Die Atmosphäre Freimaurerei

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Freimaurerei war immer“, schrieb Lessing, und so lange von ihr die Rede ist, gibt es die Diskussion, was eigentlich Freimaurerei ist.

Die einen sehen in ihr eine philosophische Schule, andere einen humanistischen Kampfbund. Ein ehemaliger Großmeister der Vereinigen Großlogen von Deutschland bezeichnete sie in einer Fernseh-Talkrunde als „eine Art Männerkirche“, andere sehen sie als Stätte moralischer Erziehung. Manche erwarten in der Freimaurerei eine Ersatzkarriere oder gar Geschäftsmöglichkeiten, andere hoffen auf Inspiration und geistigen Austausch. Wieder andere suchen Gleichgesinnte und finden Freunde fürs Leben. Was für den einen ein in der Antike wurzelnder Mysterienbund ist, mag für den anderen ein zeitgemäßer ethischer Lebensstil sein.

Mit welchen Vorstellungen auch immer man sich der Freimaurerei nähert, welche Erwartungen und Hoffnungen man in sie setzt, sie ist nicht mehr und nicht weniger als eine Atmosphäre. Zu meinen Betrachtungen inspirierte mich das Buch „Der Atemkreis der Dinge. Einübung in die Philosophie der Korrespondenz“ des Philosophen und Freimaurers Reinhard Knodt.
„Atmosphäre“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Atemkreis“. Eine auf den ersten Blick merkwürdige Bezeichnung, die auf den zweiten Blick auf etwas Lebendiges deutet, und das ist sie auch. Den Begriff Atmosphäre kennen wir vor allem im Zusammenhang mit Räumen und Situationen: Eine angespannte Atmosphäre, eine heimelige, eine bedrohliche, eine friedvolle, eine festliche Atmosphäre und viele mehr.

Doch was macht eine Atmosphäre eigentlich aus?

Beim Entstehen einer Atmosphäre wirken viele Faktoren zusammen. Sie ist viel mehr als ein durch Architektur und Einrichtung, Dekoration und Musik, Düfte und Geräusche, Licht und Schatten gestimmter Raum. Eine Atmosphäre ist nichts Statisches, sondern in erster Linie ein Geschehensverlauf, und das Entscheidende in diesem Geschehen sind die Menschen! Ihr Agieren und Interagieren, vor allem ihr Korrespondieren entscheiden über die Qualität der Atmosphäre.

Doch was bedeutet der Begriff „Korrespondieren“ im menschlichen Miteinander? Er bedeutet das Hin und Her zwischen Menschen, die Wirkung aller Elemente des Zusammenseins. Wenn wir spielen oder arbeiten oder musizieren oder tanzen oder etwas erzählen oder streiten oder uns lieben, dann korrespondieren wir. Selbst wenn wir nur schweigend mit anderen in einem Raum sind, korrespondieren wir nonverbal. Korrespondenz ist viel mehr als Kommunikation, sie erschafft erfühlbare, erlebbare Atmosphären. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir in das Geschehen eingreifen, allein unsere Anwesenheit, unsere Teilhabe, unsere Präsenz erzeugt Korrespondenz und beeinflusst die Atmosphäre. Dabei mag es erstaunen, dass Harmonie für das Zusammensein, das Zusammenleben keine Voraussetzung ist. Wenn wir „korrespondieren“, geht es zuerst einmal um Toleranz und Akzeptanz. Nicht Differenz, nicht Abgrenzung schafft eine gedeihliche Atmosphäre, sondern Korrespondenz, das Wirken miteinander.

Knodt sieht die Philosophie pragmatisch und fordert von ihr Alltagstauglichkeit: „Dass wir zusammen sind, ist das Einzige, dessen wir uns sicher sein können, womit Philosophen in einer Welt des ständigen Wandels auch eine sich ständig wandelnde Aufgabe haben, nämlich die Formen und Phänomene unseres Zusammenseins so zu beschreiben, dass der Weg zur Weisheit auch immer wieder neu geöffnet wird.“

Und: „Vor dreitausend Jahren meinten die Philosophen noch, über den Kosmos sprechen zu können, dann nur noch über die Götter, schließlich nur noch über das Sein, dann über die ewige Wiederkehr des Gleichen und heute schließlich reden wir nur noch über das allgemeine Geschehen, also den Strom der Korrespondenzen, zu dem wir selber gehören.“

Die Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts hat sich immer mehr der Methodik der Teilchenphysik genähert und jede Regung und jeden Begriff in der Dekonstruktion in seine atomaren Bestandteile zerlegt. Doch welch einen Vorteil bringt der gedankliche Teilchenzertrümmerer der Diskursphilosophie für unser Leben? Führt dies nicht zurück zu Fehlschlüssen wie das Postulat „Denken ist Rechnen mit Worten“ von Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert?

Welchen Erkenntnisgewinn oder welche Zunahme an Lebensqualität erreichen wir dadurch? Kann man den Sinn des Lebens wirklich beim Blick durchs Elektronenmikroskop finden?  Da erscheint mir der philosophische Ansatz der Atmosphären doch konstruktiver und menschlicher.

Die Tempelarbeit als Keimzelle der freimaurerischen Atmosphäre

Die Freimaurerei ist eine sehr komplexe Atmosphäre mit unterschiedlichen Aspekten und Stimmungen. Man kann sie mit der Architektur eines Logenhauses vergleichen, in dem es einen Tempel gibt, einen Clubraum, ein Beamtenzimmer, einen Vorraum mit Theke und mehr. All dies macht die Loge aus, diese ineinandergreifenden Atmosphären bilden unsere Wahrnehmung der Loge und prägen unsere Gefühle für sie.

Die Keimzelle freimaurerischer Atmosphären ist die Tempelarbeit. In ihr wurzeln die Grundlagen und Verhaltensmuster, sie ist quasi der Kompass für freimaurerisches Verhalten. Von der Begegnung auf der Winkelwaage bis zum Auftrag, auch draußen in der Welt zu wirken. Bei der Tempelarbeit wird die Freimaurerei zum Fest. Sie ist zugleich Bühne und Thema, Umgebung und Inhalt, Mittel und Zweck, Weg und Sinn.

Stellen wir uns in unserem „Kopfkino“ ein solches Tempelfest vor: Eine exklusive Gesellschaft trifft sich festlich gekleidet im Vorraum. Der Zutritt ist nur für Eingeweihte, die sich vor Betreten des Raumes als solche zu erkennen geben müssen. Was nun folgt, unterscheidet sich elementar vom Alltag jedes einzelnen Besuchers. Mit wenigen Schritten ist man in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit, in einem anderen Lebensrhythmus, in einer anderen Atmosphäre. Einrichtung, Beleuchtung und Symbole wechseln je nach Thema und Grad der Arbeit.

Ritualisierter Umgang untereinander mit merkwürdigen Anreden und in einer eigenen Sprache, fern eines Alltags- oder Fachjargons. Während des gesamten Ablaufs ein dramatischer Wechsel von Musik und Text. Es ist, als wären wir inmitten einer Oper oder eines Dramas, und zwar nicht als Zuschauer, sondern als Mitwirkende, als Teil der Inszenierung. Auch wenn wir scheinbar nur passiv in den Kolonnen sitzen, korrespondieren wir mit dem Ritual, sind wichtiger, lebendiger Teil davon. Allein durch unsere Anwesenheit tragen wir zur Atmosphäre und zum Gelingen des Rituals bei.

Danach findet ein gemeinsames Mahl statt oder wir werden gleich in die Alltagswelt entlassen. Doch es dauert eine Weile, bis wir dort wieder ankommen. Denn noch klingt etwas in uns nach, wir sind anders gestimmt, etwas von uns ist immer noch Teil der gerade erlebten Atmosphäre der Tempelarbeit. Diesen Teil können wir mitnehmen und so den Gehalt des Rituals in unserem Alltag wirken lassen.

Die freimaurerische Arbeit vor den Tempelpforten

In den meisten Ländern treffen sich die Brüder nur zu Tempelarbeiten, häufig mit anschließender Tafel. In Deutschland gibt es darüber hinaus mehr Treffen, die so genannten Club-, Bruder- oder Werkabende. Das „Wo“ ist von Loge zu Loge unterschiedlich — von einem Raum im Logenhaus über ein Nebenzimmer in einem Lokal bis zu Treffen in Privaträumen von Brüdern. Der Dresscode ist im Unterschied zur Tempelarbeit nicht festlich, sondern lässig, das, was man heute „casual“ nennt. Die Form der Veranstaltung ist nicht ritualisiert, allerdings klar strukturiert mit Versammlungsleiter, Diskussionsleiter, Referent, manchmal auch mit geladenen Gästen und Damen, Interessierten und Suchenden.

Dass in dieser gegenüber der Tempelarbeit anderen Ausgangsituation eine andere Atmosphäre herrscht, ist logisch und konsequent. Aber was macht diese dennoch zu einer freimaurerischen Atmosphäre?

Aus Rückmeldungen von Besuchern ist immer wieder festzustellen, dass man beeindruckt ist vom Umgangston, von der Herzlichkeit des Miteinanders und von der Offenheit gegenüber Fremden — also von der Freundlichkeit und Menschlichkeit.
Inhaltlich sind diese Logenabende Werkstätten, die durch Vorträge Wissens- und Erkenntnisgewinn bringen und inspirieren sollen.

