in harmloser Fröhlichkeit“ zusammenbleiben. Hierbei geht es darum, dass die Brüder beim Essen – und vor allem beim Trinken! – nicht über die Stränge schlagen, sondern sich in Mäßigung üben sollen. Humor sieht anders aus. Der ist in unserer freimaurerischen Praxis nach der Arbeit vor allem beim Toast üblich. Ein launiger Trinkspruch auf die besuchenden Brüder, die Frauen, das Vaterland oder die Großloge kommt immer gut an. Damit hat sich das Thema „Freimaurer und Humor“ meistens auch schon erschöpft. Es ist daher kein Wunder, dass man im „Internationalen Freimaurerlexikon“ den Begriff „Humor“ gar nicht erst findet.

Und auch die Suchmaschine Google hilft da nicht weiter: Ganze drei Texte zum Thema „Freimaurer und Humor“ – zwei davon aus der Schweiz und nur ein einziger, allgemeiner Vortrag über den Humor aus einer deutschen Loge. Und unter dem Betreff „Ist Humor eine Freimaurer-Tugend?“ findet man beim Googeln noch eine Anfrage im öffentlichen Forum der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD). Mit folgenden, wie ich finde, sehr berechtigten Fragen: Ist Humor vielleicht ein „Werkzeug“ oder eine Tugend, die gerade dem Freimaurer besonders gut ansteht? Oder ist Humor in der Freimaurerei ein bisschen suspekt? Läuft man da Gefahr, ins Seichte abzugleiten? Verschwinden dann Bedeutung und Schärfe der Aussage in Lachen und Wohlgefühl? Befürchtet man mangelnde Seriosität? Vermissen Sie manchmal den Humor in der Maurerei? Denken Sie, dass Ihr Humor sich der profanen Welt mitteilt? Halten Sie diesen Punkt für unbedeutend? Die Antwort des Bruders, der dieses Forum moderiert, lautet kurz und bündig: „Also, es ist wohl keine explizit erwähnte Tugend in der Freimaurerei. Ich habe in den Logen viele sehr humorvolle Brüder kennengelernt, aber auch einige mit weniger Humor. Die Mitglieder stellen halt die breite Masse der Bevölkerung dar. Es gibt ein kleines Heftchen, in dem z. B. Karikaturen von und über Brüder zu sehen sind.“

Nun, wie man sieht, über die 4. Säule erfährt man nicht viel. Sie ist offenbar – aus welchem Grund auch immer – eines der am besten gehüteten Geheimnisse in der Königlichen Kunst. Ich will daher versuchen, das Verhältnis von „Freimaurerei und Humor“ noch ein wenig näher zu beleuchten.

Es scheint ja auch eine Beziehung zwischen Humor und Humanität zu geben, ja eine Verwandtschaft. Beide Begriffe haben den gleichen Wortstamm, wie übrigens auch der Humus. Der Begriff „humor“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Feuchtigkeit“. Und die wiederum hat etwas mit der Lehre von den vier Körpersäften zu tun, der Humoralpathologie, auf der die Medizin seit Hippokrates und Galen bis in die Neuzeit basierte.

Der Begriff Humor, wie wir ihn heute verwenden, ist ein noch recht junger Begriff. Laut „Kluge‘s Etymologischem Wörterbuch“ wird er in unserer Sprache seit 1730 benutzt, als Lehnwort aus dem Englischen. „Die Engländer“, schreiben die Enzyklopädisten und Aufklärer Diderot und d‘Alembert unter dem Stichwort „Humor-Humour (Moral)“, „bedienen sich dieses Wortes, um einen ursprünglichen, ungewöhnlichen und höchst eigenartigen Spott zu bezeichnen. Unter den Autoren besaß keiner Humor oder ursprünglichen Spott in einem höheren Grade als Jonathan Swift, der durch das Eigenartige, das er seinen Spöttereien zu geben verstand, zuweilen unter seinen Landsleuten Wirkungen hervorrief, die man von den ernstesten und am besten fundierten Werken niemals hätte erwarten können.“ (Diderot/d‘Alembert, „Die Welt der Encyclopédie“, Frankfurt 2001, S. 176 f.)
Und unser Bruder Lessing schreibt hierzu in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“:

„Die Briten haben durch das, was sie ‚humour‘ nennen, die Fehler des ‚humour‘ selbst dargestellt und dadurch die Unregelmäßigkeiten, das Ausschweifende und Übertriebene in menschlichen Charakteren dem Gelächter preisgeben, dem moralischen Urteil ins Licht setzen wollen. Da uns Deutschen dieser ‚humour‘ (leider oder gottlob?) fehlt, indem unsere Toren meistens nur abgeschmackte Toren sind, so ist‘s für uns, in diesen fremden Spiegel zu sehen, gewiss keine unnütze Beschäftigung. Der Flügelmann exerziert vorspringend, damit der Soldat im Gliede und der steife Rekrut exerzieren lerne.“ (Lessing, Johann Gottfried, „Briefe zur Beförderung der Humanität“, S. 181f.) Lessing ermuntert uns also, sich mit dem Humor näher zu beschäftigen.

