Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus

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Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus oder Freimaurerei als Verpflichtung für den Freimaurer. Dies beschränkt sich nicht nur auf den Umgang der Brüder miteinander. Freimaurer zu sein bedeutet eine Verpflichtung, humanistische Gedanken in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Von Wolfhart Thiel aus der Loge "Friede und Freiheit" in Karlsruhe

Wir alle kennen den Satz vom Mörtel des Tempelbaus. Wie oft haben wir ihn als F reimaurer gemeinsam gehört! Große Worte! Erhebend, insbesondere wenn wir sie als programmatisch für unser freimaurerisches Handeln in Anspruch nehmen. Was bedeutet dieser Satz eigentlich konkret? Die allgemeinen freimaurerischen Grundsätze ergeben sich aus dem Sinn – nicht notwendig dem Wortlaut – der Andersonschen Alten Pflichten [Hier im Wortlaut. Anm. der Redaktion] “Vom Umgang der Brüder untereinander” schreibt Anderson:

„Die Werkleute sollen Schimpfreden vermeiden und sich untereinander nicht mit häßlichen Ausdrücken belegen, sondern einander Bruder oder Genosse nennen. Sie sollen sich innerhalb wie außerhalb der Loge höflich benehmen.“

„Ihr sollt keine privaten Beratungen und keine gesonderten Besprechungen abhalten, ohne daß es euch der Meister erlaubt. Auch sollt ihr nicht vorlaut und taktlos über etwas reden und den Meister, die Aufseher oder einen Bru-der, der mit dem Meister spricht, nicht unterbrechen. Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befaßt, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine un-ziemliche Sprache führen. Ihr sollt euch vielmehr ehrerbietig gegenüber Meister, Aufseher und Genossen benehmen und sie in Ehren halten.”

Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

Ich fühle mich meinen Brüdern in der Loge und wohl auch allen (den meisten?) Freimaurern brüderlich verbunden. Sollten sie einmal anderer Meinung als ich sein, respektiere ich das. Ich bin also auch tolerant. Natürlich erfüllt mich Menschenliebe. Sonst wäre ich ja kein Freimaurer! Anmerkung: Ein geradezu klassischer Zirkel-schluss!

Das war es dann also! Wie schön ist es doch, ein Freimaurer zu sein!

Betrachten wir diesen Einschub als Anstoß, in einer stillen Stunde vielleicht einmal in uns selbst hineinzuhören, ob wir diesem Anspruch immer gerecht werden.

Ich definiere den Anspruch unseres Rituals (Humanität, Toleranz und Brüderlich-keit) als Messlatte unseres Verhaltens nicht nur in der Loge und unter Brüdern, sondern weitergehend und allgemeiner.

Unsere Großloge führt auf ihrer Website aus:

“Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ausgerichteten Traditionen ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu bestimmen, ist wichtiger Inhalt freimaurerischer Arbeit.

Worauf Freimaurer auch immer ihre Überzeugung zurückführen, entscheidend allein ist, wie sich ihr Bekenntnis zum Menschen im Leben bewährt.”

In einem Papier der Großloge “Lessing zu den drei Ringen” in der damaligen Tschechoslowakei werden diese Grundsätze, die Basis unseres Handelns als Freimaurer sein sollten, sehr schön verdeutlicht:

„Der Bund der Freimaurer ist eine Gesinnungsgemeinschaft freier Männer von gutem Ruf, aufgebaut auf der Humanitätslehre.

Indem der Freimaurer unter der Humanitätsidee das Streben nach höchster Vollendung menschlichen Wesens versteht, erstreckt er sein Arbeitsgebiet auf die gesamte Menschheit. Daher haben die Unterschiede der Rassen, Völker, Religionen, soziale Stellungen und politische Überzeugungen für ihn nur den Wert von Erscheinungsformen menschlichen Gemeinschaftslebens, die er achtet, bei seiner Arbeit jedoch auszu-schalten bestrebt ist.“

Einschub zum Begriff der Rasse: Wissenschaftlich wird „Rasse“ als Klassifikationsschema nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit Menschen ist wissenschaftlich obsolet und kommt mehr und mehr außer Gebrauch.

Der amerikanische Biochemiker Craig Venter z. B., dessen Fa. Celera Corporation erstmals ein gesamtes menschliches Genom (DNA) sequenzierte und das Ergebnis im September 2007 veröffentlichte, schreibt:

„… bestimmt der (menschliche) genetische Code keine Rasse, die ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt … Es gibt mehr Unterschiede zwischen Men-schen schwarzer Hautfarbe selbst als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.“ (Wikipedia, Stichwort „Rasse“, Zugriff 14.08.2018)

Nur am Rande und zur Erheiterung: Die Statuten von der „Reinheit des Blutes“, die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden, schlossen Menschen von der Rasse eines Juden, Mauren oder Häretikers von bestimmten Kirchenämtern aus.“ In den Hochzeiten des englischen Imperialismus sprach man von der irischen oder auch der katholischen Rasse! .(Vgl. Niall Ferguson, Empire – How Britain made the modern World – )

Derartige Gesetze und Verordnungen existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. bzw. in der Form der sog. Nürnberger Rassegesetze bis in das 20. Jahrhundert.

Zurück zum eigentlichen Thema! Das Arbeitsgebiet des Freimaurers erstreckt sich auf die gesamte Menschheit. Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit also nicht nur für und unter Brüdern!

Bleiben wir realistisch. Natürlich kann und will ich nicht alle Menschen lieben. Dafür gehen mir einige von ihnen viel zu sehr auf den Geist!

Aber die Argumentation, der freimaurerische Anspruch ist so idealistisch und realitätsfern, dass ich ihn vielleicht als Idealziel definiere, ihm jedoch im praktischen Leben keine Bedeutung zukommt, das kann es nun auch nicht sein. Die Frage ist deshalb, kann ich aus diesem Anspruch Verhaltensnormen destillieren, die konkre-te Anforderungen für mich definieren?

Die Freimaurerei hat zentrale Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten Menschen kreisen. Hans Hermann Höhmann führt aus, Ideen sind wie Sterne, die nie unmittelbar erreichbar sind. Er verweist dann auf Karl Popper mit dessen Feststellung, der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt. Gleichwohl lautet die Empfehlung Poppers: „Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben.“ (Hans Hermann Höhmann, Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben, in Freimaurerei, Analysen, Überlegungen, Perspektiven, S. 232, 236)

Wir leiten unsere Ideen und Ideale aus der Werten der Aufklärung ab und berufen uns dabei insbesondere auf die großen aufklärerischen Denker des 18. Jahrhunderts. Das ist sicherlich richtig und wichtig. Kenntnis der Vergangenheit und der eigenen geistigen Herkunft muss sein. Wir alle kennen den Satz, wer seine Ver-gangenheit nicht kennt, verliert die Zukunft. Die Vergangenheit darf sich jedoch nicht zu einer gedanklichen Fessel entwickeln. Allein die Beschwörung der Vergangenheit reicht heute nicht aus. Dieses Vergangenheitsgebäude muss gegenwartstauglich gemacht werden. Das ist unsere Aufgabe als Freimaurer hier und jetzt. (Vgl. hierzu Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung, in Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung Nr. 54/2017, S. 21, 22 f.)

Was bedeutet das konkret? Die Antwort kann sich nicht auf einen bestimmten Punkt beschränken. Höhmann nennt immer wieder sieben „Orientierungen“. Stichwortartig sind dies die humanistische, die demokratische, die soziale, die ökologische, die kulturelle, die globale und die rationale Orientierung. (Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus …, a.a.O. S. 30)

Diese Orientierungen könnten Programm für ein ganzes Maurerjahr sein. Andererseits sollte man auch nicht versuchen, einzelne Orientierungen zu isolieren und gesondert zu erwägen. Die Höhmannschen Orientierungen interagieren und stehen in einer Wechselwirkung zueinander. So lassen sich humanistische, demokratische und soziale Erwägungen kaum voneinander trennen. Alle Orientierungen scheinen leerzulaufen, wenn sie nicht auf einer rationalen Grundlage (7. Orientierung) angegangen werden.