Entstanden ist diese besondere Form der deutschsprachigen Freimaurerei aus den so genannten „Übungslogen“ der Loge „Zur Wahren Eintracht“ im Orient Wien in den 1780er Jahren. Diese gingen auf eine Initiative von Ignaz von Born zurück, jenem Stuhlmeister, der für Mozart und Schikaneder das Vorbild für die Figur des Sarastro in der Zauberflöte war. Schon damals legten die Brüder großen Wert auf die Themenvielfalt. Sie reichte von den „Mysterien der Ägyptier“ über die „Kabala der Hebräer“ bis zu den „Einflüssen der Maurerey auf die bürgerliche Gesellschaft“ und die Beweisführung, dass „die Fröhlichkeit sich mit dem Geiste des Freymaurers nicht nur vertrage, sondern auch eine unzertrennliche Gefährtin desselben sey“.

Eine Atmosphäre des Vertrauens

Eine freimaurerische Atmosphäre entsteht immer dann, wenn zwei oder mehr Brüder zusammentreffen. Hier kann man die besondere Verbundenheit der Bruderschaft spüren, den respektvollen Umgang genießen. Offenheit, Verschwiegenheit und Ehrlichkeit sind die Basis von Freundschaften, bei denen man sich im Gefühl des Grundvertrauens geborgen fühlt.
Doch wehe, wenn diese Atmosphäre durch Unaufrichtigkeit und Vertrauensbruch vergiftet wird! Dann merkt man schnell, dass sich die Antwort auf die rituelle Frage „Woran soll ich erkennen, dass Du ein Freimaurer bist?“ keineswegs auf die formalen Äußerlichkeiten beschränken darf.  Um wirklich als Freimaurer erkannt, sprich anerkannt zu werden, bedarf es mehr als ein paar geheimnisvoller Worte, eines Zeichens und eines Handgriffs.

Wer bei seiner Aufnahme gelobt, das, was einem ein Bruder anvertraut hat, verschwiegen zu bewahren, wer dieses Gelöbnis bei seiner Beförderung zum Gesellen und bei seiner Erhebung zum Meister zweimal feierlich wiederholt und bekräftigt und dieses dann bricht, disqualifiziert sich als Freimaurer. Solch ein Vertrauensbruch schafft berechtigtes Misstrauen und vergiftet nachhaltig die Atmosphäre. Das so verspielte Vertrauen wiederherzustellen, ist nahezu unmöglich. Die Vorstellung, dass man in einem solchen Fall nur miteinander reden müsse, um die Probleme zu lösen und automatisch einen Konsens zu erzielen, ist ein fataler Irrtum. Kommunikation wird hier lediglich zum Austausch von Standpunkten — A sagt A und B sagt B und das Resultat ist Null. Das Ergebnis ist in der Regel, dass sich die Fronten weiter verhärten. Es hilft nicht, den eigenen Standpunkt darzulegen, sondern nur wirkliche Korrespondenz, das aufeinander Eingehen, Toleranz und Akzeptanz. Es ist der Moment, wo interne Versammlungen der Loge zu einem echten Prüfstein für das brüderliche Miteinander werden. Hier entscheidet sich, welche Art von Atmosphäre wir wollen: Die Atmosphäre einer Freimaurerloge oder die Atmosphäre einer Stadtratssitzung?

Nicht draußen in der Welt, sondern hier, im internen Rahmen findet die erste Bewährung des Freimaurers statt. Hier lauern die Gefahren der Profanisierung und der Vereinsmeierei. Hier entscheidet sich, wer der Loge dienen will und wer dem Irrglauben verfällt, dass ein Amt Macht über andere verleiht und in erster Linie schmückt. Hier gilt das Gebot der Achtsamkeit — Achtsamkeit auf sich selbst und auf die Brüder. Hier ist der Ort, zur rechten Zeit zu warnen: „Zurück, ein Abgrund!“ Hier gilt es, auch einmal klare, deutliche Wort auszusprechen. Nur so können wir die Chance nutzen, die uns die geschützte Atmosphäre der Loge bietet, und zur rechten Zeit Wegzeichen setzen und Weichen stellen.

Bei all dem kann uns das freimaurerische Licht helfen, jenes Licht, das wir bei unserer Aufnahme empfangen durften.
Dieses Licht leuchtet nicht, damit wir uns in ihm sonnen, vielmehr ist es ein Arbeitslicht! Es hilft uns, die Dinge schärfer zu sehen, um sie besser zu erkennen. Dadurch kann sich das Denken zum Tun wandeln.
Die „Atmosphäre Freimaurerei“ ist hochkomplex und, wie sich in der Praxis zeigt, auch äußerst fragil. Wenn wir das Potenzial dieser Atmosphäre nutzen, wenn wir in ihr achtsam korrespondieren, können darin großartige Ideen und Dinge entstehen. Zum Nutzen der Loge, zum Nutzen der Gesellschaft und für uns selbst.

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Was nicht im Archiv steht, wird nicht gefunden

Seit mehr als 10 Jahren betreut Br. Hartmut Jentzsch das Großlogenarchiv in Altenburg. Eine große Kiste mit ungeordneten Papieren, Dokumenten aus vergangenen Jahrzehnten, Büchern und Infobroschüren steht vor ihm auf dem Tisch. Sie stammt aus einer kürzlich aufgelösten Loge.

„Das müssen wir jetzt alles ins Archiv einpflegen“, erklärt Br. Hartmut Jentzsch, während er den Laptop hochfährt. Eine Aufgabe, die ihm keine Angst macht, denn diesbezüglich hat er schon ganz anderes erlebt: Riesige Massen an Archivgut haben sie damals sortiert und registriert, vor etwa 12 Jahren, als alles begann. Wochenlang haben sie Blatt um Blatt sorgfältig ausgewertet und in eine Datenbank eingetragen.

In Altenburg in Thüringen befindet sich eines der schönsten und ältesten Logenhäuser Deutschlands. 1804 wurde es eingeweiht. Bis heute dient es der 1742 gegründeten Loge „Archimedes zu den drei Reißbretern“ als Heimstatt. Nachdem das Anwesen 1935 von den Nationalsozialisten enteignet worden war, befand es sich zu DDR-Zeiten im Besitz der Stadt Altenburg. 1992 wurde das Haus an die Großloge A.F.u.A.M.v.D. rückübertragen. Es wurde als modernes Veranstaltungshaus saniert, viel Geld wurde investiert, und lange beschäftigte es — vor allem wegen des finanziellen Aufwandes — die Gemüter. Beim Großlogentag 2002 in Altenburg fiel die Entscheidung, das Archiv der Großloge A.F.u.A.M.v.D. in Altenburg anzusiedeln. 2007 begann die eigentliche Arbeit am Aufbau des Archivs.

„Damals war Br. Dennis Kramer der Großarchivar“, erzählt sein Nachfolger Hartmut Jentzsch, „er fragte mich, ob ich ihm nicht helfen könne.“ Die Archivschränke und Regale waren schon aufgebaut, was fehlte, war der Inhalt. Das erste Archivgut kam vor allem aus dem Deutschen Freimaurermuseum in Bayreuth. „Die hatten einen feuchten Keller und wollten das Papier dort raushaben. Genau so sah es auch aus, als es hier ankam: Zum Teil nur noch Schnipsel. Der ganze Raum war voller Kisten und Säcke mit Papier.“ Die Brüder Dennis Kramer und Hartmut Jentzsch baten den damaligen Altenburger Stuhlmeister, er möge doch einige helfende Brüder mobilisieren, um die riesigen Mengen an Dokumenten zu sichten, zu entklammern, zu säubern und archivgerecht zu verpacken: „Alle paar Minuten kam einer mit einem fertigen Umschlag, ich habe reingeguckt, alles im Computer registriert und eingetragen. So ging das ungefähr sechs Wochen lang“, erzählt Br. Hartmut Jentzsch, „dann hatten wir den Grundstock.“

Besonders stolz ist der Bruder Großarchivar auf die Software, die extra für diese Mammutaufgabe programmiert wurde: für Erfassung, Recherche und Datenpflege.  Das Archivgut stammt zum größten Teil aus der Kanzlei der Großloge. Einige Akten sind den Vereinigten Großlogen oder dem Schottischen Ritus zuzuordnen. Vieles kommt aus den Distrikten, manches aus einzelnen Logen, ein umfangreicherer Bestand vom „Collegium Masonicum“ ist dabei, auch das Freimaurerische Hilfswerk und die Geschäftsführung haben ihre Dokumente hier hinterlegt.

Es ist kein museales Archiv, in dem man große Schätze aus der Frühzeit der Freimaurerei erwarten darf. Eine Stiftungsurkunde aus dem 18. Jahrhundert wird man hier nicht finden. „Das Archiv geht zurück bis zur Gründung unserer Großloge in den 40er Jahren“, erklärt Br. Hartmut Jentzsch und gibt den Namen des ersten Großmeisters Theodor Vogel in die Suchmaske ein. Schnell wird er fündig: „Hier zum Beispiel aus dem Jahre 1952, eine Akte des Collegiums Masonicum — Kasten 35, Nr. 1368.“
Es gibt inzwischen mehr als 2300 Inventarnummern in über 800 Archivkästen. Jede Inventarnummer umfasst in der Regel bis zu 800 Seiten. Und jede dieser Akten hat der Bruder Großarchivar persönlich in die Hand genommen, gelesen oder zumindest überflogen.

Bruder Hartmut Jentzsch ist aber nicht nur Verwalter des Archivs, sondern auch einer seiner fleißigsten Nutzer. Vor sechs Jahren schrieb er eine Chronik über das „Collegium Masonicum“ in Niedersachsen. Dafür hat er viele Dokumente hier einsehen können. Auch andere bekannte Freimaurerforscher, wie Br. Hans-Hermann Höhmann oder Br. Alexander Süß, sind gute „Kunden“ des Altenburger Großlogenarchivs.