Mittlerweile ist Humor nicht mehr nur auf die Literatur beschränkt, sondern äußerst vielfältig; Humor erscheint in zahlreichen Formen. Uns allen geläufig ist die Definition: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Gemeint ist hiermit das Lachen – auch das Lachen über sich selbst – in einer fatalen oder gar aussichtslosen Situation. Dieser Humor ist der sogenannte Galgenhumor. Er ist aber nur eine Variante des Humors. In unserer Sprache haben wir viele Begriffe, die alle irgendwie mit Humor zu tun haben: Frohsinn, Witz, Ironie, Spott, Satire, Kalauer, Persiflage, Heiterkeit, Schlagfertigkeit, Komik, „lustig sein“ und so weiter. Und wir kennen: den trockenen Humor – oft verwandt mit dem britischen –, den schwarzen Humor, den Wiener Schmäh, den jüdischen Witz und den rheinischen Frohsinn. Auch hier ist die Aufzählung nicht vollständig. Eine der treffendsten Kurzdefinitionen – und dazu eine zutiefst freimaurerische – stammt wohl von einem französischen Filmemacher, von François Truffaut: „Humor ist Verstand plus Herz geteilt durch Selbsterkenntnis.“

Unser Bruder Adolph Freiherr Knigge hat in seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ zum Thema „Humor“ Folgendes geschrieben: „Mit munteren, aufgeweckten Leuten, die von echtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage, sie müssen von echtem Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muss aus dem Herzen kommen, muss nicht erzwungen, muss nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz sein. Wer noch aus ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann, der ist kein ganz böser Mensch. Un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux (ein Mensch, der lacht, wird nie gefährlich sein).“

Daraus lässt sich aber, so Knigge, nicht der Umkehrschluss ziehen, dass, wer keinen Humor besitzt, „deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüts hängt vom Temperamente ab sowie von Gesundheit und von inneren und äußeren Verhältnissen. Echt muntere Laune aber pflegt ansteckend zu sein. Und diese Epidemie hat etwas Wohltätiges. Es ist ein so wahres Seelenglück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, dass ich dringend anrate, sich zur Munterkeit anzufeuern und wenigstens ein paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.“ (Adolph Freiherr Knigge, „Über den Umgang mit Menschen“, Augsburg 2003 (Erstausgabe: 1788), S. 144 f.)

Von größter Bedeutung für uns Freimaurer ist der sogenannte „große oder reine Humor“. Ihn hat der Schweizer Bruder Robin Marchev in seinem lesenswerten Vortrag über „Humor und die Freimaurerei“ wie folgt beschrieben: „Wenn die Seelengröße oder Erhabenheit eines Menschen so hoch entwickelt und eine heitere Ausgeglichenheit zu seiner Grundstimmung geworden ist, dass er auch in den heikelsten Situationen Ruhe, Abstand und Überlegenheit bewahren kann, dann hat er den reinen Humor, die höchste Stufe humaner Größe erreicht. Dann ist er weise und tolerant, also das, was wir Freimaurer uns zum Ziel gesetzt haben. Ein solcher Mensch misst sein persönliches Missgeschick am ungleich größeren der ganzen Menschheit, und er sieht seine vergleichsweise unbedeutenden Probleme unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, wo deren Bedeutung verblasst. Er ist stark genug, nicht recht haben zu müssen, und somit tolerant.“

Und weiter sagt der Schweizer Bruder: „Der reine Humor weiß um die Schlechtigkeit dieser Welt, aber er resigniert nicht, sondern akzeptiert sie als Basis, auf der das Gute getan werden muss. Reiner Humor ist pessimistisch, aber mit starkem Glauben an das Gute. Deshalb schwingt im reinen Humor immer ein Hauch von Ernst und Traurigkeit mit. Der Lustgewinn aus erspartem Affektaufwand vollzieht sich im Gegensatz zum Witz in aller Stille. Deshalb ist sein Ausdruck nicht das laute Lachen, sondern das stille Lächeln. Witz und Komik sind lustig; Humor ist heiter. Damit kann ich“, so Br. Marchev, „die wichtigsten Wesenszüge des Humors wie folgt zusammenfassen: Humor ist das objektive Bewusstsein subjektiver Befindlichkeit, welches das Endliche am Unendlichen misst. Humor ist bescheiden aus Einsicht und überlegen aus der Freiheit des Urteils. Sein Ausdruck ist das verstehende Lächeln.“

