Eine freimaurerische Vision

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Das Wort „Vision“ leitet sich von lateinisch „visio“ ab und bedeutet „Erscheinung“ bzw. „Anblick“. Als „Vision“ wird ein subjektives Erleben von etwas sinnlich nicht Wahrnehmbarem bezeichnet, das aber dem erlebenden Visionär als wirklich erscheint.

Von Alexander Trettin

Im Mittelalter wurden „Visionen“ noch religiös gedeutet – im Sinne einer Einwirkung durch eine jenseitige Macht. Im Zeitalter der Aufklärung, erhielt der Ausdruck „Vision“ auch die etwas negativeren Nebenbedeutungen „Einbildung“, „Trugbild“, „Wahnbild“, „Traumbild“, und „Fantasievorstellung“. Sobald „Visionen“ einen Zukunftsbezug beinhalten, spricht man von „Zukunftsvisionen“ im Sinne einer Wunschvorstellung. Diese kann eine für realisierbar gehaltene „Utopie“ aufweisen. Gemeint sind dann meist kühn wirkende „Entwürfe“, „Konzepte“ und „Ideale“. Visionen nehmen ihren Anfang in der „Fantasie“. Mittels unserer Fantasie erträumen wir uns gelegentlich eine bessere Zukunft. Deshalb stellt sich mir die Frage, wie heutzutage eine Vision von einer besseren Zukunft, unter freimaurerischen Gesichtspunkten aussehen könnte? Auf jeden Fall bräuchte es hierfür „Visionäre“. Ein „Visionär“ ist jemand, der mutige, bahnbrechende Ideen formuliert und verwirklicht. Sind wir Freimaurer heutzutage noch Visionäre? Gibt es genügend Visionäre in unserem Bund?

Natürlich gibt es Brüder, die bereits mit der Bearbeitung ihres „rauen Steins“ vollends ausgelastet sind und keine Zeit für Visionen haben. Sicherlich gibt es auch Brüder unter uns, die es mit dem Zitat von Helmut Schmidt halten und denken, dass diejenigen, die Visionen haben, lieber zum Arzt gehen sollten. Dann gibt es wahrscheinlich auch noch die Brüder, die insgeheim denken, dass sich jemand anderes um die Zukunftsgestaltung kümmern sollte. All diesen Brüdern sei gesagt, dass das visionäre Denken im freimaurerischen Sinne gelernt und eingeübt sein will. Das Denken an sich beinhaltet nämlich nur eine Illusion von Macht, mit der die meisten Menschen — ungeübt — nicht umgehen können. Zum Glück gibt es die Toleranz! Wir sollten in diesem Zusammenhang nur aufpassen, dass wir nicht irgendwann — so wie Br. Werner Güttler es ausgedrückt hat – „toler-ranzig“ werden.

C. G. Jung (1967, S. 347 f.) wiederum definierte die Vision als einen Vorgang, der wie ein Traum sei, sich aber im wachen Zustand abspiele. Die Vision tritt aus dem Unbewussten neben die bewusste Wahrnehmung und ist somit „nichts anderes als ein momentaner Einbruch eines unbewussten Inhaltes in die Kontinuität des Bewusstseins“. Visionen können aber auch im Traum empfangen werden. Ist das, was wir gerade erleben, Wirklichkeit oder nur ein Traum? Der berühmte taoistische Philosoph Zhuang Zi (1994, vgl. S. 52) träumte eines Nachts, er wäre ein Schmetterling, der mit sorgloser Leichtigkeit herumflog. Der Traum war so real für ihn, dass er, als er erwachte, sich fragte, ob er Zhunag Zi war, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling, oder ob er wirklich ein Schmetterling war, der träumte, er sei Zhuang Zi. Wenn ein Traum real scheint, wie kann man feststellen, was die Realität ist?

Auch in der Antike gab es Erklärungen dafür, warum wir träumen und was den Zustand des Träumens von dem des Wachseins abgrenzt. Dazu ein Beispiel: Schon in Homers „Odyssee“ (19. Gesang) kündigt sich Penelope das Kommende im Traum an. Sie träumt von zwanzig Gänsen in ihrem Haus, die sich an ihrem Weizen gütlich tun und dann von einem Adler getötet werden. Der Adler gibt sich ihr kurz darauf als Odysseus zu erkennen. Wenig später, in der Wirklichkeit, tötet Odysseus tatsächlich einige ungebetene Gäste in seinem eigenen Haus. Sind Träume nur unterbewusste Wunschvorstellungen? Oder vielmehr ein „überbewusstes“ Verlangen? Ein Verlangen, dessen Stärke vielleicht darin besteht, sich immer und immer mehr in das eigene Innere zu fressen? Oder ist es genau dieses Verlangen, dass die Vision unsterblich macht? Was aber ist „geträumt“ und was ist „wirklich“? Was ist es, das den Traum von der Wirklichkeit unterscheidet?

Das „Erkenne Dich selbst“ der Freimaurer bleibt zeitlos

Der Philosoph René Descartes (1976, 1979) entwickelte seine Philosophie aus dem „methodischen Zweifel“ heraus. Auch er fragt: Könnte nicht alles in der Welt und somit auch das eigene Bewusstsein bloß ein Traum sein? Es kann doch durchaus sein, dass wir vielleicht — jetzt in diesem Moment — träumen. Doch selbst wenn wir nur träumen, bleibt etwas übrig, dass wir nicht mehr bestreiten können, nämlich, dass wir träumen. Wenn wir denken können, dass wir träumen, dann denken wir — egal ob der Traum „wirklich“ oder „unwirklich“ ist. Das meint Descartes mit seinem Ausspruch „Ich denke, also bin ich!“ Die Frage ist bloß, wer oder was bin ich? Und wie kann ich mich diesbezüglich eigentlich selbst erkennen? Das „Erkenne dich selbst“ ist und bleibt unbestritten eine zeitlose Idee der Freimaurerei. Jeder Bruder hat also die Aufgabe, sich selbst zu erkennen und seine Persönlichkeit auszubilden. Der Selbsterkenntnis, die als eine wesentliche Voraussetzung für die Selbstwerdung des Einzelnen angesehen wird, folgt die Selbstkritik. Die Selbstbeherrschung ist darüber hinaus eine Voraussetzung zur Selbstveredelung, die wiederum in der Selbstüberwindung mündet. Dabei schadet es sicherlich nicht, Bestätigung durch andere zu erleben und an seiner eigenen Selbstverwirklichung zu arbeiten, solange man nicht im „narzisstischen Interesse“ verbleibt.

Freuds Psychoanalyse (1923) konfrontiert das Bewusstsein jedoch mit der peinlichen Einsicht, dass das „Ich“ nicht Herr in seinem eigenen Haus sei. Nur indem „Ich“ mich reflexiv betrachte, bilde ich ein eigenes „Selbst“ aus. Bei dieser Art der Reflexion wird demnach die Aufmerksamkeit auf das „Selbst“ gelenkt, wodurch die Person das „Subjekt der Wahrnehmung“ und „wahrgenommenes Objekt“ zugleich ist. Dieses „reflexive Selbstbewusstsein“ kann im Kern jedoch zugleich eine Entfremdung hervorrufen, „nämlich den Verlust der Spontanität, der Unbefangenheit und der Unschuld des kindlichen Lebens; es gleicht dem biblischen ‚Sturz aus dem Paradies‘“. (Fuchs, 2017, S. 20) Sind wir Freimaurer in der Lage unsere eigenen Gedanken und Handlungen in ausreichendem Maße zu reflektieren?

Seit jeher beschäftigt die „Vision“ also unser Denken. Sie fasziniert uns und erscheint doch zugleich als etwas zutiefst Fremdes, etwas Andersartiges und Unwirkliches. Ist es das Fremde, das uns vielleicht insgeheim Angst macht, eine Vision auszubilden? Das Fremde kann als Jenseitiges, als unbekanntes Draußen, oder als jenes verstanden werden, das in den psychischen Raum des Eigenen einbricht. Das Fremde kann aber auch definiert werden als „das Äußere in Abgrenzung vom Inneren. […] Fremd ist sodann, was nicht zum Selbst oder zur eigenen Gruppe gehört, im Gegensatz also zum Eigenen, Verwandten oder Heimischen. Fremd ist schließlich das Unbekannte, Unvertraute oder gar Unheimliche im Unterschied zu Bekannten, Vertrauten und Gewohnten.“ (ebd.) Das „Fremde“ hat aber noch eine zusätzliche Bedeutung: „Es wird dann nämlich zu einem notwendigen Gegenpol dessen, was wir die persönliche Identität nennen.“ (ebd.) Die Identität „stiftet der Person Kohärenz, Sinn und Richtung im Leben“ und bildet zudem eine Konstante des Selbstseins und Selbsterlebens über die Zeit hinweg. (Rauthmann, 2016, S. 28)

Das Fremde im eigenen Bruder

Spannend ist nun, welche Formen die emotionale Reaktion auf das visionhafte „Fremde“ annehmen kann. Im positiven Sinne kann das Fremde als Neugier, als Faszination oder als eine verlockende Gegenwelt wahrgenommen werden. Im negativen Sinn reicht sie „zunächst von der bloßen Überraschung und Irritation über Verunsicherung und Beunruhigung bis zu Furcht oder Angst, aber auch zu Verachtung, Feindseligkeit und schließlich Aggression. Dementsprechend kann das Fremde Reaktionen der Vermeidung, des Rückzugs und der Flucht ebenso auslösen wie den Versuch, es abzuwehren, zu bekämpfen oder gar zu vernichten.“ (Fuchs, 2017, S. 18)

Wie entstehen solche negativen emotionalen Reaktionen? Traumatische Erfahrungen, erlebte Zurückweisung sowie Verletzungen während der frühesten Kindheit können „die Beheimatung in der Welt, das Urvertrauen und die Entwicklung eines stabilen Selbstgefühls mehr oder minder gravierend beeinträchtigen. Lebenslange existenzielle Grundgefühle der Fremdheit, Unsicherheit und Ausgesetztheit in der Welt können die Folge sein.“ (ebd., S. 19) Hinzu kommt eine Reihe von „selbstreflexiven Emotionen“, wie z. B. Scham, Verlegenheit, Stolz oder Schuldgefühle, die auf dem „internalisierten Blick der anderen“ beruhen. Des Weiteren erfordert jede definierte soziale Identität, „dass wir unser Selbstbild mit dem Bild abgleichen, das uns von außen angeboten oder zugewiesen wird. Dieses aber gerät häufig in Konflikt mit dem primären, spontanen Selbstsein. Darin besteht das Grunddilemma der menschlichen Identität: Das durch Fremdzuschreibungen geschaffene Selbstbild oder Rollen-Ich wird dem spontanen, werdenden Selbst immer wieder zum Fremden.“ (ebd., S. 20) Ein regelrechter Teufelskreis. Denn jede „Identität grenzt andere Möglichkeiten des Selbstseins aus“ (ebd.).

Dennoch bleibt „das Ausgegrenzte immer eine latente Herausforderung; es gelingt uns nie, uns ganz von ihm zu trennen. Wer das Eigene verdrängt (oder verleugnet), bleibt in der Negation umso mehr auf es bezogen. Das zeigt sich an der Heftigkeit, mit der das Verdrängte an anderen attackiert wird. In der Projektion repräsentiert der andere das, was ursprünglich im eigenen Inneren zu finden war und was das insgeheim Gesuchte oder Begehrte geblieben ist. Umso unnachgiebiger muss der Gegner bekämpft werden, um das latente Eigene im Fremden zum Schweigen zu bringen. Das führt zu dem Paradox, dass die Abwehr mit der Ähnlichkeit oder sozialen Nähe des anderen eher noch zunimmt.“ (ebd.) Nichts wird so heftig abgelehnt oder bekämpft wie ein Angehöriger der gleichen Schicht. Auf uns Freimaurer übertragen würde dies bedeuten, dass wir in einem solchen Fall auch schon einmal unsere Toleranz über Bord werfen, um das — auf unseren Bruder projizierte Fremde — besser bekämpfen zu können. „Das Fremde wirkt umso bedrohlicher, je näher und ähnlicher es uns in Wahrheit selbst ist.“ (Fuchs, 2017, S. 21) Diese Art der „Dialektik des Selbst“ „wird zur Dynamik der Entwicklung, in der wir zeitlebens auf der Suche nach uns selbst sind“. (ebd.) Das entspricht dem Motto, dass wir Freimaurer ein Leben lang Lehrlinge bleiben und uns somit auch immer wieder aufs Neue „selbst erkennen“ müssen.

Wie steht es mit dem Sozialkapital der deutschen Freimaurerei?

Ist es das Fremde innerhalb unserer freimaurerischen Vision, das anderen vielleicht Angst macht? Werden wir deshalb so oft als Weltverschwörer tituliert? Ist es die Angst vor dem Fremden, weshalb gerade so viele Menschen in der Welt irgendwelchen Populisten an die Macht verhelfen? Wie gehen wir Freimaurer mit dem mörderischen Potenzial von Vorurteilen dieser Populisten um, die sich leider auch in unseren Logen wiederfinden? Wie steht es mit dem Sozialkapital der deutschen Freimaurerei, angesichts der vielen Flüchtlingen, die in unser Land kommen? In diesem Zusammenhang möchte ich einen Witz aus einem Asterix-Band (1976, S. 16) wiedergeben. Methusalix sagt bei der Ankunft von Fremden in seinem Dorf zu seiner jungen Frau, die gerade ihr blondes Haar vor dem Spiegel kämmt: „Du kennst mich ja, ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da, die sind nicht von hier!“

Um es mit Hölderlin (StA 6,1, S. 425f.) zu sagen: „Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde.“ Aber wie verstehen und definieren wir Freimaurer eigentlich „Gemeinwohl“ und „Solidarität“ in der heutigen Zeit? Doch hoffentlich ganz anders als jene Populisten! Dabei stellt sich ebenfalls die Frage, wie wir Freimaurer unsere Vision einer selbstbestimmten, demokratischen, freien und offenen Gesellschaft verwirklichen? Der brasilianische Befreiungstheologe Hélder Camara (1969) schreibt in diesem Zusammenhang: „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit!“ Und jede visionäre Tat beginnt mit einem Traum, wie es Martin Luther King (1963) ausgedrückt hat: „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden. I have a dream!“ Wäre das nicht traumhaft? Willkommen in der neuen Welt der Wirklichkeit!

Träumen wir Freimaurer eigentlich immer noch gemeinsam von einer besseren Welt? Oder um es mit Leibniz (1710) zu sagen, von der „besten aller möglichen Welten“? Oder sind wir doch nur Individualisten, die in Deckung gehen, wenn es brenzlig wird? Als Freimaurer können wir zwar alle möglichen Welten denken, aber doch nur die Beste von ihnen wollen. Denn mit unseren Idealen wäre es unverträglich, das weniger Vollkommene zu verwirklichen.

Daher rufe ich euch zu, meine Brüder: Erkennt auch weiterhin die Menschenwürde an, fördert die Menschenkräfte anderer, orientiert euch an der Redlichkeit und an der reflexiven Vernunft, klärt auf, wo es etwas aufzuklären gibt, benutzt eure intellektuelle bzw. soziale Offenheit und verteidigt somit eine offene Gesellschaft. Eignet euch Werte an und setzt diese um, schult euren Charakter, beteiligt euch an der Erinnerungskultur sowie am allgemeinen Diskurs und nehmt auch eure Verantwortung in der Außenwahrnehmung ernst!

Nur dann bleiben die Worte des Meisters vom Stuhl, nämlich: „Geht nun zurück in die Welt […] und bewährt Euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst“, nicht nur eine ständige Mahnung, sondern eine echte ‚Arbeitsanweisung‘ für jeden einzelnen von uns.

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Humanismus als politischer Auftrag der Freimaurerei

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Im Begriff des Humanismus überlagern sich unterschiedliche Bedeutungen, die ihm, wenn man sich dessen nicht bewusst ist, eine verwirrende Vielschichtigkeit geben.

Von Prof. Dr. Dieter Binder
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

I.