Deshalb hat der Großarchivar auch eine Mission: „Was die Logen und die Brüder nicht ins Archiv geben, können wir nicht finden. So einfach ist das“, sagt er. Eigentlich sollte es in den Distrikten einen Distriktarchivar geben. Doch er selbst kenne überhaupt nur zwei in Deutschland, meint Br. Hartmut. Der Distriktarchivar sollte die Logen laufend mahnen, ihren Schriftverkehr ins Archiv zu geben, gerne auch als Kopie, vor allem Wahlunterlagen. Es ist ein Aufruf an die Logen, ihre Tätigkeiten zu dokumentieren, die Akten regelmäßig abzuheften. „Wir haben zum Beispiel das komplette Archiv des Distriktes Niedersachsen hier. Dort läuft das hervorragend, die haben einen eigenen Archivar, der ordnet die Unterlagen vor und ich brauche das nur noch in Archivkästen zu packen und zu nummerieren.“ So sollte das eigentlich laufen. Eigentlich.
Es ist schon erstaunlich, dass viele Logenchronisten über einen Zustand klagen, der kaum nachvollziehbar ist: Akten aus der Frühzeit der Freimaurerei, aus dem 18. und 19. Jahrhundert gibt es jede Menge. Viele Logen können — auch dank der Bestände im Berliner Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz — auf eine nahezu lückenlose Dokumentation ihrer Geschichte bis Anfang der 30er Jahre zurückblicken. Doch was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschehen ist, können die Forscher meist nur unter größten Mühen in Erfahrung bringen. „Heute kümmert sich oft niemand mehr“, sagt Br. Hartmut Jentzsch, „die Sekretäre in den Logen wechseln häufig, geben die Unterlagen nicht weiter. Oder es ist alles auf irgendeinem Rechner gespeichert, der irgendwann kaputt geht.“ Das Gedächtnis der Logen geht auf diese Weise verloren oder bekommt zumindest Lücken.

Jede Loge sollte sich ein Konzept für ihre Archivierung zurechtlegen, rät der Großarchivar. Natürlich kommen auch Stadtarchive oder das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem, wo bereits die meisten Logenakten aus der Zeit vor 1935 lagern, in Frage. Doch auch das Altenburger Großlogenarchiv hat noch viel Platz: „Wenn eine Loge kommt und mir einen Kasten mit Archivgut bringt, dann wird das unter dem Logennamen eingeordnet.“

Der größte Lieferant von Archivgut ist jedoch nach wie vor die Kanzlei der Großloge. „Vor zwei Jahren bekamen die einen neuen Fußboden und haben aussortiert, da erhielt ich eine ganze Lkw-Ladung mit Archivgut“, erinnert sich Br. Hartmut Jentzsch. Im Augenblick versucht er, bei der Beschreibung und Auswertung noch stärker ins Detail zu gehen, um die Suche zu vereinfachen.

Doch so langsam wird es Zeit, ans Aufhören zu denken: Bruder Hartmut ist Jahrgang 1941 und wohnt nicht in Altenburg, sondern in Hannover. Die regelmäßigen Fahrten nach Thüringen werden nicht einfacher für ihn. Als er das Amt des Großarchivars bekam, ging er gerade in Rente. Der Architekt musste sich das Wissen um und über das Archivwesen erst einmal aneignen. Seit November 1987 ist Br. Hartmut Jentzsch Freimaurer, war 2004 bis 2007 Meister vom Stuhl der Loge „Zum Schwarzen Bär“ in Hannover und arbeitet seit vielen Jahren im Ritualkollegium der Großloge mit. 2010 wurde er zum Großarchivar der Großloge berufen. „Inzwischen geht es los mit Zipperlein“, sagt Br. Hartmut Jentzsch, ohne sich zu beklagen. So sei das nun einmal. Doch in nicht allzu langer Zukunft brauche er einen Nachfolger, weiß er. Und der scheint jetzt tatsächlich in Sicht.

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Sie schwankt, aber geht nicht unter!

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Rund um den Globus wurde live, emotional bis fassungslos berichtet. Die Notre-Dame in Paris stand am 15. April 2019 lichterloh in Flammen. Als die Feuersbrunst am nächsten Morgen endlich unter Kontrolle gebracht war, wurde auch das Ausmaß der Katastrophe deutlich.

Der Verlust von Unwiederbringlichem ist zwar schmerzhaft, doch angesichts der zuerst morosen und dann vielfältig medial angefachten Stimmung vergangener Tage lag in dem Erhaltengebliebenen auch ein gewisser Trost. Und: Es soll niemand zu Tode gekommen sein!

„Sie schwankt, aber geht nicht unter“ (Fluctuat nec mergitur), so der Wahlspruch auf dem Wappen von Paris. Treffender könnte man die Situation auf der Île de la Cité im 4. Pariser Arrondissement kaum beschreiben. Die Notre-Dame ist mehr als nur ein pittoreskes Sujet einer Postkarte. Sie ist neben dem Eiffelturm das Wahrzeichen von Paris und einer ganzen Nation. Nun ist eine Debatte darüber entbrannt, ob ein Wiederaufbau nach dem Original angestrebt werden soll oder gar eine Neuinterpretation. Möge Vernunft die Leitenden am Ende überzeugen. Es bleibt spannend.
Ein Bauwerk wie die Kathedrale in Paris prägt die Silhouette einer ganzen Stadt. Sie ist für gläubige und freigeistige Menschen gleichermaßen Symbol der „Ewigkeit“. Unweigerlich geht man davon aus, dass sie überdauert. Diesen Anspruch leiten wir aus unserer Gewohnheit im Umgang mit den baulichen Koordinaten ab. Steht ein solches Bauwerk von (inter-)nationaler Bedeutung plötzlich in Flammen, wird unser Selbstverständnis irritiert und Fragen in Bezug zum räumlich-zeitlichen Empfinden und zur Identität werden berührt. Im Laufe der Jahrhunderte stand Paris mehrfach im Mittelpunkt der Geschichte. Manches Mal stand damit auch die Kathedrale vor dem Verfall, dem Verkauf oder gar ihrer Zerstörung.

Ein Literat rettet die Kathedrale

Bevor Bomben im Zweiten Weltkrieg auf Paris niedergingen, wurden zumindest die alten Fenstermalereien vorsorglich gesichert. Diese Fürsorge genoss der Bau nicht immer. In der Aufklärung wurde das Buntglas weiß ersetzt und Wände weiß übertüncht. Nach und nach verschwanden Figuren von den Türmen. Die Französische Revolution zerstörte die Inneneinrichtung. Für die Revolutionäre diente der „Tempel der Vernunft“ sogar als Weindepot. Als Napoleon Bonaparte sich selbst in der Notre-Dame die Krone aufsetzte, war das Bauwerk bereits in so schlechtem Zustand, dass der Innenraum mit Teppichen verhängt werden musste. Die Julirevolution setzte schließlich dem Sakralbauwerk derart zu, dass sein Verfall beschlossen schien. Es ist das Verdienst eines Literaten, mit seiner Feder den Schlussstrich unter den Niedergang der architektonischen Errungenschaft am Seineufer zu ziehen und maßgeblich zur großen Restaurierung ab 1844 beizutragen.
Längst hielt der ursprünglich französische Titel des Romans „Notre-Dame de Paris“ Einzug in die Weltliteratur. In der vergangenen Karwoche erfreute er sich in Frankreich wieder höchster Beliebtheit: Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ stieg über Nacht auf Platz eins der Amazon-Buchverkäufe. Die Geschichte eines verwachsenen Buckligen und der liebreizenden „Esmeralda“, alias Agnes (Lamm), wurde vom Autor keineswegs als triviale Unterhaltungs-Novelle angelegt. Es war vielmehr eine Art Werbebroschüre, die Aufmerksamkeit und Spenden generieren wollte – mit Erfolg. Hugo lenkte den Blick seiner Zeitgenossen auf das gotische Erbe. Keinesfalls sollte es für zeitgemäßes Bauen geopfert werden. Bereits in einem Artikel mit der Überschrift „Krieg gegen die Zerstörer“ appellierte Hugo für die Rettung und Erhaltung der mittelalterlichen Architektur.

Im „Glöckner“ nutzte der Schriftsteller und Politiker großzügig – und unverhältnismäßig – ganze Passagen, die sich beispielsweise nur mit den Glasfenstern beschäftigten, um zu sensibilisieren. So konzipierte er auch seinen „Quasimodo“ als Namensvetter eines Glockenschlags (1. Sonntag nach Ostern). Dichterisch umschrieb er „die alte Königin unserer Kathedralen“. Unermüdlich wies er auf ein ihr innewohnendes Geheimnis hin. Er rettete nicht nur die „Sinfonie aus Stein“ vor ihrem Untergang, sondern machte sich selbst unsterblich im Herzen der Franzosen: Sie setzten ihn gleich mit Molière, Voltaire oder Balzac.

Woher hatte Victor Hugo sein Gespür für die gotische Architektur? Woher kam seine Motivation? Woher sein Wissen? War er vielleicht ein „Louveteau“? Jedenfalls wurde sein Vater Joseph Léopold Sigisbert Hugo (1773–1828) unter Napoleon 1809 zum General befördert und in den Grafenstand erhoben – er war ein Freimaurer.

Die Bedeutung der Notre-Dame von Paris ist nicht unmittelbar sichtbar

Der 2014 verstorbene französische Historiker Jacques Le Goff war der Meinung, dass jedermann – vom den kultiviertesten bis zu den einfachsten Leuten – (s)einen Sinn in den Kathedralen findet.

Theologen finden ihre Bedeutung zumeist in dramaturgischen Qualitäten auf die Messe bezogen (religionsdidaktisch). Im Mittelpunkt der Liturgie steht die Eucharistiefeier. Sie ist ein gemeinschaftliches Erlebnis, das ein Himmlischkeitsgefühl erzeugen soll, was in einer perfekten Atmosphäre am besten zum Tragen kommt.

