Freigärtners Garten

© Daria / Adobe Stock

Von einer besonderen Gärtnerei, einer Schlange und einem versteinerten Gesicht – eine symbolträchtige Exkursion

Eine Zeichnung von Peter Stumpe von der Loge „Prometheus“ in Bonn, September 2019

Der kleine Garten muss der eines Freigärtners sein, kein Garten geschwollen zu einem Reich. Die eigenen Hände zu benutzen, nicht die Hände von anderen zu befehlen.

Tolkin-Roman „Der Herr der Ringe“

Eines „Freigärtners“ Garten? Was ist ein Freigärtner? Freigärtnerei gab es neben der frühen Freimaurerei bereits im 17. Jahrhundert in Schottland. Freigärtner arbeiten dort bis heute. Verwandtschaft sozusagen. Vereinfacht ausgedrückt arbeiten wir Freimaurer bekanntermaßen am Tempel der Humanität, also an einem Bauwerk, die Freigärtner also an einem symbolischen Paradies. Wir Freimaurer schöpfen unsere Symbolik aus der Architektur und dem Bauhandwerk, die anderen aus der Tradition der Gartenkultur.

Warum erzähle ich das? Zunächst einmal finde ich den Gedanken außerordentlich reizvoll, einen angelegten Garten als Allegorie und Symbol zu betrachten, wie es Voltaire und Rousseau im 18. Jahrhundert getan haben und die in einem solch angelegten Garten ein neues ethisches und gesellschaftliches Ideal sahen. Wobei ich das Paradies als einen ausgesprochen irdischen Garten Eden sehe, dessen wohlgeordnete und wunderschöne Pflanzen durch florale Harmonie
u. a.Menschenliebe und Frohsinn hervorrufen und nicht etwa ein Himmelreich, wie ein immer auch fantasievoll ausgemaltes religiöses Paradies gemeint sein könnte. Der religiöse „Baum des Lebens“, wie der „Baum der Erkenntnis“ sind für mich denn auch lediglich irdisch identifizierbare Symbole. Das ist mir ganz wichtig. Kein Wunder, dass der bedeutende Gartentheoretiker Friedrich Casimir Ende des 18. Jahrhunderts Freimaurer war.

Es geht mir, indem ich die Freigärtner vorstelle, in der Hauptsache um unser freimaurerisches Verhältnis zu Natur und Umwelt, welches ich in unserem Wertekanon zwar erwähnt sehe, aber für unzureichend betrachtet empfinde. Der Betrachtung notwendig in der gesamten Weltbruderkette, im jetzigen 250. Geburtsjahr von Alexander von Humboldt ganz besonders.

So rufe ich denn in diesem Zusammenhang eine Symbolfigur unseres Bundes aus der Tierwelt auf, die nicht sehr häufig betrachtet wird: den Ouroboros. Vor einigen Jahren habe ich in der Weimarer Stadtkirche das Grab unseres Bruders
Johann Gottfried Herder (1744 — 1803) aufgesucht. Die Grabplatte trägt ein Alpha und ein Omega, umgeben von den mir in der Freimaurerei besonders am Herzen liegenden Symbolworten „Licht, Liebe, Leben“. Wobei mir, wenn ich das hier einflechten darf, das Licht gleichbedeutend ist für die Erhellung durch Aufklärung und nicht etwa ein göttliches Licht, selbst wenn als seine Herkunft das Johannesevangelium zu identifizieren ist. Zurück zur Grabplatte in Weimar: die genannten Worte „Licht, Liebe, Leben“ werden eingefasst von der Darstellung einer sich selbst verzehrenden Schlange. Warum nun wurde diese Darstellung für die Grabplatte unseres Bruders Herder genommen? Das „Licht, Liebe, Leben“ war sein Lebenswahlspruch, den ich neben dem „Sapere aude“ von Kant resp. Horaz nur zu gerne auch für mich persönlich übernommen habe.

Der Ouroboros, übersetzt aus dem Altgriechischen mit „Schwanzfresser“ ist ein bereits in der Ikonografie Ägyptens belegtes Symbol. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. Für uns Freimaurer gilt diese Schlange als ein Symbol der Unendlichkeit, “die ewige Wiederkehr und die Vereinigung von Gegensätzen”. Wir sollten, so meine ich, diesem kreatürlichen Symbol mehr Bedeutung beimessen als bisher. Bedeutet es nicht mehr und nicht weniger, dass der Abschluss eines Weges oder eines Prozesses immer auch einen Neubeginn darstellt. Es ist eine starke Metapher etwa für den Kreislauf der Zeiten, der Weltuntergänge und Neuschöpfungen, des Sterbens und der Geburt. Und zwar in einem ausschließlich natur-ethischen und nicht in einem religiösen Sinne. So hege ich denn auch keinerlei religiöse Heilserwartung, um dieses zu verdeutlichen. Der Ouroboros ist eine eingängige, kreatürliche Ergänzung der auf unserem Arbeitsteppich gezeigten Lemniskate. Ich denke, dies ist auch bei der Grablegung unseres Bruders Herder am 18. Dezember 1803 maßgeblich gewesen. Unser Bruder Herder war im übrigen ein Bewunderer von Immanuel Kant, er hat bei Kant in Königsberg von 1762 bis 1764 studiert.

Was hat es sich nun mit dem im Thema meiner Zeichnung genannten “versteinerten Gesicht” auf sich?

An unzähligen Kapitellen, insbesondere sakraler Bauten des europäischen Mittelalters, finden sich, oft auch als Verzierung von Gewölbeschlusssteinen, sogenannte “green man”, “Grüne Männer” beziehungsweise “Blattmasken“; Archetypen der Erdverbundenheit wie sie in der einschlägigen Literatur genannt werden. Ein bedeutendes Beispiel in Deutschland ist die entsprechend gestaltete Stütze des Bamberger Reiters aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Im Bonner Rheinischen Landesmuseum befindet sich die sog. “Pfalzfelder Säule”, ein keltisches Stelenfragment, auf der ein Kopf mit Mistelblättern dargestellt ist. Die sogenannte “Marktfontaine” auf dem Bonner Marktplatz zeigt einen entsprechend gestalteten goldenen Wasserspeier von 1777. Soweit einige Beispiele.

In den meisten Abbildungen lässt der Grüne Mann die Attribute der Natur aus seinem Mund hervorquellen oder das Gesicht wird aus Blättern gebildet oder Pflanzliches wächst aus Auge, Nase, Ohr und Haut. Was wollen uns die mittelalterlichen Steinmetze mit diesen mysteriösen Arbeiten sagen? Und was können diese Arbeiten uns Angenommenen Maurern bedeuten, die wir ja die Werkzeuge dieser Steinmetze für unsere symbolische Arbeit nutzen? Ich denke, auch hier liegt ein weiteres Feld, das wir von den Steinmetzen des Mittelalters übernehmen sollten. Das Feld – wie schon angesprochen – unserer Beziehung zu Natur und Umwelt. Die bisher nicht eindeutig erklärbare Figur des “green man” scheint einen Einklang, zumindest aber eine intensive Beziehung zur Natur zu symbolisieren. Seine Darstellungen – sie sind ausgesprochen vielfältig – vermitteln den Eindruck, dass der “green man” scheu ist und sich zurückzieht , dass er selbst nur noch als Pflanze sichtbar bleibt. Wenn ihm also die äußere Welt nicht mehr entspricht, die umgebende Welt also nicht mehr den Gesetzen der Natur zu entsprechen scheint.

Was soll ein solches Gesicht, aus dem Blätter wachsen, z.B.in einer mittelalterlichen Kirche? Aus der christlichen Ikonografie leitet sich dieses versteinerte Gesicht jedenfalls nicht ab. Nehmen wir also, wie ich es tue, den mysteriösen “green man” als eine Idee innerhalb der menschlichen Vorstellungskraft, als eine mahnende Personifizierung eines Aspektes der Natur.

An dieser Stelle ist eine ergänzende Betrachtung nötig, betrifft doch eine Naturbetrachtung auch das Naturell von uns Menschen und insbesondere von uns Freimaurern. Und da bin ich auch bei Weltanschauungsfragen. Damit meine ich nicht etwa Fragen innerhalb eines Gesellschaftssystems, sondern Fragen der freimaurerischen Anschauung der Welt. Dies ist die uns Freimaurer bestimmende Art, die Welt, die Natur und das Wesen der Menschen ganz undogmatisch zu begreifen suchen.