Im Humanismus der Renaissance begegnet man nicht einem geschlossenen philosophischen System, sondern stößt auf methodische Fragestellungen, die die studia humanitatitis, also der Moralphilosophie, Grammatik, Poetik, Rhetorik und Geschichte prägen. Als zentrales Anliegen greife ich den Ansatz der Ars vitae heraus, die sich am erzielbaren Guten im privaten und öffentlichen Leben orientiert, die auf die Situation und Würde, auf die Conditio und Dignitas des Individuums in dieser Welt zielt. Die Historia versteht diese Welt als Produkt menschlichen Handelns im Widerspruch zu jener Tradition, die in ihr einen Spiegel des göttlichen Gestaltungswillens sieht. Die Sinngebung des menschlichen Wirkens entsteht durch das Markieren von selbst gewählten Zielen.

Das von der Rezeption der Antike in der deutschen Klassik geprägte Menschenbild, hier spannt sich ein Bogen von Johann Gottfried Herder über Johann Wolfgang Goethe hin zu Friedrich Schiller und Friedrich Hölderlin, erkennt den mündigen Menschen im harmonischen Zusammenwirken von Vernunft und Sinnlichkeit. Der erneuerte Rückgriff auf die Antike, wie dies Friedrich Immanuel Niethammer 1808 forderte, forciert das Modell einer Aristokratie des Geistes, in dem Weltbürgertum und nationales Erwachen Hand in Hand gehen. Darauf baut der Selbst-Aristokratisierungs-Prozess des nationalen Bürgertums des späten 19. Jahrhunderts ebenso auf wie der „dritte Humanismus“ mit seinem nahezu weltflüchtigen Aufgehen in der antiken Mythologie.

Der charakteristische pädagogische Ansatz verfestigt die Dignitas hominis, die Menschenwürde, und die damit postulierte Entdeckung des Individuums bereits in der Renaissance. Darauf rekurriert der von der deutschen Klassik geprägte Humanismus mit seinem Bild vom freien, selbstbestimmten Menschen, der im Widerspruch zu jeder Form von theologischer und/oder staatlichen Bevormundung steht. Das Erziehungsideal fordert einen freien Menschen, der in seiner Selbstvergewisserung, in seiner individuellen Vervollkommnung seinen bewussten Anteil an der Verbesserung der Gesellschaft leistet. Der Fremdbestimmung setzt Albert Camus den Menschen in der permanenten Revolte entgegen und rettet damit den Humanismus vor der ideologischen Vereinnahmung.

Diese verknappte Sichtweise unterliegt nicht der Versuchung, den Humanismus als durchgehende Konstante von der Antike bis zur Gegenwart zu lesen. Sie weist die Analyse Heinrich Weinstocks „Die Tragödie des Humanismus“ (Heidelberg 1953) zurück, weil diese einen „absoluten Humanismus“ konstruiert, der durch keine wohl „religiöse Scheu“ relativiert wird. Die radikale Kritik Weinstocks wird kondensiert in der Besprechung des Buches in der „Zeit“ (25. Juni 1953) zu einer radikalen Abrechnung: „Jetzt versteht man, daß die römischen Stoiker die Vorbilder der Terroristen von 1793 werden mußten und der humanistisch gebildete Saint-Just aus logischer Konsequenz als Humanist die Guillotine in Gang setzte. Sobald der ,absolute Humanismus‘ nicht mehr durch religiöse Scheu gedämpft war, gebar sich das totalitäre Regime von selbst aus ihm. Absoluter Humanismus und Massenmord gehörten schon bei Senecas gelehrigem Schüler Nero zusammen, und nun wieder bei Saint-Just, dem humanistisch gebildeten Goebbels und dem konsequentesten Schüler des Humanisten Karl Marx, Josef Stalin. Alle diese Figuren sind keine Anomalien der abendländischen Kultur, sondern legitime Produkte der Tradition des absoluten Humanismus, Urenkel der Stoa.“

Dies scheint stringent. Doch mit dieser Logik kann man den Katholiken Adolf Hitler und den orthodoxen Priesterseminaristen Josef Stalin als konsequente Endprodukte des Christentums diagnostizieren.

Humanismus wird hier als Erziehungspraxis verstanden, die sich am erzielbaren Guten im privaten und öffentlichen Leben orientiert und so die Menschenwürde aller Individuen sicherstellt. In dem Augenblick, in dem die Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen werden, wird die Gefahr eines Rigorismus humanistischer Weltsicht gebrochen. Dementsprechend werden die „fünf Grundannahmen des Menschenbildes der humanistischen Psychologie und Pädagogik“ zusammengefasst:

  1. Der Mensch hat einen konstruktiven Kern.
  2. Der Mensch strebt danach, sein Leben selbst zu bestimmen, ihm Sinn und Ziel zu geben: Autonomie.
  3. Alle Menschen sind gleichwertig und gleichberechtigt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
  4. Der Mensch ist eine ganzheitliche (Körper-Seele-Geist) Einheit: Ganzheitlichkeit.
  5. Der Mensch lebt im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Interdependenz.

Die angesprochene Erziehungspraxis bezieht sich dezidiert nicht auf das von Michael Zichy pointiert formulierte „humanistische Bildungsideal“: „,Die Abwehrschlacht zur Verteidigung der klassischen Bildung, des Rückbezugs von höherer Schule und Studium auf das römische und griechische Altertum, ist längst geschlagen und verloren worden. Ein pädagogischer Vorrang der humanistischen Bildung dieser Art vor anderen inhaltlichen Ausformungen gymnasialen Schulunterrichts lässt sich mit zwingenden Gründen nicht halten‘ Diese zum Zeitpunkt der Wende formulierte Feststellung ist auch heute, 20 Jahre später, noch wahr. Und dennoch: Wann immer um Sinn und Ziel von Erziehung und Bildung gestritten wird, ist es zur Beschwörung des humanistischen Bildungsgedankens nicht weit. Doch dann geht es kaum noch um die Reaktivierung des altsprachlichen Unterrichts, sondern um die dahinterstehende Geisteshaltung — und um das Abendland schlechthin. Denn wer sich auf den Humanismus beruft, der hat – so scheint es – die altehrwürdige Tradition hinter sich. Ist der Humanismus doch unbestreitbar ein den europäischen Kulturraum zutiefst prägender Geistesstrang. Dies drückt sich nicht zuletzt auch in seiner ausdrücklichen Nennung im gescheiterten EU-Verfassungsvertrag aus, in dem es in den ersten Zeilen der Präambel heißt: ,[…] schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben […]‘.“

in derartig schwammiger Begriff muss vom meritorischen Verweis auf eine klare Anwendungsebene gebracht werden. Karl Kerényi fasst dies in seinem „Brief an junge Humanisten“ in unserem Sinne zusammen: „Über alles in der Welt vom Gesichtspunkte des Menschen aus denken und an allem, was je gedacht, den besonderen menschlichen Anteil wahrzunehmen – so könnte der Humanismus als philosophische Weltanschauung im allgemeinsten Sinne bestimmt werden. Damit ist indessen das Anliegen des Humanisten nicht erschöpft. Denn zu dieser bewusst-humanen Denkweise gehört auch das Streben, die Welt, den Denkenden selbst miteinbegriffen, menschenwürdiger zu gestalten: die Humanität.“

Zieht man sich auf eine derartige Position zurück, erübrigt sich der Diskurs über Varietäten, die als Substantivum regens den Humanismus führen. Es sei auf den existentialistischen Humanismus eines Jean Paul Sartre, „L’existentialisme est un humanisme“ (1946), auf den Humanismus eines Karl Marx und jener, die sich auf diesen berufen, auf den christlichen Humanismus eines Jacques Maritain, auf den psychoanalytisch geprägten Humanismus Erich Fromms, auf den Humanismus des japanischen Philosophen Daisaku Ikeda oder jenen des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide verwiesen. In bewusster Zuspitzung wäre festzustellen, dass es weder eine „christliche“ oder „marxistische“ Soziallehre noch eine „christliche“ oder „marxistische“ Mathematik gibt. Nur der Nationalsozialismus meinte in seiner tödlichen Stupidität, dass es eine „deutsche“ Physik gäbe. Damit soll angedeutet werden, dass der klassische Ansatz des Humanismus naturgemäß in seiner Rezeptionsgeschichte, die von der jeweiligen Zeit und Gesellschaft geprägt ist, sichtbar wird. In Parenthese: Die Menschenrechte, wie sie in der französischen Nationalversammlung 1789 postuliert und 1791 in die amerikanische Verfassung implementiert worden sind, können nicht, auch wenn eine klare Traditionslinie im Entstehen aufgezeigt werden kann, auf eine partielle Ebene heruntergebrochen werden. Ihr Anspruch auf universelle Gültigkeit, die durchaus im Widerspruch zu regionalen Traditionen stehen mag, duldet keine politisch oder philosophisch argumentierte Engführung als „christliche“, als „freiheitlich-demokratische“, als „marxistische“ Menschenrechte.

Der Humanismus, so er nicht zur akademischen Attitüde degeneriert, fokussiert die Menschenwürde und wird damit zu einer politischen Handlungsanweisung. Humanismus ist so gesehen weniger ein Ziel, sondern vielmehr die Art und Weise zu denken, zu handeln, sich einem Ziel anzunähern.

„In bewusster Zuspitzung wäre festzustellen, dass es weder eine ‚christliche‘ oder ‚marxistische‘ Soziallehre noch eine ‚christliche‘ oder ‚marxistische‘ Mathematik gibt. Nur der Nationalsozialismus meinte in seiner tödlichen Stupidität, dass es eine ‚deutsche‘ Physik gäbe.“

Prof. Dr. Dieter Binder

II.

Freimaurerei ist wie der Humanismus ein Spiegel der Zeit und der Gesellschaft, in der sie existiert. Eingebettet in die Traditionen des Bauhandwerks stifteten vier Londoner Logen, in denen interessierte Laien aufgenommen wurden, am 24. Juni 1717 jene Großloge, die als der Beginn der rezenten weltweiten Freimaurerei anzusehen ist. Mit der Wahl John Duke of Montagues zum Großmeister 1721 wurde aus den kleinbürgerlich dominierten Zusammenschlüssen ein gesellschaftliches Ereignis, in dem das aufstrebende Bürgertum mit der englischen Oberschicht in Kontakt trat und das sich in den 1723 publizierten „Constitutions of the Free-Masons“ („Alten Pflichten“) jenes Regelwerk gab, das bis heute die Freimaurerei in den unterschiedlichsten Facetten prägt. Angesiedelt am Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum wurde dieser Ort der „männlichen Rede“ zum Modell einer modernen Gesellschaft, in der die herrschenden Standesgrenzen unter Berufung auf die umfassende Brüderlichkeit relativiert wurden, wobei das strenge Ritual allzu große Distanzlosigkeit unterband. Mit dem Sprung auf den europäischen Kontinent verknüpfte sich der gesellige Charakter, der den Logen mit den kurz davor entstandenen ersten Herren-Clubs eigen war, partiell mit der Aufklärung.

Das Auswahlkriterium — aufgenommen wurde und wird man nur über den Vorschlag von Mitgliedern nach einem strengen Prüfungsverfahren — und die zunehmende Binnendifferenzierung beschleunigten eine Entwicklung, die als „masonry in a masonry“ zu charakterisieren wäre, die harte aufklärerische Positionen („Illuminaten“) ebenso bediente wie deren Gegenteil („Rosenkreuzer“), um schließlich als Organisationsmodell in rein politische Zusammenschlüsse einzufließen („preußischer Tugendbund“, Frankreichs „Les Amis de la Verité“ und „Charbonnerie“, die italienische „Carbonneria“ etc.).

Folgt man der Aufstellung freimaurerischer Selbstdefinitionen, wie sie von Eugen Lennhoff und Oskar Posner zu Beginn der 1930er Jahre unternommen worden ist, so stoßen wir auf Begrifflichkeiten der Selbsterziehung, des Baus am „Tempel der Humanität“, als Ort der „geistige[n] Entfaltung und Entwicklung einer sittlichen Lebenshaltung“. Hier finden sich erhabene Worte von Gottfried Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottlieb Fichte, von Friedrich II., Wilhelm I. und Friedrich III., von Friedrich Ludwig Schröder, August Horneffer und Franz C. Endres. Diesen Ausführungen stellt Lennhoff bewusst eine Umschreibung des freimaurerischen Inhalts aus dem Katechismus des Lehrlingsgrades der United Grand Lodge of England voran: „Freimaurerei ist ein eigenartiges System der Sittlichkeit, eingehüllt in Allegorien und erleuchtet durch Sinnbilder. Die Freimaurerei lehrt Wohltätigkeit und Wohlwollen üben, die Reinheit schützen, die Bande des Blutes und der Freundschaft achten, die Grundregeln der Religion annehmen und ihre Gebote achten, dem Schwachen beistehen, den Blinden leiten, die Waisen beschützen, die Niedergetretenen erheben, die Regierung unterstützen, Sittlichkeit verbreiten und Wissen vermehren.“ Der Definition der United Grand Lodge of England folgt jene der Grande Loge de France von 1907: „Die Freimaurerei ist eine internationale Vereinigung, gegründet auf Solidarität. In allen Lagen sollen Freimaurer einander unterstützen, selbst im Falle der Lebensgefahr. Die Freimaurerei hat zum Zweck die moralische Vollendung der Menschheit, als Mittel hierzu die ständige Verbesserung der geistigen und materiellen Lage der Menschen. Sie hat als Devise die Worte: ,Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘.“ Und die Symbolische Großloge von Ungarn definiert in exemplarischer Kürze: „Der Bund der Freimaurer ist eine zur Wahrung, Pflege und Verbreitung der wahren Humanität geschaffene Korporation, deren Mitglieder einander als Brüder betrachten und nennen.“ In Summe stimmen diese Definitionen unabhängig von den jeweiligen Obödienzen darin überein, dass das freimaurerische Erziehungsprogramm den Einzelnen dazu in die Lage versetzt, als Individuum allein und gemeinsam mit seinen Brüdern/Schwestern den Bau des „Tempels der Humanität“ zum allgemeinen Wohle voranzubringen. Im Katechismus der Lehrlinge nach dem Ritual der Großloge A.F.u.A.M.v.D. wird die Frage nach dem Bau, an dem die Freimaurer arbeiten, beantwortet. „Wir bauen den Tempel der Humanität.“

Anton Kreil, Professor am Theresianum, wandte sich anlässlich einer Lichtgebung, der Initiation eines neuen Mitgliedes also, in der Wiener Loge „Zur wahren Eintracht“ emphatisch an seine Brüder und den eben aufgenommenen Lehrling: „Ueberall also Scheintugend oder Aftertugend; überall Verführung oder Mißhandlung, Betrug, Heucheley, Gleisnersinn, ewiges Untergraben, und Uebervortheilen, freche Gewaltthätigkeit, überall die verschämte Ehrlichkeit im Gedränge, überall das unverschämte Laster im Triumpfe. So Brüder! So stehts mit unserm Tempelbau. Werft Eure Kelle weg, zerreißt eure Schürzen, zertrümmert Zirkel und Winkelmaaß. Wozu sollen uns diese Werkzeichen, seitdem das verschmitzte Last der Geheimniß gefunden hat, sie zu verfälschen, seitdem der Eckstein geborsten ist? Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? Wer die Unschuld schützen? Wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? Die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! Rettet, was noch zu retten ist. […] So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“ Das Bild des Tempels, der in Gefahr ist einzustürzen, evoziert zum einen das Bild eines Bauwerkes, an dem mit Maurerwerkzeug gearbeitet wird, zum anderen das Bild einer moralisch verkommenen Welt, zu deren Rettung die Freimaurer aufgerufen werden.