Historiker finden ihre Bedeutung in der Betrachtung des gotischen Kathedralbaus als Verbund und bewerten das schnelle Wachstum gesellschaftspolitisch. Das einst schwache französische Königtum (Kapetinger, Valois) protegierte die Bautätigkeiten, um die Bürger und Bischöfe gegen die lokalen Feudalherren in Stellung zu bringen (auch gegen die Engländer und Burgunder).

Architekten finden in der Notre-Dame des Erzbistums eine „Kirche der Baumeister“. Bautechnisch wurde sie sehr genau nach System (Bauhaus) auf dem Reißbrett entwickelt. Trotzdem blieb die Ästhetik lebendig und ermöglichte künstlerische Feinheiten und detaillierte Raffinesse.

Leider ist uns heute die Gotik ein Buch mit sieben Siegeln. Es gilt aber als gesichert: Eine Kathedrale wurde nicht als „Kulisse“ aufgestellt! Für Le Goff waren die Bauwerke Monumente mit dem größten Reichtum an Bedeutung überhaupt: „Ich weiß nicht, ob sich unter den modernen weltlichen Bauten welche finden, die ihnen darin vergleichbar sind?“ Alchemisten versammelten sich heimlich in der Nacht in der Notre-Dame, um das Bauwerk mit seinen hermetischen Symbolen zu studieren, so Fulcanelli, genau hierfür sei sie erbaut worden.

Doch für wen und wofür wurden sie einst tatsächlich errichtet? Die Notre-Dame in Paris wurde für den „Menschen“ selbst errichtet und will als ein antiker Tempel verstanden werden. Ihre Ausrichtung (Lage), ihre Proportionen und ihre verschiedenen Ebenen ergeben ein intelligibles Abbild der Schöpfung. Die Funktion eines solchen Tempels liegt darin, die Verbindung von Erde mit der Unterwelt und dem Himmlischen herzustellen. Die Idee wird im Weltenbaum der Edda sichtbar, der im Untergrund sein dunkles Wurzelwerk ausbaut und gleichzeitig seine himmelszeltbildende Krone zum Licht erstreckt. Im Irdischen werden Oben und Unten miteinander verbunden: Im Stamm.

Im „Großen Werk“ schwingen die Dimensionen der Schöpfung miteinander

Für die Erbauer thront die Kathedrale im „Fluss des Lebens“. Tief im Untergrund ein Kanalsystem und ein gewaltiges Fundament, das aus mächtigen Grundpfeilern für die Ewigkeit besteht – für die Altvorderen das Abbild der „Unterwelt“. Nach oben streben die Säulen des Steingiganten und finden sich im Gewölbe zusammen. Die lichtgefluteten Galerien mit dem farbigen Glas, das wie Früchte eines Baumes erblüht, vereinen sich alle im Abbild des Himmels. Im Ebenirdischen werden diese Dimensionen durch ein „philosophisches Maß“ miteinander gebunden, das auf den Besucher – bewusst und unbewusst – wirkt. Die beiden Nord- und Südtürme verstärken dieses Anliegen und präsentieren noch einmal die Essenz dieser Philosophie in eigener Weise. Man nannte diese Funktion eines Tempels auch das „Große Werk“, weil hier die Dimensionen der Schöpfung miteinander schwingen.

Die Erbauer präsentierten ursprünglich jedem Besucher diese Analogie (Erkenne dich selbst!). Denn den Menschen war früher noch geläufig, dass die Heilige Schrift vielfältig darauf verweist, dass der eigene Leib schließlich der „Tempel“ sei. Im Erkennenden sollen demnach diese Dimensionen verankert werden: Ordnung (Ausrichtung) im weltlichen „Chaos“ schaffen / das Geistige in die Materie bringen / Licht ins Dunkel.

Freimaurer finden traditionell im Mittelpunkt ihrer Arbeit einen alten symbolischen Grundriss – komprimiert als philosophisches Abbild eines Tempels, aber auch das „Buch des hl. Gesetzes“. Victor Hugo betonte, dass die „Bibel der Menschheit“ in der Kathedrale Stein geworden sei. Der Tapis mit seinen Symbolen zusammen mit der Bibel waren für die alte Maurerei der Schlüssel für die Offenbarung. Für sie war die Gotik kein Buch mit sieben Siegeln. „Kathedrale“ (lat. cathedra) bedeutet ja auch „Stuhl des Meisters“. Eine Notre-Dame war deshalb für die Alten ein „Einweihungsbau“.

Notre-Dame-Kathedralen gibt es in ganz Frankreich, z. B. in Amiens, Reims, Rouen oder Laon. Einige von ihnen lassen zusammengenommen das Sternbild Virgo (Jungfrau) erkennen. Das ist nicht außergewöhnlich, denkt man an das Plateau von Gizeh in Ägypten.

Die Bezeichnung „Notre-Dame“ (Unser aller Frau) hängt mit dem Sternbild Jungfrau zusammen und korreliert für Christen mit der Jungfrau Maria (Mater Nostra). Eine der ältesten „Maria“ geweihten Notre-Dame-Kathedralen steht in Straßburg. Von Beginn an wurde sie mit dem Sternbild Jungfrau „in Einklang“ gebracht. Die Kathedrale in Paris steht ebenfalls auf einer Insel und ist als Notre-Dame geweiht. Auch ihre Baulinie differiert um etwa 30 Grad von Osten, aber oppositär zu Straßburg. Die Kathedrale am Seine-Ufer ersetzte nämlich um 540/550 n. Chr. einen Vorgängerbau, der St. Etienne (hl. Stefan) geweiht war. Dessen Bauline ist beibehalten worden. In Paris gibt es – wie in fast jeder Kathedrale – zwischen Chor und Mittelschiff einen kleinen „Knick“ in der Achse. Für Historiker scheint oftmals technisches Unvermögen die Ursache zu sein. Nur langsam nähert man sich dem verborgenen Sinn, der bewusst den „himmlischen“ vom „irdischen“ Teil einer Kathedrale unterscheidet (Reidinger). Die Baumeister haben das unter Berücksichtigung des Sonnenlaufs exakt bestimmt.

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Das spirituelle Zentrum der Stadt und des Landes

Bislang sah man die Kathedrale von Paris nicht direkt in der Konstellation von Jungfrau (Charpentier, Matter). Erst die Entdeckung eines zweiten Sternbildes Draco (Drachen) bindet Paris mit ein (Wabbel). Fast ausschließlich Notre-Dame geweihte Kathedralen formen geographisch den Drachen – die Jungfrau hingegen wird mehrheitlich von Kathedralen des St. Etienne geographisch gebildet. Paris war ursprünglich auch eine St. Etienne – erst später wurde sie zur Notre-Dame. Sie steht somit für beide! Tatsächlich liegt bei erneuter Betrachtung Paris (mit St. Denis, der Grablege französischer Könige) im Mittelpunkt beider Konstellationen. Für die Altvorderen war (nach der Offenbarung 12,1–4) die Beziehung zwischen „Jungfrau und dem Drachen“ sehr bedeutend. Die Notre-Dame von Paris hat eine besondere Stellung im Netzwerk der Kathedralen. Das Geheimnis, das Victor Hugo seinen Lesern vermitteln wollte, ruht im Grundriss.

Es heißt, dass Kathedralen auf energetischen Kreuzungspunkten heiliger Linien (Ley-Lines) errichtet wurden und schon in prähistorischer Zeit Kultorte darstellten. Die Bauline der Notre-Dame ist zentral für ganz Paris! Das Gründungszentrum der französischen Hauptstadt liegt auf der Insel. Bevor hier im 4. Jahrhundert erstmals eine christliche Kirche entstand, befand sich dort ein Tempel Jupiters (unterhalb des heutigen Chors). Als keltische Siedlung namens „Lutetia“ wuchs sie unter den Römern zu einer Stadt heran, die nach dem Himmel ausgerichtet wurde. Ein religiöser Akt, von Priestern begleitet. Die römische Landvermessung basierte auf einer rechtwinkligen Konstruktion, die durch zwei Hauptachsen einen Kreuzungspunkt (locus gromae) ermittelte. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit lag er dort, wo heute die Notre-Dame steht – demnach das spirituelle Zentrum der Stadt.

Die Ost-West-Achse (decumanus maximus) der einst antiken Stadt prägt noch heute das Bild und liegt parallel zur Baulinie der Notre-Dame – dazwischen verläuft die Seine: Die Hauptstraße der Champs Elysées. Hier entlang bauten schon Caterina de’ Medici, der „Sonnenkönig“ und Napoleon, zuletzt der französische Staatspräsident François Mitterrand. Die Achse verläuft vom Großen Bogen von La Défense durch den Triumphbogen des Sterns zum Platz der Einheit (Obelisk von Luxor) bis zum Louvre. Dessen Grundriss ist gespiegelt nahezu identisch mit dem ägyptischen Tempel von Luxor – sogar der Knick der Baulinie ist mit 6,33 Grad identisch. Die Franzosen sind davon überzeugt, dass es eine sakrale Sichtweise benötigt, um den städtebaulichen Plan ihrer Hauptstadt als eine tiefgründige Symbolik mit philosophischen Lehren zu verstehen.