Für unverzichtbar halte ich zunächst in diesem Zusammenhang auch in unserer Bruderschaft einen Diskurs über die Stellenwerte von Esoterik und Spiritualität, wenn sie denn auch mystische oder abergläubische Bestandteile haben können. Um es klar zu positionieren: Ich halte es für unverzichtbar, dass sich die Freimaurerei des 21. Jahrhunderts ausschließlich an den Ergebnissen sogenannter evidenzbasierter Wissenschaft orientiert. Ich nenne als Stichwort hier den unverzichtbaren Evolutionismus als die Entwicklungslehre, die sich auf alle Gebiete des Wissens erstreckt und das Wesen der Welt in einer stetigen Änderung, meist im Sinn des Fortschritts, sieht. Aber ich glaube auch dies (Zitat): “Was die Welt im Innersten zusammenhält”, was schon Goethes Faust zu hinterfragen suchte. Da bin ich dabei: mit Weisheit, Stärke und Schönheit getragen von Licht, Liebe und Leben den symbolischen Tempel der Humanität zu errichten. Dabei stehe ich aber, und ich lese dies im Freimaurerlexikon von Lennhof, Posner und Binder, auf einem agnostizistischen Standpunkt. Dort heißt es nämlich, dass die Freimaurerei “insofern auf dem Standpunkt des Agnostizismus steht, als sie selbst keine dogmatische Auffassung des Weltengrundes, also kein Wissen vom absoluten Sein, vom Ding an sich hat und es ihren Anhängern überlässt, sich darüber selbst ihre Anschauung zu bilden.“ (Zitatende). Das tue ich, betrachte aber eine auch in unserer Bruderschaft diskutierte fragwürdige freimaurerische Ökumene über die Obödienzgrenzen etwa zum Rosenkreuzertum hinweg mit großer Skepsis.

Das schließt für mich denn auch eine Esoterik aus, deren Erscheinungsformen u. a. den von Kant zu Recht gegeißelten Mystizismus, okkulte Praktiken wie z.B. in der Black-Moon-Bewegung oder etwa im Rosenkreuzertum beziehungsweise auch in einigen Hochgradsystemen, einige anthroposophische Entgleisungen unseres vormaligen Pseudobruders Rudolf Steiner, Paraphänomene oder gar eines animalischen Magnetismus bzw. Mesmerismus umfassen, wobei letzterer bis auf den heutigen Tag noch im alternativmedizinischen Bereich für wirksam gehalten wird. Für unakzeptabel, weil wissenschaftlich unhaltbar, halte ich denn auch eine Betrachtung, die der Natur neben der materiellen Wirklichkeit auch seelische und geistige Eigenschaften zuspricht. Das schließt natürlich den zwingenden Respekt vor der Natur nicht aus. So muss ich weiterhin die auch in unseren Kreisen oft eingebrachte Erkenntnis „Wie oben, so unten, wie innen, so außen, wie der Geist, so der Körper“ als exemplifizierte Grundlage aller Esoterik ablehnen. Zurückzuführen auf einen gewissen Mystiker Hermes Trismegistos , u.a.von Okkultisten im Buch Kybalon nachzulesen. Eine solche Entsprechnungsphilosophie sog. hermetischer Prinzipien erschließt sich mir nicht. Es versteht sich vor diesem Hintergrund, dass ich einer Spiritualität – wie bereits angedeutet – nur dann folgen kann, wenn sie ohne jeglichen Gottes- oder Transzendenzbezug daherkommt. Spiritualität muss für mich klar von Glaube und Religion abgegrenzt werden. Religiosität schränkt mit Blick auf die ihr innewohnende Dogmatik zu sehr ein.

Wie antwortet Goethes Faust auf die berühmte „Gretchenfrage“ was spirituelles Bewusstsein ausmache sinngemäß: kein persönlicher Gott mehr, keine Konfession, keine Glaubensgemeinschaft, keine Kirche, keine damit verbundene Weltordnung – aber das Gefühl einer Allheit und Allverbundenheit, emotionale Übereinstimmung mit dem Weltganzen, das absolute Chiffre für die Liebe. Dem möchte ich mich nur allzu gerne anschließen. Auf Spiritismus muss ich an dieser Stelle natürlich überhaupt nicht eingehen. Ich setze darauf, mir eine Symbolwelt, nicht mehr, aber auch nicht weniger, zu erschließen und nutzbar zu machen.

Das Paradies der Freigärtner, der Kreislauf der Zeiten des Ouroboros und der Grüne Mann, sie alle mögen uns allein mit ihrer Symbolkraft helfen, auch unser Verhältnis zur Natur und zur Umwelt nachdrücklich zu bestimmen und besonders in unseren Zeiten zu festigen. Mensch versus Natur und Umwelt darf sich nicht weiter verstetigen! Auch dies: das schließt selbstverständlich eine aktiv notwendige Biodiversitätspolitik mit ein, damit die Not der Natur nicht zur Not der Menschen wird, wenn ich dies als Mitglied der Bonner Alexander-Koenig-Gesellschaft einflechten darf. Der Natur- und Umweltethik im biologischen und wohlverstandenen philosophischen Sinne muss entschieden mehr Bedeutung beigemessen werden! Es geht, wie gesagt, um die Vermeidung der ökologischen Selbstzerstörung! Es geht um die planetary health in umfassendem Sinne.

Der sog.“Greta-Effekt“, benannt nach der jungen Umweltaktivistin Greta Thunberg, die nachfolgend aufgekommene „fridays for future“-Bewegung mögen vielleicht wegen des damit ausgelösten Hypes nicht immer überzeugen, müssen aber zumindest als Signal gelten. Genau so wie die jährlichen Ergebnisse am sogenannten „Erdüberlastungstag“. Dabei sollte es nicht dazu kommen dass, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10. September schrieb, diese Klimadebatte aus dem Ruder läuft.

Im Jahre 1969, also vor 50 Jahren, gab es eine Ballade, die ich vor Kurzem im Radio wieder einmal gehört habe. Sie ging so: “In the year 2525, if man is still alive, if woman can survive.” Diese Ballade schildert einen Weltuntergang durch passive Inkaufnahme und übermäßige Abhängigkeit der Menschen von ihren übertriebenen Technologien, die – so heißt es – die Menschheit letztendlich entmenschlichen. Es ging vor allen Dingen auch um eine Kritik an grenzenloser Naturausbeutung. Vorgetragen vor 50 Jahren.

Ich denke, diese Ballade hat bis heute, auch mit Blick etwa auf das Problem der Mikroplastik in uns, um nur ein Beispiel zu nennen, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, von dem Klimawandel ganz zu schweigen, oder von der um sich greifenden Verrohung des menschlichen Miteinanders. Möge die der Ballade inne wohnende Mahnung Eingang finden in alle Algorithmen und in die Heuristik der unaufhaltsamen Künstlichen Intelligenz, in die wir trotz der ihr in vielen Bereichen zweifellos innewohnenden Bedeutungen als physische oder kognitive Assistenzfunktionen unverändert das genannte „Sapere Aude“, also den sogenannten „Gesunden Menschenverstand“ einbringen müssen. Möge die Mahnung alle Blogger, alle Influencer, alle Sozialen Netzwerke erreichen, heißen sie Facebook, Twitter, Instagram oder Reddit, und so auf ihre Follower einwirken und vor allen Dingen sogenannte Deep Fakes verhindern. Mögen Trolle nicht noch schlimmer im World Wide Web ihr Unwesen treiben, sondern nur in der Fabelwelt der Natur Freude bereiten. Möge dabei helfen, wie es in der genannten Ballade ganz lyrisch heißt, “the twinkling of starlight” am Ende des Tunnels und die Hoffnung “maybe it’s only yesterday”. Apropos „twinkling of starlight“: müssen wir nicht auch über unsere Anschauung der Welt hinaus ins Weltall denken? Geht es nicht mittlerweile schon um Probleme planetarischer Gesundheit? Stichworte „Weltraumschrott“ bzw. „Plastik im menschlichen Organismus“.