In der dieser Ansprache vorangegangenen Initiation wird der Suchende mit dem Bild des Tempels vertraut gemacht. Der Meister vom Stuhl, der Vorsitzende der Loge also, erklärt dem Lehrling die Symbole, die er auf der am Boden liegenden Lehrlingstafel findet. Nach dem Hinweis auf das Handwerksgerät führt die Instruktion zu einem zweifachen Motiven-Kranz: „Noch sehen sie hier [unverständliche] Hieroglyphen, die wir Salomo‘s Tempel entlehnt haben. […] Der mosaische Fußboden [das musivische Pflaster], so schön als fest, ist das Sinnbild der Grundlage, die wir bey denen suchen, welchen wir die Pforte unseres mystischen Tempels öffnen wollen. Festigkeit des Karakters, und der Wunsch, ihre Seele unaufhörlich zu verschönern, muß unsere Suche von anderen auszeichnen. Die Schnur mit Fransen diente im Tempel Salomo’s den Vorhang zuzuziehen, der das Allerheiligste verhüllte: statt des Vorhanges erblicken sie sie auch hier. Verschwiegenheit ist der Vorhang, der unser Heiligthum vor der Entweihung sichert. Die zur linken stehende Säule, mit dem Buchstaben I bezeichnet, ist die Abbildung der Säule im Vorhofe des Salomonischen Tempels, an welcher, der Tradition zur Folge, während des Tempelbaues die Lehrlinge ihren Lohn zu empfangen pflegten. Das Wort des Grades erinnert sie ohne Unterlaß: dass der Lohn ihrer Arbeit in dem beseeligenden Bewußtseyn, seine Pflicht gethan zu haben, bestehen müsse.“

Aus einer ursprünglich „am Heilsplan orientierten Gebäudemetaphorik“ wurde durch die säkularisierte Rezeption ein „imaginärer Tempel des eigenen Inneren“, den Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) ansprach.

Falk: Ordnung muß also doch ohne Regierung bestehen können.
Ernst: Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß: warum nicht?

Dabei ist sich Lessing der Gefahr des Subjektivismus bewusst, der er gegenzusteuern sucht:

Ernst: Eine Wahrheit, die jeder nach seiner eigenen Lage beurteilt, kann leicht gemißbraucht werden. […]
Falk: Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln ist; was sie von göttlichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.
Ernst: Was ist das?
Falk: […] dass sie nicht unfehlbar sind. […] dass sie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht entsprechen, sondern wohl gerade das Gegenteil davon bewirken.

Für den „vernünftigen“ Umgang der Menschen miteinander fordert daher Lessing Toleranz und Brüderlichkeit ein, die mit der Relativierung des eigenen Standpunktes einhergehen müssen.

Falk: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret. […] Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlägen; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen. […] Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich dreist erhebt.

„Humanismus fokussiert die Menschenwürde und wird damit zu einer politischen Handlungsanweisung. Humanismus ist so gesehen weniger ein Ziel, sondern vielmehr die Art und Weise zu denken, zu handeln, sich einem Ziel anzunähern.“

Prof. Dr. Dieter Binder

Im Ritual der Johannis-Maurerei wird in der Symbolwelt der Tempel König Salomos zitiert, die Tempelvorstellung ist aber nicht jene des Judentums. Der Tempel wird ohne Zweifel aus der Sicht des „Neuen Testaments“ gelesen, auch wenn relativ rasch nach der Gründung der ersten Großloge Ansätze einer Interkonfessionalität beobachtet werden können. Alfred Schmidt hat die Transformation der Konfessionalität der Constitutions hin zum Deismus als einen wesentlichen Beitrag der freimaurerischen Entwicklung beschrieben. Im Gegensatz dazu steht, wie Bernhard Beyer präzise angemerkt hat, die Sichtweise von Ferdinand Runkels „Geschichte der Freimaurerei in Deutschland“ (1931/32). In dieser wird die „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ explizit als Christentum ausgewiesen. Zeitgleich mit Runkels Darstellung erschien die erste Ausgabe des „Internationalen Freimaurerlexikons“, in dem Lennhoff und Posner die von Runkel apologetisch vorgetragene „christliche Freimaurerei“ der Tradition der Ritterorden, wie sie in unterschiedlichen Hochgradsystemen des 18. Jahrhunderts aufschlagen, zuordnen. Diese Anregungen wurden im Selbstaristokratisierungs-Prozess des Bürgertums in den Systemen der schwedischen und norwegischen Großlogen ebenso verdichtet wie innerhalb der Großen Landesloge und den beiden anderen altpreußischen Großlogen.

Damit eng verknüpft war jene „christliche“ Exklusivität, die die Aufnahme von Nicht-Christen weitgehend verhinderte und die in weiterer Folge durchaus rassistisch gefärbte Positionen des Antisemitismus, etwa des „deutsch-christlichen Ordens“ (so die Namensänderung der Landesloge), implizierte. Eine weitere Engführung dieses Milieus thematisierte Hans-Hermann Höhmann in seiner Studie über die „völkische Freimaurerei“. Exemplarisch verweist er auf die kosmopolitische Haltung der deutschen Freimaurerei der Spätaufklärung, die „Weltbürgersinn“ und „Vaterlandsliebe“, um Fichte zu zitieren, zu vereinigen wusste. Eingebettet in die Entwicklung der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts degenerierte im bürgerlichen Formatierungsprozess europaweit dieser „Weltbürgersinn“ und wurde zunächst zunehmend ersetzt von der Überzeugung des zivilisatorischen Vorbilds der eigenen Nation. Während man für die eigene Freimaurerei jeden Nationalismus verneinte, schrieb man den politischen Gegnern und der Freimaurerei in deren Ländern einen „engherzigen, fanatischen Nationalhass“ zu. Die völkische Agitation gegen jede Form von Internationalismus und die damit verknüpften Angriffe gegen die Freimaurerei beschleunigten jene Entwicklung, die aus der „christlichen“ eine „christlich-deutsche“ Freimaurerei kreierte und den Weg zu einer partiellen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus ebnete. Höhmann charakterisiert diese Entwicklung mit zwei Zitaten. In der Gründungsversammlung des „Wetzlarer Rings“ wurde 1925 festgehalten: „Mitglied unserer Loge kann nur werden, wer deutscher Abstammung ist und sich zur christlichen Weltanschauung bekennt. Suchende, deren Eltern oder Großeltern jüdischer Abstammung sind, können nicht aufgenommen werden. Für Annahme ständig Besuchender gilt dasselbe.“ Und der deutsch-christliche Orden hielt fest: „Unser Verhängnis war, dass wir immer — trotz Widerspruchs — zusammengeworfen wurden mit den humanitären Freimaurern.“

Stringent angesichts einer solchen höchst eindeutig politischen Befindlichkeit strichen der Orden und die altpreußischen Logen das Symbol der humanitären Verpflichtung, den „Salomonischen Tempel“, aus ihren neu geschriebenen Ritualen, nunmehr als Brauchtum bezeichnet, und ersetzten es durch das Bild vom „Dom-Bau“. Doch dieser Dom ist nicht Symbol einer umfassenden Humanität, sondern ein Ausdruck von Revisionismus und nationaler Überheblichkeit. Seine Deutung wird dem „Ordensjünger“ nach seiner Aufnahme gegeben: „Für jetzt ist es notwendig, Ihre Aufmerksamkeit auf den Teppich zu lenken. Sie sehen da das Straßburger Münster abgebildet – den deutschen Dom […]. In diesem Münster des Meisters Erwin ist in allem Reichtum der Gotik doch altgermanisches Volkstum gestaltet. Für die wundervolle Rose über dem Hauptportal ist die altgermanische Vorstellung vom Sonnenrad und seiner kultischen Bedeutung Vorbild gewesen […]. Dieser Dom steht seit 600 Jahren unvollendet und wartet auf ein Volk und eine Zeit, die auch hier das deutsche Werk vollendet. Aber dieser Dom ist vor allem auch ein Bild der Wandlungen im deutschen Schicksal. Deutsch war sein Meister, deutsch das Land, urdeutsch das Volk, das durch drei Jahrhunderte daran gebaut, das darin gebetet und in deutscher Frömmigkeit Gott gesucht hat. Dieses Land und dieses Volk kamen in Feindeshand; aber der Dom stand als Wahrzeichen der unlösbaren Verbundenheit von Land und Volk mit der ewigen deutschen Heimat. Land und Dom wurden wieder mit dem Reich der Deutschen vereint […] und abermals steht der deutsche Dom trauernd jenseits der Grenzen des Reiches […] und alle Gebete und alle Kraft des Willens fordern, daß wieder deutsch werde, was ewig unverlierbar deutsch ist.“ Aus den Logen wurden eben angesichts der Machtübernahme des Nationalsozialismus „Ordensgruppen“, die nicht nur semantisch knapp neben den „Ortgruppen“ der NSDAP angesiedelt waren.

III.

Logen sind Bauhütten. Das Bauen ist neben dem Licht und dem Wandern das dritte zentrale Bild der Freimaurerei. Nicht zufällig verweist Höhmann auf Karl R. Poppers Warnung, dass jeder „Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, […] stets die Hölle“ gebracht hat. Diese Kritik trifft den Absolutheitsanspruch von Ideologien. Daher müssen wir, so Popper an anderer Stelle, „unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben.“ Ein solcher Verzicht entbindet aber nicht von der Aufgabe „bescheidene Weltverbesserer“ zu bleiben. „Wir müssen uns mit der nie endenden Aufgabe begnügen, Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen und Mißstände abzustellen.“

Diese Beschränktheit des Tuns lässt Anton Kreil ausrufen: „Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? Wer die Unschuld schützen? Wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? Die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! Rettet, was noch zu retten ist. […] So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“ Lapidar verweist Höhmann auf das Bauen ohne Unterlass: „Kein abgeschlossener Bau ohne einen neuen Bauauftrag, denn Bauhütten waren nie Selbstzweck, Bauhütten hatten immer einen Auftrag, in Bauhütten wurde und wird immer weitergebaut.“

Dem stets vom Versinken bedrohten Tempel Stützen zu geben, evoziert das Bild des Sisyphos. Der Widerstand gegen das Versinken des Tempels wird zur Aufgabe des Individuums. Es ist der Mensch, der den aktuellen Zustand verneint, es ist der „Mensch in der Revolte“. Diese Revolte, so Albert Camus, resultiert aus „der dunklen Gewißheit eines guten Rechts, oder genauer auf dem Eindruck des Revoltierenden, ,ein Recht zu haben auf…‘.“ Und auf Sisyphos übertragen heißt es: „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […]. Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jedes Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Dorothea Gall stellt die Frage nach der Humanität angesichts der Pest in Camus Roman. „Die Pest im durch die Quarantäne verschlossenen Oran ist (auch) Allegorie für den Faschismus, für die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im 2. Weltkrieg; die Maßnahmen gegen die Seuche bedeuten also (auch) die französische Resistance. Damit stimmt überein, dass der Erzähler Rieux, im Ringen um den richtigen Ausdruck für das Ziel, auf das sich die Sehnsucht der Menschen während der Pest gerichtet hat, neben die Liebe den Frieden stellt.“ Für Camus ist „die Pest“ das „Symbol des Gegen-Menschlichen, des Leides und Todes überhaupt, und ihr gilt ein ebenso erbitterter Widerstand“. In Camus fiktionaler Chronik „liegt aber das Hauptaugenmerk auf denen, die trotz ihrer Verzweiflung und Ermattung den Kampf weiterführen und sich, soweit dies möglich ist, für die Wahrung der Menschenwürde in Krankheit und Tod einsetzen – also gewissermaßen einen Humanismus der Revolte praktizieren.“ Dadurch begegnet „die kampfbereite humanitas des Arztes und seiner Mitstreiter“ der „Gewalt der Pest“; „und wie der Arzt gegen die Seuche kämpft, so streitet hier auch der freie Bürger gegen die Unterwerfung durch ein grausames und amoralisches Regime, der gute Mensch gegen das Böse schlechthin.“ Den Kampf zu führen, folgt man Camus, ist die Aufgabe der Intellektuellen. Das „Konzept einer Überwindung der Pest (in ihrer Bedeutungsvielfalt) durch die Kraft der Intelligenz“ entspringt aber nicht der Hybris eines intellektuellen Geheimwissens, eines fernen Humanismus also, sondern fußt im „Glauben an das Anrecht“ aller „Menschen auf Glück:“ Zusammenfassend hält Gall die Position der Humanität in diesem Roman fest: Diese ist die sich der „Verstörung widersetzende Kraft, die die Klugen und Wissenden befähigt, gegen die Katastrophe zu kämpfen und zugleich denen, die ihr physisch oder psychisch erliegen, mit Verständnis zu begegnen; die gegen die Seuche nicht Resignation oder das starre Ideal der Gleichgültigkeit des Todes setzt, sondern unter allen Schrecken das Recht des Menschen auf ein glückliches Leben vertritt.“

Der Tempelbau hat klare Gesetzmäßigkeiten – Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit – und diese werden nicht nur für das Arkanum der Loge, sondern vor allem auch für die Gesellschaft eingefordert. In dem Augenblick, wo der homo ludens das Spielerische in den Vordergrund stellt, verschwindet der humanistische Auftrag der Freimaurerei ebenso rasch wie angesichts einer sozialen Entkoppelung. Reinhart Koselleck hat die Überwindung der Standesgrenzen in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts als das eigentlich revolutionäre Element der Freimaurerei klar hervorgehoben. Die klare Abgrenzung gegenüber der Politik und gegenüber der Religion sollte jenen Raum schaffen, in dem die Freimaurerei in die Gesellschaft hineinwirken konnte, um diese Welt im Sinne Poppers „bescheiden“ zu verbessern. Dabei orientierte man sich an der Aufklärung und dem Humanismus — letztlich an jenen Punkten, die in den Menschenrechten kondensierten. Diese Menschenrechte, die nicht als imperialer Gestus intellektuellen Hochmuts zu sehen sind, sichern jenen Rahmen, innerhalb dessen das Individuum die Chance erhält, seinen Vorstellungen von Glück sozial verträglich näher zu kommen. Der Ansatz von Camus macht deutlich, dass es eine Pflicht zum Widerstand gibt, wenn negative Kräfte das individuelle Recht auf Glück einem totalitären, inhumanen Konzept zu opfern suchen. Damit wird ein klarer politischer Auftrag sichtbar, oder, wie Höhmann es formuliert, die aufklärerische und humanistische Tradition der Logen macht aus den Freimaurern „ethisch orientierte Assoziationen“, die in den modernen komplexen Gesellschaften „mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität“ „humane Lebenswelten“ sichtbar erhalten. Diese Erziehung für etwas inkludiert eine Erziehung zum Widerstand. Das hat die „nationale“ Freimaurerei erkannt und daher auf ihrem Weg in die Selbstaufgabe die „humanitäre“ Freimaurerei als Gegenstück zu einer Welt, in der die „Volksgemeinschaft“ totalitär durchgesetzt werden sollte, wütend attackiert. Der Einsatz für das Glück des Einzelnen und die Erziehung zum Widerstand als humanistischer Auftrag haben auch in der Welt von heute ihren Platz.

Prof. Dr. Dieter Binder

Univ.-Prof. Dr. Dieter A. Binder, geboren 1953, lehrt an der Karl-Franzens-Universität in Graz sowie an der Andrassy-Universität in Budapest. Seit vielen Jahren forscht er über Freimaurerei und schrieb etliche Bücher zum Thema. Darunter fällt auch seine Überarbeitung und Modernisierung des „Internationalen Freimaurerlexikons“ von Lennhoff und Posner aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Neuausgabe ist bekannt als „der Lennhoff-Posner-Binder“ und ist bis heute ein unentbehrliches Nachschlagewerk zur Freimaurerei.

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„Freimaurerei ist eine humanistische Vereinigung mit dem Ziel, die Zivilcourage zu verbessern.“

Brücke über den Neckar in Mannheim (Foto: Lutz Peter / pixabay)

Ansprache des Großmeisters der Großloge A.F.u.A.M.v.D., Br. Stephan Roth-Kleyer, zur Festarbeit beim Großlogentreffen in Mannheim

Liebe Brüder alle,

im Namen der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland begrüße ich Euch herzlich und brüderlich zu unser Tempelarbeit im Lehrlingsgrad des Großlogentages 2019 in Mannheim und heiße Euch willkommen. Schön, dass Ihr Euch von nah und fern auf den Weg gemacht habt, um bei unserer Tempelarbeit anlässlich des Großlogentreffens 2019 mit dabei zu sein.