Die Bienen setzen ein Zeichen

Jedenfalls bleibt jetzt erst einmal die „Teufelstür“ der Notre-Dame bis zum Ende der Restaurierung geschlossen. Immer wieder gerieten Kathedralen in Brand. Immer wieder sind sie auferstanden! Darin sind sie uns ein lebendiges Symbol des „Phönix aus der Asche“. Zum Abschluss die vielleicht schönste Zwischenmeldung nach dem Kirchenbrand, die sich wie eine freimaurerische Allegorie liest. Ein altes Symbol der Freimaurer war der Bienenkorb. Honig wurde seit jeher mit der Kraft der Sonne und symbolgleich mit Gold assoziiert. Das fleißige Treiben der Bienen, das im Winter ruht und mit der Zunahme an Tageslicht wieder beginnt, war auch Sinnbild für den Sieg des Lichts über die Finsternis. Deshalb finden sich Bienenstöcke auch auf Kathedralen (z. B. Rosslyn Chapel). Seit 2013 auch in Paris: Auf dem Dach der Sakristei leben rund 180.000 Bienen in drei Bienenstöcken. Welch ein schönes Zeichen nach der Katastrophe, als auch Satellitenbilder bestätigten, dass diese Bienenstöcke erhalten geblieben sind. Für Bienen ist Kohlenstoffmonoxid (CO) ungefährlich. Die Bienen geben bei einem Brand ihre Bienenstöcke nicht auf, sondern saugen sich mit Honig voll und nehmen schützend ihre Königin in die Mitte, so der Kirchenimker Nicolas Géant zur französischen Nachrichtenagentur AFP. Es lebe der Symbolismus!

Die Grande Loge Nationale Francaise (GLNF) hat sich in einem Schreiben vom 29. April an alle befreundeten Großlogen für die weltweite Anteilnahme gedankt und mitgeteilt, dass sie sich über ihren Hilfsfond „Fondation de la GNLF“ an der Finanzierung des Wiederaufbaus der Notre-Dame in Paris beteiligen wird. Über die Internetseite www.fondationglnf.com ist es möglich zu spenden und sich über die den Fortgang der Hilfsaktion zu informieren.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Ein gelingendes Leben

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Als Freimaurer hören wir regelmäßig die Mahnung des Meisters vom Stuhl: „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder, und bewährt euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst.“

Das ist eine Verpflichtung, die uns darauf hinweist, wo zumindest ein Arbeitsfeld des Maurers sein könnte. Und in dem Wort „Verpflichtung“ steckt ja unübersehbar das Wort „Pflicht“. Das aber ist ein sehr unbeliebtes Wort geworden in einer Gesellschaft, die sich ja eher als Spaßgesellschaft versteht, für die Bindungen unwichtig scheinen. Event und Fun stehen im Vordergrund, und eine Vereinigung wie die unsere, die Pflichterfüllung einfordert, kann dann ja nur eine Spaßbremse sein. Denn machen wir uns klar: Die meisten Pflichten, die wir erfüllen müssen, haben etwas Mühsames und Schweres an sich. Wir können an die Pflicht denken, sich in bestimmte Strukturen einzuordnen, in eine berufliche Hierarchie z. B. Es könnte auch die Pflicht sein, sein Geld mittels einer ungeliebten Arbeit zu verdienen, weil es keine greifbare Alternative gibt. So etwas gibt es, auch wenn das für die meisten von uns hoffentlich eher eine theoretische Überlegung ist. Was ist mit heutzutage etwas antiquierten Pflichten, wie „Vater und Mutter zu ehren“ oder gar „nicht des Nächsten Weib zu begehren“? Oder ist das gar nicht so antiquiert? Ich will jetzt niemanden auffordern, sich einmal eine Gesellschaft vorzustellen, in der es gar keine Pflichten gibt. Das wäre lächerlich. Selbst wenn uns alle Arbeit von Maschinen abgenommen wird, es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt und wir den ganzen Tag nur noch zwischen Sofa und Bett hin- und herwandern müssten und selbst normalerweise ungeliebte Pflichten wie die Verteidigung des Vaterlandes von Algorithmen erledigt werden, blieben doch genügend Pflichten bestehen, denen wir uns nicht entziehen können. Ich will nur einige nennen: Die (nicht nur finanzielle) Sorge für unsere Familie, die Pflicht, sich in irgendeiner Form für unser Gemeinwesen einzusetzen, und auch die Pflicht, Stellung zu beziehen, auch wenn es unbequem ist. Vermutlich ließe sich diese Liste beliebig verlängern, aber für den Moment soll es genügen.

Alles nur Mühe und Arbeit?

Nun verbinden die meisten von uns mit dem Wort Pflicht ja etwas eher Schweres, Belastendes, Unangenehmes. Soll unser Leben also spätestens ab Aufnahme in den Bund der Freimaurer nur noch niederdrückend und hart sein? Auch wenn wir so erwachsen sind, dass wir nicht auf unserem vermeintlichen Recht beharren, Spaß haben zu dürfen, so suchen wir doch alle vermutlich etwas (oder meinen, es gefunden zu haben), das unser Leben bei aller Gewissenhaftigkeit und Pflichterfüllung erhellt und lebenswert macht. Aber der Reihe nach, vielleicht reicht die Pflichterfüllung an sich ja doch, um ein Leben lebenswert zu machen. In der Bibel finden wir den weisheitsvollen Satz: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hochkommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ Also doch nur „Mühe und Arbeit“? Das reicht, um unser Leben „köstlich“ zu machen?

Ich werde hier nicht dem Psalmisten widersprechen, denn wenn ich mir vorstelle, es wäre mir vergönnt, eines Tages auf 80 Lebensjahre zurückblicken zu können, würde ich dem Psalmisten vielleicht doch zustimmen, denn das Gegenteil von „Mühe und Arbeit“ wäre Müßiggang, und 80 Jahre Müßiggang wäre selbst für einen Faulpelz wie mich eine saure Angelegenheit. Und dennoch: Finden wir vielleicht zwischen Mühe und Arbeit auf der einen und Müßiggang auf der anderen Seite etwas, was unser Leben lebenswert macht und uns eines fernen Tages im Rückblick sagen lässt, „Ja, mein Leben war ein gelungenes Leben“? Allerdings wissen wir dann immer noch nicht, um welche Pflichten es dabei gehen könnte.

„Sei maßvoll und respektiere die Mühe anderer …“

Der berühmte Schauspieler Cary Grant schrieb kurz vor seinem Tod einen Brief an seine Tochter Jennifer: „Liebste Jennifer, lebe dein Leben voll, ohne selbstsüchtig zu sein. Sei maßvoll, respektiere die Mühe anderer. Strebe nach dem Besten und gutem Geschmack. Behalte einen reinen Verstand und sauberes Benehmen … Sei dankbar für die Gesichter guter Menschen und die … Liebe hinter ihren Augen … Für Blumen, die im Winde tanzen … Ein kurzer Schlaf noch, und ich wache für die Ewigkeiten auf. Wenn ich nicht erwache, wie wir es verstehen, dann lebe ich in dir, liebste Tochter, fort.“

Und, was hat das mit den Pflichten zu tun, von denen wir im Ritual bei der Aufnahme, bei der Übernahme von Ämtern und auch an anderen Stellen gehört haben und die ich angeblich die ganze Zeit behandle? Ich finde, eine ganze Menge. Im Grunde legt er seiner Tochter nämlich Pflichten auf. „Sei maßvoll, respektiere die Mühe anderer, tu dies, tu das …“ Auch wenn dieser Pflichtenkatalog nichts enthält wie: „Geh jeden Tag zur Arbeit, selbst wenn dein Chef ein vollkommener Ignorant ist, zahle brav deine Steuern und bringe deine Ersparnisse nicht auf die Cayman-Inseln usw.“, so geht es Cary Grant doch offensichtlich nicht darum, dass seine Tochter sich einfach nur zurücklehnen und ihr Leben genießen soll. Aber was hätte sie davon, wenn sie diesen Pflichtenkatalog erfüllte? Wenn wir genau hinhören, deutet er in der Formulierung der Pflichten ja schon an, was seine Tochter bekommen könnte: Wenn sie es schafft, nicht „selbstsüchtig“ zu sein, wird sie sich für andere Menschen öffnen, ihnen mit Empathie begegnen, und so die Möglichkeit schaffen, dass ihr andere Menschen ebenso empathisch und offen begegnen. Wenn sie „maßvoll“ ist, gerät sie nicht in Gefahr, maßlos und gierig alle Grenzen zu überschreiten und alles für sich behalten zu wollen, was ihr die Chance bietet, anderen materiell oder ideell etwas geben zu können. Wer die Mühe anderer respektiert, wird vielleicht in seinem Streben ebenfalls respektiert werden …

„… denn wer sät, erntet nicht immer.“

Natürlich habe ich das alles sehr vorsichtig formuliert, ich habe von Möglichkeiten und Chancen gesprochen. Es handelt sich ja nicht um ein Geschäft mit vertraglich festgelegten Regeln nach dem Motto: „Wenn ich das tue, bekomme ich dafür jenes“. Nein, es ist ein Handeln, das Möglichkeiten eröffnet, wir können nicht wissen, ob es sich „lohnt“. In einem Ritual (nicht A. F. u. A. M.) heißt es: „Ihre Arbeiten können auch ohne Lohn bleiben, denn wer sät, erntet nicht immer.“ Was wir tun können, ist zu säen. Ob wir ernten werden, wissen wir nicht, aber wer gar nicht erst sät, wird bestimmt niemals die Früchte seiner Mühen einfahren.