Tun wir als Freimaurer zumindest das Unsrige, um die ganz offensichtliche Zeitenwende auf unserem ach so unglaublich kleinen und im Gefüge des Alls gänzlich unbedeutenden Planeten zu begreifen und sie in positivem Sinn
mitzugestalten, auf dass wir ihr nicht hilflos ausgeliefert werden, auf dass nicht allzu zeitnah nur noch ein “twinkling of starlight” übrig bleibt. Wirken wir einer Entwicklung entgegen, nach der etwa aus Langeweile, Einsamkeit
und Desillusionierung innerhalb der Gesellschaft Verlockungen für extreme Weltanschauungen entstehen. Moral darf nicht zu einem Schimpfwort verkommen.

Wie heißt es so treffend bei den Monisten und dem vormaligen „Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne“, dem ich nur zu gerne wieder nahe stehen würde (Zitat): „Das höchste Ziel der Natur- und Kulturentwicklung ist die völlige Naturkenntnis und Naturbeherrschung, vollendete Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung der Natur in ihrem Teilsystem Mensch“ (Zitatende). Hoffen wir, dass die Schwägerin unseres guten Prometheus, eine gewisse Pandora aus der griechischen Mythologie, nicht noch einmal ihre Büchse öffnet, auf dass nicht auch noch die Hoffnung entweicht.

Bei all unserer skeptischen Zukunftsbetrachtung sollten wir nicht in Pessimismus verfallen. Denken wir einfach daran, was uns an unserer Welt gefällt. Was uns guttut, was wir lieben. Das kann und sollte doch auch eine gehörige Portion Frohsinn bedeuten. Ich jedenfalls glaube daran mit großer Hoffnung. Tragen wir deshalb froh gestimmt unsere freimaurerischen Ideale und Wertvorstellungen aktiv in die uns umgebende Gesellschaft. Dies ist im allgemeinen Humanismusgefüge der Zivilgesellschaft nicht nur gerechtfertigt, sondern mit Blick auf die unübersehbare Verrohung in unserer Gesellschaft geradezu überfällig.

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Neujahrsempfang in Hamburg

Neujahrsempfang in Hamburg, Foto: Martin Brinckmann

In einer gemeinschaftlichen Veranstaltung begingen die Hamburger Freimaurer ihr "Neujahrsfest". Als Festredner referierte Prof. Michael Otto zum Thema "Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?"

Zur Zeit dominiert eine Fülle von Zukunftsängsten die gesellschaftspolitische Debatte, wobei neben dem vielbeschworenen Klimawandel auch das Stichwort „Digitalisierung“ die Gemüter nachhaltig bewegt. Da hat sich der Distrikt Hamburg als Ideengeber und federführend in der Vorbereitung und Ausführung des NEUJAHRSEMPFANGS am 2. September 2019 im Namen aller Freimaurerlogen in Hamburg sowie in Kooperation mit den Großlogen der Vereinigten Großlogen von Deutschland und den Alten Freien und Angenommenen Maurern von Deutschland, der Provinzialloge von Niedersachsen und der Großloge Humanitas die Auseinandersetzung mit dem Thema „Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?“ und seinem Festredner Prof. Dr. Michael Otto konstruktiv eingemischt.

Der oft unterstellte Vorwurf, die Freimaurer würden sich nur mit sich selbst – zurückgezogen in ihren eigen Mauern – beschäftigen, wurde an diesem Abend in der Tat eindrucksvoll widerlegt. Eine breite Öffentlichkeit und ein Fernsehteam von „Hamburg 1“ bekundeten neben vielen Logen ihr großes Interesse an der Veranstaltung im Logenhaus der Privinzialloge von Niedersachsen.

Als dessen Hausherr begrüßte Br. Uwe Dörger alle Anwesenden im vollbesetzten Großen Mozart-Saal, ihnen voran den Festredner, masonisch den Großmeister A.F.u.A.M., Br. (Prof. Dr.) Stephan Roth-Kleyer, den VGL-Großmeister, Br. Christoph Bosbach, und dessen Stellvertreter, B. Bernd Brauer, sowie die Großmeisterin der Großloge Humanitas, Sr. Hanna Stadler-deCubas. Anschließend ergriff zu weiterer Begrüßung Distriktsmeister Br. Thomas Stuwe das Mikrophon am Rednerpult, erläuterte dem Auditorium den „Neujahrsempfang“ im September als „freimaurerische Zeitrechnung“ mit dem Ende des ersten Maurer-Halbjahres zu Johanni, dem 24. Juni, und dem Beginn des neuen Maurer-Halbjahres am 1. September, um sich dann der Persönlichkeit des Festredners, Prof. Dr. Michael Otto, zu widmen.

„Ein Leuchttum – las ich in der Vorbereitung über Ihr Unternehmen. Digitale Information sei wie Wasser, heißt es. Irgendwie sickert durch, welche Werte eine Firma vertritt.“ richtete der Distriktsmeister seine Worte an den Festredner und fügte u. a. zwei weitere Zitate hinzu (aus einem Leserbrief in der ZEIT): „Wir Menschen sind gefordert, die im Zeitalter der Aufklärung gewonnenen Erkenntnisse und Werte zu digitalisieren, wir brauchen neue Kompetenzen in allen Lebensbereichen.” sowie aus einer Finanzzeitschrift: „Durch Outsourcing und Digitalisierung gehen zunehmend Gemeinsamkeit und Vertrautheit verloren. Rituale helfen, die Gemeinschaft wieder zu stärken.”

Das Zitat ist für einen Freimaurer-Empfang natürlich eine Steilvorlage. Schließlich ist die rituelle Arbeit unser USP.“, bekannte Br. Thomas Stuwe und fasste danach die Biographie von Prof. Otto in knappen Daten zusammen: Abitur, Banklehre, Studium der Volkswirtschaft, Promotion. 1971 Vorstand im Unternehmen des Vaters, von 1981 bis 2007 Leitung der „Otto Group“ als Vorstandsvorsitzender sowie Vorsitzender des Aufsichtsrates der Hamburger Handels- und Dienstleistungsgruppe Otto. Initiator und Vorsitzender des Freundeskreises der Hochschule für bildende Künste Hamburg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Kulturkreis des BDI und Vorsitzender des Kuratoriums der Werner Otto Stiftung für medizinische Forschung. Und Br. Thomas Stuwe fuhr fort: „Ökologischen Aspekten misst Prof. Otto von jeher in der Führung seiner Unternehmensgruppe, aber auch bei seinen zahlreichen ehrenamtlichen Engagements, eine große Bedeutung bei.

Für sein Engagement wurde Prof. Otto vielfach ausgezeichnet, unter anderen mit dem Heinz Sielmann Ehrenpreis für seine herausragenden Leistungen im Bereich Natur- und Umweltschutz sowie mit dem Walter-Scheel-Preis“. Und neben weiteren Auszeichnungen wurde ihm 2013 von der Bürgerschaft und dem Senat die Würde eines Ehrenbürgers der Freien und Hansestadt Hamburg „für seine herausragenden Leistungen als Unternehmer sowie als Stifter, der über das Notwendige hinaus wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt“, verliehen. Soweit die gekürzten Ausführungen unseres Distriktsmeisters.

Festredner Michael Otto, Foto: Martin Brinckmann

Nach einem musikalischen Intermezzo folgte nun der Vortrag von Prof. Otto unter dem Titel „Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?“ In seiner freien Rede schilderte er an der Vita seines großen Unternehmens die vielschichtige Entwicklung seiner Firmenstruktur zu einem weltweit vernetzten Konzern mithilfe einer gezielten Digitalisierung auf allen Ebenen, deren Planung und Anwendung 25 Jahre in Anspruch genommen haben. Die „Otto-Group“ hat bei dieser gigantischen Umstellung eines traditionsbewussten Konzerns in das neue digitale Zeitalter geradezu unerforschtes Terrain betreten, dessen Bewährung am eigenen Experiment erprobt werden musste – mit
allen Risiken, die eine Avangarde eingehen muss. Die „Otto-Group“ stellte sich dabei der Herausforderung, neben wirtschaftlicher Effizienz und notwendigem Erfolg den vielfältigen innovativen Maßnahmen auch die Balance der sozialen Verantwortung und der ökologischen Nachhaltigkeit zu gewährleisten, ein Vorhaben, das wahre digitale Pionierarbeit im Unternehmen erforderte.