Zunächst danke ich der Loge „Carl zur Eintracht“ Nr. 11 für die Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung unseres Großlogentreffens 2019 in Mannheim. Somit geht der Dank insbesondere an den Ehrwürdigen Meister vom Stuhl, Bruder Alexander John, und an Bruder Hans-Michael Höhle, ebenfalls Bruder der Loge „Carl zur Eintracht“. Ich danke Euch stellvertretend für alle Brüder, die mitwirkten und mitwirken, und das auch im Namen der versammelten Bruderschaft. Die Brüder, mit denen ich bereits über den gestrigen Abend sprechen konnte, waren alle über das hohe Maß an Gastfreundlichkeit beeindruckt. Auch ich kann diesen Eindruck nur bestätigen. Danke dafür.

Wir haben auch dieses Großlogentreffen am Donnerstagnachmittag um 14.00 Uhr mit der Tempelarbeit begonnen. Unsere Rituale sind, wie schon häufig festgestellt, unser Alleinstellungsmerkmal, unser wahres Geheimnis, unsere Würde. Sie spiegeln unsere anerkannten spezifischen maurerischen Verhaltensformen und Gebräuche wider. Sie stiften Gemeinschaftsgefühl und vermitteln uns jedes Mal erneut die Grundpfeiler der Königlichen Kunst. Um dieses zu würdigen, meine Brüder, wurde die Tempelarbeit bewusst wiederum auf den Donnerstagnachmittag, auf den Beginn des Großlogentages gelegt. Das auch mit der Intention, dass die erbauliche Wirkung der Tempelarbeit uns den Großlogentag über begleiten möge. Das wünsche ich Euch und das wünsche ich mir.

Der Zweijahresbericht des Großmeisters ist anlässlich der Großlogentage der Bruderschaft zu erstatten. Meinen Bericht werdet Ihr, wie in der „Freimaurerischen Ordnung“ so auch vorgesehen, 2020 im Rahmen unserer vereinsrechtlichen Versammlung in Stuttgart entgegennehmen können. Unser Großlogentreffen in Mannheim dient in erster Linie der Profilschärfung unserer Großloge, dem Gespräch, der Information, dem Austausch und nicht zuletzt der Geselligkeit.

Ein erfreuliches Thema möchte ich doch ansprechen: In diesem Jahr, liebe Brüder, jährt sich die Gründung unserer Großloge, der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, zum 70. Mal. Oder anders gesagt: Unsere Großloge wird am 19. Juni 2019 70 Jahre alt. Unsere Großloge ist damit die jüngste deutsche Großloge.

Unsere Großloge kann auf 70 gute Jahre zurückschauen. Das sind 70 Jahre, in denen unsere Großloge – der in der Verfassung festgelegten Zweckbestimmung folgend – ihre aktuell 281 Mitgliedslogen kooperativ in der Öffentlichkeit und gegenüber anderen Großlogen vertreten hat. Weiterhin hat sie die Arbeit der Logen auf der Grundlage der freimaurerischen Grundsätze gefördert und gesichert. Darüber hinaus gibt sie Anregungen für die Tätigkeit der Mitgliedslogen zu gemeinnützigen, kulturellen und ethischen Zwecken, aber auch zur alltäglichen Logenführung. Das war und ist das Selbstverständnis der Großloge. Das war und das ist der Auftrag an unsere Großloge und damit der Auftrag an die für die Großloge tätigen Brüder, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kanzlei. Diese Zielsetzung, meine Brüder, ergibt sich aus Art. 7 unserer Verfassung.

In unseren 281 Mitgliedslogen wird nach zehn unterschiedlichen zugelassenen Ritualen gearbeitet, etwa 80% unserer Mitgliedslogen arbeiten nach den A.F.u.A.M.v.D.-Ritualen I bis III. Diese soeben angesprochene begrüßenswerte Ritualvielfalt spiegelt sich unter anderem in Artikel 1 unserer Verfassung wider. Hier heißt es: „Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland ist ein Zusammenschluss von Freimaurerlogen. In ihrer Bruderschaft lebt die Überlieferung früherer deutscher Großlogen fort.“

Die Rahmenbedingungen und die Zielsetzung der Arbeit unserer Mitgliedslogen sowie der Großloge ergeben sich aus den Artikeln 2 und 3 unserer Verfassung.  Artikel 2 lautet: „In den Mitgliedslogen der Großloge arbeiten Freimaurer, die in bruderschaftlichen Formen und durch überkommene rituelle Handlungen menschliche Vervollkommnung erstreben. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“  Artikel 3 lautet: „Die Freimaurer sind durch ihr gemeinsames Streben nach humanitärer Geisteshaltung miteinander verbunden; sie bilden keine Glaubensgemeinschaft. Sie sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewusstsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Dieses alles verehren sie unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten.“

Meine Brüder, wir können nicht die Welt retten, das ist für uns ein bis zwei Nummern zu groß. Wir können jedoch zu Besserungen beitragen, wenn wir die soeben zitierten Artikel 2 und 3 leben.

Bisweilen werde ich gefragt, ob wir denn kein Leitbild hätten. Man wäre gerne bereit, ein solches für die Großloge zu erarbeiten. Meine Brüder, unser Leitbild ist in unserer Verfassung niedergelegt. Soeben zitierte ich daraus. Unsere Freimaurerei muss nicht neu erfunden werden, es gilt jedoch, unser Profil zu schärfen und Akzente zu setzen. Damit beschäftigen wir uns unter anderem anlässlich unserer Fachtagung.

Weiterhin werde ich des Öfteren gefragt, ob sich Freimaurerei nicht kürzer, prägnanter, möglichweise in Form eines Slogans definieren ließe. Slogans bergen stets die Gefahr, Inhalte und Aussagen zu „verkürzen“ und sie damit ggf. ungewollt zu verändern. In Kenntnis der vorgenannten Gefahren will ich dennoch versuchen, eine – ich betone: eine – wesentliche Facette der Freimaurerei, wie ich sie verstehe, in Form eines kurzen Slogans wiederzugeben: „Freimaurerei ist eine humanistische Vereinigung mit der Zielsetzung der Verbesserung der Zivilcourage“. Elementare humanistische Tugenden wie Humanität, Solidarität, Toleranz, Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, Mut zum Widerspruch, bis hin zum Zuhören können sind unsere Tugenden, das wiederum als Erweiterung dazu. Mehr dazu werdet Ihr morgen anlässlich unserer Fachtagung hören und erfahren können.

2019 begeht unsere Großloge, die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, ihren 70. Geburtstag. Dazu gratuliere ich herzlich und brüderlich und danke all denen, die in den vergangenen 70 Jahren unsere Großloge zu dem entwickelten, was sie heute ist – das mit großer Kompetenz, dem nötigen zähen Willen und hinreichend Energie.

Last but not least: Jetzt bin ich bei einem mir ganz wichtigen Punkt: Es gilt „Danke“ zu sagen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement. Ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen. Liebe Brüder, die Ihr heute und hier Eure Logen repräsentiert und vertretet: Eure Arbeit und Eure Tatkraft stellt eine der tragenden Säulen unserer elf Distrikte wie auch unserer Großloge dar.

Den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge danke ich für ihre fundierten Arbeitsergebnisse. Ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis. Ich danke unseren sehr aktiven Altgroßmeistern für ihre stete Unterstützung. Und ich danke nicht zuletzt unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre zuverlässige Mitwirkung und Unterstützung bei meinen Aktivitäten.

Heute gilt mein besonderer Dank unseren beiden musizierenden Brüdern. So danke ich Dir lieber Bruder Peter Schüler, Bariton, und Dir lieber Bruder *, Flügel, für die hervorragenden musikalischen Beiträge zu dieser TA. Danke, dass Ihr diese Festarbeit so herrlich bereichert und mitgestaltet.

Heißt es doch in der Werklehre vor der Schließung: „Bist Du für Deine Arbeit bezahlt worden?“ So lautet die Antwort: „Ich bin zufrieden.“ Ich hoffe, dies trifft für alle zu, die sich in ihren Logen, Gremien und Ausschüssen eingebracht und engagiert haben. Danke an Euch alle für all Euer Tun.

* Name aus Deckungsgründen nicht genannt

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Was war, was ist, was bleibt – das Zeitlose in der Freimaurerei

(Foto: moritz320 / pixabay)

Festzeichnung des Großredners der Großloge A.F.u.A.M.v.D., Br. Wolfgang Kreis, zum Großlogentreffen 2019 in Mannheim

Die Welt verändert sich dramatisch – und wir?“, lautet das Motto unseres diesjährigen Großlogentreffens. „Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist“, schrieb Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896–1957), ein italienischer Schriftsteller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, schrieb Friedrich Schiller (1759–1805) Ende des 18. Jahrhunderts.

Das sind Sprüche, die wir alle mehr oder weniger kennen. Bei genauerer Betrachtung sehen wir schnell, dass diese Aussagen nicht wörtlich genommen werden können. Denn auf den ersten Blick hören sie sich gut an, auf den zweiten ergeben sie aber keinen Sinn. Sie sind also nur im übertragenen Sinn zu gebrauchen.
Vieles, was mit der Zeit ging, ist schnell wieder verschwunden.
Vieles, was nicht mit der Zeit ging, ist geblieben.

Was hat sich in der Freimaurerei mit der Zeit alles verändert, was ging mit der Zeit, was wurde bewusst aufgegeben, was ging schleichend verloren?

Symbole helfen, uns zu erden und zu norden

Es geht mir hier darum, beispielhaft aufzuzeigen, was sich in der Freimaurerei als dauerhaft erwiesen hat — den Kern sozusagen —, das, was Freimaurerei ausmacht, das Herz der Freimaurerei — und um das Außen, die Hülle sozusagen — das, was sich verändert, neu hinzukommt, wieder verschwindet — das Flüchtige, das, was aber gebraucht wird, damit Freimaurerei auf Dauer weiterbestehen kann.

Der Umgang miteinander, die maurerische Gesprächskultur, die Art, wie wir einen Diskurs führen, wird oft von Außenstehenden bewundert, aber diese Art einfach nachmachen oder kopieren, funktioniert nicht. Es muss also mehr dahinter stecken, als nur eine Technik oder eine Methode, die wir gut anwenden können. Meines Erachtens spielt das Ritual hier eine große Rolle, da es uns hilft, unsere Werte einzuüben und uns auch selbst zu reflektieren. Ob im Ablauf des Rituals oder als längerfristige Folge der Wiederholung dieser besonderen Umstände auch und im Besonderen außerhalb der Loge, ist hier eine dauerhafte Veränderung in den Ausführenden und Teilnehmenden möglich.

Das Ritual ist auch ein Leuchtturm oder eine Landmarke in einer aufbrausenden See, in einer sich beschleunigenden Gegenwart, in der wir auch einmal den Überblick verlieren können oder in der wir in einen Sog gezogen werden können, in den wir gar nicht hinein wollten. In unseren unruhigen Zeiten helfen uns die Symbole und symbolischen Handlungen, uns wieder zu erden oder zu norden. Sie helfen uns zu sehen, wo wir mit unseren nicht nur moralischen Ansprüchen im Alltag und im Berufsleben stehen. Manchmal ändern wir dann auch die Richtung, ändern unseren Sinn.

Ohne Bewährung in der Welt ist Freimaurerei nur Zeitvertreib

Interessant wäre einmal eine Untersuchung, ob nicht jede Generation glaubt, dass sie in unruhigen Zeiten lebt, und dass das zum Menschsein oder zum Leben einfach dazugehört.

In der humanitären Freimaurerei geht es darum, dem Menschen die Möglichkeit zu geben, an sich zu arbeiten, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Früher hieß das Selbstvervollkommnung, ein Begriff, den wir heute noch im Ritual verwenden. Zeitgenössischer wäre der Begriff Persönlichkeitsentwicklung, vielleicht auch Unterstützung bei der freien Entfaltung der Persönlichkeit, wie es das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vorsieht, das übrigens vergangene Woche seinen 70. Geburtstag feierte.

Parallel zu dieser Arbeit an sich selbst sollte aber der nächste Schritt nicht vergessen werden — die Mitarbeit in der Gemeinschaft, auch und insbesondere außerhalb der Bruderschaft. Der Auftrag, uns in der Welt draußen zu bewähren, ist ein dauerhafter Auftrag, den jeder Bruder im Rahmen seiner Möglichkeiten zu erfüllen hat. Ohne diesen Auftrag und seine Erfüllung wäre Freimaurerei nur Zeitvertreib und das Ritual ein Kinderspiel.

Im Ritual ist das Symbol des Tempelbaus etwas Dauerhaftes, wir finden es schon früh darin. Insbesondere bauen wir den Tempel der Humanität. Die Ausgestaltung dieses Tempelbaus war vor 300 Jahren eine andere als heute oder in der Zeit vor und nach den Weltkriegen. Dies können wir deutlich erkennen, wenn wir uns die Zeichnungen unserer Brüder dieser Zeiten ansehen. Bitte seid aber nicht zu kritisch bei der Beurteilung, versucht euch eher in die Zeit zu versetzen, soweit das überhaupt möglich ist, und versucht zu erkennen, was die Brüder damals sagen wollten. Das ist lehrreicher für uns heute, als es heute besser zu wissen.

Symbole sind zeitlos, aber nicht dauerhaft

Was wären nun Beispiele für das Flüchtige, das, was mit der Zeit verschwand oder das, was neu hinzukam?
Der berittene Bote wird heute nur noch selten genutzt und wenn, dann hat er sein Pferd gegen eine viele Pferde starke Karosse ausgetauscht. Das meiste geht heute aber elektronisch. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als zu Sitzungen mit Postkarten eingeladen wurde, eine mühsame Arbeit für den Sekretär. Hier sind wir mit der Zeit gegangen. Auch nutzen wir das Internet und die modernen Medien intensiv, damit zeigen wir auch die modernen Möglichkeiten der Freimaurerei, ohne unseren Kern zu verlieren.

Es gibt auch Symbole, die aus den Ritualen verschwanden. In früheren Zeiten scheint der Bienenstock eine symbolische Bedeutung gehabt zu haben, denn wir können ihn auf vielen alten Bildern und Stichen sehen. Mir ist er als rituelles Symbol nicht bekannt.

In einem lehrreichen Beitrag für unsere Forschungsloge Quatuor Coronati beschreibt unser kürzlich verstorbener Bruder Alfried Lehner die Entwicklung und Entstehung unseres aktuellen Rituals. In dem Beitrag erklärt er auch, warum Symbole, wie z. B. der Spiegel und die Geldstücke, heute hierin nicht mehr zu finden sind.

Symbole sind zeitlos, was sie aber nicht davor schützt, nicht dauerhaft zu sein. Hier hat eine geänderte Intention, was das Ritual betraf, dazu geführt, dass die eben erwähnten Symbole keinen Platz mehr hatten.

Wenn Symbole auch zeitlos sind, so kann sich die Interpretation der Symbole mit der Zeit verändern. Jeder Bruder sollte sich eine eigene Interpretation der Symbole erarbeiten. Hier spielt dann auch der Zeitgeist eine wichtige Rolle.

Wir müssen wissen, was wir eigentlich wollen

Wir haben aber keine vollkommene Wahlfreiheit bei der Interpretation der Symbole. Der Hammer bleibt ein Hammer, er lässt sich nicht in einen Zirkel uminterpretieren. Das wäre eine falschverstandene Interpretation. Der Winkel als Symbol der winkelrechten Lebensführung lässt uns aber die Freiheit zu interpretieren, was eine winkelrechte Lebensführung ist — und hier gibt es wohl sehr unterschiedliche Sichtweisen und Überzeugungen. Ein brüderlicher Austausch zwischen den verschiedenen Generationen in der Loge zu diesem Thema z. B. wäre sehr erleuchtend.

„Die Welt verändert sich dramatisch – und wir?“, um diese Frage beantworten zu können, müssen wir auch wissen, was wir wollen.