Und so verstehe ich die Pflichten, die uns auf unserem Weg aufgegeben worden sind: Es sind Handlungsanweisungen, die uns eines Tages vielleicht in die Situation bringen, dass wir von unserem Leben sagen können: „Es war gut, es ist gelungen.“ Denn darum geht es im Grunde: Im Rückblick ein gelungenes Leben feststellen zu können — oder besser noch jetzt im Moment ein gelingendes Leben. Wir wissen nicht, was nach unserem Tod kommt, das kann uns niemand sagen. Wir können etwas glauben, müssen es aber nicht. Aber was wir wissen können, ist, ob unser Leben jetzt im Moment gelingt. Und dazu gehört kein dickes Bankkonto, keine Segelyacht und kein Porsche. Das alles können wir sowieso nicht mitnehmen, wenn es soweit ist. Vielleicht machen uns diese Dinge im Moment Spaß und befriedigen uns, aber das reicht nicht für ein gelingendes Leben. Dazu gehört vielmehr der Umgang mit anderen Menschen auf der Winkelwaage, Respekt, vielleicht etwas Demut oder sogar Dankbarkeit, für das, was wir haben, auch wenn wir nicht so genau wissen, wem wir dankbar sein sollen. Auf jeden Fall sollten wir uns als Freimaurer klar machen, dass uns unsere irdischen Besitztümer nicht für alle Ewigkeit erfreuen werden. Und für mich gehört zu einem gelingenden Leben, dass wir auch dann Freude und Befriedigung erleben, wenn es uns materiell nicht so gut geht. Umgang mit meinen Mitmenschen kann ich auch haben, wenn ich nichts besitze, und vielleicht werde ich auch dann, wenn es mir schlecht geht, mich ganz bewusst entscheiden können, dankbar zu sein für alles, was ich habe, und nicht neidisch auf das schielen, was die anderen haben. Das wünsche ich mir jedenfalls.

Nun sind das hohe Ziele, und welche Pflichten mich dahin führen, dass ich sie erreiche, weiß ich nicht immer hundertprozentig. Aber die Auflistung aus dem Brief von Cary Grant ist, meiner Meinung nach, schon mal ein guter Anfang:

Lebe dein Leben voll, ohne selbstsüchtig zu sein.
Sei maßvoll, respektiere die Mühe anderer.
Strebe nach dem Besten und gutem Geschmack.
Behalte einen reinen Verstand und sauberes Benehmen.
Sei dankbar für die Gesichter guter Menschen und die Liebe hinter ihren Augen.
Sei dankbar für Blumen, die im Winde tanzen.

Wenn wir diesen „Pflichten“ gehorchen, sind wir auf jeden Fall „wachsam auf uns selbst“, und wenn alles gut geht, wenden wir so auch „niemals der Not und dem Elend den Rücken“.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Neues Wagen und beim Alten bleiben

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“Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Dieses Zitat des italienischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Giuseppe Tomasi di Lampedusa wird aktuell immer wieder gerne wiederholt. Egal, in welchen gesellschaftlichen Bereich man schaut, überall wird Wandel und Veränderung gefordert: in der Europapolitik, in der Wirtschaft, in der Energieerzeugung, in der Kirche, im Sozialstaat, in der Kommunikation, in der Mobilität, in der IT … – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

„Nichts ist beständiger, als der Wandel.“ Diese alte Lebensweisheit wird dem griechischen Philosophen Heraklit zugesprochen. Die Beständigkeit des Wandels wird uns in fast allen Facetten des täglichen Lebens gepredigt — nein, sie wird uns förmlich um die Ohren gehauen. Aber hat sich in den vergangenen 2500 Jahren an dieser Wahrheit wirklich nichts geändert? Sind wir zu einer stetigen Veränderung verdammt? Müssen wir uns blind dem herrschenden Zeitgeist, den aktuellen Gegebenheiten und den damit einhergehend geforderten Veränderungen unterwerfen? Oder gilt es nicht, auch einmal wie der Fels in der Brandung zu sein, wie ein Monolith, der den Strömungen der Zeit entgegensteht und das Bewährte bewahrt? Müssen nicht gerade wir, liebe Brüder, dieser Stein, dieser unbehauene Stein sein?

Was wir früher hatten, wünschen wir heute oft zurück.

Sicher, Veränderungen der Zeit fordern auch Veränderungen an Althergebrachtem — aber dann doch bitte immer mit Prüfung und Weitsicht. Denn einmal veränderte Gegebenheiten können später durchaus auch als schmerzlicher Verlust empfunden werden. An einem aktuellen Beispiel aus der Verkehrspolitik möchte ich es verdeutlichen: In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde alles darangesetzt, den Güterverkehr von der Schiene auf die Straße zu verlagern. Die Bahn war — aus damaliger Sicht — nicht mehr zeitgemäß. Zudem sollte der Staatskonzern privatisiert werden und an die Börse gehen. Strukturen wurden verschlankt, Bahnstrecken zurückgebaut, Gütertransportkapazitäten zurückgefahren, Gü­ter­bahn­höfe in zentraler City-Lage stillgelegt, die Gebäude abgerissen, das Gelände verkauft. „Just in time“ liefern konnte aus damaliger Sicht nur der LKW, denn die Autobahnen und Straßen waren frei. Noch. Aber heute erleben wir genau das Gegenteil: Der Lkw- und Pkw-Verkehr verstopft die Autobahnen und stößt viel CO2 aus. Die Bahn wäre — auch um die Pariser Klimaziele zu erreichen — die Alternative und Lösung. Aber: Infrastruktur fehlt, ebenso wie Flächen und Anschlüsse. Das, was wir früher hatten, wünschen wir uns heute wieder.

Ebenso erging es beispielsweise Straßenbahnen im Öffentlichen Personennahverkehr: Sie galten nicht mehr als zeitgemäß, heute sind die Städte glücklich, die sich seinerzeit nicht dem aktuellen Zeitgeist angepasst haben.
Oder werfen wir in der Sozialpolitik einen Blick auf die städtischen Wohnungsbaugesellschaften: Sie wurden verkauft, weil sie nicht als „Kerngeschäft“ der Städte galten. Heute wird sozialer Wohnungsbau wegen der steigenden Miet- und Immobilienpreise immer mehr gefordert.

Warum ich diese Beispiele bringe? Weil ich die Befürchtung habe, dass auch wir Freimaurer in der Gefahr sind, uns einem aktuellen Zeitgeist zu unterwerfen und in Entscheidungen drängen zu lassen, die wir mindestens sorgfältig prüfen, aber besser noch kritisch hinauszögern sollten, damit wir sie später nicht bereuen. Ich meine die immer weitere Öffnung unserer Logen und die immer größere Öffentlichkeit und Transparenz unserer Bruderschaft.

Was unterscheidet uns vom Stammtisch?

Sicherlich benötigt die heutige Zeit gewisse Information und Kommunikation — neudeutsch auch Public Relations genannt. Aber, so frage ich, wie weit darf diese Öffnung gehen? Was wollen wir von unserer Arbeit, von unserem Tun und unseren Ritualen nach außen tragen? Ich meine, dass wir aufpassen müssen, getrieben durch den Zeitgeist nicht in der Beliebigkeit zu landen. Was unterscheidet uns dann von einem Service-Club, wenn wir nur noch Spenden übergeben, uns öffentlich treffen und vernetzen? Was unterscheidet uns von einem Stammtisch, wenn wir für jeden zugänglich miteinander sprechen und diskutieren? Was unterscheidet uns von einer Kirche, wenn wir Rituale öffentlich durchführen, ausführlich erklären und dann doch immer wieder auf Unverständnis stoßen?

ie Freimaurerei, der alte europäische Bruderbund weltoffener Humanität, kann mittlerweile auf eine wechselvolle Geschichte von über dreihundert Jahren zurückblicken. Viele bedeutende Männer gehörten ihm an, mancher Anstoß zu politischen und gesellschaftlichen Reformen ist von ihm ausgegangen. Wir Freimaurer haben aber nicht nur eine Tradition, wir haben auch ein Alleinstellungsmerkmal, das viele andere nicht haben. In der Marketingsprache heißt das USP – unique selling proposition: Wir sind ein Bund von Gleichgesinnten, der die traditionsreichen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität in den Mittelpunkt seines Handelns stellt. Wir sehen uns als raue, unvollkommene Steine. Wir wollen an uns arbeiten, um uns zum Kubus zu wandeln, damit wir beim symbolischen Tempelbau, der freimaurerischen Utopie einer harmonischen Vereinigung aller Menschen als Brüder, als passender Teil in das Gesamtkunstwerk eingefügt werden können. Der selbstkritische Freimaurer wird sich sein Leben lang als rauer Stein begreifen, denn Vollkommenheit ist uns Menschen nun mal leider nicht gegeben. Die Freimaurerei vereint Menschen aller sozialen Schichten, Bildungsgrade und Glaubensvorstellungen. Und sie zeichnet sich aus durch Brüderlichkeit und Verschwiegenheit. Dabei bezieht sich die von uns Freimaurern geübte Verschwiegenheit auf einige Einzelheiten der freimaurerischen Bräuche und ist das Symbol für den in jeder Gemeinschaft notwendigen Schutz des persönlichen Vertrauens. Freimaurer haben sich der Verschwiegenheit, dem Datenschutz sowie dem Grundsatz verpflichtet, freimaurerische Bräuche nicht nach außen zu tragen. Dies soll intern den freien Ideen- und Meinungsaustausch ermöglichen. Nur so können wir frei und untereinander offen an uns arbeiten, um vom unbehauenen Stein zum Kubus zu werden. Das gegenseitige Versprechen zur Verschwiegenheit dient nicht der Geheimniskrämerei, sondern soll Privatsphäre bieten. Mit keiner Art von Verschwörung hat die Freimaurerei etwas zu tun.