Versuchen wir, uns dem Thema „Menschenliebe“ (oder Humanismus) anhand dieser Orientierungen etwas zu nähern. Humanismus und Aufklärung sind eng miteinander verbunden und als Begriffe im 18. Jahrhundert entstanden. Zu dieser Zeit war z.B. die Sklaverei weit verbreitet und als selbstverständlich akzeptiert. Schon daran wird deutlich, dass wir die damaligen Wertvorstellungen weiterentwickeln und aktualisieren müssen.

Einer der Grundgedanken aufklärerischen Denkens ist die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. Dies ist nicht im Sinne eines schwärmerischen Sozialismus zu verstehen, dass allen Menschen ein gleicher sozialer Stand zukommen muss. Aber es bedeutet, dass allen Menschen bestimmte Grundstandards – man kann auch sagen Grundrechte – zustehen, die ihnen niemand nehmen darf. In der Allge-meinen Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948 heißt es, alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Ein ganz einfacher und klarer Satz, der unseren Mörtel des Tempelbaus zusammenfasst! Seine Bedeutung wird deutlicher, wenn wir ihn negativ fassen. Er verbietet es, bestimmte Menschen oder Menschengruppen als minderwertig anzusehen. Minderwertig heißt, die haben weniger Rechte als ich, weil sie eben dieser und nicht meiner Gruppe angehören. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Minderwertig heißt nicht zwangsläufig, die Eigenschaft als Mensch abzusprechen oder von Untermenschen zu sprechen. Minderwertig heißt auch, diesen Menschen mögen zwar Rechte zustehen, aber ich glaube, auf sie herabschauen zu können, weil sie meinen Standards nicht entsprechen. Welche Standards sind das? Um nur einige Beispiele zu nennen: Andere Hautfarbe. andere Religion, anderes Lebensbild; die Liste lässt sich verlängern. Wenn ich ehrlich bin, schaue ich letztlich auf diese Menschen herab, weil sie anders sind! Auch wenn ich das mir vielleicht nicht eingestehe, dieses Herabschauen ist mit einer Wertung verbunden. Ich lehne diese Menschen ab!

Als Freimaurer sind uns solche Gedanken natürlich völlig fremd! Oder?

• Der Ruf nach einer deutschen oder auch abendländischen Leitkultur

• die Ablehnung des Islam

• die Unterscheidung zwischen guten (vorzugsweise West- und Nordeuropäer) und schlechten Ausländern

• die mehr oder weniger deutliche Ablehnung der Deutschen jüdischen Glaubens, die als die Juden, die eigentlich nach Israel gehören, bezeichnet werden

• die Grundüberzeugung, als Mensch mit weißer Hautfarbe oder als Deutscher, sei man doch eigentlich etwas Besseres (fleißiger, ordentlicher, sauberer!) und irgendwie anständiger.

Auch wenn wir bei einem oder mehrerer dieser Punkte gedanklich ins Zögern kommen, hat das natürlicht nichts damit zu tun, dass wir alle zutiefst humanistisch und von Menschenliebe geprägt sind!

Ich möchte nicht als „Gutmensch“ missverstanden werden. Ich sehe durchaus Probleme in gesellschaftlichen Entwicklungen oder in der Globalisierung. Die von mir vertretene Humanität ist auch keine „Einbahnstraße“. Ich fordere sie als ethisches Mindestmaß auch von den anderen – d.h. den Ausländern, den Moslems usw. – ein. Jedenfalls ist das mein Anspruch. Dieser Anspruch muss durchgesetzt werden. Das ist eine der Aufgaben der Politik und allgemein unserer Gesellschaft.

Natürlich gibt es Intoleranz oder Kriminalität auch bei Ausländern. Hiergegen müssen wir uns mit der gleichen Entschiedenheit wenden, wie wir das bei Landsleuten täten. Und wir müssen ehrlich sein. „Unsere Frauen leben in Angst! 32 % fühlen sich vor allem durch Ausländer und Flüchtlinge bedroht“ (Plakat AfD, Face book posting Bjoern Hoecke in https://uebermedien.de/16589/die-unheimliche-sorge-der-rechten-um-unsere-frauen/, Zugriff 22.08.2018) . Wenn Frauen Angst haben, ist das schlimm! Jeder Übergriff auf Frauen ist schlimm und kann durch nichts entschuldigt werden. Wogegen ich mich wehre ist, dass hier der Eindruck erweckt wird, es handele sich um ein Ausländerproblem. Nach der Kriminalstatistik des BKA für 2016 waren mehr als 133.000 Erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt und 149 Frauen starben durch den Partner oder Ex-Partner (sog. Beziehungstaten), Quelle: www.tagesschau.de/inland/gewalot-113.html, Zugriff 22.08.2018.

Ich wehre mich generell dagegen, unterschiedliche Maßstäbe anzulegen, wenn es um Ausländer oder Asylanten bzw. wenn es um Menschengruppen geht, die anders sind. Das ist unfreimaurerisch.

Zur Klarstellung: Ich möchte diesen Beitrag nicht als Anklage verstanden wissen. Mir geht es darum, einen Anstoß zum Nachdenken zu geben. Befragen wir uns doch alle einmal selbst, ob wir völlig von diesem Denken in Wertkategorien frei sind. Ausdrücklich schließe ich mich in diesen Anstoß ein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Voraussetzungen der „offenen“ Gesellschaft

© Csaba Nagy / Pixabay

Wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Vortrag für das 8. Freimaurer-Kolloquium der Loge "In Treue fest" in München
Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

„Der Freimaurer befindet sich an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft“ – so hieß es im Grußwort des Projektleiters zum 5. Münchener Freimaurer-Kolloquium im Januar 2012. Dem stimme ich zu, und ich bekenne, dass es in meiner langen Freimaurerzeit vor allem diese Schnittstelle gewesen ist, die mich immer wieder interessiert hat. Und ich vermute auch, dass es gerade die Art und Weise ist, wie die Freimaurer heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgehen, von der die Zukunft des Freimaurerbundes abhängt: Denn wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Das vor allem von Karl Raimund Popper, dem zuletzt in London lehrenden Philosophen, entwickelte Konzept der Offenen Gesellschaft ist das Konzept eines demokratischen Pluralismus. Entwickelt in den frühen 1940er Jahren, in der Zeit militanter Bedrohung der freien Welt durch Nationalsozialismus und stalinistischen Kommunismus, richtet sich Poppers Konzept ausdrücklich gegen alle totalitären Versuchungen und gegen alle utopischen „Erzählungen“ von Platon bis Marx, Erzählungen von einem großen gesellschaftlichen Ganzen, in dem die Freiheit des Einzelnen letztlich untergeht.

Offene Gesellschaft bedeutet Herrschaft der Vernunft, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Pluralismus und Schutz der Minderheit, Schutz der Minderheit vor allem im Sinne der institutionell gesicherten Chance, bei der nächsten Wahl zur Mehrheit zu werden und die Regierung zu übernehmen. Offen sind gesellschaftliche Verhältnisse nur dann, wenn Minderheiten auf demokratischer Basis politisch und kulturell angemessen Ausdruck finden können. Kulturell sind für die Idee der Offenen Gesellschaft Meinungsfreiheit, Dissens und Konflikt von grundsätzlicher Bedeutung. „Wahrheit“ als letzte Instanz des politischen Argumentierens ist nur denkbar bis zum Beweis des Gegenteils. Wahrheit muss offen für einen solchen Beweis sein, für die Chance ihrer Widerlegung, Hypothesen müssen falsifizierbar bleiben und Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiösen Stellungnahmen und religiöser Kritik an Politik und Zivilgesellschaft ein besonderes Gewicht zukommen dürfte. Alle Diskursteilnehmer in der öffentlichen Arena haben vielmehr den gleichen Rang, und im Diskurs gilt das vernünftige Argument.

Für mich als Freimaurer ist es selbstverständlich, Anhänger des Konzepts der Offenen Gesellschaft zu sein, und ich halte es für unverzichtbar, über ihre institutionellen und kulturellen Voraussetzungen nachzudenken, und zwar laut nachzudenken. Denn wenn es so etwas gibt wie eine öffentliche Aufgabe der Freimaurerei, so ist es die der Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs über Grundlagen und Praxis der Offenen Gesellschaft. Dieser Diskurs muss innerhalb der Freimaurerei geführt werden, aber auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Gesellschaft außerhalb des Freimaurerbundes. Die Freimaurer der Gegenwart sollten den Mut haben, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein, einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die auf konstruktive Weise Gedanken vermittelt und auf plumpe Parolen verzichtet und die als Gegengewicht wirkt gegen die schrillen Töne der Respektlosigkeit und des Rassismus. Freimaurerei im heutigen Selbstverständnis bedeutet Teil der Zivilgesellschaft zu sein und sich auch in der sozialen Praxis als Teil der Zivilgesellschaft zu bewähren, wobei ihr nicht zuletzt eine wichtige Rolle als Anwältin gesellschaftlicher Gesprächsfähigkeit zufällt.