Br. Viktor Frankl (1905–1997), Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, beschäftigte sich viel mit Sinnfragen. Er meinte dazu: „Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muß, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll, und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will.“

Wolfgang Kreis

Wolfgang Kreis

Wolfgang Kreis ist seit 2014 Großredner der Großloge A.F.u.A.M.v.D. und Co-Moderator des Collegium Masonicum in Saarbrücken. Er wurde 2008 in den Bruderbund aufgenommen und ist Altstuhlmeister der Loge „Bruderkette zur Stärke und Schönheit“ in Saarbrücken.

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Spiritualität, Esoterik, Religion: Wo steht die Humanistische Freimaurerei?

Foto: Taigi / Adobe Stock

Die Beziehungen zwischen Spiritualität, Esoterik und Religion auf der einen und Freimaurerei auf der anderen Seite sind von großer Bedeutung für das Selbstverständnis unseres Bundes und für sein Verhältnis zum öffentlichen Raum. Hier herrscht immer noch viel Unklarheit vor.

Von Br. (Prof. Dr.) Hans-Hermann Höhmann

Es ist hohe Zeit, sich des Komplexes Religion und der damit verbundenen Zusammenhänge offen anzunehmen. Schieben wir den fälligen Religionsdiskurs weiter auf, so droht Schaden für die humanitäre Freimaurerei in Deutschland, die sich doch immer wieder darauf beruft, in der Tradition von Humanismus und Aufklärung zu stehen.[1]

Ich möchte meine Grundeinstellung zum Kontext Spiritualität, Esoterik, Religion im Folgenden umreißen und beginne thesenhaft mit sechs, meine Sichtweise pointierenden Feststellungen:

  • Freimaurerei ist spirituell.
  • Freimaurerei ist nicht Esoterik, kann aber Forum esoterischer Diskurse sein.
  • Freimaurerei ist keine Religion, sie ist eine Wertegemeinschaft und keine Glaubensgemeinschaft im religiösen Sinn.
  • Auf der anderen Seite wäre es gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.
  • Die Brüder einer Loge haben die Freiheit, die persönlichen und gruppenspezifischen Mischungsverhältnisse von Spiritualität, Esoterik und Religiosität im gemeinsamen Erleben, im Nachdenken und im Diskurs herauszufinden und zu praktizieren.
  • Die Großlogen der VGLvD stimmen in ihrer Einstellung zur Religion nicht überein. Hierzu sind eindeutige Klarstellungen erforderlich, und es muss nach innen und außen Transparenz hergestellt werden.

Freimaurerei und Spiritualität

Spiritualität, wie ich sie verstehe, ist die mehr oder minder bewusste Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins. Spiritualität umfasst die besondere Lebenseinstellung eines Menschen, der sich auf die Suche begibt nach Lebenssinn und Orientierung. Innerhalb einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei ist die vom Ritual vermittelte Spiritualität ein komplementärer Faktor zu Freundschaft und ethischer Orientierung. Zur Spiritualität des Freimaurers gehört vor allem die Motivation, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben zu beschäftigen.[2] Das Ritual setzt hierfür den Rahmen und vermittelt immer wieder neue Impulse, die auch außerhalb des Rituals weiterwirken können und auf Dauer die Reflektiertheit und geistige Offenheit des Freimaurers generell fördern. Die Formel des leitenden Meisters „Die Loge ist geöffnet“ kann ja nichts anderes bedeuten als Bewusstsein, Empfindungen und Gemüt des Bruders für neue Erfahrungen zu öffnen. Dann kann sich ereignen, was Friedrich Nietzsche mit den Worten beschreibt: „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“[3]

Spirituelle Bedürfnisse sind gemüthafte Bedürfnisse: sie reflektieren das Verlangen nach Sinn, Ziel, Halt, Ordnung, Trost, Mut im Leben. Wie alle geistigen Bedürfnisse, die zur Natur des Menschen gehören, können sie eine religiöse und eine nicht-religiöse Antwort finden. Jedenfalls ist es sachlich falsch und intellektuell unredlich, bereits diese Bedürfnisse selbst religiös zu vereinnahmen und mit Hilfe eines weitgefassten, funktionalistischen Religionsbegriffs jeden Sinnsucher zum Gottsucher zu mystifizieren.

Eine „offen“ erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit und Harmonie, alles Aspekte des Lebens und der menschlichen Wahrnehmung, die über eine rein materialistische Sicht der Welt hinausgehen, ohne notwendigerweise den Glauben an eine übernatürliche Wirklichkeit oder ein göttliches Wesen vorauszusetzen.

Auch zu einer säkular verstandenen Spiritualität des Freimaurers gehört es, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins zu beschäftigen, mit der Beschaffenheit der Welt und den Lebensmöglichkeiten der Menschen und besonders mit der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben sowie in der Vorbereitung auf den Tod.

Das Ritual bekräftigt die für Bund und Brüder unverzichtbaren Gestaltungsprinzipien der Freimaurerei – Weisheit, Stärke und Schönheit –, die dem Freimaurer allerdings nicht zufallen, sondern erarbeitet werden müssen.

  • Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und Provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.
  • Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.
  • Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungs¬prinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollini¬schen Dimension, von der Schönheit der Sym¬bole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüberreicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst“ erst vollendet.

Noch einmal: Spiritualität bedeutet die Bereitschaft zur Reflexion über Grundfragen menschlicher Existenz, die Grundsolidarität mit anderen Menschen, die Empfänglichkeit für die Sphäre des Moralischen, die Verbundenheit mit dem Bereich des Ästhetischen, die Offenheit für das Schöne. Das freimaurerische Konzept der „Lebenskunst“ ist ohne Spiritualität nicht denkbar. Zu einer ganzheitlichen – Verstand und Gefühl umschließenden – Art von Spiritualität gehört auch das Gespür für die Wirkungskraft von Metaphern, Symbolen und Ritualen und deren nichtsprachlichen, visuellen und multimedialen Ausdruck. Freimaurerische Spiritualität beinhaltet die Fähigkeit, gleichzeitig mit Gedanken und Gefühlen wahrzunehmen, und heißt nicht zuletzt, die kognitiven Qualitäten des Emotionalen zuzulassen. Wichtigstes Medium für spirituelle Erfahrungen in der Freimaurerei ist das Erlebnis eines kreativen Rituals, denn das Ritual ist die Inszenierung aller Sinne und Wertvorstellungen des Freimaurers: Verstand, Gefühl und Körperlichkeit werden gleichermaßen angesprochen und im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung gebracht.

Freimaurerei und Esoterik

Der Begriff der „Esoterik“[4] ist sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Forschung als auch im Rahmen öffentlicher Kontroversen umstritten. Stehen sich in der akademischen Diskussion ideengeschichtliche, sozialgeschichtliche und diskursive Zugriffe auf „Esoterik“ gegenüber, so bestimmen seit etwa zwanzig Jahren in der breiten Öffentlichkeit die unterschiedlichsten Schlagworte das Bild: „New Age“, „Sekten“, „Jugendreligion“, „Okkultismus“ usw. Während eine von den Medien beherrschte Öffentlichkeit „Esoterik“ meist vage mit „New Age“ gleichsetzt, versucht die religionswissenschaftliche Forschung seit den 1990er Jahren, zu einem differenzierteren Verständnis zu gelangen.

Entscheidenden Anteil an der Profilierung der Esoterikforschung hat der französischer Religionswissenschaftler Antoine Faivre. Seit den 1980er Jahren setzte er sich intensiv mit der Religionsgeschichte der Renaissance und der Neuzeit auseinander und erarbeitete ein Verständnismodell des Esoterischen, das mehrere Traditionslinien und Disziplinen systematisch zusammenfasst. Dazu gehören einerseits die „okkulten Künste“ Astrologie, Alchemie und Magie, deren Wurzeln in der Antike zu suchen sind, die jedoch seit dem fünfzehnten Jahrhundert kulturell neu positioniert wurden; hinzu kommen das neuplatonische und hermetische Denken sowie die Kabbalah, die als antikes Geheimwissen galt und mit philosophischen Anschauungen verknüpft wurde. Die Zusammenhänge jener Traditionslinien wurden schon in der Frühen Neuzeit erkannt und mit dem lateinischen Begriff „philosophia perennis“ („Ewige Philosophie“) belegt. Mit diesem Begriff verband sich der Anspruch, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, die älter als alle historischen Religionen ist und die in verschiedenen Disziplinen auf je eigene Art ihren Ausdruck findet.

Nach Antoine Faivre[5] ist Esoterik eine historisch nachweisbare Denkform, die durch sechs Eigenschaften oder Komponenten bestimmt werden kann, die in unterschiedlicher Gewichtung innerhalb eines weiten historischen und empirischen Kontextes nachweisbar sind. Vier davon sind „wesentlich“, und zwar in dem Sinn, dass ihr gleichzeitiges Auftreten eine notwendige und hinreichende Bedingung dafür darstellt, dass ein gegebenes Untersuchungsmaterial zur „Esoterik“ zu rechnen ist. Zu diesen vier kommen weitere hinzu, die Faivre als sekundär, d.h. als nicht grundlegend bezeichnet, deren Vorkommen im Verein mit den vier anderen allerdings häufig ist.

Die vier grundlegenden (Komponenten) von Esoterik sind die folgenden:

1. Die Entsprechungen: Esoterik geht davon aus, dass zwischen allen Teilen des sichtbaren und unsichtbaren Universums symbolische und reale Entsprechungen bestehen. Die Natur, sogar das Universum, ist der Schauplatz wechselseitiger Abspiegelungen.

2. Die lebende Natur: Esoterik beinhaltet die Idee einer Natur, die in all ihren Teilen als wesentlich lebendig angesehen, erkannt und erfahren wird.

3. Das Prinzip von Imagination und Vermittlung: Es ist die „Imagination“ oder Einbildungskraft, die es ermöglicht, Mittler, also Symbole und Bilder, zum Zweck der Erkenntnis zu verwenden, die Hieroglyphen der Natur … zu entschlüsseln, die Idee der Entsprechungen in konkrete Praxis umzusetzen und die zwischen der göttlichen Welt und der Natur vermittelnden Wesenheiten zu entdecken, zu schauen und zu erkennen.

4. Die Erfahrung der Transmutation: Das Wort „Transmutation“ entstammt der alchemistischen Literatur. Ohne diesen vierten Bestandteil würden alle drei zuvor genannten kaum über die Grenzen einer spekulativen Spiritualität hinausgehen. Voll wirksam werden sie erst durch Transmutation, durch eine „zweite Geburt“, durch eine hierdurch erleuchtete Erkenntnis.

In Faivres Sicht gesellen sich nun diesen vier grundlegenden Komponenten zwei weitere hinzu, die nicht unabdingbare Bestandteile seiner Esoterik-Definition sind, aber häufig im Verein mit den vier anderen Elementen auftreten – und, so ergänze ich, eine besondere Bedeutung für manche Formen der Hochgradfreimaurerei gewonnen haben.

Diese beiden Komponenten sind:

5. Die Konkordanzbildung, die sich dadurch auszeichnet, dass nach gemeinsamen Nennern zwischen verschiedenen Esoterik-Traditionen gesucht wird, in der Hoffnung, durch ihre Zusammenführung eine „Erkenntnis“, höheren Ranges zu erreichen, und

6. die Transmission, die Auffassung, dass esoterischen Lehren auf vorgezeichneten Wegen (etwa durch Rituale) und unter Einhaltung bestimmter Stadien (etwa durch Grade) vom Meister an seine Schüler weitergegeben werden können.

Nach Kocku von Stuckrad handelt es sich bei der Esoterik nicht um eine eigenständige „Tradition“ oder „Strömung“ europäischer Geschichte, sondern um ein analytisches Konstrukt moderner Forschung, und so ließe sich im Grunde auch keine „Geschichte der Esoterik“ schreiben.[6] Dennoch bestehe in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass die folgenden Themenfelder und religiösen Kontexte für die Esoterik als zentral zu bezeichnen sind:

(1) Wissensansprüche, die auf „Gnosis“ (gr. „Wissen“) im Sinne absoluter Erkenntnis abheben, insbesondere die Rezeption antiker Gnosis in Neuzeit und Moderne sowie der Bezug auf Hermes Trismegistos (Hermetismus);

(2) die so genannten „okkulten Wissenschaften“ (insbesondere Astrologie und Alchemie);

(3) mystische Traditionen in Judentum, Christentum und Islam (insbesondere Kabbalah und Sufismus sowie deren Rezeption in der Christlichen Kabbalah);

(4) der Neuplatonismus der Renaissance, der mit den Ideen einer „theologia prisca”, einer „Urtheologie“, und einer „philosophia perennis“, einer ewigen Philosophie verbunden wurde. Die „theologia prisca“ geht davon aus, dass es ein gemeinsames Urwissen von der Wahrheit Gottes gibt, dessen Träger der Ägypter Hermes Trismegistos, der Perser Zoroaster, der Hebräer Mose und andere waren;

(5) die christliche Theosophie, die von der Bedeutung individueller göttlichen Eingebungen im Rahmen eines inneren „geistigen Schauens“ ausgeht;

(6) die initiatischen Gemeinschaften (wie die Rosenkreuzer und die Freimaurer, hier insbesondere die Hochgradfreimaurerei des amerikanischen „Schottischen Ritus“);

(7) die Bewegungen im Umfeld der Theosophischen Gesellschaft, die 1875 von Helena Blavatsky und anderen in New York gegründet wurde und die beträchtlichen Einfluss auf nachfolgende esoterische Bewegungen genommen hat;

(8) Teile der als „New Age“ bezeichneten religiösen Bewegung nach 1960.

Die vorstehend aufgezeigten Darlegungen Antoine Faivres und Kokku von Stuckrads lassen nun – vor allem in historischer Perspektive – zweifellos Beziehungen zwischen Freimaurerei, vor allem ihren Hochgradsystemen, und Erscheinungsformen der Esoterik erkennen. Allerdings ergeben sich aus meiner Sicht dabei auf drei für die Freimaurerei wichtigen Bedeutungsfeldern beträchtliche Spannungen, die nicht folgenlos bleiben können und die mit den gleich zu erörternden Stichwörtern „freimaurerische Inhalte und Organisationsformen“, „Verhältnis Esoterik – Christentum“ sowie „Einschätzung der Freimaurerei in der Gesellschaft“ umrissen werden können.

Zunächst machen es die Ideen und Strukturen einer in der Tradition von Humanismus und Aufklärung stehenden Humanistischen Freimaurerei unmöglich, sich auf eindeutige Weise als „esoterisch“ zu verstehen oder gar den Versuch zu unternehmen, in ihre Ritualstruktur die ganze Fülle oft sehr heterogener Esoterikelemente aufzunehmen. Dies würde ganz einfach ihren humanistisch-aufklärerischen Kern beschädigen und zu einem dem Ansehen der Freimaurerei abträglichen Durcheinander der Formen und Ideen führen.

Dazu kommt, dass eine „esoterische“ Freimaurerei auch in organisatorischer Hinsicht zu sehr bedenklichen Konsequenzen führen kann. Nur ein Beispiel dafür: Manly Palmer Hall, Mitglied des 33. Grads des AASR in den USA, fasst die freimaurerische Sendung, wie er sie versteht, in seinem Buch „The Lost Keys of Freemasonry“ folgender Maßen zusammen:[7]

„The Masonic order is not a social organization, but truly is composed of those who have banded themselves together to learn and to apply the principles of mysticism and the occult rites“.
Und an anderer Stelle:

„Es gibt tausende von Maurern, die nur dem Namen nach Brüder sind, denn ihre Unfähigkeit, die Ideen ihrer Kunst zu verstehen, macht sie sprachlos gegenüber den Lehren und Zwecken der Freimaurerei. Eine wahrhafte Maurerei erst gewährt den Schlüssel zum Tempel und ohne diesen Schlüssel kann keines seiner Tore geöffnet werden. Erst wenn dies besser verstanden und gelebt wird, wird die Freimaurerei erwachen und das solange vorenthaltene Wort aussprechen. Die spekulative Zunft wird operativ werden und das alte, lange verborgene Wissen wird aus den Ruinen des Tempels auferstehen als die größte spirituelle Wahrheit, die jeden Menschen enthüllt wurde.“[8]

Dies ist gelinde gesagt, eine bedenkliche Ideologie, die außerhalb des Bundes zu Recht großes Misstrauen erregt und nur allzu leicht den Eindruck erweckt, es handele sich bei der Freimaurerei um eine esoterische Sekte. Ein solches Verständnis unseres Bundes wäre für mich als einem durchaus spirituellen aber doch eindeutig aufklärerisch-ethisch orientierten Freimaurer nicht akzeptabel. Und ganz allgemein und deutlich gesagt: Alle analytischen Überlegungen und alle empirischen Beobachtungen der gesellschaftlichen Realität machen deutlich – ja überdeutlich -, dass nur eine eindeutig auf Humanismus und Aufklärung gestützte Freimaurerei auf Dauer überlebensfähig ist.