Einige Thesen, Gedanken und Merksätze zum Schluss – wobei die Reihenfolge keine Rangfolge ist:

Freimaurerei an sich ist nicht komisch, aber Freimaurer lachen gerne. Auch über sich selbst. Hierzu unser Bruder Goethe:

„Ich liebe mir den heiteren Mann
am meisten unter meinen Gästen.
Wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
der ist gewiss nicht von den Besten.“

Humor ist sicher nicht die schlechteste Art, mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten fertigzuwerden. Er hilft uns bei unserer Arbeit am Rauen Stein. Wer etwas von Freimaurerei begriffen hat, dem dürfte das Lächeln nicht schwerfallen. Humor ist ein Ausdruck geistiger und seelischer Reife.

Wir Freimaurer wirken leider oft genug wie die traurige Ausgabe der Schlaraffen. Von humorlosen Freimaurern geht aber keine ansteckende Wirkung aus. Wir sollten daher nach außen und innen zeigen, dass Freimaurer Menschen sind, die durchaus Humor haben und genießen können. Nur keine verdrießlichen Freimaurer! – Schon unser Bruder Lessing stellte die rhetorische Frage: Kann man denn nicht auch lachend sehr ernsthaft sein? „Der Humor“, so der spanische Dichter Carlos Abellá, „gewinnt manchmal Schlachten, die Kraft und Vernunft verlieren würden.“

Humor stiftet Gemeinschaft! Solange uns Menschlichkeit, Bruderliebe und Humor verbinden, ist es gleich, was uns trennt. Humor fördert die Toleranz. Heitere Toleranz, die im reinen Humor, in der Größe der freien Persönlichkeit begründet ist, sollte das wahre Ziel des Freimaurers sein. Und einem Bruder humorvoll das zu sagen, was man für die eigene Wahrheit hält, ist allemal besser, als ihn damit zu erschlagen.

Denn, so der Journalist und frühere Chefredakteur des „Stern“ Henri Nannen: „Humor ist Liebe. Er macht die Unzulänglichkeiten etwas zulänglicher, den Schaden etwas leichter, den Schmerz etwas erträglicher. Nur die Überheblichkeit macht er lächerlich, die lacht er aus.“ Und der Dichter Charles Dickens beendet seinen Roman „David Copperfield“ mit der Frage: „Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“

Humor ist daher eine gute Prophylaxe dagegen, alt zu werden. Richtig alt. So sieht es jedenfalls unser Bruder Lessing:

„Alt macht nicht das Grau der Haare,
alt macht nicht Zahl der Jahre.
Alt ist, wer den Humor verliert
und sich für nichts mehr interessiert.“

Und schon der römische Dichter Horaz wusste: „Durch Lachen verbessern sich die Sitten.“ 

Mein Fazit: Eine Freimaurerei ohne Humor ist für mich wie ein Tempel ohne Licht. Humor ist der Humus der Humanität

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Balance zwischen ökonomischem Erfolg und gesellschaftlicher Verantwortung gewährleisten!

Prof. Michael Otto © Martin Brinckmann

Zurzeit wird die gesellschaftspolitische Debatte von einer Fülle von Zukunftsängsten dominiert, wobei neben dem Klimawandel auch das Stichwort „Digitalisierung“ die Gemüter bewegt.

Der Distrikt Hamburg hat sich in eingemischt, als Ideengeber und federführender Organisator des „Neujahrsempfangs“ am 2. September 2019, in Zusammenarbeit mit den Hamburg Logen sowie den VGLvD und der Großloge A.F.u.A.M.v.D., der Provinzialloge von Niedersachsen und der Großloge „Humanitas“. Als Festredner zum Thema „Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?“ konnte Prof. Dr. Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender des Handelskonzerns Otto, gewonnen werden.

Der oft unterstellte Vorwurf, die Freimaurer würden sich nur mit sich selbst beschäftigen, wurde an diesem Abend eindrucksvoll widerlegt. Eine breite Öffentlichkeit und ein Fernsehteam von „Hamburg 1“ bekundeten neben vielen Zuhörern ihr Interesse an der Veranstaltung im Logenhaus der Provinzialloge von Niedersachsen.