Politik ist heutzutage verbal unter Beschuss geraten. Dabei geht es oft ebenso heftig wie ungerecht zu, und insbesondere auf der Anklagebank der sozialen Medien wird kaum Pardon gegeben. Jeder weiß die Antwort, kaum einer jedoch kennt noch die Frage. Der Freimaurer aber sollte vor allem lernen, auf sensible Weise Fragen zu stellen, und so möchte ich mich zunächst dafür interessieren, was eigentlich die Voraussetzungen einer gelingenden Politik sind.

Voraussetzungen gelingender Politik

Einerlei, ob es um innerstaatliche Entwicklungen geht, um den Fortschritt der Integration, um die Bewahrung und Weiterentwicklung der Offenen Gesellschaft, um internationale Beziehungen oder um die Gestaltung des künftigen Europas: stets hat das Gelingen von Politik mindestens vier unverzichtbare Voraussetzungen:

Erstens muss ein möglichst widerspruchsfreier institutioneller Rahmen vorhanden sein, der aus verbindlichen Normen, aus Gesetzen von der Verfassung bis hin zu einzelnen Rechtsregeln und Vorschriften besteht. Ohne einen solchen Rahmen lassen sich politische Abläufe im Inneren wie in der internationalen Politik nicht zufriedenstellend regeln.

Innerhalb dieses Rahmens müssen zweitens klare, konsistente und ausreichend akzeptierte Konzeptionen für das Handeln der politischen Akteure vorhanden sein. Ohne fundierte Konzeptionen sind zieladäquate, effektive und zugleich effiziente Maßnahmen der Politik auf all ihren Feldern nicht zu gewährleisten.

Drittens muss es in allen Bereichen des politischen Nachdenkens, Entscheidens und Handelns leistungsfähige Akteure geben, Politiker, die mit „Leidenschaft und Augenmaß“ – so Max Weber – politische Konzepte im Rahmen der gegebenen Institutionen professionell und wirkungsvoll umzusetzen verstehen.

Viertens schließlich gelingt Politik nur auf der Basis von kulturellen Faktoren, zu denen in erster Linie Vertrauen, Motivationen, Überzeugungen und Wertvorstellungen gehören. Menschen müssen nicht nur wissen, was sie tun und in welchem Ordnungsgefüge sie handeln, sie müssen auch wissen, warum sie handeln, und vor allem müssen sie über innere Maßstäbe verfügen, die sie verpflichten, ethisch verantwortlich tätig zu sein.

Immer deutlicher wird, dass die Probleme der Offenen Gesellschaft nicht allein pragmatisch zu lösen sind. Sie lassen vielmehr nach der Beschaffenheit der in einem Lande lebendigen Bürgerkultur fragen, und das heißt vor allem nach der Wertorientierung von Politik und Gesellschaft, und zwar nicht im Sinne von Wertrethorik und schön formulierten, aber weitgehend unverbindlichen Wertkatalogen, sondern im Sinne einer für Politik und Gesellschaft verbindlichen Wertpraxis.

Die Kultur eines „neuen Wir“

Je mehr die westlichen Gesellschaften durch Zuwanderung multikulturell werden, desto mehr muss sich durch die Vielfalt der Kulturen hindurch eine übergreifende Kultur der Über-einstimmung entwickeln, die Kultur eines „neuen Wir“, die zur Grundlage von Wahrnehmung und Handeln der neuen und der alten Bürger wird. Dabei darf es sich nicht um die Kultur eines antiquierten, völkisch geprägten Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus handeln. Als Grundlage von Demokratie und Offener Gesellschaft zu erhoffen ist vielmehr die Entwicklung der Kultur eines demokratischen Verfassungspatriotismus, die keine deutsche, die eine europäische Leitkultur ist und in den Traditionen der Aufklärung wurzelt.2

Eine solche Gemeinschaftskultur könnte die entstehende vielgestaltige Gesellschaft zusammenhalten, sie könnte – um ein Wort von Bundespräsident Steinmeier aufzunehmen – zum „Kitt werden, der die auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenhält“, zusammenhält, ohne irgendeine der zahlreichen ethnischen und religiösen Identitäten zu missachten, die zu unserer Gesellschaft heutzutage gehören. Diese Identitäten sind ja nicht nur die Identitäten der einwandernden Bevölkerung. Jede soziale Gruppe der Offenen Gesellschaft hat ihre eigene Identität, die auf einer jeweils spezifischen Kultur beruht und das Recht hat, sich in der Gesellschaft zu entfalten. Die Kulturen dieser Gruppierungen sind im Prinzip durchaus mit einander zu vereinbaren, und jede Gruppe wie auch jeder einzelne Mensch kann Träger vieler Kulturen sein, seien sie regional, ethnisch oder religiös geprägt. In uns allen sind sehr verschiedene kulturelle Schichten miteinander vereint. Was diesen Pluralismus sozial und politisch aushaltbar macht ist der verbindende Grundkonsens, dass es offen, frei und demokratisch zugehen soll in dieser Gesellschaft.

Allerdings: Wie jede Kultur kann eine solche Grundeinstellung der Gemeinsamkeit vom Staat nicht verordnet werden. Es muss und kann aber in allen Bereichen der Zivilgesellschaft durch wohlüberlegte und koordinierte Bemühungen unablässig darauf hingewirkt werden, dass sich eine solche gemeinwohlorientierte Grundeinstellung entwickelt. Versagen wir dabei, so droht unsere Einwanderungsgesellschaft in einer Dauerkrise zu versinken.

Wie aber könnte eine neue verbindende Gemeinschaftskultur, eine Kultur des neuen Wir geschaffen werden? Es ist mittlerweile klar geworden, dass das handlungsprägende Bewusst-machen dessen, was uns in einer „bunten“ Gesellschaft miteinander verbindet, kaum durch Predigten oder Verordnungen gelingen kann. Die gesellschaftliche Praxis, die reale Teilhabe aller an den Möglichkeiten, in der Gesellschaft präsent zu sein, ist die Grundvoraussetzung: Das Einräumen von Bildungschancen, das Vorhandensein von Wohnraum ohne Gettoisierung, das Angebot von Arbeitsplätzen gehören dazu. Menschen, die täglich zusammenarbeiten, die sich in Bildungseinrichtungen, Verkehrsmitteln und sozialen Institutionen treffen und sich beim Einkaufen begegnen, brauchen keine Theorien, um einander näher zu kommen. Die Herausbildung einer solchermaßen verbindenden Alltagspraxis der Menschen gleich welcher Herkunft in den zunehmend gemischten Lebenswelten unserer Gesellschaft ist nicht nur wünschenswert und möglich, sie ist auch unverzichtbar, wenn den erkennbaren Ansätzen zur Verfestigung von Parallelgesellschaften mit dem Potential sozialer Spaltungen entgegengewirkt werden soll. Und wenn die Medien bei all dem eine flankierende Rolle spielen, dann sind die Menschen – seien sie Altbürger, seien sie Neubürger – auch weniger empfänglich für die Hetztiraden der Fremdenfeinde von rechts außen.

Ich folge Thomas Meyer darin, dass in der deutschen Zivilgesellschaft ein Schub für das „neue Wir“ erfolgen sollte, vergleichbar vielleicht in Zahl und Leidenschaft der „Willkommenskultur“ des Jahres 2015. Das damalige Engagement müsste nun in der Phase der „eigentlichen“ Integration in eine Vielzahl beständiger Gemeinschaftserfahrungen zwischen Migranten und Eingesessenen in Lebenswelt und Zivilgesellschaft verwandelt werden. Nur so kann das Notwendige erreicht werden: Aus den vielen Teilen unserer vielfältiger werdenden Gesellschaft sowohl im sozialen Bewusstsein als auch in der gesellschaftlichen Praxis zu einer Einheit zu finden, die den Grunderfordernissen einer demokratischen Ordnung entspricht.