Nicht nur zwischen Esoterik und Freimaurerei, sondern auch zwischen Esoterik und Christentum bestehen gravierende Spannungen, die sich immer wieder im Verhältnis der Kirchen zur Freimaurerei niederschlagen. Monika Neugebauer-Wölk, emeritierte Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hat den Hintergrund dieser Spannungen deutlich gemacht:

„Stellt man … die Frage nach den strukturellen Unterschieden (zwischen Esoterik und Christentum H.-H. H.), so bietet der elitäre Charakter esoterischer Glaubensgewissheit einen guten Ausgangspunkt, um die Relevanz der Unterschiede zum Christentum deutlich zu machen. Die religiöse Grundkonzeption des Christentums besitzt im Gegensatz zur Esoterik kein hierarchisch geordnetes Menschenbild, dessen Strukturen sich vom Zugang zum heiligen Wissen ableiten. Prinzipiell ist die Offenbarung für alle Menschen dieselbe und ist auch allen zugänglich. Es gibt keine höhere Offenbarung, die dem Nicht-Wissenden verschlossen wäre; es gibt keine privilegierte Heilsweisheit. Wunder, d. h. Überschreitungen der regulären Funktionsweisen der Natur, sind im Christentum nur auf der Basis göttlichen Wirkens möglich, d. h. Wunder tut Gott, nicht der Magus. Ja, man kann darüber hinausgehen und formulieren, dass der Begriff des ‘Wunders’ überhaupt nur im religiösen Horizont des Christentums Sinn macht, esoterisch dagegen nicht. Es hat nichts ‘Wunderbares’, also Irreguläres, wenn der Weise Blei in Gold verwandelt, Kontakt zu Engeln oder Toten aufnimmt, wenn er die Zukunft kennt, sondern es ist das erwartbare Resultat höheren Wissens und höherer Kompetenz und entspricht den Funktionszusammenhängen von Makro- und Mikrokosmos. Es ist das Wissen um die verborgenen Qualitäten aller Dinge, das Gestaltungsmacht verleiht, und dieses Wissen ist das Wissen Adams vor dem Sündenfall. Der Christ kann den Folgen der Erbsünde nur durch die Gnade Gottes und das Heilswerk seines Sohnes entgehen. Der Esoteriker ist immer auf dem Weg, dieses Ziel durch Erkenntnis zu erreichen.“[9]

Will man den skizzierten Spannungen zwischen Esoterik, Christentum und Freimaurerei endgültig und ein für alle Mal entgehen, so hilft wiederum nur die humanistisch-aufklärerische Form und Praxis der Freimaurerei, in der Freimaurerei ganz eindeutig Wertegemeinschaft und nicht Glaubensgemeinschaft oder esoterische Sekte ist.

Das von mir bisher zu Freimaurerei und Esoterik dargestellte bzw. zitierte macht meine folgende zusammenfassende These plausibel:

Die Freimaurerei bietet zwar Platz für esoterische Diskurse, doch eine esoterische Freimaurerei wäre höchst bedenklich und zwar (1) wegen der Konsequenzen für die konzeptionellen, rituellen und organisatorischen Strukturen der Freimaurerei und (2) wegen unnötiger Konflikte mit Religion und Kirche.

Freimaurerei und Religion

Wie eingangs festgestellt, bedarf das Verhältnis zur Religion aus der Sicht einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei dringend der Klärung. Als Teilnehmer am gegenwärtigen Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei möchte ich, zwecks weiterer Diskussion, meine Sicht der Beziehungen zwischen Freimaurerei und Religion in fünf Thesen folgendermaßen umreißen.[10]

  1. Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung und keine Religion, und sie will auch keinen Ersatz für eine Religion bieten, denn sie vermittelt kein Glaubenssystem und kennt weder sakramentale Heilsmittel noch Theologie und Dogma. Auf der Internetseite der Vereinigten Großloge von England heißt es dazu auch durchaus zustimmungsfähig: „Freemasonry does not seek to replace a Mason’s religion or provide a substitute for it. It deals in a man’s relationship with his fellow man, not in a man’s relationship with his God.” Dass die Freimaurerei für manchen Bruder den Charakter einer Ersatzreligion angenommen hat, bedeutet nicht, dass eine solche Funktion von ihr angestrebt würde.
  2. Die Freimaurer haben und brauchen auch keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Die symbolische Präsenz eines „Großen Baumeisters aller Welten“ in ihren Ritualen darf nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden.
  3. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ stellt vielmehr das umfassende Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit dar und ist als solches vom Freimaurer zu respektieren. Denn ethisch orientiertes Handeln setzt die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, eines die Unverbindlichkeiten des Alltags transzendierenden „höheren Seins“ voraus, das – weltanschaulich bestimmt, oder empirisch gefunden – Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, ohne ihn auszufüllen, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz, als „ein „Übersichhinausgehen innerhalb des Seins des Menschen“ – so der Philosoph Ernst Tugendhat[11] – verstanden werden kann. In diesem Sinne ist auch die Bibel im Kontext der Freimaurerei kein Buch der Offenbarung, sondern ein moralisches Symbol. Zugleich enthält die Bibel den Kernmythos des Bundes, den Bau des symbolischen Tempels der Humanität. Wenn sie im Verlauf des Rituals aufgeschlagen wird, sollte sie daher da aufgeschlagen werden, wo von Salomos Tempelbau die Rede ist (1. Könige 6, 2. Chronik 3).
  4. Die freimaurerische Tempelfeier ist kein Gottesdienst. Das Brauchtum des Bundes soll vielmehr menschliches Miteinander, ethische Lebensorientierung und emotionale Spiritualität durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar machen.
  5. Als ethisch orientierte Gemeinschaft ist Freimaurerei offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne. Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Unabdingbar ist allerdings, dass sie mit den im Diskurs gefundenen ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien des Freimaurerbundes übereinstimmen und zu aktiver Wertschätzung seiner symbolisch-rituellen Ausdrucksformen fähig sind.
  6. Aufgrund einer solchen Festlegung und Abgrenzung kann das Verhältnis zu den großen christlichen Kirchen – wie zu Religion und Religionsgemeinschaften generell – entspannt und selbstbewusst entwickelt werden, zumal an zwei bedeutsame Gemeinsamkeiten von Freimaurerei und Kirchen zu erinnern ist:
  • die gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte sowie
  • die Verpflichtung zum ethischen Handeln, insbesondere zu praktischer Mitmenschlichkeit.

Im Hintergrund meiner Überlegungen und Abgrenzungen stehen Begriffe von Religion und Religiosität, die Glaubensinhalte und religiöse Funktionen auseinanderhalten und die ihren Ursprung in der Religionssoziologie haben.

Talcott Parsons etwa, einer ihrer wichtigsten Vertreter, sieht die Aufgabe des Religiösen darin, kulturelle Werte und Normen den durch Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit – Parsons spricht von „ultimate reality“ – lebendig und verbindlich zu halten[12]. Das was Parsons „Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit“ nennt, ist nun aber nichts anderes als das, was der Begriff Religion jenseits aller ihrer konkreten Erscheinungsformen und Glaubensinhalte meint, nämlich Rückbindung an und Vertrauen auf eine sinnspendende Ordnung. Genau das aber will Freimaurerei leisten: die Herstellung eines tragfähigen, das bloß materielle Sein transzendierenden Sinn- und Wertbezugs, der freilich spezifisch religiöser Rückbindungen oder eines Glaubens an Gott im traditionellen Sinne nicht bedarf.

Auch der Soziologe Thomas Luckmann stellt die konstruktive gesellschaftliche Rolle der Religion in den Vordergrund, indem er auf deren Potenzial bei der Krisenbewältigung und bei der Stabilisierung der Gemeinschaft in Phasen sozialer Umbrüche hinweist. Religiosität ist für Luckmann eine anthropologische Konstante, die sich in der Moderne nur neue Formen der Repräsentation sucht und nicht – wie die Säkularisierungsthese behauptet – verschwindet. Luckmann hat im Rahmen seiner Religionssoziologie Aufgabe und Wirkungsweise der Religion als „Einübung … in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“ bezeichnet.[13]

Bei aller Ablehnung der Religionseigenschaft der Freimaurerei im Sinne eines inhaltlich definierten Glaubens wäre es folglich gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.

Noch einmal: Freimaurerei ist kein Heilsweg, sondern ein Weg zur Bewährung im Hier und Jetzt. Ein Weg – es gibt viele andere. Die Gleichzeitigkeit des Respekts vor Religion und des Verzichts auf Nachahmung von Religion und/oder Einmischung in Religion kann die Freimaurerloge zu einer Gemeinschaft machen, in der sich gläubige Menschen ganz verschiedener Religionen mit religiös skeptischen, ja ungläubigen Menschen auf der Grundlage verpflichtender Werte freundschaftlich miteinander verbinden. Hierin sollten Freimaurer eine integrierende Kraft sehen, die – wenn auch gewiss nur in bescheidenem Maße – dazu beitragen kann, die moderne (oder postmoderne) Gesellschaft mit all ihren Auflösungs- und Spaltungstendenzen auf der Basis einer gemeinsamen Wertbasis zusammenzuhalten.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

[1] So z. B. ihr Großmeister, Prof. Dr. Stefan Roth-Kleyer, auf der Homepage der Großloge AFuAM von Deutschland: „Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland ist mit ihren fast 10.000 Mitgliedern die mitgliederstärkste deutsche Großloge. Ihre Mitglieder stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung und bekennen sich zu Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen. Sie vereint geistig und menschlich aufgeschlossene Männer unterschiedlicher weltanschaulicher, religiöser und politischer Überzeugungen. Wichtig ist, den Freimaurerbund als Einheit von tragender Idee, verbindender Gemeinschaft und symbolischer Ausdruckskraft zu verstehen, hierin liegt ihre Besonderheit gegenüber allen anderen Zusammenschlüssen mit verwandten Zielsetzungen“, https://freimaurerei.de, Download 30. 03. 2019./

[2] Vgl. Sponsel, Rudolf: Spiritualität. Eine psychologische Untersuchung, http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm, zuletzt aufgerufen am 09.12.2015.

[3] Nietzsche, Friedrich Wilhelm: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Werke, Kritische Gesamtausgabe, Berlin 1968, S.165.

[4] Dies und das Folgende nach Kocku von Stuckrad, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad, Download 01. 02. 2019. Kocku von Stuckrad ist Professor für Religionswissenschaft an der niederländischen Reichsuniversität Groningen.

[5] Ein neues Feld europäischer Religionsgeschichte. Antoine Faivre gibt Auskunft zur Esoterikforschung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Interview/, Download 01. 02. 2019.

[6] Kocku von Stuckrad, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad, Download 01. 02. 2019.

[7] Manly P. Hall, The Lost Keys of Freemasonry, ursprünglich 1923.

[8] Ders.: The Lost Keys of Freemasonry, New York 2006 (ursprünglich 1923), zitiert nach Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Bremen 2011, S. 331.

[9] http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Neugebauerwoelk/index_html, Download 04. 02. 2019.

[10] Siehe hierzu auch meinen umfangreichen Beitrag „Von Gott und der Religion“ – Zum Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei, in: Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Bremen 2011, S. 179 – 197.

[11] Ernst Tugendthat, Anthropologie statt Metaphysik, Teil I, 2. Auflage, München 2010, S. 14f..

[12] A. Javier Trevino (Ed.): Talcott Parsons today. His theory and legacy in contemporary sociology, Langham/Md. and Oxford 2001.

[13] Thomas Luckmann, Religion in der modernen Gesellschaft, in: J. Wössner (Hrsg.), Religion im Umbruch: soziologische Beiträge zur Situation von Religion und Kirche in der gegenwärtigen Gesellschaft, Stuttgart 1972, S. 13 -15, hier S. 5.

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Das Bauhaus und die Freimaurerei

Das Bauhaus in Dessau

Freimaurer suchen immer wieder nach historisch-kulturellen Vorbildern ihres Bundes. Gehört nicht auch das Bauhaus dazu? Gerade im Jahr des 100. Gründungstages dieser legendären Hochschule und Ideenschmiede scheint die Frage nahezuliegen. Dennoch wirft die Antwort einige Probleme auf.

Vortrag des Redners der Osnabrücker Loge "Zum Goldenen Rade"

Dabei scheint der Zugang zum Bauhaus, gerade aus Sicht der Freimaurer, einfach zu sein. 1919 veröffentlicht Walter Gropius das Gründungsmanifest der neuen Hochschule und gibt gleich im ersten Satz ihr zentrales Ziel aus – Kunst und Handwerk im Zeichen einer gemeinsamen Arbeit am Bau wieder zu vereinigen. Dieses Zielt ruft bei uns Brüdern das Bild des Tempels der Humanität als Ziel gemeinsamer Arbeit auf. Dem Text von Walter Gropius – er gehört zu den legendären Dokumenten der künstlerischen Moderne – ist obendrein ein Holzschnitt von Lyonel Feininger beigegeben, der das ideelle Programm in ein Bild fasst, jenes der von Sternen bekrönten Kathedrale. Dieses Sinnbild einer stabilen, überzeitlichen Harmonie scheint die Vorstellungen der Freimaurer geradezu idealtypisch aufzunehmen.

Gehört das Bauhaus demnach in die Reihe der illustren künstlerischen Vorbilder und Entsprechungen, die wir Freimaurer immer wieder gern aufrufen, um unseren Bund kulturell und ideell besser verankert und begründet zu wissen? Mozarts „Zauberflöte“ steht dafür beispielhaft. Die Schöpfer der Oper sind Freimaurer, die Entstehungszeit sieht die Freimaurerei in voller Blüte und obendrein enthält dieses Kunstwerk ein komplettes Programm der Königlichen Kunst.

Das Bauhaus bietet sich für eine Identifikation ebenfalls scheinbar an. Es gilt heute nahezu unangefochten als zentrale Referenz für Modernität und Kreativität. Die Hochschule gliedert ihr Personal in Lehrlinge, Gesellen und Meister, Walter Gropius spricht sogar vom Bauhaus als „Loge“. Das Problem: Jenes Bild des Bauhauses, das Freimaurer adressieren, um eine Identifikation zu erreichen, entspricht nur der Frühphase der Hochschule. Obendrein ist keiner der bedeutenden Bauhäusler Mitglied unseres Bundes. Das wirft Fragen auf.

An dieser Stelle soll nicht die komplexe innere Struktur und dynamische Geschichte des Bauhauses referiert werden, eine Geschichte, die in der Abfolge der Bauhausorte Weimar, Dessau und Berlin sowie der Direktoren Walter Gropius (1919-1928), Hannes Mayer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) ihr sichtbares Gerüst findet. Die Tatsache einer rapiden Wandlung des Bauhauses zwingt dazu, auch die Identifikation der Freimaurerei mit historisch-kulturellen Vorbildern neu zu denken. Es geht nicht mehr um starre Spiegelungen, sondern um dynamische Befragungen, nicht mehr um Konstellationen, sondern um Prozesse.