Freimaurerei ist hochmodern, weil sie zeitlos ist

Und wir sind auch keine Versammlung Ewiggestriger. Wir stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung. Dieses Erbe ist eine Verpflichtung für die Gegenwart und die Zukunft. Immerhin dürfen wir nicht ganz unbescheiden feststellen, dass einige definierte Ziele der Freimaurer, zum Beispiel Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, zumindest teilweise in Erfüllung gegangen sind. Es war die unter anderem nicht zuletzt durch einzelne Freimaurer geprägte Fortschrittsidee, die den Glauben hervorbrachte, dass Gesellschaften, die mit materiellem Wohlstand gesegnet sind, automatisch bessere Lebensbedingungen hervorbringen. Selbst wenn wir längst an die Grenzen des Wachstums gestoßen sind, bedeutet das doch nicht, dass es sich nicht lohnt, für eine gerechtere Verteilung zu kämpfen. Oder wie es in einem unserer Ritualtexte heißt: „Geht hinaus in die Welt und bewährt euch als Freimaurer, seid wachsam auf euch selbst, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken.“

Der deutsche Philologe, Literaturhistoriker, Kritiker, Hochschullehrer und Schriftsteller Walter Jens hat einmal gesagt: „Die entscheidenden Veränderer der Welt sind immer gegen den Strom geschwommen.“ Das sollte auch unsere Maxime sein. Wir als Freimaurer, als unbehauene Steine, haben immer die Aufgabe, uns selbst zu prüfen und nach der Perfektion zu streben, wissend, dass diese wohl nie komplett erreicht werden kann. Ebenso muss es mit unserem Denken und Handeln sein: Wir sind aufgefordert, unseren Mann in der sich verändernden Welt zu stehen, auch gegen die Strömungen und Stürme des Zeitgeistes. Denn der Fels, der uns festen Untergrund in der Brandung gibt, besteht aus unseren Werten, die ewig gelten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Sie alleine sind die Richtschnur unseres Handelns.

Ich wage die These aufzustellen: Die Freimaurerei, ihre Werte und Ideale, sind hochmodern, weil sie zeitlos sind. Werte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität verlieren niemals an Aktualität.

Eines steht fest: Die Welt ist technischer und rationaler geworden. Im Wandel der Zeiten änderten sich Weltbilder und Wertmaßstäbe. Die Fortsetzung der Verwirklichung unserer Werte kann — nein, sie wird unserer Gesellschaft in der heutigen Zeit guttun. Oder wie es der Schriftsteller Wilhelm Raabe sagte: „In der jetzigen Zeit ist es mal was Neues, beim Alten zu bleiben.“

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Von Anstand bis Zuverlässigkeit

Man kann es allenthalben beobachten, dass Menschen mit dem Finger auf Nachbarn, Bekannte und auch auf Fremde zu zeigen, um auf angebliches Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Dabei wird vergessen, dass an der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger drei Finger auf die Person zurückzeigen.

Was bedeutet das? Im Volksmund heißt es: Jeder kehre zuerst vor seiner eigenen Tür! Ich muss mit meinem Verhalten zuerst Vorbild sein, bevor ich mich über das Verhalten anderer äußere. Wie arbeitet man an sich selbst, an seinem eigenen rauen Stein? Leitgedanken, ein Wertekatalog, eine Richtschnur helfen dabei, sich selbst und seine Defizite zu erkennen. Ein Ist/Soll-Vergleich des eigenen Verhaltens zeigt: Wie steht es mit mir? Wo kann ich mein Verhalten verbessern. Als kleines Hilfsmittel und Werkzeug habe ich eine Checkliste dafür angelegt:
Anständigkeit

Der Anstand bestimmt unsere Umgangsformen und unsere Lebensart. Unser Gefühl ist für den Begriff „Anständigkeit“ ausgeprägt. Noch präziser ist unser Urteil über „unanständiges Verhalten“.

Der Anstand bestimmt unsere Umgangsformen und unsere Lebensart. Unser Gefühl ist für den Begriff „Anständigkeit“ ausgeprägt. Noch präziser ist unser Urteil über „unanständiges Verhalten“.

Aufrichtigkeit im Gespräch ist der Beginn zu gegenseitigem Vertrauen. Das erwarte ich jedoch auch von meinem Gesprächspartner.

Die meisten von uns haben schon als Kinder gelernt, nicht das größte Stück vom Kuchen zu nehmen und damit auch noch zu prahlen. Das Prahlen und Herzeigen ist zwar Mode, keinesfalls aber sympathisch.

Durch besonnenes Verhalten kann man Schlimmeres verhüten. Bei überlegtem und beherrschtem Handeln behält der Verstand die Oberhand.

Wer ehrlich ist, ist gleichzeitig auch ehrenhaft. Ehrlich sind Menschen, die zu ihren Defiziten und Merkwürdigkeiten stehen und nichts beschönigen.

Die Pflege unserer emotionalen Intelligenz ermöglicht es, gut mit den eigenen Emotionen und den Wünschen sowie den Emotionen der Anderen umzugehen. Damit können wir soziale Konflikte in unserem Umfeld positiv beeinflussen.

Mit Fleiß beweisen wir unsere Zielstrebigkeit bei der Bearbeitung unserer Defizite im Gegensatz zum Müßiggang.

Gelassenheit hilft in allen Lebenslagen und ist eine wichtige Voraussetzung für ein gelingendes Zusammenleben.

Der rechte Winkel mahnt symbolisch an die Rechtschaffenheit und Geradlinigkeit in meinem Handeln.

Das ist eine uns in die Wiege gelegte Charakterhaltung. Wir sind verpflichtet, die Würde des Menschen zu schützen und dem Unrecht zu wehren.

Gewaltlosigkeit folgt der Überzeugung, dass durch Gewalt oder Gewaltandrohung Probleme nicht gelöst werden. Bekannte Vertreter dieser Denkrichtung sind Jesus und Mahatma Gandhi.

Sie beschreibt den Grad der Selbstkontrolle, Genauigkeit und Zielstrebigkeit, die einem Menschen eigen sind. Ich folge dem Rat meines Gewissens, das nicht trügt.

Gütig ist ein Mensch, der eine wohlwollende, freundliche und nachsichtige Einstellung gegenüber anderen hat. Elemente von Güte sind Gutes tun und Barmherzigkeit.

Allein ein guter Wille ist ohne Einschränkung für gut zu halten, sagt Kant.

Klug ist, wer in einer Situation angemessen und vorausschauend handelt. Klugheit gehört zu den vier Kardinaltugenden (nach Platon: Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit).

Beim Mitleid mit Menschen und Tieren in Not ist nicht nur unser Herz gefordert, sondern unser Handeln, um im Rahmen unserer Möglichkeiten das Leben des Anderen zu erleichtern.

Darunter versteht man eine freiwillige Selbstbeschränkung und ein Erkennen der eigenen Grenzen.

Maß zu halten ist die Mutter aller Tugenden.

Dem Wort Ordnung wurde das Wort Sinn zugefügt, um die Ordnung der Sinne anzumahnen.

Die Kurzform lautet: Die Rechte des Anderen wahren und nach Möglichkeit bedienen.

Unpünktlichkeit ist unbedingt zu vermeiden, weil sie eine Herabwürdigung des Anderen bedeutet.

In einer Gemeinschaft verhält man sich redlich durch Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Loyalität.

Der Respekt ist eine Form der Wertschätzung, der Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber anderen.

Schönheit steht für die Begriffe Ästhetik, Harmonie, Symmetrie und Würde unseres Handelns.

Das Erkennen der eigenen Stärken und Schwächen ist die Voraussetzung für die angestrebte Verbesserung, die Arbeit an sich selbst.

Diese Tugend hat den maßvollen Umgang mit Geld, Gütern und Natur zum Ziel. Sofern es um die eigenen Mittel geht, ist eine angemessene Großzügigkeit bei Spenden selbstverständlich.

Stark sein ist die Fähigkeit, auch mit widrigen Umständen in meinem Leben umgehen zu können.

ist eine Kardinaltugend, die wir heute mit dem Wort Zivilcourage ausdrücken.

Es ist das Bemühen um Akzeptanz des Andersdenkenden. Friedrich der Große sagte: Bei uns kann jeder nach seiner Façon selig werden.

Unbestechlich ist, wer die eigenen ethischen Werte höher einschätzt als persönliche Vorteile.

Verzeihen und Großmut ist die Fähigkeit zur Vergebung, anstatt Rache und Vergeltung zu üben.

Weise ist ein Mensch mit Verständnis von Zusammenhängen und Problemlösungen, die schlüssig und sinnvoll sind. Diese Tugend zu leben fällt naturgemäß älteren Menschen mit ihrer Lebenserfahrung leichter.

Ein guter Rat für den Alltag lautet: Öfter einmal mehr als gewohnt den Mund zu halten. In kritischen Situationen „den Mund zu halten“ oder „innezuhalten“ ist gewiss kein Zeichen von Schwäche oder Ratlosigkeit.

Zuverlässigen Menschen kann man vertrauen, ihrer Hilfe ist man auch in kritischen Situationen sicher.

Nach all diesen Punkten kann man sich die Frage stellen: Wie steht es damit bei mir? Eine redliche Antwort lautet: Nicht immer zum Besten. Es gibt noch viel zu tun.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 6-2018.

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Die Kugelung — eine Quelle des Zwistes?

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Die Kugelung als letzter Akt vor der Aufnahme eines neuen Bruders ist eine Besonderheit der Freimaurerei und ein „Alleinstellungsmerkmal“, da es bei Vereinen die Einstimmigkeit – denn das ist praktisch die Kugelung mit der Einschränkung von drei möglichen schwarzen Kugeln – nur in Ausnahmefällen gibt, schon gar nicht bei der Aufnahme von Mitgliedern.