Eine solche soziale Basiskultur, wie ich sie einmal nennen möchte, verträgt sich durchaus mit dem Prinzip der Offenen Gesellschaft, denn sie greift nicht in die privaten Bereiche der Bürger ein. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Interaktionskultur, die Verständigung und Zusammenleben der Menschen über die Differenzen von Gruppenkulturen hinweg ermöglicht.

Integration auf der Basis einer Kultur der Gemeinsamkeit gelingt freilich nicht von heute auf morgen. Sie hat einen langfristigen Charakter. Aber wir sind inzwischen weiter damit vorangekommen, als die Zerrbilder der völkischen Rechten uns glauben lassen wollen, und es wäre ein Fehler, den Fortschritt der Integration und die mehr und mehr etablierte Steuerungs-funktion von kulturellen Prägungen und Wertefeldern allein an der nun wirklich beklagenswerten Ausländerkriminalität zu messen. In der Tat: Integration ist ein mühsamer, manchmal auch schmerzhafter und widersprüchlicher Prozess. Deshalb ist es jetzt auch erforderlich, eine vernünftige Einwanderungs- und Integrationspolitik mit einer zügigen Abschiebung straffälliger Asylbewerber zu verbinden. Dass jede Abschiebepolitik fester, grundgesetzkonformer Rechtsregeln bedarf, versteht sich für die Offene Gesellschaft von selbst.

Offene Gesellschaft und Humanistische Freimaurerei

Wenn nun wir Freimaurer uns dem Problem der Offenen Gesellschaft zuwenden und uns fragen, was zu unserer heutigen masonischen Leitkultur gehört und welche „öffentlichen“ Beiträge wir zu leisten in der Lage sind, so müssen wir zunächst einräumen, dass die freimaurerische Werteerzählung für die Gegenwart zuvor einer neuen Struktur bedarf, dass sie nicht so sehr im Allgemeinen verbleiben darf und dass sie sich vor allem auf Wertepraxis zu konzentrieren hat, in meiner Sicht auf die Praxis einer humanitären Freimaurerei, die einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat.

Der Humanismus der modernen Freimaurerei ist für mich ein säkularer, ein weltlicher Humanismus.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden sieben Grundüberzeugungen – in die Form von Postulaten gefasst – für eine gegenwartstaugliche Freimaurerei von besonderer Bedeutung:

1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns.

2. Die Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft.

3. Die Verantwortung für die Erhaltung der Erde sowie eine nachhaltige und gerechte Nutzung ihrer Ressourcen ist Basis jeder ethisch begründeten Politik.

4. Das Getragensein von Empathie, Menschenliebe und natürlicher Solidarität ist unverzichtbare Grundlage einer zu innerem, sozialem und internationalem Frieden fähigen Welt.

5. Die Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Voraussetzung dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an den vielfältigen Baustellen in der Gesellschaft vorangebracht werden kann.

6. Die Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist Grundelement jeder menschlichen Orientierung.

7. Schließlich: Auch heute hat das Prinzip Aufklärung zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind.

Die genannten sieben Postulate bestimmen nun freilich nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln – und zwar sowohl innerhalb der Loge als auch im öffentlichen Raum. Diesen Rahmen gilt es im Diskurs der Brüder zu füllen, und auch hierzu mag das von Lessing empfohlene „Laut denken mit dem Freunde“ eine vorzügliche Methode sein.

Damit nun die Werte eines gleichermaßen auf Herkunft wie auf Zukunft bezogenen Humanismus im Bewusstsein der Menschen heutzutage präsent sind, damit sie in der Praxis etwas wert sind, müssen sie vermittelt werden – in der Freimaurerei wie in der Gesellschaft, deren Teil der Freimaurerbund ist. Hierzu bedarf es eines individuellen und gemeinsamen Nachdenkens und Handelns.

Zunächst: Nicht zuletzt wir Freimaurer sollten uns angesichts historischer Erfahrungen aus der Zeit von Weimarer Republik und Nazi-Diktatur und vor allem auch vor dem Hintergrund massiver eigener völkischer Verirrungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren1 ganz klar darüber sein, wie bedrohlich es für Individuum und Gesellschaft ist, wenn Vernunft, Augenmaß und Werte in den Hintergrund rücken und das mörderische Potenzial von völkischen Vorurteilen und aggressiven Ressentiments gegen Ausländer an ihre Stelle tritt. Deshalb bedarf es zur Sicherung humaner Lebenswelten auch nichts so sehr wie einer lebendigen Bürgergesellschaft, einer Zivilgesellschaft, die die Menschen – einzeln und ihren verschiedenen Gruppen – kooperativ zusammenbindet.

Wie aber kommen diese Einstellungen in der politisch-gesellschaftlichen Praxis zustande?

Was sind sie in der politisch-gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit wert?

Wie lassen sie sich im Habitus des Bürgers verankern, der ja nur durch eine solche habituelle Verankerung auf Dauer zum selbstbewussten Bürger wird?

Nützlich sind Werte für die Gesellschaft gewiss nicht durch eine bloße Werterhetorik, die eher abstößt und Verdruss bereitet, wohl aber durch eine Praxis, an der mitzuwirken den Freimaurern durchaus anstünde, eine Praxis anhaltender und nachhaltiger bürgerlicher Werteaneignung und Werteumsetzung.

Hierzu fünf abschließende Überlegungen:

Arbeitsfelder der Offenen Gesellschaft – Freimaurer in der Zivilgesellschaft

Erstens: Neuorientierungen in der Politik und kultureller Wandel erfordern Zeit. Zur Praxis bürgerlicher Wertaneignung gehört ein komplexes und schwieriges Verständigungsprogramm. Die notwendige Prüfung und Konkretisierung von Werten setzt die Anerkennung der Pluralität von Auffassungen und einen toleranten, redlichen Diskurs voraus, in dem sich Streit- und Kompromisskultur verbinden. Dabei geht es nicht nur um Wertorientierungen, es geht auch um eine im konkreten politischen Handeln belastbare Einsicht in die Strukturen der realen Welt, die immer unübersichtlicher werden, und die es schwierig machen, für politische und gesellschaftliche Herausforderungen Lösungen zu finden, die nicht nur den Werten entsprechen, auf die man sich beruft, sondern bei denen auch das erforderliche Maß an Alltagsvernunft nicht zu kurz kommt.

Zweitens: Angesichts der medialen Informationsüberflutung unserer Tage war es ja einerseits noch nie so leicht, sich mit Wissen zu versorgen, andererseits jedoch noch nie so schwer, sich in der Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden (Harald Welzer). Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annäherung an Fakten und die Gewinnung von Urteilsvermögen. Denn eines der wirklich dramatischen Gegenwartsprobleme lautet doch zweifellos: Was sind Fakten in der heutigen Mediengesellschaft? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist die Wirklichkeit für unser urteilendes Bewusstsein nicht längst hinter einer bloßen Informationsfassade unerreichbar geworden oder sogar zusammengebrochen, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor mehr als einem Jahrzehnt behauptet hat?

Jedenfalls muss der in unseren Tagen zu beobachtenden Tendenz, die Realitäten der Gesellschaft nicht auf der Grundlage einer soliden Ermittlung und Prüfung von Fakten zu verstehen und statt sorgfältig erarbeiteter Wahrheiten jeweils schnell selbstfabriziert-opportune „alternative Fakten“ (sprich Lügen) zur Hand zu haben, entschieden entgegengewirkt werden. Wenn wir handeln wollen in der Gesellschaft, wenn es unsere Absicht ist, Probleme zu lösen, soziale Probleme, ökologische Probleme, Probleme von Migration und Integration, wenn wir die Offene Gesellschaft entwickeln und sichern wollen, dann brauchen wir genaue empirische Analysen von Ausmaß und Ursachen all dieser Probleme und eine gründliche Erörterung der institutionellen Chancen sowie der politischen Mittel, ihnen abzuhelfen (Harald Schnädelbach).