Ergänzend sei hier der Festredner in der Zielsetzung seiner von ihm gegründeten „Umweltstiftung Michael Otto“ aus dem Internet ebenfalls zitiert: „Es geht mir bei meinem Wirken als Stifter insbesondere darum, Impulse für die Gestaltung zukunftsweisender Lösungen im Natur- und Umweltschutz zu setzen und diese in einem gesellschaftlichen Diskurs zu stärken. Wir haben deshalb die Stiftung von Beginn an auch als Dialogplattform und Brückenbauerin konzipiert.“

In seinem Festvortrag schilderte Prof. Otto eben nicht nur die Firmengeschichte der „Otto group“, sondern die damit verbundene Notwendigkeit, innovative Entwicklungen wie beispielsweise die Digitalisierung zu erkennen, anzuwenden und kritisch zu überprüfen, ob der gesellschaftliche Wertekanon dabei gewahrt bleibe, damit der Mensch den Zukunftsperspektiven nicht nur in der Arbeitswelt mit Zuversicht begegnen kann – ein echtes „Otto-Credo“! Kein Wunder, dass diese Botschaft im Auditorium kräftigen Beifall auslöste und dem „Neujahrsempfang“ eine sinnstiftende Richtung zuwies. So fügten sich auch die Schlussworte von Sr. Hanna Stadler-deCubas über das Streben der Freimaurerei nach mitmenschlicher Wertschätzung und Empathie nahtlos ein, verbunden mit der Einladung zu anregenden Gesprächen bei Fingerfood und Getränken im Kleinen Mozart-Saal. Von diesem Angebot machten viele der Anwesenden – einschließlich des Festredners – regen Gebrauch.

Bleibt unbedingt nachzutragen: Die musikalische Umrahmung besorgten in hinreißender Virtuosität die Kammermusikerin Frau Sabine Grofmeier (Klarinette) und Br. Jean Panajotoff (Konzertflügel). Beide ernteten den stürmischen Applaus eines begeisterten Publikums.

Summa summarum: Der Freimaurerbund hat mit seinem „Neujahrsempfang“ in Hamburg wieder einen Maßstab von Öffentlichkeitsarbeit angelegt, der nicht nur in der Hansestadt erneut eine anerkennende Beachtung und einen bemerkenswerten Zuspruch fand. Ein weiterer Baustein einer erfolgreichen Bewusstseinsbildung über Freimaurerei im öffentlichen Raum wurde so hinzugefügt. Und ganz nebenbei war das Gemeinschaftserlebnis unter den Beteiligten am Zustandekommen des „Neujahrsempfangs“ und dessen Unterstützung auch eine erfreuliche, motivierende Erfahrung, die man gern für weitere Aktivitäten nutzen darf.

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Starkes Zeichen für weltweiten Bruderbund

Die Freimaurerloge Zur alten Linde feiert 164. Stiftungsfest mit Brüdern aus England,Österreich, Stuttgart und Herne – Partnerinnen waren beim Schwesternfest dabei.

Dortmund. Die Weltbruderkette verbindet Freimaurer in der ganzen Welt: Während Brexit, nationale Interessen im internationalen Handel und unterschiedliche Vorstellungen über Normen und Werte zu Spannungen und Streit führen, fühlen sich Millionen Freimaurer auf der ganzen Welt auch heute noch durch die Ideale der Aufklärung verbunden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie Menschenliebe und Toleranz sind ihnen wichtig. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass beim 164. Stiftungsfest der humanitären Freimaurerloge “Zur alten Linde” in Dortmund viele besuchende Brüder aus Wiltshire (England), Wien (Österreich), Stuttgart und Herne dabei waren.

Im Logenhaus an der Landgrafenstraße hielt Meister vom Stuhl Harald Ulbrich eine Festarbeit im Lehrlingsgrad ab, bei der auch ein neuer Bruder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Beim anschließenden Schwesternfest waren die Ehefrauen und Partnerinnen der Freimaurer geladen – und hörten eine außergewöhnliche Rede von Alt-Großmeister Axel Pohlmann. Anschließend ging es zur Festtafel ins Restaurant „Syght“ im Casino Hohensyburg. Dort kam es schon
während des Trinkspruchs auf die Vaterländer der Gäste zu Gänsehaut-Momenten, als Freimaurer und Damen die Nationalhymnen Österreichs, Englands und Deutschlands sangen.

Neben Arbeit und Feierlichkeiten stand die gute Tat im Mittelpunkt des Stiftungsfestes. „Wir Freimaurer fühlen uns der Humanität verpflichtet“, erklärt Harald Ulbrich. So war den Brüdern der Alten Linde nicht entgangen, dass der Dortmunder Journalist Dirk Planert sich beinahe übermenschlich für Menschlichkeit einsetzt. Während des Bosnienkrieges war Dirk Planert 1994 in Bihac, um zu helfen. 25 Jahre danach kehrte er in diesem Jahr dorthin zurück und musste mit ansehen, wie aus Opfern Täter wurden. Behörden vor Ort hatten rd. 1.000 Geflüchtete, die über die Balkanroute kamen, auf einer ehemaligen Müllkippe
untergebracht. Die Not war groß und Dirk Planert half. Die Freimaurer ihrerseits wollten nun helfen, wenn auch nicht vor Ort, dann doch wenigstens finanziell. Knapp 1.200 Euro Spenden kamen für das Projekt des Dortmunders zusammen.

Begonnen hatten die Feierlichkeiten des Stiftungsfestes mit einem Meet & Greet aller Beteiligten, bei dem mit selbstgemachter Musik die Weltbruderkette verstärkt wurde. Der Besuch des Ballettzentrums mit ergreifenden Vorführungen der Tänzerinnen und Tänzer sowie Erläuterungen vom Chefdramaturg Dr. Beier, die Werbung für Dortmund waren, bildete den kulturellen Höhepunkt. Bei einem Abendessen in einem italienischen Restaurant klang das Stiftungsfest-Wochenende am Sonntagabend aus.

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Pforzheim als Zentrum des Humanismus

Pforzheim (tn). Till Neumann, Meister vom Stuhl der Loge Reuchlin, und der Verleger Jef Klotz, Inhaber des gleichnamigen Buchhauses, präsentieren das von der Pforzheimer Loge und dem Buchhaus gemeinsam herausgegebene Buch “Pforzheim , ein Zentrum des Humanismus in Deutschland.”

Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die geistigen Strömungen in der Renaissance in Pforzheim mit seiner bedeutenden Lateinschule und ihren Lehrern und Schüler wie Johannes Reuchlin, Philipp Melanchthon oder den ersten deutschen Prior der Sorbonne, Johannes Heymlin aus Stein bei Pforzheim.

Die Pforzheimer Loge “Reuchlin” hat auch durch Spenden der Brüder das Projekt mitfinanziert und mit herausgegeben. Es war der Loge ein Anliegen, die Bedeutung der Stadt Pforzheim für  den Humanismus in Deutschland , wie er durch den Namensgeber der Loge symbolisiert wird, wieder in das allgemeine Bewusstsein zu bringen. Das Buch ist ein Einstieg in das bedeutsame Thema der seinerzeit weithin bedeutenden Pforzheimer Lateinschule und der Pforzheimer Humanisten.

Das Buch ist im Pforzheimer Buchhandel und bei der Loge erhältlich.

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Theaterstück mit Geflüchteten und Einheimischen

Im vergangenen Jahr ermöglichte eine Spende der Freimaurer ein ungewöhnliches Theaterprojekt, die Premiere wurde jetzt ein voller Erfolg.

Reutlingen. (ms) Das Theater PATATI-PATATA Reutlingen wurde 1993 als freies Kinder- und Jugendtheater gegründet. Es bietet in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Reutlingen einen regelmäßigen Spielplan für unterschiedliche Altersgruppen sowie einen bundesweiten Gastspielbetrieb an. Im Rahmen des „Theaters ohne Grenzen“ hat PATATI-PATATA nun mit dem Stück „Perspektivwechsel“ erneut eine Eigenproduktion in Szene gesetzt, mit seinem internationalen Ensemble, das Menschen mit und ohne Migrationshintergrund umfasst.

Für seine Arbeit wurde das Theater vom Förderverein Glocke e.V der Reutlinger Loge 2018 mit dem Kulturpreis für Integration ausgezeichnet, im Beisein der Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Annette Widmann-Mauz (MdB), Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Das Preisgeld von insgesamt 6.000 € war eine finanzielle Voraussetzung, mit der „Perspektivwechsel“ unter Leitung der angesehenen Regisseurin Sonka Müller entwickelt und inszeniert werden konnte. 1.000 € wurden dabei dankenswerterweise von der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer beigesteuert.