Auf dem Hintergrund dieser veränderten Fragerichtung lassen sich fünf Ansatzpunkte ausmachen, von denen aus das Verhältnis von Bauhaus und Freimaurerei sinnvoll diskutiert werden können:

  • Das Bauhaus lehrt uns, dass Menschen nur kreativ miteinander sein können, wenn sie keinen uniformen Verband, sondern ein lebendiges, gleichsam atmendes Netzwerk bilden, das den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Walter Gropius sprach davon, „Alles in der Schwebe lassen“ zu wollen, als er sich zum Bauhaus als Personenverbund äußerte. Bruno Adler sprach von einem „lebendigen Organismus“. Ebenso wie das Bauhaus sollten auch Logen Orte sein, die sich dynamisch entfalten und der Kreativität des Einzelnen Raum geben. Die Verbindung entsteht durch den gemeinsamen Maßstab der Qualität.
  • Das Bauhaus weist uns, analog zum ersten Punkt, darauf hin, dass erfolgreiche Personenverbände ihre permanente Neuerfindung inszenieren und forcieren. Das Bauhaus liefert, ebenso übrigens wie die Documenta, das Musterbeispiel für eine kulturelle „Marke“, die das Ineinander und Miteinander von Identität und Neuerfindung bewältigt und organisiert. Bewegung und Identität sind keine Widersprüche, sondern Pole einer Bewegung, die ständig beide Aspekte im Blick hat.
  • Das Bauhaus liefert vor allem mit seinem Theater vielfältige, bislang überhaupt nicht diskutierte Ansatzpunkte für ein vertieftes Verständnis des Rituals als des Kernelementes der Freimaurerei. Mit seinem Triadischen Ballett führt Oskar Schlemmer am Bauhaus bewegte Bilder als dynamisierte Geometrien auf. Im Vordergrund steht nicht subjektiver Ausdruck, sondern eine konzertierte Bewegung mehrerer Spiele in einem planimetrischen Raum. Das Tanzspiel führt Bilder vor, ihre Schönheit als Ordnung. Dieser Aspekt führt unmittelbar zu den freimaurerischen Idealen mit ihrer Verbindung von Körperbewegung, gesprochener Sprache, Licht, Musik und bildhafter Symbolik.
  • Das Bauhaus organisiert sich nach innen, es wirkt aber auch dezidiert nach außen. Das Bauhaus will mit seinen Gestaltungen auch Gesellschaft verändern. Damit ist keine parteipolitische Aktivität gemeint, sondern ein Engagement für ein verbessertes Leben aller Menschen. Schönheit und Nützlichkeit werden deshalb von den Bauhäuslern zusammen gedacht. Diese Verbindung von innerer Aktivität und äußerer Wirkung fügt sich auch zu der Intention der Freimaurerlogen, mit ihren internen Übungen eine Praxis anzuleiten, die außerhalb der Logen verändernd wirken soll. Der Bezug auf das Bauhaus könnte helfen, diesen Bezug neu zu durchdenken – auch auf seine möglichen Konflikte und internen Widersprüche hin.
  • Das Bauhaus bietet auch ein Lehrstück für eine Dynamik, die ohne Konflikte niemals zu haben war. Erst in der Rückschau erscheint das Bauhaus als ein Monolith der Moderne – vor allem im Hinblick auf seine heute als klassisch erachteten Designprodukte. Die Entwicklung des Bauhauses war aber in Wirklichkeit von internen wie externen Konfliktlagen begleitet. Diese Geschichte sollten auch wir Freimaurer bewusst reflektieren.

Die hier kurz skizzierten Punkte zeigen auf, wie Freimaurer ein produktives Verhältnis zu der legendären Hochschule gewinnen können. Der Blick auf das Bauhaus sollte uns lehren, unser Verhältnis zu historisch-kulturellen Vorbildern insgesamt neu auszurichten. Dabei darf es weniger um bloße, zur Erstarrung neigende Identifikationen gehen als darum, produktive Fragen zu stellen. Es geht um Prozesse, nicht um Bestände! Das Bauhaus lehrt uns vor allem eines: nur diejenigen, die sich heute bewegen, werden morgen die Klassiker sein!

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Freimaurerei — Tradition des Menschlichen

Foto: Dmitriy Sladkov / Adobe Stock

Wir Freimaurer sind Suchende. Das ist unsere Überzeugung, das entspricht unserem Menschenbild, und so lehren es immer wieder unsere Symbole und Rituale. Vollkommenheit ist unsere Sache nicht.

Festzeichnung zum 275. Stiftungsfest der Braunschweiger Loge “Carl zur gekrönten Säule” vom 23. Februar 2019

Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

Der Mensch – so hat Goethe einmal gemeint – brauche für seine Entwicklung Wurzeln und Flügel. Doch Wurzeln und Flügel brauchen auch die von Menschen geschaffenen Institutionen, zu denen ja auch die Freimaurerei gehört. Wurzeln braucht die Freimaurerei, weil sie sich – gerade, wenn sie im heute leben und kein erstarrtes Relikt der Vergangenheit sein will – nur von ihren historischen Fundamenten her, nur aus ihrer Geschichte heraus entwickeln und erneuern kann: Dies gilt für ihre Ideen, dies gilt für ihre Symbole und Rituale, dies gilt für die Interdependenzen zwischen Freimaurerei, Gesellschaft, Kultur und politischer Entwicklung. Freimaurerei kann nicht neu erfunden werden: Nur Geschichte bietet Legitimation, nur Geschichte begründet Identität, nur Geschichte ermöglicht Zukunftsorientierung, Orientierung auch für notwendigen Wandel.

Wir Freimaurer sind Suchende. Das ist unsere Überzeugung, das entspricht unserem Menschenbild, und so lehren es immer wieder unsere Symbole und Rituale. Vollkommenheit ist unsere Sache nicht. Aber wir Freimaurer sind nicht nur Suchende. Wir sind auch Menschen, die gefunden haben. Wir haben Freunde gefunden. Wir haben Sinn gefunden, Sinn, der durch die alten Werte Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz vermittelt wird, und wir haben im Tempel einen Raum der Innenschau gefunden, in dem wir uns selbst in der Beziehung zu unseren Brüdern neu und kreativ erleben können, einen Raum, wo wir dem auf die Spur kommen, was das Leben erfordert: Sicherheit der Orientierung, gelassene Kraft und inspirierende Freude! Auf diesem festen Fundament aber gilt wiederum – wie für den einzelnen Maurer, so auch für die Freimaurerei insgesamt – die Pflicht zum Aufbruch! Nur wenn wir uns verändern, können wir bleiben, was wir sind: eine alte und doch zukunftsfähige Bruderschaft.

Am Beginn der freimaurerischen Geschichte als historisch greifbarer Institution, am Beginn des 18. Jahrhunderts, vor mehr als 300 Jahren, standen vielfältige Motive und Erwartungen:

  • Hoffnungen auf das Erlebnis menschlicher Gleichheit jenseits aller Schranken von Stand, Nation und religiösem Bekenntnis;
  • Hoffnungen auf neue Formen gesellschaftlicher Einbindung in den die Menschen oft entwurzelnden Wandlungsprozessen des 18. Jahrhunderts;
  • Hoffnungen auf eine dogmenfreie, lichte Religiosität;
  • Hoffnungen auf einen sicheren Raum für Kritik und Reflexion in den repressiven Strukturen des Absolutismus, orientiert an der Utopie einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politischen Zukunft.

Die Worte und Töne von Mozarts „Kleiner Freimaurer-Kantate“ bringen wohl mehr als Dokumente allein aus Papier jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre der Loge „Carl zur gekrönten Säule“ bestimmt haben mag, die vor 275 Jahren in der ersten großen Gründungswelle der deutschen Logengeschichte hier in Braunschweig konstituiert wurde, die mit Stolz die Matrikelnummer 15 trägt und deren Stiftungsfest wir heute feiern.

Es geht um jeden einzelnen Menschen

Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es war immer wieder dieser neu entdeckte Mensch selbst, der im Zentrum von Freimaurerei und Loge stand. Nicht um den Menschen als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn. Um den Einzelmenschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“ – so gibt der besorgte Priester vor Taminos Aufnahme zu bedenken, doch Sarastro hat das bessere Argument, wenn er feststellt: „noch mehr, er ist Mensch“, und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein“.

Die politisch-soziale Systematik zum Vorrang des Einzelmenschen findet sich dann in Lessings programmatischer Freimaurerschrift “Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer” aus dem Jahre 1778, geschrieben in bester Braunschweiger Nachbarschaft: „Die Staaten“ – so heißt es dort – „vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!“ Und an einer anderen Stelle von „Ernst und Falk“ heißt es scharf anti-ideologisch pointierend, dass die Natur nicht „die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat, Vaterland und dergleichen“ zur Absicht gehabt hätte, „sondern die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnen Wesens“.

Es war die Aufklärung, die vor mancherlei Irrwegen im späten 18. Jahrhundert – Stichwort „strikte Observanz“ – weitgehend das Denken und das Dichten der Freimaurer bestimmte. Die Texte der Lessing, Wieland und Herder, lebendig geblieben bis in unsere Zeit, sind Ausdruck der in ihnen entworfenen Utopie eines befreiten Menschen in einer nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne. „Die Freimaurerei ist ihrem Wesen nach ebenso alt wie die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprössling der Freimaurerei ist.“ Dies sind noch einmal Worte Lessings zur Bedeutung, die der Freimaurerbund im 18. Jahrhundert als fortschrittliche soziale Kraft besessen hat. Die moderne Aufklärungsforschung bestätigt diesen Befund, so wenn etwa der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck die Logen in seiner epochemachenden Schrift „Kritik und Krise“ von 1959 als das „stärkste Sozialinstitut der moralischen Welt im achtzehnten Jahrhundert“ bezeichnet.

Das Angebot der Freimaurerei

Damals war das Angebot der Freimaurerei ebenso eindeutig wie attraktiv. Damals schlossen sich Bürgerliche und aufgeklärte Adelige über trennende gesellschaftliche Schranken hinweg in den Logen zusammen, um als „bloße Menschen“ am Gerüst einer besseren Welt zu „arbeiten“. Ihre Ziele waren gesellschaftliche Gleichheit, menschliche Aufgeschlossenheit und Toleranz, Selbstbefreiung durch Erkenntnis und Wissen, Frieden und Weltbürgertum. Die Logen verstanden sich dabei nicht als politische Aktionsgruppen. Sie bildeten in ihrem informellen Verbund vielmehr eine „moralische Internationale“ (auch dies ein Wort Kosellecks), wie ja auch schon im Jahre 1723 die erste der alten Freimaurerpflichten gefordert hatte: „Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, das Sittengesetz zu befolgen“. Doch diese Verpflichtung allein auf moralische Maßstäbe, vermittelt durch das individuelle Gewissen, machte die Freimaurer bald den reaktionären Kräften in etablierter Politik und Religion verdächtig, führte zu Verboten und Verfolgungen und veranlasste die Freimaurer wiederum, sich durch Verschwiegenheit vor dem Zugriff der absolutistischen Staaten und der Kirchen zu schützen.

Das Logengeheimnis hatte eine doppelte Funktion: Es schützte vor Verfolgung und bewirkte eine festere Integration der Logenmitglieder, denn – so der Freimaurer Goethe – „auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“. Das Geheimnis der Freimaurer hatte zugleich einen dialektischen Charakter: Im Geheimen bereitete sich Öffentlichkeit vor. Die Logen waren, nach der Kennzeichnung des Historikers und Philosophen Jürgen Habermas, „Enklaven bürgerlichen Gemeinsinns“. „Die Freiheit im Geheimen“, so wiederum Koselleck, „wurde zum Geheimnis der Freiheit“, jener Freiheit nämlich, die bald als breiter Strom die europäische und nordamerikanische Geschichte erfassen sollte.

Viele Wegbereiter einer besseren Zukunft gehörten dem Freimaurerbund an. Dass es die Logen verstanden, Träger der Verheißung einer besseren, einer menschlicheren Welt zu sein, machte ihr Angebot aus, gab ihnen Nimbus und Ausstrahlung und sicherte ihnen als „Mode des Jahrhunderts“ – so der Preußenkönig Friedrich – einen festen Platz im gesellschaftlichen, politischen und geistigen Leben ihrer Zeit. Doch Freimaurer waren nicht nur Verkünder von Ideen, sie waren auch Träger und Gestalter von Kultur, und Namen wie Lessing, Goethe und Mozart markieren Haltepunkte auf einem Spannungsbogen der Schönheit, der Sinn und Sinnlichkeit, Prinzip und Lebensfreude, Kunst und Kultur miteinander verbindet.

So weit, so gut.

Aber ist diese Geschichte heute noch lebendig? Reicht der umschriebene Spannungsbogen freimaurerischer Tradition kraftvoll in die Gegenwart hinein? Hat der Freimaurerbund auch heute noch eine Funktion in der Gesellschaft?

Wir Freimaurer wissen, dass wir uns diesen Fragen zu stellen haben, immer wieder und nicht zuletzt an Haltepunkten unserer Geschichte, wie Stiftungsfeste sie darstellen. Wir müssen nach Antworten suchen, um fähig zu sein, unsere eigene Zukunft zu gestalten und um andere Menschen dazu einzuladen, unseren Weg mitzugehen. Dabei hängen Klärung nach innen und Auskunft nach außen untrennbar zusammen: Uns Freimaurern kann an unserem Bund immer nur das deutlich werden, was sich in klarer Sprache nach außen vermitteln lässt.

Was ist der Freimaurerbund in der Gesellschaft von heute?

Zunächst: Was ist er nicht? Er ist nicht, was alte und neue Fehlbeurteilungen in ihm sehen: Er ist keine politische Bewegung, er ist keine Macht im Verborgenen, er ist weder Geheimbund noch Verschwörung, er ist nicht Ersatzreligion, Nebenkirche oder esoterische Sekte. Er ist ein alter, aus bester europäischer Tradition hervorgegangener Freundschaftsbund freier, sozial aufgeschlossener, einander zugewandter Menschen, die nicht mehr, aber auch nicht weniger wollen, als der alten Idee des Menschen, seines Lebensrechts, der Entfaltung seiner Kreativität und der Bewahrung seiner Würde unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart und angesichts vieler neuer Gefahren und Herausforderungen etwas mehr Geltung in der tagtäglichen Realität zu verschaffen.

Dabei wirken wir nicht durch das Propagieren unserer tradierten humanitären Leitvorstellungen, die heute auch bei vielen anderen politischen und sozialen Gruppierungen anzutreffen sind, wir paradieren nicht unter den Spruchbändern der Propaganda, und wir wirken schon gar nicht durch politische Profilierung und Radikalität, der sich die Freimaurerei bewusst versagt. Wir wirken vielmehr durch eine schlichte, aber wirksame Methode: Wir versuchen ganz einfach, den Menschen, so wie er ist, ernst zu nehmen in seiner dreifachen Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen und einer emotionalen Persönlichkeit, die in jeder dieser Eigenschaften ganz spezifische Bedürfnisse hat, und wir bemühen uns in unseren Logen darum, diesen Bedürfnissen gleichzeitig zu entsprechen.

Wie können wir das?

Ganz einfach durch den besonderen, auf drei Säulen ruhenden Charakter des Freimaurerbundes:

  • als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen;
  • als ethisch-moralisch ausgerichteter Bund, der sich an bleibend gültigen Werten und Überzeugungen orientiert
  • und schließlich, aber nicht zuletzt als symbolischer Werkbund, der sein überliefertes Brauchtum, seine Symbole und seine Rituale zur gefühlsmäßigen, erlebnishaften Vertiefung seiner Überzeugungen nutzt.

Dieses dreifache Angebot, von dem wir Freimaurer meinen, das es der Grundsituation des Menschen als dem fragenden, dem suchenden Wesen entspricht, scheint uns nun durchaus aktuell zu sein in der heutigen Zeit der gesellschaftlicher Umschichtung, des Wandels vieler sozialleitender Werte und des Aufkommens zahlreicher neuer Bedrohungen der Menschlichkeit sowohl in der individuellen Lebenswirklichkeit jedes einzelnen von uns als auch in gesamtgesellschaftlicher, ja globaler Dimension.