Freilich ist auch dieses zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag: Der eigentlich Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht der, welcher informiert, sondern derjenige, der informiert wird (Nathalie Sarraute). Das heißt, ein kritikloses Für-wahr-Halten von Informationen ist ebenso schädlich für die Gesellschaft wie die Praxis, Wahrheit zu manipulieren. Und so bleibt das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel“ Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für den Freimaurer unserer Tage, zumal es Bestätigung findet in der skeptischen Einstellung Karls Raimund Poppers, des Anwalts der Offenen Gesellschaft.

Drittens: So wichtig eine Verständigung über heutige Realitäten ist, die notwendige Tiefe gewinnt dieser Diskurs doch nur dann, wenn er sich mit Erinnerungskultur und historischer Reflexion verbindet. Die europäischen Bürgerkriege des 19. und 20. Jahrhunderts haben ja dem Europa der Aufklärung im Sinne einer den europäischen Eliten gemeinsamen Lebens- und Denkweise ein Ende gesetzt. An diese gemeinsame Lebens- und Denkweise hätte das heutige Europa wieder anzuknüpfen. Um aber an gemeinsame Vergangenheiten anknüpfen zu können, müssen die Europäer der Gegenwart – so hat es der in Harvard lehrende amerikanische Historiker Robert Darnton einmal formuliert – „einen Salto rückwärts über das 19. und 20. Jahrhundert springen und sich von neuem mit der europäischen Dimension des Lebens im Zeitalter der Aufklärung auseinandersetzen“.

Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhundert wiederaufleben lassen wollte – lebte damals doch die große Mehrheit der Europäer im Elend und war doch die Aufklärung selbst eine komplexe Bewegung voller Widersprüche und Gegenströmungen – Stichwort „Dialektik der Aufklärung“. Doch die Aufklärung ist nun einmal der Ursprung der Werte, die heute das Herzstück unserer Gesellschaft ausmachen und das in einer Form, die eine wirkliche, zukunftsträchtige Alternative zum Nationalismus und zum Fundamentalismus ermöglicht.

Freilich müssen europäische Werte heutzutage offen sein für tolerante Begegnungen mit den Werten anderer Kulturen. Selbstverständlich gehören muslimische Mitbürger heute zu Deutschland und zu Europa, doch das bedeutet auch, dass sich der Islam – wie alle Religionen – in das Regelspiel demokratisch-pluralistischer Institutionen einzufügen hat und dass er sich dazu bereitfinden muss, dieses Regelspiel als Grundlage auch der eigenen religiösen und gesellschaftlichen Praxis zustimmend und aktiv mitzugestalten. Dazu sollten sich muslimische Organisationen auch auf der Grundlage der Willensbildung ihrer Mitglieder in Deutschland entwickeln und sich nicht von außen, beispielsweise von religiösen Institutionen in der Türkei, bestimmen lassen.

Gewiss: Wir müssen die Freiheitsräume von Minderheiten schützen, und wir müssen lernen, die Besonderheiten fremder Kulturen zu tolerieren. Denn Kultur bedeutet Heimat, die man auch und gerade in der Fremde braucht, und die ja auch Zugewinn für uns bedeutet. Doch dies gilt primär für die privaten Bereiche der Gesellschaft. In den öffentlichen Bereichen dagegen müssen die Regeln des Pluralismus und der Demokratie gelten, in der Politik muss es säkular zugehen, religiöser Glaube muss privat sein, einerlei, um welche Religion es sich handelt, und die politischen Entscheidungen müssen von den Bürgern im Regelspiel der demokratischer Institutionen getroffen werden. Sicherlich sind diese Bürger – die Altbürger wie die Neubürger – in vielen Fällen gläubige Menschen, aber es muss auf alle Versuche verzichtet werden, politische Richtlinien gleichsam vom Himmel herunter zu holen, nachdem man sie zuvor nach oben projiziert hat.

Viertens ist bürgerliches Handeln vonnöten. Es kommt auf eine aktive Teilhabe am Leben der Gesellschaft an, die nicht exklusiv ist im Sinne eines Ausschlusses anderer und die nicht daherkommt als eine „Bürgerlichkeit der feinen Leute“, sondern die als eine „Bürgerlichkeit der Einbeziehung aller“ wirkt, als eine Bürgerlichkeit der sozialen Offenheit, als eine Bürgerlichkeit, die andere mitnimmt und die auch die weniger Privilegierten in das gesellschaftliche Ganze einschließt.

Fünftens und nicht zuletzt und auf die Freimaurer bezogen: Die Freimaurer hätten sich als Übersetzer der politischen Kultur des Grundgesetzes bewähren. Denn hierauf kommt es in der Tat entscheidend an: Alle deutschen Bürger, alle Menschen hierzulande, diejenigen, die bereits hier leben, die seit eh und je deutsche Bürger sind, aber auch alle, die kommen und zukünftig mit uns leben wollen, müssen den verfassungsmäßigen Rahmen unseres Gemeinwesens anerkennen und auch die dazu gehörende demokratisch-zivile Verhaltenskultur, das offene und friedliche Miteinander in der Gesellschaft, und zwar nicht nur durch Erklärungen und Unterschriften unter Asylanträge, sondern auch und vor allem im Verhalten und im Handeln. Doch auch hier, so meine ich, sind wir in vielerlei Hinsicht weiter als uns die völkische Rechte in Deutschland glauben machen will. Ich erlebe immer wieder Empathie, Freundlichkeit und Zuwendung seitens unserer zugewanderten Neubürger. Auch hier gilt es, sich von der Dominanz dumpfer Parolen zu verabschieden und einzusehen, dass anhaltende Vorurteile weder taugliche Diskurselemente noch gar Grund-lagen für ein problemorientiertes Handeln sind.

Gebäudeschutz für den Tempel der Humanität

Schlusswort: Wir Freimaurer wollen Bauleute sein, Bauleute einer besseren Welt. Doch dazu müssen wir in einem neuen, engagierten Sinne wieder operativ werden, gewiss nicht ohne vorher gründlich nachzudenken, aber doch in der Erkenntnis, dass für den Fortschritt des sozialen Ganzen allein die Praxis zählt. Wie sagte doch Erich Kästner so präzise und unpathetisch knapp: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Gewiss: Freimaurerei ist keine politische Institution oder gar Bewegung. Sie ist eine Gemeinschaft, in der Menschen nach Grundlagen suchen können für Sinn in ihrem eigenen Leben und für ihr Zusammenleben mit anderen Menschen. Doch wenn die Freimaurer den Bau am Tempel der Humanität zum Grundsymbol für die Ausrichtung ihrer Arbeit gewählt haben, so müssen sie bereit sein, darauf hinzuwirken, dass unsere Gesellschaft sich als eine offene und humane Gesellschaft entwickeln kann, dass die Welt als Lebensraum erhalten bleibt für uns und unsere Nachkommen und dass der Tempel der Humanität nicht durch unsere eigene Schuld vorzeitig zur Ruine wird.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Großlogentreffen 2019 in Mannheim

Wasserturm in Mannheim Foto domeckopol / pixabay

Das Großlogentreffen 2019 findet vom 29. bis 31. Mai in Mannheim statt und steht unter dem Motto "Die Welt verändert sich dramatisch — und wir?" Viele Besucher werden erwartet.

Die Großlogentreffen finden alle zwei Jahre in unterschiedlichen Orten statt. Anders als die ebanfalls alle zwei Jahre stattfindenen Großlogentage sind sie keine vereinsrechtliche Zusammenkunft, sondern konzentrieren sich einerseits auf Vorträge und Diskussionen zu Themen der Freimaurerei sowie auf Geselligkeit.

Das inhaltliche Thema dieses Jahres orientiert sich an einem Ausspruch des italienischen Schriftstellers Giuseppe Tomasi de Lampedusa “Die Welt verändert sich dramatisch — und wir?” In Lampedusas einzigem Roman “Der Leopard” geht es um die Frage der Anpassung an geänderte Verhältnisse. Viele Logen beschäftigen sich mit dem Wandel der Gesellschaft und mit der Frage, wie Freimaurer damit umgehen, etliche Beiträge auch auf dieser Website und in der Zeitschrift “Humanität” spiegeln die Fragen wider. In Mannheim will man sich einen ganzen Tag damit beschäftigen und auf die eine oder andere Frage Antworten finden.