Das Stück beleuchtet auf humorvolle Art Tücken, Fallstricke und Freuden einer vielfältigen Gesellschaft und hat in der Region große Beachtung gefunden.

Durch den fremden Blick auf das Eigene kann Gewöhnliches manchmal ganz neu erscheinen. Zu entdecken gibt es viel in einem anderen Land mit einer fremden Sprache, einer fremden Kultur. “Perspektivwechsel” greift Erzählungen aus Syrien, der Türkei, Italien, Deutschland, dem südchinesischen Meer und Europa auf. Ob Stromausfall, Anstehen für Mangelware, Sprachgewirr, Wohnungsnot, Zensur contra Freiheit oder die Suche nach einem sicheren Hafen. Wir stellen fest: es gibt sie immer wieder, Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten. (Denn) Geschichte wiederholt sich.

Den Vorsitzenden des Fördervereins Glocke, Peter Philipp, hat die Arbeit von PATATI-PATATA so begeistert, dass er dem Ensemble für “Perspektivwechsel” beigetreten ist und das Stück gemeinsam mit den anderen Schauspielern auf die Bühne gebracht hat.

Förderverein Glocke Reutlingen e.V.

Der “Förderverein „Glocke“ Reutlingen e.V. ist eine der Freimaurerloge Reutlingen nahestehende Einrichtung und wurde 1986 von deren Mitgliedern gegründet. Zielsetzung seiner Arbeit ist die Förderung von Kunst, Kultur und Bildung, vor allem von besonders Begabten, die der Verein in ihrem kulturellen Schaffen finanziell begleiten kann. Damit will der Förderverein Glocke einen Beitrag zur künstlerisch-kulturellen Vielseitigkeit in der Region Reutlingen-Tübingen leisten und Menschen mit entsprechenden Interessen zusammenführen. In unregelmäßigen Abständen vergibt er Kulturpreise an herausragende Einrichtungen und Projekte.

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Lebendige Partnerschaft der Logen in Hoorn und Wetzlar

Miel von Wolzogen Kühr (v.l.n.r.) und Martin Marx bei der Übergabe des Gastgeschenkes

Eine fünfundzwanzigköpfige Gruppe der Wetzlarer Freimaurerloge „Wilhelm zu den drei Helmen“ nutzte ein langes Wochenende, um Brüder und Schwestern der seit den 1970er Jahren befreundeten Logen im niederländischen Hoorn zu besuchen.

Hoorn/Niederlande (mf). Das jährliche Zusammenkommen, abwechselnd in Wetzlar und Hoorn stattfindend, bot auch in diesem Jahr ein buntes Rahmenprogramm, wobei die Schwerpunkte auf einem Erfahrungsaustausch und dem mehr als geselligen Zusammensein im Kreis von guten Freunden zu finden waren.

Der als „Arbeitstreffen“ bezeichnete Programmpunkt im Verlauf des Wochenendes beschäftigte sich mit dem „Wert von Logenbesuchen“, wobei Martin Marx als Meister vom Stuhl der Wetzlarer Freimaurerloge und Roland Stallaert von der Loge „West Friesland“ mit Impulsvorträgen zur Diskussion animierten.

Eine „Weiße Tafel“ im Anschluss an eine gemeinsame Tempelarbeit nutzten die gut sechzig anwesenden Teilnehmer auch zur Übergabe eines besonderen Gastgeschenkes. Marx überreichte zwei auf einer Tafel zusammen gerahmte Originalstiche aus dem 17 Jahrhundert, die den Stadtgrundriss von Hoorn und eine Ansicht von Wetzlar zeigen, an seinen Amtskollegen Miel von Wolzogen Kühr.

Vor allem jüngere und zum ersten Mal an einem Partnerschaftstreffen teilnehmende Logenmitglieder und Partnerinnen waren sehr angetan von der herzlichen Atmosphäre und dem betriebenen Aufwand. So luden die Gastgeber nach einem Empfang am Anreisetag beispielsweise zum Abendessen nach Hause ein und der größte Teil der Besuchergruppe wurde privat untergebracht.

Man trennte sich in Vorfreude auf das Wiedersehen im kommenden Jahr, das wieder in der mittelhessischen Goethe- und Optikstadt Wetzlar stattfinden wird.

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Vernetzte Intelligenz — Freimaurerei in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts

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Es existierten gleichzeitig verschiedene Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Moral, Recht, Religion, Kunst, Wissenschaften etc. In diese Subsysteme wird man nicht mehr hineingeboren und muss auch nicht zwingend ein ganzes Leben lang Mitglied bleiben.“

Von Thomas Forwe
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

Florian Maurice zitiert in seiner Dissertation über die „Freimaurerei um 1800“ aus dem „Taschenbuch für Freymaurer auf das Jahr 1803“. Dort heißt es:

„Getrennt von der Welt ist die Loge, eine Welt für sich, des Profanen Auge undurchdringlich, und doch so groß als die Welt. Keine der Auszeichnungen im körperlichen Leben, keine der Verschiedenheiten, die Staat, Gewohnheit, Vorurtheil geschaffen haben, keine der Erwerbungen, die außerhalb dem Menschen liegen, gehen mit dem Maurer in die Loge hinein. Drinnen sind alle Menschen, und weiter nichts; Brüder grüßen sich da, und ein anderes Verhältnis findet unter ihnen nicht statt.“

Florian Maurice führt weiter aus: „Die Loge lag in der Welt, aber in ihrem Selbstverständnis bildete sie eine Welt außerhalb der Welt. Sie war getrennt von der Welt, und das Geheimnis war die Scheidemauer, die die Welt der Loge gegen die Außenwelt abtrennte.“

Ich möchte zu Beginn zwei Aspekte zur sog. Außenwelt herausstellen, die mir im Hinblick auf Freimaurerei besonders interessant erscheinen.

1. Es gibt keine Blicke jenseits der Blicke

Die Außenwelt, von der Florian Maurice spricht, kann als die Gesellschaft verstanden werden. Wenn wir von der Gesellschaft reden, unterstellen wir allerdings häufig stillschweigend, dass es ein Objekt mit dem Namen Gesellschaft gibt, das sich aus einer Beobachterrolle heraus objektiv beschreiben ließe. Wir reden hier aber von einer Beobachtung zweiter Ordnung, die uns daran erinnern soll, dass wir uns als Beobachter beim Beobachten nicht selbst beobachten können. Wir uns also dessen, was wir beim Beobachten nicht wahrnehmen, nicht bzw. nicht immer bewusst sind. Der Soziologe Armin Nassehi hat einmal den schönen Satz geprägt: „Es gibt keine Blicke jenseits der Blicke.“ Was hat er damit gemeint? Wenn wir herausfinden möchten, ob unser Bewusstsein das, was es wahrnimmt, wirklich richtig wahrnimmt, müssen wir das Bewusstsein erst einmal voraussetzen, damit wir es zugleich zum Gegenstand unserer Beobachtung machen können. Wir haben es hier erkenntnistheoretisch also mit einer Paradoxie zu tun. Auch die Freimaurerei ist ein derartiges nicht sichtbares Objekt. Und wenn wir Freimaurer befragen, was denn nun Freimaurerei sei, so bekommen wir einen bunten Strauß an Antworten, weil es eben unterschiedlichste Wahrnehmungen gibt. Und diese Wahrnehmungen werden auch geprägt durch die Fragestellung, was jeder Einzelne in der Freimaurerei sucht oder zu finden glaubt.

Wenn wir einen Aspekt wahrnehmen, nehmen wir gleichzeitig einen anderen nicht wahr. Wir leuchten eine Stelle des Objektes aus und verdunkeln damit automatisch eine andere Stelle. Wollen wir also etwas über eine Sache erfahren, so sollten wir nicht andere Wahrnehmungen abwerten oder gar verbieten, sondern möglichst viele verschiedene Wahrnehmungen zulassen. Vertrauen wir doch einfach einmal darauf, dass sich nur die Wahrnehmungen halten werden, die sich auch im Zeitablauf bewähren. Diese Existenz unterschiedlichster Wahrnehmungen gilt für die Freimaurerei und die Gesellschaft gleichermaßen. Armin Nassehi definiert daher Gesellschaft mit den Worten: „Gesellschaft ist die Gleichzeitigkeit von Unterschieden.“ Das gilt für Freimaurerei ebenso bzw. sollte gelten.