Als dessen Hausherr begrüßte Br. Uwe Dörger alle Anwesenden im vollbesetzten Großen Mozart-Saal, ihnen voran den Festredner, den Großmeister der A.F.u.A.M.v.D., Br. Stephan Roth-Kleyer, den VGL-Großmeister, Br. Christoph Bosbach, und dessen Stellvertreter, Br. Bernd Brauer, sowie die Großmeisterin der Großloge „Humanitas“, Sr. Hanna Stadler-deCubas.
Distriktmeister Br. Thomas Stuwe erläuterte dem Auditorium den „Neujahrsempfang“ im September als „freimaurerische Zeitrechnung“, die auf das Ende des Maurjahres zu Johanni, am 24. Juni, und den Beginn des neuen Maurerjahres am 1. September zurückgeht, um sich dann der Persönlichkeit des Festredners, Prof. Dr. Michael Otto, zu widmen: „Ein Leuchtturm – las ich in der Vorbereitung über Ihr Unternehmen. Digitale Information sei wie Wasser, heißt es. Irgendwie sickert durch, welche Werte eine Firma vertritt“, richtete der Distriktmeister seine Worte an den Festredner und fügte zwei Zitate aus der Wirtschaftspresse hinzu: „Wir Menschen sind gefordert, die im Zeitalter der Aufklärung gewonnenen Erkenntnisse und Werte zu digitalisieren, wir brauchen neue Kompetenzen in allen Lebensbereichen.“ Sowie: „Durch Outsourcing und Digitalisierung gehen zunehmend Gemeinsamkeit und Vertrautheit verloren. Rituale helfen, die Gemeinschaft wieder zu stärken.“

Dies sei für einen Freimaurer-Empfang natürlich eine Steilvorlage. Schließlich sei die rituelle Arbeit unser „Unique Selling Point“, bekannte Br. Thomas Stuwe und fasste danach die Biografie von Prof. Otto in knappen Daten zusammen: Abitur, Banklehre, Studium der Volkswirtschaft, Promotion. 1971 Vorstand im Unternehmen des Vaters, von 1981 bis 2007 Leitung der „Otto Group“ als Vorstandsvorsitzender und bis heute Vorsitzender des Aufsichtsrates der Hamburger Handels- und Dienstleistungsgruppe Otto. Michael Otto ist Initiator und Vorsitzender des Freundeskreises der „Hochschule für bildende Künste“ Hamburg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Kulturkreis des BDI und Vorsitzender des Kuratoriums der „Werner Otto Stiftung für medizinische Forschung“. Für sein soziales und gesellschaftliches Engagement wurde Prof. Otto vielfach ausgezeichnet und ist seit 2013 Ehrenbürger der Hansestadt Hamburg.

In seiner freien Rede schilderte Prof. Otto die vielschichtige Entwicklung seines Familienunternehmens zu einem weltweit vernetzten Konzern auch mithilfe einer gezielten Digitalisierung auf allen Ebenen, deren Planung und Anwendung 25 Jahre in Anspruch genommen habe. Die „Otto-Group“ habe bei dieser gigantischen Umstellung eines traditionsbewussten Konzerns in das digitale Zeitalter geradezu unerforschtes Terrain betreten – mit allen Risiken, die eine Avantgarde eingehen muss. Die „Otto-Group“ stelle sich dabei der Herausforderung, eine Balance zwischen wirtschaftlicher Effizienz und sozialer Verantwortung und ökologischer Nachhaltigkeit zu gewährleisten: „Digitale Transformation ist mehr als die Einführung neuer Technologien und Investitionen in neue Geschäftsmodelle. Nur wer sie erfolgreich meistert, wird in 20 Jahren noch am Markt existieren. Dazu ist ein digitaler Kulturwandel notwendig. Erfolgreiche digitale Transformation setzt eine veränderte Haltung voraus. Das gemeinsame Mindset muss stimmen.“ Und „Für Unternehmen sind digitale Fähigkeiten und wertebezogenes Wirtschaften gleichermaßen entscheidend für den Erfolg der Zukunft.“ Doch bei aller innovativer Entwicklung sei es notwendig, kritisch zu überprüfen, ob der gesellschaftliche Wertekanon gewahrt bleibe, damit der Mensch den Zukunftsperspektiven nicht nur in der Arbeitswelt mit Zuversicht begegnen könne.

Diese Botschaft löste im Auditorium kräftigen Beifall aus und wies dem „Neujahrsempfang“ eine sinnstiftende Richtung zu. So fügten sich auch die Schlussworte von Sr. Hanna Stadler-deCubas zum Streben der Freimaurerei nach mitmenschlicher Wertschätzung und Empathie nahtlos ein.

Die musikalische Umrahmung besorgten in hinreißender Virtuosität die Kammermusikerin Sabine Grofmeier (Klarinette) und Br. Jean Panajotoff (Konzertflügel).

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