"Unser diesjähriger Gastgeber und Ausrichter, die Loge "Carl zur Eintracht", ist die älteste Freimaurerloge im Rhein-Neckar-Raum. Seit dem Jahr 1756 ist sie gesellschaftspolitisch nicht mehr aus Mannheim wegzudenken. Das ständige Angebot zwischen Tradition und Moderne, Besinnlichkeit und Geselligkeit sowie Kultur und tagesaktuellen Themen ist täglicher Anspruch an alle Brüder."

Ralph Meixner, Distriktmeister Baden-Württemberg

Für die große Zahl an erwarteten Brüdern, Damen und Gästen haben die Organisatoren ein anspruchsvolles Programm geschnürt. So ist beispielsweise für Damen und Gäste eine Führung durch die Kunsthalle Mannheim geplant, die bereits seit mehr als hundert Jahren das kulturelle Leben in Mannheim prägt. 1909 gegründet ist sie eine der ersten Bürgersammlungen der Moderne weltweit. Deutschlandweit zählt sie mit Werken von Édouard Mant bis Francis Bacon und einen Skulpturenschwerpunkt zu den angesehensten bürgerschaftlichen Sammlungen der deutschen und internationalen Moderne bis zur Gegenwart.

Das Technoseum in der Museumsstraße bietet Anschauungsmaterial zur Industrialisierung des deutschen Südwestens in Geschichte und Gegenwart. In dieser Technikatmophäre treffen sich die Teilnehmer des Großlogentreffens zu einem geselligen Beisammensein, die “Blue Note Jazz Company” begleitet die Veranstaltung mit einer Zusammenstellung von New Orleans Jazz bis zum eleganten Jazz der Swing-Zeit.

Während die Brüder Freimaurer sich im Tagungshotel mit den Zukunftsfragen ihres Bundes beschäftigen, können die Damen und Gäste bei einer Führung durch die verwinkelten Gassen die vielen Facetten der Heidelberger Altstadt kennenlernen und mit der Berbahn hinauf zum Schloss fahren.

Detaillierte Informationen liegen jeder Loge bereits vor oder können bei der Kanzlei der Großloge unter kanzlei@freimaurerei.de angefordert werden. Anmeldungen sind bitte an die Kanzlei zu richten.

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Neujahrsempfang der Wolfsburger Loge “Carl zur siegenden Wahrheit”

Stuhlmeister Mike Morris, Bürgermeister Matthias Neulich, Herr Plot, Altstuhlmeister Lutz Dietrich bei der Scheckübergabe

Anlässlich des gut besuchten Neujahrsempfanges der Wolfsburger Loge "Carl zur siegenden Wahrheit" spendete die Bruderschaft 3.500 € an den Gifhorner Kinderfonds "Kleine Kinder immer satt".

(Wolfsburg/ld) Der Neujahrsempfang der Freimaurerloge „Carl zur siegenden Wahrheit“ im Hoffmannhaus in Fallersleben war trotz ungünstigen Wetters gut besucht. Aus dem Einzugsbereich waren der Gifhorner Bürgermeister Matthias Nehrlich und der Samtgemeindebürgermeister Herr Metzlaff aus Isenbüttel erschienen. Der Altstuhlmeister der Loge Lutz Dietrich stimmte die Gäste und Logenmitglieder auf das Programm ein mit Informationen über die Inhalte und ethischen Wertvorstellungen der Freimaurer als Grundlage für Mitmenschlichkeit, Toleranz und Wohltätigkeit. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch die Herren Peter Boenisch und Zlatko Baban von der Kreismusikschule Gifhorn.

Der Festvortrag von Prof. Dr. Bauer über Sprache im 21. Jahrhundert beleuchtete in kurzweiliger und informativer Form viele Facetten dieser menschlichsten aller Ausdrucksformen, ihrer verbindenden und trennenden Funktion, ihrer klärenden und verschleiernden Möglichkeiten, ihre anregende, ruhigstellende oder manipulative Bedeutung bis hin zur Anstiftung zu Liebe oder Hass. Die Aufforderung zur Nutzung der Sprache als Instrument zur Förderung der Humanität wies in die Zukunft.

Im Anschluss wurde im Rahmen des sozialen Engagements der Loge durch den Stuhlmeister Mike Morris an Herrn Bürgermeister Matthias Nerlich und Herrn Ploog vom Gifhorner Kinderfonds „Kleine Kinder immer satt“ eine Spende von 3.500 € überreicht. Es handelte sich um eine Spende der Brüder in Höhe von 2.500 €, die durch das Freimaurerische Hilfswerk um 1.000 € aufgestockt wurde.

Nach Dankesworten von Herrn Ploog wurden beim anschließenden Buffet Meinungen ausgetauscht, Gedanken vertieft und Aktionen für das neue Jahr angestoßen.

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Logenspende — damit das Mittagessen allen Schülern schmeckt

v.l. Altstuhlmeister Matthias Volk, Dieter Weis, Christel Schwebel, Christine Weyrich, Stuhlmeister Dieter Heusel

Die Odenwälder Freimaurerloge "Zu den drei Sternen" spendete an den Förderverein der Theodor-Litt-Schule, um allen Schülern die Teilnahme am Schulmittagessen zu ermöglichen.

(Michelstadt/es). Seit genau einem Vierteljahrhundert gibt es den Förderverein der Theodor-Litt-Schule. Seit genau einem Vierteljahrhundert tragen Mitgliederbeiträge und Spenden dazu bei, dass sich die TLS als „Toller Lebensraum Schule“ eines guten Rufes erfreut. Mit Fördervereinsgeld finanziert werden viele Projekte, für die staatliche Mittel nicht zur Verfügung stehen. Das gilt für die Anschaf-fung von elektronischen Schultafeln über den Kauf von Musikinstrumenten bis hin zur Unterstützung von Schülern, die sonst an Studien- oder Klassenfahrten aus Geldmangel nicht teilnehmen könnten. Denjenigen Schülern zugewandt hat sich jetzt die Odenwälder Freimaurerloge „Zu den drei Sternen“, die aus pekuniären Gründen auf ein Schulmittagessen verzichten müssen. Speziell für sie bestimmt ist der Zuschussbetrag in Höhe von eintausend Euro, den Stuhlmeister Dieter Heusel und Altstuhlmeister Matthias Volk an Schulleiter Dieter Weis, die für den Schulsozialfonds zuständige Christel Schwebel und die in der Schulküche Regie führende Fachlehrerin Christine Weyrich überreichten.

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Eine Bruderschaft, die unter die Haut geht

Von René Schon

„‚Ich bin ein Meisterwerk.‘ Sein massiger Körper war rasiert und glatt. Mal’akh schaute zuerst auf seine Füße, die mit den Schuppen und Klauen eines Falken tätowiert waren; dann bewegte sein Blick sich hinauf zu seinen muskulösen Beinen, die als gemeißelte Säulen gestaltet waren – das linke Bein spiralförmig, das rechte mit vertikalen Streifen. Seine Lenden und sein Magen bildeten einen verzierten Torbogen, und seine mächtige Brust war mit dem doppelköpfigen Phönix geschmückt … jeder Kopf im Profil zur Seite gewandt, sodass Mal’akhs Brustwarzen das jeweilige Auge bildeten. Schultern, Hals, Gesicht und der rasierte Kopf waren vollständig mit einem verschlungenen Muster von alten Symbolen und Zeichen bedeckt. ‚Ich bin ein Artefakt … ein sich entfaltendes Bild.‘“ (aus: Dan Brown „Lost Symbol – Das verlorene Symbol“)

Dan Brown hat sich in seinem Buch „Das verlorene Symbol“, in dem es – mit der Absicht, Spannung zu erzeugen – um geheime Riten und seltsame Bräuche der Freimaurerei geht, auch mit dem Thema Tattoos auseinandergesetzt. Im Buch wird beschrieben, wie eine der Hauptfiguren ihren Körper mit freimaurerischen Symbolen und Motiven verziert hat.

Selbstverständlich wird man bei der Aufnahme in den Bund der Freimaurer nicht etwa mit einer Tätowierung versehen, allerdings entschließen sich manche Brüder, mit einem Tattoo ihre Zugehörigkeit zum Bruderbund nach außen zu tragen. Dies bedeutet aber auch ein gleichzeitiges Verlassen der Deckung. Der Bruder „outet“ sich. Je nach Motiv kann ein Bruder so auch in der Öffentlichkeit als Freimaurer identifiziert werden. In einigen Fällen geht dies sogar so weit, dass sich mehrere Brüder einer Loge ein gemeinsames „Logen-Tattoo“ stechen lassen. Doch warum lassen sich Menschen freiwillig unter Schmerzen „bemalen“?