2. Moderne Gesellschaften sind funktional differenziert

Differenzierungen in der Gesellschaft gab es schon immer: Ältere Gesellschaften überall in der Welt unterteilten sich in Kasten, Schichten und Stände. In diese gesellschaftlichen Großkollektive wurde man hineingeboren und verblieb dort meist bis zum Tode. In den vergangenen beiden Jahrhunderten hat sich aber eine radikal neue Gesellschaftsordnung herausgebildet. Niklas Luhmann nannte sie eine „funktional differenzierte Gesellschaft“. An Stelle von Status traten nun unterschiedliche Kommunikationsformen als Ordnungskriterium. So existierten nun gleichzeitig verschiedene Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Moral, Recht, Religion, Kunst, Wissenschaften etc. In diese Subsysteme wird man nicht mehr hineingeboren und muss auch nicht zwingend ein ganzes Leben lang Mitglied bleiben. Es gibt temporäre Mitgliedschaften, Doppel- und Mehrfachmitgliedschaften. Es kann sogar sein, dass einem die Mitgliedschaft nicht einmal bewusst ist. In den heutigen Gesellschaftsformen legen Menschen „mehr Wert auf Individualismus und universelle Gesetze, sodass der moralische Kompass immer weniger in Richtung Autorität und Loyalität ausschlägt, dafür mehr in Richtung Fairness und Freiheit“, wie Philipp Hübl in seinem Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“ den amerikanischen Anthropologen Alan Fiske zitiert.

Jedes dieser Subsysteme ist zwar Teil des Gesamtsystems Gesellschaft, arbeitet aber eigenständig nach eigenen Festlegungen und Organisationsstrukturen. Das Gesamtsystem steuert sich also nicht zentral, sondern dezentral. Das macht die Sache einfacher und schwieriger zugleich. Die Digitalisierung erhöht diese Komplexität noch weiter. Anstelle nämlich von klaren eindeutigen und sichtbaren Merkmalen reden wir heute mehr und mehr von Mustern und Mustererkennung. Unsichtbarkeit der Gesellschaft(en) und Uneindeutigkeiten sind die Folge.

Beide eben genannten Aspekte: Unterschiedlichkeit in Wahrnehmungen und funktional differenzierte Gesellschaft stellen uns aber auch vor große Herausforderungen:

  1. Zerfall der Gesellschaft in Teil-Gesellschaften
  2. Verlust der Anschlussfähigkeit durch Sprachlosigkeit bzw. Sprachbarrieren zwischen den Subsystemen und Rückzug der Subsysteme
  3. offen ausgetragene Spannungen und Konflikte zwischen den Subsystemen gerade im Hinblick auf das Beharren auf die Alleingültigkeit der eigenen Wahrnehmung.

Ein ökonomisches Beispiel hierzu: Sie können heute T-Shirts für unter 3 EUR pro Stück erwerben. Wir wissen im Grunde, dass dieser Preis nur möglich ist, wenn Teile der Wertschöpfungskette nicht fair entlohnt werden. Die Mitglieder des Subsystems Moral sind zu Recht empört. Dennoch gibt es Konsumenten, die diese T-Shirts kaufen. Sie argumentieren z.B. damit, dass sie sich teurere Kleidung nicht leisten können. Sie ahnen es schon, es sind die Mitglieder des Subsystems Wirtschaft. Moralische Subsysteme lösen moralische Fragen, Wirtschaftssysteme lösen wirtschaftliche Fragestellungen. Und wir merken schon die inneren Konflikte, die entstehen, wenn ein Konsument in beiden Subsystemen Mitglied ist, ganz abgesehen von den Konflikten zwischen den einzelnen Subsystemen selbst. Aus der Sozialforschung wissen wir, dass es so etwas wie eine „Gesamtvernunft“ eben nicht gibt.

Auch Freimaurerei ist mindestens ein Subsystem. Und auch wir bemerken die Spannungen und Konfliktfelder z. B. in Bezug auf das Subsystem „Religion“ oder auch „Politik“. Hier wäre es eine wichtige und dringende Aufgabe, das Selbstverständnis von Freimaurerei und ihren (gesellschaftlichen) Bezug zu Religion und Politik deutlich(er) herauszuarbeiten. Mein Vor-Vorgänger im Amt als Vorsitzender der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft Quatuor Coronati, Br. Hans-Hermann Höhmann, hat dazu im aktuellen A.F.u.A.M.v.D-Newsletter einige grundlegende Gedanken geäußert. Dies wäre eine gute Basis, um weitergehende, durchaus auch kritische Debatten zu führen. Auch wenn dieser Prozess schmerzhaft für den einen oder anderen werden kann.

Sobald mehrere Subsysteme zusammenwirken, können sie sich behindern oder bestärken. Es kommt zu Wechselwirkungen, das Gegenstück von Kausalität. Der schottische Philosoph David Hume bezeichnete schon während der Aufklärung die Kausalität, also die Verbindung von Ursache und Wirkung als „das Zement des Universums“. Es sei aber erwähnt, dass wir uns — Hume folgend — keiner Kausalität sicher sein können, d. h. wir können gar nicht wissen, ob zwei Ereignisse, die in der Vergangenheit (genauer formuliert eigentlich in unserer Erinnerung) zusammen oder kurz aufeinander folgend auftraten, auch in der Zukunft zusammen oder kurz aufeinander folgend auftreten werden. Diese Struktur des kausalen Denkens und der damit verbundenen Mustererkennung hat sich bei Menschen während der Evolution herausgebildet und war immer hilfreich bei Hypothesenbildungen, Prognosen, Planungen und Handlungen.

Man kann auch sagen, dieses kausale Denken war überlebenswichtig. Wenn z. B. jemand eine Pflanze gegessen hatte und kurz darauf starb, war es für die anderen offensichtlich vernünftig, den Genuss dieser Pflanze zu meiden. David Hume bezeichnete es als einen „inneren Zwang“, von der Existenz von Kausalität auszugehen, obwohl diese nicht wahrnehmbar ist.

Aufgrund der wechselseitigen Wirkung dieser Subsysteme zueinander, ist die uns bisher vertraute Kausalität nicht mehr als Prädiktor geeignet. Wir arbeiten nicht mehr im Modus „wenn – dann“, sondern eher im Szenario-Bereich verschiedener Möglichkeiten. Um diese Szenarien aufzuzeigen, bedarf es einer Vielzahl von Experten, die wir verteilt in den einzelnen Subsystemen vorfinden. Jedes Mitglied eines Subsystems ist intelligent und lässt sich nicht von außen steuern. Aufgrund der Selbstorganisation hat das System ein Maximum an Autonomie erreicht. Man könnte dies auch mit Schwarmintelligenz vergleichen. „Schwärme sind“, nach Eva Horn, „nicht nur mehr als die Summe der Individuen, die sie bilden. Schwärme sind, in der Wissenschaft wie in der Fiktion, Modellierungen für etwas, das den Grund allen ‚Lebens‘ darstellt. Schwärme sind das ‚Leben selbst‘, sie machen die unüberschaubare Verwobenheit der Prozesse des Lebens sichtbar in einer Figur, die immer zugleich vieles und eines ist. Als Relationalität, aus deren Einzelelementen das Zusammenspiel der Gesamtheit nicht ableitbar ist, figuriert der Schwarm die irreduzible Konnektivität des Lebendigen […]“. Schwarmintelligenz meint, dass simple Akteure kooperativ Lösungen finden, ohne einen vorgefertigten Plan zu haben. An dessen Stelle treten einfache Verhaltensregeln, die in ihrer Struktur so unkomplex sind, dass sie oft durch einfache Schaltkreise realisierbar sind.

Helmut Willke führt in seinem Buch „Dezentrierte Demokratie“ aus: „Es gilt ohne jeden Vorbehalt die Aussage, dass Demokratie als die beste verfügbare Steuerungsform moderner, funktional differenzierter Gesellschaften alternativlos ist […].“ Willke schlussfolgert: „Mit Globalisierung und Wissensgesellschaft hat die Menschheitsentwicklung in der Tat eine Wendung genommen, welche die für Demokratie prägende Kombination von Recht und Politik auflöst und eine weiter gehende Entzauberung des normativen Erwartungsstils vorantreibt. Statt formaler Gesetze werden für die Politik Vorhaben, Programme, Investitionen, Anreize und Kampagnen wichtiger und prägender, und der Stil der Durchsetzung von Entscheidungen wandelt sich von hoheitlicher Anweisung zu evidenzbasierter Überzeugungsarbeit, die auf das durch Anreiz und Motivation veränderte Verhalten der Bürger zielt.“ Die Aufgabe der Demokratie wäre es damit, so Willke, „die ‚verteilte Intelligenz‘ vieler Expertengruppen und Fachgemeinschaften zu nutzen.“ Dies gelingt am einfachsten, wenn man diese verteilten Intelligenzen vernetzt.