Als Maßstab für Suchende stelle ich eine frühere Beschreibung durch unseren Altgroßmeister, Br. Jens Oberheide, voran:

„Geistig wie auch menschlich aufgeschlossene Männer unterschiedlicher politischer, religiöser oder weltanschaulicher Überzeugung aus allen Gesellschaftsschichten sind uns willkommen, ob sie nun Esoteriker oder Lebenspraktiker sind, Schöngeister, Querdenker, Intellektuelle, Progressive oder Bürgerlich-Konservative, Rechte oder Linke, Gläubige oder Kirchenferne, Idealisten oder Tatmenschen oder einfach nur die Denker und Träumer einer besseren Welt. Menschen, die einander sonst fremdgeblieben wären, kultivieren dieses heterogene Miteinander in den Logen. Es ist auch heute noch umso beglückender, je größer die individuelle Vielfalt an Wissen, Herzensbildung, Lebenserfahrung und Weltanschauung in der Loge ist. Das führt zum ‚Laut Denken mit dem Freunde‘, wie Lessing das nennt.“

Kugelung nicht für persönliche Auseinandersetzungen missbrauchen!

Dies ist zugegebenermaßen ein hoher Anspruch an die Integrationsbereitschaft und -fähigkeit unserer Brüder.

Die Kugelung als der letzte Akt des Aufnahmeverfahrens geht wohl auf die „Alten Pflichten“ zurück, die unter „Allgemeine Anordnungen“ Abschnitt VI. fordern:

„Niemand kann als Bruder in eine Loge aufgenommen oder als ihr Mitglied angenommen werden, ohne die einstimmige Zustimmung aller beim Vorschlag des Suchenden anwesenden Brüder der Loge.“

Die geforderte Einstimmigkeit wird in unserer Großloge konkret so gefasst, dass bis zu drei Gegenstimmen unbeachtet bleiben, wenn diese gegenüber dem Meister vom Stuhl nicht gerechtfertigt werden. Diese Regelung soll wohl der

Lebenswirklichkeit insofern Rechnung tragen, als immer wieder Brüder die Kugelung durch Werfen von schwarzen Kugeln sozusagen „missbrauchen“ können:
– aus nicht in der Person des Suchenden liegenden Gründen (Kritik z. B. an der Logenführung, am Bürgen);
– indem Bedenken angeführt werden u. a. auf Grund persönlicher, weltanschaulicher oder moralischer Präferenzen, Vermutungen, Annahmen und Unterstellungen aus dem Lebenslauf des Suchenden oder einfach aus Missachtung des Toleranzgebotes gegenüber Andersdenkenden;
– aus einem unreflektierten Bauchgefühl heraus, ohne dies nachvollziehbar zu begründen (z. B. „sein Verhalten ist nicht freimaurerisch“, ohne dies näher zu erläutern).

Nun bezeichnen wir Freimaurer uns als einen „Engbund“, der bei der Aufnahme eines Mitglieds eine besondere Prüfung fordert. Dies ist offensichtlich – neben der Pflege der Tradition und des Brauchtums – die Begründung für die Kugelung als letztem Schritt vor der Aufnahme. Dies erfordert nun eine besondere Sorgfalt und eine gut begründete Rechtfertigung des „schwarz“ Kugelnden gegenüber der großen Mehrheit der „weiß“ Kugelnden. Und hier liegt salopp gesagt „der Hase im Pfeffer“, wenn als Begründung für eine schwarze Kugel ein unbestimmtes „Bauchgefühl“ angeführt wird.

Welche Bedenken gelten als begründet?

Eine wesentliche Errungenschaft der Aufklärung, auf die wir uns so gerne berufen, ist die Aufforderung zum Gebrauch der Vernunft im Umgang mit der Gefühlswahrnehmung, nämlich zu ergründen, worauf das „Bauchgefühl“ zurückzuführen ist – getreu unserem Motto „Erkenne Dich selbst!“

Das Bauchgefühl halte ich für wichtig, weil es in einer komplexen Umwelt für unser Verhalten sehr hilfreich ist; nur sollte der vernunftbegabte Mensch in der Lage sein, sein Bauchgefühl gerade gegenüber Mitmenschen zu erforschen und gegen sich selbst aufrichtig zu prüfen, worauf sein Bauchgefühl gründet – „Aufrichtigkeit gegen sich selbst ist mitunter die verwegenste Form der Tapferkeit“ (William Somerset Maugham). Wenn das Bauchgefühl vor allem auf meiner persönlichen Weltsicht beruht, die ich, ohne sie ernsthaft und kritisch zu hinterfragen, für die einzig richtige halte, sowie vorwiegend meine persönlichen Sympathiewerte für den Suchenden ausschlaggebend sind, trübt das den Blick und das Verständnis für den Mitmenschen oder Bruder, und dann ist das Bauchgefühl kein guter Ratgeber.

Der Suchende hat sich nach langer Überlegung (bei uns mindestens ein Jahr) entschlossen, unter Benennung eines Bürgen einen Aufnahmeantrag zu stellen, d. h. er hat den festen Willen, dem Bruderbund beizutreten, weil ihm die Werte unseres Bundes und der brüderliche Umgang wichtig sind, die wir ihm bei unseren Gästeabenden vermittelt und wohl nicht vorgegaukelt haben.

Da auch wir Brüder fehlerbehaftet sind, wie sich das auch im Umgang der Brüder miteinander zeigt – siehe hierzu den „Zwischenruf“ von Br. Thomas Bierling in der „humanität“ Nr. 6/2018 – und uns zwar bemühen, „bessere Menschen“ zu werden, uns aber erst auf dem Weg dorthin befinden, sollten persönliche Eindrücke und Vorurteile bei der Kugelung einer gewissenhaften Selbstprüfung standhalten.
Wenn ein Suchender über ein Jahr lang regelmäßig die Gästeabende besucht, die wir nur für geladene Gäste durchführen, um sie wirklich kennenzulernen, dann ist eindeutig von einem ernsthaften Interesse an unserem Bund auszugehen. Dem kann man sich nur bei wirklich stichhaltigen, nachprüfbaren und nachvollziehbaren Gründen verweigern.

Im Vordergrund sollte der Suchende stehen, der ernsthaft und entschlossen zu uns will, und nicht die persönliche Präferenz eines Bruders. Der aus dem unbestimmten „Bauchgefühl“ schwarz Kugelnde spricht dem Suchenden die Fähigkeit zur persönlichen Weiterentwicklung – ein ethisches Ziel unseres Bruderbundes – ab, er urteilt paternalistisch, d. h. bevormundend, von oben herab, besserwisserisch und nicht auf der Winkelwaage. Mancher Bruder lässt sich leider einfach nicht auf einen Diskurs ein, über sein Bauchgefühl konkret zu sprechen.

Die Entscheidung sollte bereits vor der Kugelung gefallen sein

Die Kugelung ist insofern nur der letzte Akt des Aufnahmeverfahrens, das mehrstufig abläuft. Wenn sich abzeichnet, dass ein Suchender auf größere Vorbehalte in der Bruderschaft stößt, wird bzw. sollte ihm vermittelt werden, dass ein Aufnahmegesuch zumindest zurzeit keine Erfolgsaussichten hat und eine Kugelung unterbleibt, wie das auch in der Freimaurerischen Ordnung vorgesehen ist. Die tatsächliche Entscheidung muss also schon vorher in der Bruderschaft fallen.

Im Übrigen sind drei schwarze Kugeln in einer Loge mit z. B. 15 Mitgliedern qualitativ etwas anderes als in einer mit 40 Mitgliedern wie der unsrigen. Die Kugelung betrachte ich folglich als „altehrwürdigen Brauch“ und „zeremoniellen Abschluss“ des Aufnahmeverfahrens – wie dies übrigens in unserer Satzung auch formuliert und von der Großloge bestätigt ist.

Wenn sich also ein Bruder mit dem Gedanken trägt, auf Grund ausschließlich persönlicher Befindlichkeit und Wahrnehmung des Suchenden („Bauchgefühl“) schwarz zu kugeln, so bitte ich ihn, Folgendes zu bedenken:

– Während der Zeit des gegenseitigen Kennenlernens (bei uns mind. ein Jahr) besteht die Möglichkeit, Bedenken zu äußern, ggf. auszuräumen oder dem Suchenden zu vermitteln, dass er bei uns nicht das findet, was er sucht;
– der „Schwarz“-Kugelnde verwehrt dem Suchenden die Chance und das Angebot, sich in unserem Bund persönlich weiterzuentwickeln – „ein besserer Mensch“ zu werden;
– der „Schwarz“-Kugelnde stellt sich gegen den Bürgen, der für den Suchenden einsteht, und gegen die Empfehlung des Aufnahmeausschusses der Loge;
– er dominiert die große Mehrheit der „Weiß“- Kugelnden. Dass die Loge ein „Engbund“ ist, verpflichtet jeden Bruder umso mehr zu einem brüderlichen Verhalten auch gegenüber den Suchenden.

Jeder Bruder, der sich überlegt, schwarz zu kugeln, sollte wirklich reflektieren, ob seine „persönlichen“ Bedenken (Bauchgefühl) so schwerwiegend sind, dass sie diese genannten Kriterien ausstechen, im Bewusstsein des eingangs durch Altgroßmeister Br. Jens Oberheide beschriebenen Kreises der Suchenden.

Wo bleiben unsere hehren Werte und Ansprüche nach Weltoffenheit und Toleranz, die wir gerne vor uns hertragen? Wenn sie keine „Sonntagsreden“ bleiben sollen, dann müssen wir uns selbst den Spiegel vorhalten und uns auch einer Diskussion über das Verfahren der „Kugelung“ stellen, auch wenn sie unangenehm ist, weil sie vermeintlich die Grundfesten der Freimaurerei zu gefährden scheint.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.

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