Die Geschichte des Tattoos

Schon vor Jahrtausenden haben Menschen verschiedene Möglichkeiten genutzt, um ihre Körper zu verzieren. Meist wurde damit die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder zu einem bestimmten Lebensabschnitt ausgedrückt. Die Hautbilder erfüllten eine wichtige soziale Rolle in einzelnen Kulturen und waren oft Bestandteile von Ritualen.

Lange Zeit galten die Tattoos aus dem alten Reich der ägyptischen Hochkultur als die ersten ihrer Art. Um 2000 vor Christus gelangten Tattoos schließlich nach China und später nach Griechenland. Die Verbreitung der „Körperkunst“ war nicht mehr aufzuhalten. Mit der Zeit erreichte sie schließlich auch Japan. Dort wurden Tattoos vor allem bei religiösen und zeremoniellen Ritualen verwendet. Und vor allem auf Borneo galten Frauen als große Tattoo-Künstlerinnen. Sie schufen die Designs, die den einzelnen Lebensabschnitten zugeordnet waren und die die Stammeszugehörigkeit darstellten.

Auch wenn Tattoos sehr beliebt waren, so waren sie zu dieser Zeit häufig mit Infektionen verbunden, die oftmals tödlich endeten. Steriles Arbeiten und Desinfektion spielten damals keine Rolle. Die Wunden, die dem Körper beim Tätowieren zugefügt und mit Kohlepulver eingefärbt wurden, entzündeten sich schwer und vernarbten. Das „Überstehen oder Überleben“ dieser gefährlichen Tortur gilt bis in die heutige Zeit bei einigen Kulturen als Zeichen des Erwachsenwerdens und der Gunst der Götter.

Im Jahre 1765 führte der britische Kapitän James Cook das Wort „Tattoo“ in die englische Sprache ein. In seinen Aufzeichnungen während der Reisen nach Polynesien beschrieb Cook Menschen, die ihre Körper mit Farbe bemalten und die diese Motive als „Tattoo“ bezeichneten.

Einer der ältesten archäologischen Funde eines Menschen mit Tattoos ist sicherlich die Gletschermumie Ötzi. Er trägt mehr als 60 überwiegend geometrische Figuren sowie Linien und Punkte auf seinem Körper. Diese wurden, wie es auch heutzutage bei einigen Naturvölkern üblich ist, in die Haut geritzt und mit Kohlepulver eingefärbt. Umstritten ist hierbei allerdings die Bedeutung. Einige Forscher sehen es als „reine Körperbemalung“, andere erkennen darin eine Art Schmerztherapie, ähnlich der Akupunktur.

Der Sprung in die Neuzeit erfolgte durch die neuen Möglichkeiten der Elektrizität und Feinmechanik. Wurden die Motive bis dato noch mit Nadeln und Schnitten unter die Haut gebracht, revolutionierte ein Mann namens Samuel O’Reilly das Tätowieren. Er hatte am Chatham Square in New York einen Laden eröffnet, in dem bereits elektrische Tattoo-Maschinen benutzt wurden. Diese Maschine beruhten auf der elektrischen Nadel von Edison, bei der eine Nadelspitze einen Durchschlag erzeugt. Die elektrische Tattoo-Maschine bestand aus beweglichen Windungen, einer Nadelstange und einer Spule. Bis heute sind diese Teile nach wie vor noch die gebräuchlichsten Komponenten einer Tattoo-Maschine. Dieses auch als „Gun“ (also „Pistole“) bezeichnete Werkzeug ist die bis heute gängigste und effizienteste Methode, seine Haut mit einem Bild zu verzieren.

Asozial und kriminell?

Weit bis ans Ende des letzten Jahrhunderts galten tätowierte Menschen noch als „asozial“ und „kriminell“. Die Ursache ist sicherlich darin zu sehen, dass Mitglieder verschiedener Gangs und krimineller Gruppierungen ihre Zugehörigkeit durch Tattoos sichtbar machten. Etwa die bekannteste japanische Mafia-Organisation, die Yakuza, deren verschiedene Banden sich durch unterschiedliche Symbole abgrenzen.

Diese Assoziation führt heutzutage zu kuriosen Begebenheiten. Menschen, die großflächige Tätowierungen auf ihrem Körper tragen, wie ich selbst, dürfen etwa in Japan keine öffentlichen Bäder aufsuchen. Die Verbindung zu den Yakuza ist hier zu stark im Bild der Gesellschaft verankert.

Freimaurerische Tattoos

Die Geschichte der freimaurerischen Tätowierungen liegt weitgehend im Dunkeln. Es finden sich keinerlei Aufzeichnungen unserer Vorfahren dazu. Es ist also ein vergleichsweise neues Phänomen. Wir wissen jedoch von Aussagen älterer Brüder, die während des Zweiten Weltkriegs an den europäischen Fronten kämpften. Ähnlich wie bei Seeleuten fanden sich bei Soldaten durchaus freimaurerische Motive auf der Haut.

Mit der gestiegenen Akzeptanz tätowierter Haut in den vergangenen 20 bis 30 Jahren nahm auch die Anzahl an Menschen mit Tätowierungen in der Gesellschaft sprunghaft zu. Bald galten sie nicht mehr als Kennzeichen einer bestimmten eingeschworenen Gruppe – etwa von Seeleuten oder Gefängnisinsassen. Tattoos wurden ein Lifestyle-Phänomen. Menschen möchten sich mit Motiven schmücken, die für sie selbst eine tiefere Bedeutung haben. Zeichen, die dem Träger persönliche Kraft und Glauben schenken.

Vor allem bei Brüdern in den USA sind freimaurerische Motive als Tattoos sehr beliebt und haben in den vergangenen Jahren auch immer stärker Liebhaber in Deutschland gefunden. Teilweise handelt es sich um kleine, diskrete Zeichen, teilweise um großflächige Bilder, die sehr kunstvoll designt und ausgeführt sind.

Motive und Motivationen

Ich selbst besaß bereits vor meinem Eintritt in die Bruderkette einige Tattoos. Unmittelbar nach meiner Aufnahme kam das typische Winkel-und-Zirkel-Motiv auf meinem Unterarm dazu. Damals sehr traditionell von einem Tattoo-Künstler in Thailand ausgeführt, mit Bambus-Nadeln und ohne Maschine. Schon kurze Zeit später kam von einigen Brüdern meiner Mutterloge die Idee auf, ein gemeinsames Tattoo in Anlehnung an den „Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne“ zu entwerfen und es sich auch im Rahmen eines gemeinsamen Besuches in einem Tattoo Studio stechen zu lassen. Entweder man belässt es bei einem Tattoo oder man macht damit immer weiter. Dann wird es fast wie eine Sucht. Schlussendlich sind meine beiden Arme und mein oberer Rückenbereich mit Motiven unseres Bundes versehen. Ich selbst stehe dazu, auch in der Öffentlichkeit. Ich setze mich gerne für unsere Werte und Ideale ein, womit ich auch versuche, Aufklärungsarbeit zu leisten, wenn ich auf meine Motive und die Freimaurerei im Allgemeinen angesprochen werde. Weg von „Verschwörungstheorien und Mystik“ hin zu einem festen Fundament an Tatsachen über den Bruderbund.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 6-2018.

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Weihnachtsmarkt in Gummersbach mit Beteiligung der örtlichen Freimaurerloge

Stand vor Öffnung des Marktes

Erstmals nahm die Freimaurerloge "Zur Oberbergischen Treue" mit einem Stand am Gummersbacher Weihnachtsmarkt teil. Am Freitag, 07. Dezember 2018, konnten sich interessierte Bürger über die örtliche Loge informieren.

(Gummersbach / gl) Ein großer Grauwackestein und ein Spitzhammer luden zur Arbeit am “rauen Stein” ein. Unerschrockene Besucher durften auch einen Blick in die Truhe mit dem Geheimnis der Freimaurerei werfen. Darin fanden sie einen Spiegel und die Aufforderung: “Erkenne Dich selbst!”.