Was ist mit dieser Vernetzung gemeint? Es gilt nicht mehr nur, verschiedene Kompetenzen, die in verschiedenen Subsystemen verteilt sind, zu nutzen. Dies würde ja nur bedeuten: „Ich benötige zur Erfüllung meiner individuellenZielsetzung die Kompetenz eines anderen.“ Dieses Kooperationsmodell funktioniert immer nur solange, bis es zu Zielkonflikten bei einem der beteiligten Subsystemen kommt. Vernetzung geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Vernetzung versucht, Zielkonflikte dadurch zu entschärfen bzw. zu lösen, indem auf das gemeinsame Dritte hingewiesen wird. Dieses gemeinsame Dritte wäre eine Art Existenzbedingung der Subsysteme überhaupt, um ein langfristiges Agieren für beide Systeme zu ermöglichen. Vernetzung könnte also das Nullsummenspiel in ein Nicht-Nullsummenspiel transformieren.

Ich möchte zusammenfassend fünf Punkte nennen, die aus meiner Sicht dazu beitragen könnten, die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Vernetzung zu erhöhen:

  1. Stetiges Werben um ein gemeinsames Wertverständnis als kleinster gemeinsamer Nenner aller Subsysteme.
  2. Offenheit im Denken und Handeln aller ihrer Mitglieder, damit sie ohne Vorfestlegungen oder gar Vorverurteilungen aufeinander zugehen können und dabei zu akzeptieren, dass ein Meinungsaustausch auch zur Änderung der eigenen Meinung führen kann.
  3. Kreativität, damit immer wieder neue Ideen entstehen, um gemeinsame Erlebnisse unterschiedlicher Subsysteme zu schaffen und das Gegenüber erfahrbar zu machen.
  4. Mut, diese Ideen mit oft ungewissem Ausgang einfach umzusetzen und sich ergebnisoffen darauf einzulassen.
  5. Beharrlichkeit, um beim Scheitern nicht aufzugeben, sondern eine neue Idee auszuprobieren.

Interessant ist auch eine Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2018 über die zukünftig benötigten Fähigkeiten für Berufe mit Blick auf das Jahr 2022: Analytisches Denken, Kreativität, kritisches Denken, emotionale Intelligenz und Sozialverhalten stehen unter den Top Ten. (Studie kann abgerufen werden unter http://www3.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs.pdf, zuletzt abgerufen am 02.06.19).
Es braucht nicht viel Fantasie, um an diesen von mir genannten Punkten bereits zu erahnen, wie hilfreich Freimaurerei für den Einzelnen sein kann, um bei diesen Aufgaben erfolgreich mitzuwirken. Freimaurerei wäre in diesem Sinne quasi das geistige Fitnessstudio zur Vorbereitung auf die anstrengende Abenteuerreise, die wir Leben nennen.

Ich habe auch bereits ausgeführt, dass ein zentraler normativer Erwartungsstil in funktional differenzierten Gesellschaften seine Wirkkraft verliert und durch eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Initiativen zu ersetzen wäre.
Auf der Homepage der Großloge A.F.u.A.M.v.D. ist zu lesen: „Als Glieder eines ethischen Bundes treten die Freimaurer für Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit ein.“ Fürwahr, wir haben wichtige Werte, sie transportieren ein humanistisches Menschen- und Weltbild. Und wir erleben täglich in den Nachrichten, was passiert, wenn diese Werte nicht gelebt werden oder gelebt werden können (beispielhaft sei hier auf den Demokratieindex der Zeitschrift „The Economist“ hingewiesen, abrufbar unter https://www.eiu.com/topic/democracy-index, zuletzt abgerufen am 2.6.2019). Auch im Inneren unseres Bundes merken wir, wie schwierig es gelegentlich sein kann, diese Werte zu leben. Deshalb üben wir uns darin auch permanent in unseren Ritualen. Und wenn uns diese Werte wirklich wichtig sind, dann müssen wir sie auch verteidigen, wo sie in Gefahr scheinen. Dies gilt nicht nur innerhalb der Loge, dies gilt insbesondere in der Außenwelt.

Auf der Homepage heißt es weiter: „Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen ist die Loge Übungsstätte dieser Werte.“

Die Loge trägt eine Besonderheit in sich, die ich gerne den freimaurerischen Unterschied nenne. Also eine Besonderheit des Ortes, der, wie es Br. Hans-Hermann Höhmann gerne mit Lessings Worten ausdrückt, „ein laut denken mit einem Freund“ ermöglicht und fordert. Der französische Philosoph Michel Foucault führte in einem Vortrag vor Architekten einen neuen Begriff ein, den der Heterotopie. Im Unterschied zu Utopien, sind Heterotopien Orte, die es tatsächlich gibt. Allerdings verkörpern diese Orte eine räumlich und zeitlich situierte Andersartigkeit, die mit alltäglichen Situationen und Orten nicht im Einklang stehen. Utopien sind den Menschen schon seit dem 16. Jahrhundert vertraut. Sie basieren auf dem Wunsch der Menschen, sich an einen anderen, besseren, schöneren Ort zu wünschen. Er selber führte als Beispiele heterotopischer Orte an: Altenheime, Friedhöfe, Krankenhäuser, Gefängnisse, Kinos, Theater, Gärten etc. Sie alle zeichnen sich im Wesentlichen durch vier Eigenschaften aus: 1. Sie haben eine besondere räumliche Struktur, können also beispielsweise die ganze Welt an diesem einen Ort abbilden. 2. Sie haben eine besondere zeitliche Struktur, sie können sowohl endlos Zeit sammeln als auch nur wenige Momente umfassen. 3. Das Betreten dieser Räume ist an spezielle Ein- und Ausgangsrituale gebunden. Sie sind nicht ohne weiteres für jedermann zugänglich. Und 4. schließlich entstehen in heterotopischen Räumen entweder Illusionen von neuen Wirklichkeiten oder aber es formen sich andere Wirklichkeiten, die den realen gegenüber vollkommener und damit besser erscheinen. Von all diesen Orten geht Foucaults Einschätzung nach eine gewisse Faszination aus, da sie in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse repräsentieren, negieren oder umkehren.

Im Raum Loge gilt beispielsweise eine andere Zeitrechnung, mit der es möglich scheint, zumindest für die Dauer der Anwesenheit, Entschleunigung zu erfahren. Für einen — wenn auch nur kurzen — Moment, entziehen wir uns dem Diktat des Immer-Schneller-Besser-Weiter-Prinzips. Wir entziehen uns dem kräftezehrenden Wettbewerb im Berufs- wie Privatleben, entledigen uns des oftmals anstrengenden Funktionieren-Müssens. Mitglieder der Loge haben nicht nur die Chance, nein, sie haben die Pflicht, sich ausreichend Zeit für den eigenen Reifungsprozess zu nehmen. Wir begleiten typischerweise diesen Prozess, den wir die „Arbeit am rauen Stein“ nennen, gerne mit den Aufforderungen: „Schau in Dich! Schau um Dich! Schau über Dich!“ Wie trägt nun der Ort der Loge im Besonderen zu diesem Reifungsprozess bei? Versteht man die Loge als einen heterotopischen Raum, dann wird Freimaurerei quasi zu einer realen Utopie, indem sie von einer Wirklichkeit kündet, die es weder gab noch bisher gibt. Die utopische Besonderheit zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie den Charakter des Erwartbaren und des Möglichen gewinnt und der unvollendete Bau dereinst einmal Wirklichkeit werden könnte. Aber wie sieht diese reale Utopie aus? Ich hatte zu Beginn bereits versucht zu verdeutlichen, dass wir bei der Beschreibung von „Objekten“ (Gesellschaft, Freimaurerei) individuelle Wahrnehmungsfilter anwenden und somit jeder ein anderes „Bild“ vom „Objekt“ zeichnet. Wenn dies stimmt, und das setze ich jetzt einfach einmal voraus, stellt sich die Frage, wie wir denn die Anschlussfähigkeit herstellen, um über eine Sache gemeinsam zu reden, von der wir im Grunde alle ein anderes Bild haben. Anders gesagt: Wie können wir trotz unterschiedlicher Wahrnehmungen über dasselbe reden? Wir nutzen Metaphern und Symbole. Wir bezeichnen diese Utopie als „unvollendeten Bau“ (im Übrigen sehen wir gerade in Berlin, dass der „unvollendete Bau“ eine reale Utopie sein kann). Oder: Wir bauen am Tempel der Humanität. Auch hier ist die Metapher „Bauen“ sehr interessant. Bauen heißt, man hat es mit etwas zu tun, das noch nicht fertig ist, das während des Bauens auch immer noch geändert werden kann. Bauen ist ein Verb, wir nannten es früher „Tu-Wort“, was zum Ausdruck bringen will, wir Brüder müssen tätig werden. Der Freimaurer beweist sich im Tun. Der Tempel der Humanität ist kein Zustand, wir werden auch den Bau nie vollenden. Der Prozess des Bauens ist wichtiger als das Erreichen des Endzustandes. Unsere Arbeit wird nie aufhören.

Und gerade weil wir uns auf kein konkretes, detailliertes Bild dieses Tempels geeinigt haben, können wir trotz aller verschiedenen Wahrnehmungen über den Tempel der Humanität reden. Auch wenn dieser Bau bzw. dieser Tempel vielleicht nicht final beschrieben ist, ist er dennoch nicht beliebig. So bleibt im Übrigen auch Platz für den jeweiligen Zeitgeist über die Jahrhunderte hinweg. Es verbindet sich also Stabilität mit Wandel.

Auch wenn wir nicht ganz genau wissen, wo wir hinwollen, so bemerken wir doch (durch die Rückschau, durch das Zurückkehren in die Welt), ob wir vom Kurs abgekommen sind oder ob wir uns in die gewünschte Richtung bewegen.
Und wie wirken wir Freimaurer in der Außenwelt? Diese Frage haben Klaus-Jürgen Grün, mein Vorgänger im Amt des QC-Vorsitzenden und ich versucht, in einem Beitrag in der „Humanität“ zu beantworten. Dort schreiben wir:
„Im Ritual begegnen wir einem Menschen, der an sich selbst arbeitet, der Freimaurer ist Beobachter und zugleich das Beobachtete. Im Ganzen vollführen die Rituale ein Leben, das sich selber lebt. Niemand ist im Ritual ein außenstehender Beobachter, der durch das Geschehen unberührt bleiben kann. Freimaurer inszenieren den Prozess des Lebens, das sich selber lebt. Man kann sich nicht außerhalb des Rituals stellen und es von außen beobachten. Entweder man ist im Tempel dabei oder man bleibt außen vor. […] Diese Szene entwickelt Ethik auf eine ganz andere Weise, als es unsere traditionellen Ethiken tun. Wer selbst ein Bestandteil der Szene ist, die er beobachtet, ist mitverantwortlich für alles, was dort geschieht. Übertragen wir die Szene der Tempelarbeit auf die alltägliche Welt, so entsteht die Anforderung an sich selbst, sich stets als Bestandteil derjenigen Welt zu betrachten, die man vor sich hat. Durch unser Handeln in der Welt verändern wir uns selbst und damit auch die Welt. Sofern ich mich aber als ein Wesen betrachte, das nur eine Außenwelt in sich abbildet, dann kann ich gar nichts dafür, dass die Welt so ist, wie sie sich in mir abbildet. Ich bin ja dann nur der passive Empfänger der Daten aus der Welt. […] Die Arbeit der Freimaurer erweist sich als eine Umwandlung der transitiven Bedeutung des Wortes in seine intransitive Bedeutung. Die transitive Bedeutung von Arbeit wäre das Arbeiten für etwas Anderes, für einen anderen. Die intransitive Bedeutung wäre das Arbeiten an sich selbst.

Deutlicher erkennbar ist dieser Sachverhalt an dem transitiven Verb ‚organisieren‘. Der Kybernetiker Heinz von Foerster legt dar, welcher fundamentale Wandel mit der Umwandlung der transitiven Bedeutung in ihre intransitive verbunden ist: Das Transitive ist, wenn ‚Organisator und seine Organisation so fundamental voneinander getrennt sind wie die Formen des Aktivs und des Passivs; es handelt sich um die Welt der Organisation des anderen, die Welt des Gebots: ‚Du sollst …!‘ Wenn wir andererseits die Organisation einer Organisation betrachten, so daß die eine in die andere hineinschlüpft, d. h. also ‚Selbstorganisation‘ entsteht, dann setzen wir eine Welt, in der ein Akteur letztendlich immer mit Bezug auf sich selbst handelt, denn er ist in seine Organisation eingeschlossen; es handelt sich um die Welt, in der man sich selbst organisiert, die Welt des Gebots: ‚Ich soll …!‘“

Unser Tempel verwandelt die verteilte Intelligenz der Individuen in die vernetzte Intelligenz der behauenen Steine. Zu einer gelungenen Tempelarbeit müssen alle Brüder gleichermaßen ihren Beitrag leisten. Alle müssen sich zu einem Ganzen organisieren. Es wird keine gelungene Arbeit, wenn jeder nur seine Rolle im Auge hat. Denken wir doch einmal daran, was passiert, wenn z. B. der Erste Aufseher seinen Einsatz verpasst oder textlich an die falsche Stelle gerät. Wenn der Stuhlmeister jetzt nicht „die Situation elegant rettet“, wird es keine gelungene Tempelarbeit. Und dies selbst, wenn der Stuhlmeister in seiner Rolle keine Fehler machte. Rettet er dagegen die Situation, kann es trotz des Patzers eine sehr gelungene Tempelarbeit werden.

Wir erkennen also, dass wir als Individuen immer auch von anderen abhängig sind und wandeln die Metapher des Nullsummenspiels, bei dem es immer einen Gewinner und einen Verlierer geben muss, in die Metapher einer Win-win-Situation ab, bei der alle gewinnen können, wenn vielleicht auch nicht immer in gleichem Maße. Es entsteht so die Weisheit der Vielen, die wir als soziale Gemeinschaft identifizieren und wertschätzen.
Richtig und ernsthaft ausgeführt, lassen uns unsere Rituale spüren, wie sich das rechte Maß anfühlt, wenn wir im Miteinander unsere Werte üben. Durch permanentes Üben wird aus der moralischen Mittelwahl ein tugendhafter Habitus. Deshalb scheint auch hier der Begriff der „Einübungsethik“ gerechtfertigt.

In Anlehnung an Peter Sloterdijks Buch „Du musst dein Leben ändern“ kann man den Freimaurer als Übenden, als ein sich durch Übungen selbst erzeugendes Wesen vorstellen. Seine Aktivitäten wirken unablässig auf ihn zurück: die Arbeit auf den Arbeiter und die Freimaurerei auf den Freimaurer. Wir verändern nicht die Welt, wir verändern uns und kehren als veränderte Menschen in die Welt zurück, auf die wir dann anders einwirken und die wir dann anders erleben. Was sich bewährt, funktioniert, was sich nicht bewährt, funktioniert nicht. Diese Bewährung ist auch die Bewährung der Freimaurerei. Zugegeben, es wird nur ein bescheidener kleiner Beitrag zur Verbesserung der Welt sein, aber es ist einer.

Zum Schluss: Was wünsche ich uns Freimaurern für die Zukunft? Dass wir aufhören zu suchen und anfangen zu finden.

In den Worten von Pablo Picasso ausgedrückt:

„Ich suche nicht — ich finde. Suchen — das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuen. Finden — das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer! Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewißheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht — menschlich beschränkt und eingeengt — das Ziel bestimmen. Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“

Thomas Forwe

Thomas Forwe ist Associate Partner einer großen mittelständischen Unternehmensberatung. Seit 2016 leitet er die Forschungsloge Quatuor Coronati und ist in der Großloge A.F.u.A.M.v.D. für die Aus- und Weiterbildung mitverantwortlich. Das wissenschaftliche Tagungsprogramm des Großlogentreffens in Mannheim wurde von ihm organisiert.

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