Als Symbol des rauen Steins, an dem die Freimaurer arbeiten, konnten die Marktbesucher, gegen eine kleine Spende für karitative Zwecke, Wackersteine mitnehmen, die zu Notizzettelhaltern oder Kerzenständern verarbeitet wurden. Auch selbstgebastelter Origami-Weihnachtsschmuck wurde abgegeben. Für die Weihnachtspost konnten die Besucher Karten mit Motiven des verstorbenen Künstlers und ehemaligen Mitglieds der Gummersbacher Loge, Elmar Stange (1951-2013), bekommen.

Trotz des schlechten Wetters und der überschaubaren Besucherzahlen konnten einige interessante und informative Gespräche geführt werden.

Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit.

Martin Walser

Ist der Begriff „Heimat“ also nur etwas für die Ewiggestrigen? Heimat als eine besondere Art der Vogelstraußpolitik?

Kurt Tucholsky betrachtete Heimat als positiven Wert, den sich besonders die nichtnationalistischen Kräfte zu eigen machen sollten, um der Deutschtümelei, der politischen Reaktion und jenen, die den Heimatbegriff gänzlich ablehnten, entgegentreten zu können: „Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist.“

Ähnlich übrigens auch in Brechts Kinderhymne: „Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir es.”

Der Begriff „Heimat“ ist also nicht zwangsläufig mit nationalistischem und politisch rechts gerichtetem Denken zu verbinden. Der Bruder – wenn auch einer damals nicht als regulär aner-kannten Loge – Kurt Tucholsky, ein sicherlich eher politisch links orientierter Denker, kann ihm also durchaus Positives abgewinnen.

Psychologisch ist Heimat heute ein subjektives Empfinden, unabhängig von politisch-juristischen Definitionen. Sie besteht aus individuellen Einstellungen zu Ort, Gesellschaft und persönlicher Entwicklung des Einzelnen. Die Gefühle des Dazugehörens und der Vertrautheit spielen eine wesentliche Rolle. Der Verlust oder die Angst davor wird nicht nur als Heimweh, sondern auch als persönliche Bedrohung empfunden.

Bei genauer Betrachtung beschreibt das Wort „Heimat“ eher einen Gemütszustand. Die Idylle, die das Wort beschreiben sollte, war jedoch schon zum Zeitpunkt ihrer Beschreibung unwiderruflich verloren. Genau genommen hatte es sie eigentlich auch nie gegeben. Die von der Romantik beschriebene und verklärte Heimatidylle hat es – wenn überhaupt – nur für eine Minderheit der Bevölkerung gegeben.

Nur am Rande: Wir sprechen hier nicht über ein typisch deutsches Problem. Viele auch jüngere Engländer träumen von der Zeit des victorianischen Empires. Trumps „Make America Gre-at Again“ (faktisch besser: Make China great again!) ist letztlich auch der Wunsch, in eine idealisierte Vergangenheit zurückzukehren, die es so nie gegeben hat. Wir kritisieren diese Politik Trumps, beklagen aber gleichzeitig bei uns den Verlust eines Heimatgefühls!

Heimat soll Ausdruck einer “Idee von Zugehörigkeit, Verwurzelung und regionaler Lebensart” sein. Verblüffenderweise ist der Begriff aber auch – möglicherweise missbräuchlich – “Chiffre für Ausgrenzung” und “Vorwand für völkische Überlegenheitsphantasien”.

Der alte Heimatbegriff funktionierte im Wesentlichen, indem man in der eigenen Bevölkerung Minderheiten definierte und ausgrenzte: „Wir“ und das steht gleichbedeutend mit Heimat, das sind die nach eigener angemaßter Wahrnehmung Guten. Hinzugezogene, Ausländer, Homosexuelle, Unverheiratete und manche mehr, das sind die Anderen, die eigentlich in dieser Heimat nicht hinzugehören. In dieser krassen Form gibt es die Ausgrenzung heute wohl nicht mehr flächendeckend. Heute sind wir eher bereit zu sehen – oder sollten dies zumindest sein –, dass diese Bevölkerungsgruppen vorhanden sind, d.h. sie sind als real existierende Menschen hier, haben ihre Berechtigung und können nicht durch eine Diskussion über einen solchen ausgrenzenden Heimatbegriff oder eine Leitkultur wegdiskutiert werden.

Art. 3 Abs. 3 GG (Auszug: „Niemand darf wegen … seiner Heimat und Herkunft … benachteiligt oder bevorzugt werden.“) wendet sich gegen die negative Seite des Denkens in Kategorien der „Heimat“. Das Grundgesetz verbietet, Zugezogene aller Art und letztlich alle diejenigen, die anders leben, als „Heimatfremde“ – d.h. als „die Anderen“ im Gegensatz zum „Wir“ – zu diskriminieren. Hierüber sollte es keine Diskussionen geben.

Deswegen braucht es einen neuen, offenen Heimatbegriff. Wie soll der aussehen?

Die geschichtliche Entwicklung zeigt, es kann kein juristisch definierter legislatorisch regelbarer Heimatbegriff sein. Heimat ist nicht da, wo ich polizeilich gemeldet bin.

Heimat darf aber auch keine unbestimmte Pathosformel sein, in die jeder hineinliest, was ihm politisch oder weltanschaulich passt. Heimat darf nicht ausgrenzen, darf kein Kampfbegriff gegen Andersdenkende oder auch nur Anderslebende sein.
Insofern kann es sich nur um einen subjektiven Heimatbegriff handeln. Jeder bestimmt für sich selbst, was seine Heimat ist, ohne den Anspruch zu erheben, dies auf Andere übertragen zu wollen.

Heimat wird zumeist in einem doppelten Sinn verstanden: Der Begriff hat eine geographische Komponente (wir in Baden, Schwaben, Bayern oder sonst wo räumlich umgrenzt) und eine emotionale (Spätzle, Weißwurst, Lederhosen, Currywurst usw.). Wenn ich Heimat als irrealen Sehnsuchtsort, die Angst vor dem vermeintlichen Verlust der Heimat als Symptom für kollektive Entwurzelungsgefühle definiere, drängt sich die Frage auf, ob es hier wirklich um Äußerlichkeiten wie einen geographischen Landschaftsbegriff oder besonderen Ess- bzw. Bekleidungsgewohnheiten handeln kann. Welcher Irrweg das ist, zeigt sich z.B. daran, dass für viele Engländer Deutschsein mit dem übermäßigen Genuss von Sauerkraut gleichgesetzt wird. Bei den gebildeteren Engländern ist es dann häufig Neu-Schwanstein.

Was also kann die Antwort auf kollektive Entwurzelungsgefühle sein? Diese Antwort kann nur im emotionalen Bereich gefunden werden. Auch dort kann sie sich nicht aus lächerlichen Äußerlichkeiten ergeben. Heimat ist nicht dort, wo es Spätzle mit Sauerkraut oder Linsen gibt!

Heimat ist dort, wo ich mich in meinem tiefsten Inneren sicher und vertraut fühle. Karl Jaspers hat es einmal so formuliert: „Heimat ist dort, wo ich verstehe und verstanden werde.“

Vertrauen spielt bei diesem Verständnis von Heimat eine große Rolle. Heimat ist dort, wo ich darauf vertrauen kann, dass man mir nichts Böses will, wo ich nicht auf der Hut sein muss, wo ich also ich selbst sein kann.

Ähnlich, wenn auch noch subjektiver, lässt sich formulieren: Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.

Wo finde ich diese Heimat? Sie kann in der Familie sein, im Gespräch mit dem vertrauten Freund. Sie kann bei einem religiösen Menschen auch im Glauben liegen. Heimat so verstanden ist kein statischer Begriff. Der Mensch kann Heimat verlieren, aber auch neue Heimat gewinnen. Es muss auch nicht zwangsläufig nur eine Heimat sein. Heimat gibt es für viele Menschen auch im Plural .

Heimat so verstanden kann und soll uns idealerweise die Freimaurerei, aber jedenfalls unsere eigene Loge sein. Die Loge, der Umgang mit den Brüdern, das gemeinsam erlebte Ritual, das soll (sollte?) uns eine Heimat sein.

Bemerkung am Ende: Für diesen Heimatbegriff brauche ich kein eigenes Ministerium und auch kein Kreuz an der Wand jedes öffentlichen Gebäudes.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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