Die drei genannten Säulen – Gemeinschaft, ethisch-moralische Orientierung und rituelles Brauchtum – gehören untrennbar zusammen und stehen doch in einem Spannungsverhältnis zueinander. Freimaurerei gelingt immer da, wo die Spannung zwischen Idee und Gemeinschaft, zwischen Nachdenken und Handeln, zwischen Verstand und Gefühl, zwischen der Geschlossenheit des Bruderbundes und seiner prinzipiellen Offenheit für neue Menschen, neue Ideen und neue Erfahrungen kraftvoll ausgehalten wird.

Erste Säule: Freimaurerei als Freundschaftsbund

Zunächst: Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen wollen die Freimaurerlogen der Gefahr einer Isolierung des Einzelmenschen in der modernen Konsum- und Industriegesellschaft entgegenwirken. Sie folgen damit ihrer speziellen Tradition, Trennendes zu überwinden, Gegensätze abzubauen, Verständigung und Verständnis zu fördern sowie Menschen zu verbinden, die sich nach Herkunft und Interessenlage sonst nicht begegnen würden. Gerade in der heutigen Zeit sind durch Spezialisierung und Funktionsteilung der modernen Berufs- und Arbeitswelt, durch die Digitalisierung, durch die Ausdifferenzierung des Konsum- und Freizeitverhaltens und durch die Folgeerscheinungen der Migration neue Schranken zwischen den Menschen entstanden. All diesen Spaltungen gegenüber wollen die auf Freundschaft gegründeten Logen Stätten menschlicher Begegnung über alle sozialen und politischen Schranken hinweg sein, sie wollen als „Kitt“ wirken, der die Gesellschaft zusammenhält und der so nötig ist in einer Gesellschaft, die auseinander zu treiben scheint.

Die Logen und die Menschen in ihnen wollen sich miteinander und mit anderen Menschen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität übersichtliche und humane Lebenswelten geschaffen und erhalten werden. Allerdings: Lebendig sind die Logen nur dann, wenn die Brüder sich und ihren Bund als Freimaurer ernst nehmen. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr. Nichts ist wichtiger als durch engagierte Mitmenschlichkeit glaubwürdig zu sein.

Zweite Säule: Freimaurerei als Wertegemeinschaft

Freimaurer wissen, dass der Mensch ohne Lebenssinn und moralische Orientierung nicht leben kann. Der Mensch will wissen, was Gut und Böse ist, – so konstatierte bekanntlich schon das Buch Genesis. Er braucht Werte. Dieser Grundnotwendigkeit menschlicher Existenz wollen die Freimaurer Rechnung tragen. Sie versuchen auch heute, sich an den alten und zugleich stets aktuellen Werten ihrer besten Tradition zu orientieren: Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit.

Die Allgemeinheit dieser Wertvorstellungen darf nicht irritieren, auch nicht die Tatsache, dass die Freimaurerei diese Werte mit anderen Gruppen teilt. Zum einen sehen wir durchaus einen Vorteil darin, mit anderen Menschen und Gruppen guten Willens in bestimmten Kernwerten überein zu stimmen, Kernwerten, ohne die keine individuelle und soziale Existenz gelingen kann. Und wir haben es durchaus als Bestätigung erlebt, als ein großes geistiges Vorhaben der jüngeren Vergangenheit, wie das von Hans Küng propagierte Projekt „Weltethos“ sich vielfältig mit freimaurerischem Gedankengut berührte.

Zum anderen kommt es uns nicht auf das Propagieren, sondern auf das Umsetzen ethisch-moralischer Positionen an. Und so besteht Freimaurerei nicht zuletzt im Praktizieren ganz bestimmter Methoden zur Einübung und Umsetzung der genannten Kernwerte: „Einübungsethik“ ist deshalb die Ethik der Freimaurerei vom Aachener Philosophen und Freimaurer Klaus Hammacher zurecht einmal genannt worden.

Auf ein ganz persönliches und individuelles Einüben von Umgangsstilen vor allem ist sie angelegt:

  • Stile des Umgangs mit sich selbst,
  • Stile des Umgangs mit dem Mitmenschen,
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt und mit Transzendenz.

Im Rahmen dieser „Einübungsethik“ kommt neben dem alten Bauhüttenbrauchtum dem brüderlichen Gespräch große Bedeutung zu. Auch hier hat Lessing das Leitmotiv angegeben: „Nichts geht über das laut denken mit einem Freunde.“ Ein Diskurs unter Freunden soll Möglichkeiten schaffen, sich zu orientieren, die Welt klarer zu erkennen, sich gemeinsam aus Vorurteilen herauszudenken und sich im Miteinander suchender Menschen zum humanitären Handeln zu motivieren.

Vor allem muss es uns darauf ankommen, eine neue Sensibilität zu entwickeln. Freimaurer sollten sich um die Einsicht bemühen, dass richtiges Fragen wichtiger ist als vorschnelles, zu kurz gegriffenes Antworten. Damit dies gelingen kann, ist Offenheit erforderlich:

  • Offenheit für das Wahrnehmen zeitbestimmender, möglicherweise zukunftsgefährdender Trends,
  • Offenheit für innovative Lösungen,
  • Offenheit für den Mitmenschen im unvermeidbaren Lösungskonflikt, wozu auch die Bereitschaft gehört, eigene Interessen lediglich maßvoll zu vertreten.

Nicht zuletzt aber ist die strikte Verpflichtung zu einer kritisch-selbstkritischen Haltung erforderlich. Eine solche fällt, so wie wir Menschen nun einmal sind, nicht leicht. Rechthaberei ist auch den Freimaurern nicht fremd. Doch um Abhilfe zu schaffen, kann auch hier an Traditionen der Aufklärung und an altes freimaurerisches Denken angeknüpft werden, an die Einsicht nämlich, dass selbst das Bekenntnis zu Menschlichkeit und Brüderlichkeit zum Dogma erstarren kann, wo die Bereitschaft fehlt, auf kritische Argumente zu hören und von der Erfahrung zu lernen.

Es geht um die einmal von Karl Raimund Popper formulierte Erkenntnis, dass zur Lösung vieler Probleme eine Einstellung gehört, „die zugibt“, – so Zitat Popper – „dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst, und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden.“

Hier ist auch abermals an ein Wort und eine Warnung Lessing zu erinnern, „dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht“, und dass „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Dritte Säule: Freimaurerei als symbolischer, als ritueller Werkbund

Wenn der Freimaurerbund sich schließlich als Symbolgemeinschaft eines überlieferten Bauhüttenbrauchtums – präziser: Brauchtums eines moralischen Bauens – und noch älterer, kulturgeschichtlich tradierter Symbole bedient, wenn er versucht, archaische Mythen in rituellen Handlungen seelisch erlebbar zu machen, so will er damit einem einseitigen Vordringen rationaler Tendenzen und dem damit verbundenen Zurückdrängen der emotionalen Seite menschlicher Existenz entgegenwirken. Die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) durch den technischen Fortschritt und die von ihm geprägte Unrast des zivilisatorischen Daseins bedarf der Ergänzung und der Korrektur durch einen Raum der Besinnung, der Kontemplation, der Stille, der Suche nach einem ganz anderen und zugleich ganz wesentlichen Sein.

Freimaurer verschließen sich nicht den modernen technischen Lebens- und Arbeitsformen, zu deren Vermenschlichung sie beitragen wollen. Sie sehen aber in der tätigen Daseinsbewältigung nur eine Seite menschlicher Existenz, die der Ergänzung bedarf. Im freimaurerischen Brauchtum wird diese Ergänzung vermittelt, werden Wege aufgezeigt in das oft verschüttete Universum in uns selbst.

Zunächst: Die Zugänge des einzelnen Freimaurers zu Symbolen und Ritualen können durchaus unterschiedlich sein:

  • Diesen mag vor allem die kontemplative Seite des Brauchtums ansprechen, das Ruhe-Finden, das Zu-Sich-Kommen.
  • Jener mag in erster Linie vom esoterischen Gehalt des Brauchtums angezogen werden, vom behutsamen Ansprechen der Beziehungen Mensch – Welt, Mensch – Kosmos, Immanenz – Transzendenz.
  • Ein anderer wiederum schätzt vor allem die ethisch-erzieherische Qualität des Rituals: tauglicher zu werden als moralischer Baustein in seiner ganz konkreten Lebenswelt.

Daraus folgt, dass auch im Umgang mit Symbolen und Brauchtum “Offenheit” eine zentrale Kategorie der Freimaurerei ist. Auch im Ritualverständnis ist dem Freimaurerbund jeder sektiererische Fundamentalismus fremd: Freimaurerei als geordnete Freiheit – dies gilt auch hier.

Da ist einmal der geschlossene Logenraum, die Bauhütte, der Tempel, in der wir einen Teil unserer Veranstaltungen abhalten, als Stätte der Ruhe, der Besinnung, der Selbsterfahrung. Freimaurerlogen sind keine Fluchtburgen vor den Pflichten des Alltags, keine Schutzwälle, hinter denen sich lebensuntüchtige Männer mit dem Rücken zur Gegenwart in die vermeintlich heile Welt des Mittelalters zurückträumen. Bauhütten wollen aber Plätze der Nachdenklichkeit sein, des Sammelns von Kraft für die Anforderungen, die das Leben täglich an jeden einzelnen von uns stellt.

Da ist weiter die rituelle „Arbeit“ als Ordnung der Zeit. „Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum“ ist, betont der französische Dichter Antoine des Saint-Exupéry. Dies wird von ihm weiter erläutert: „Denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist.“ Das Mittel, die Zeit zu gestalten, ist ihre Gliederung durch herausgehobene Haltepunkte. Unsere Tempelarbeit soll ein solcher Haltepunkt sein, kein Ausstieg, wohl aber eine Atempause im Strom der geschäftigen Zeit, ein festliches „Moratorium des Alltags“ (Odo Marquard). Freimaurer verstehen es, Feste zu feiern! Vielleicht macht auch dies einen Teil der von ihnen angestrebten und praktizierten Menschlichkeit aus.

Ein Weiteres: Freimaurerisches Brauchtum ist Mittel der Erziehung. Viele Symbole unseres Bundes sind Maßstäbe kritischer Prüfung: der rechte Winkel als Maß richtigen, gerechten Handelns, der vierundzwanzigzollige Maßstab als Mahnung sinnvoller Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, die Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Ein Viertes: Wesentlich ist auch, dass freimaurerisches Brauchtum bildhaftes Erleben menschlicher Entwicklung vermittelt. „Rites des passages“, Übergangsriten, symbolische Reisen verdeutlichen menschliche Entwicklung, zeigen die Gefährdung des Menschen, seine Einsamkeit, ja seinen Tod, seine Verwiesenheit auf Gemeinschaft und die Pflicht der Gemeinschaft zu helfen.

Auch die freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters symbolisieren menschliche Entwicklungspotentiale. Nicht in dem Sinne, dass irgendein Freimaurer Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der inneren Weiterentwicklung, der Selbstverwirklichung, des „Werde, der Du bist“. Hier wirkt ein positives Menschenbild, das Sicherheit gibt und Selbstvertrauen stärkt.

Letztlich vermittelt das freimaurerische Brauchtum auch Hinweise auf eine höhere Verantwortung des Menschen, auf seinen Bezug zur Transzendenz. Wenn wir Freimaurer das Symbol des Großen Baumeisters aller Welten als Zeichen für ein höheres Ordnungsprinzip verwenden, so erinnern wir uns daran, dass sinnvolles Leben wohl nur dann gelingen kann, wenn sich der Mensch einem übergeordneten Prinzip, einer transzendenten Seinsschicht, einem “supreme being” (so nennt es die englische Freimaurerei) verantwortlich und auf diese rückbezogen fühlt. Freimauerei ist keine Ersatzreligion, und die Logen sind keine Konkurrenz- oder Nebenkirchen. Die Bauhütte mit ihrer Symbolik ist jedoch eine Stätte, die den Menschen – einerlei ob er glaubt, ob er Agnostiker ist oder Atheist – in höhere, umgreifende Zusammenhänge stellt, die ein Fenster offen hält zur Transzendenz, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

All diese Wirkungen unserer Symbole und Rituale werden nun dadurch vermittelt, dass sich die Brüder Freimaurer in der Geschichte ihres Bundes vier große Symbolkomplexe geschaffen haben, vier Gruppen von masonischen Lebensmetaphern sozusagen, die Freundschaft, Ethik und Ritual zusammenbinden und das Gedachte und Gewollte in unsere Person einschreiben, damit es wirken und unser Denken und Handeln bestimmen kann: Die Metaphern des Lichtes, die für Wahrheit, Aufklärung und Transzendenz stehen, die Metaphern des Wanderns, des Reisens, die uns deutlich machen, dass wir unterwegs sind, dass wir Aufgaben haben, dass uns Gefahren drohen, dass wir darauf Achthaben müssen, dass uns die Zeit nicht nutzlos verrinnt, die Metaphern des Bauens, die uns auffordern, tätig zu sein zum Besseren der eigenen Person und zum Besseren der uns umgebenden Welt und die uns anmahnen, dafür zu sorgen, dass der Tempel der Humanität, dessem Weiterbau wir uns ja verschrieben haben, nicht vorzeitig zur Bauruine wird. Schließlich die Metaphern der Brüderlichkeit, der Mitmenschlichkeit, der Liebe. Wir gehen nicht allein, wir handeln gemeinsam, wir erfahren Rat und Hilfe von anderen. Aber wir müssen Acht haben auf unseren Umgang miteinander, damit es wirklich bleibt bei dem, was wir mit unserem Bruder Wolfgang Amadeus so gern singen: „Unsrer Freundschaft Harmonien dauern ewig fest und schön.“

Ich komme zum Schluss:

  • Freimaurerei als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen,
  • Freimaurerei als Ethos und als Bindung an unverändert gültige Werte,
  • Freimaurerei als Symbolbund:

Dies zusammen in spannend-spannungsvoller Einheit – als „Gesamtkunstwerk“ gleichsam – bildet Reichtum und Wesen unserer Überlieferung. Freimaurerei ist keine Ideologie, sie stellt kein flächendeckendes Programm dar und bedeutet schon gar nicht politischen Aktionismus. Die Radikalität des Freimaurers, wenn es denn überhaupt eine solche gibt, ist die stille, zugleich aber nachhaltige Radikalität beständigen Fragens, Prüfens und Bereitseins. Freimaurerei in diesem Sinne lebendig zu halten und hinein wirken zu lassen in die Gegenwart, engagiert und redlich, mit klaren Gedanken und ausgeprägter Identität, ohne Kleinmut, aber auch ohne Überheblichkeit und in guten Stunden gar mit dem ganzen Charme eines zutiefst menschlichen Spiels, das ist unsere Aufgabe, das ist der Auftrag der humanitären Freimaurerei, die dem Menschen dienen will, die vom Menschen ausgeht und in freier Selbstbestimmung von in Freundschaft verbundenen Menschen getragen und gestaltet wird.

Wir wissen um Herkunft und Auftrag. Wir sind uns bewusst, dass es mehr denn je auf den auf den verantwortlichen Menschen ankommt, aber auch auf den ganzen Menschen, der Vernunft und Emotionalität, Eigenständigkeit und Hinwendung zur Gemeinschaft verbindet.

Für diesen Menschen haben wir ein Angebot, ein Angebot, von dem wir meinen, dass es nicht überholt, sondern durchaus aktuell ist: das Angebot Freimaurerei!

Wir Freimaurer wissen dabei, dass wir heute eine Gruppe unter vielen sind, die sich um Leben, um Frieden, um Menschlichkeit bemühen, und wir wissen auch, dass viele dazu beitragen müssen, um Wege aus der Gefahr zu finden und dieser Welt eine verlässliche Zukunft zu sichern.

Wir wollen unseren Beitrag leisten, denn unsere Überzeugungen und unsere Symbole fordern uns dazu auf. Lösungen erfordern freilich Ausdauer. Unerlässlich bei der Suche nach Lösungen ist ein „unentmutigter Starrsinn, der – so der Schriftsteller Siegfried Lenz anlässlich der Verleihung des Literaturpreises deutscher Freimaurer an ihn – „(der) auch angesichts großer Wirkungslosigkeit nicht aufhört, seine Fragen an die Welt zu stellen.”

Und Lenz schloss mit Worten, die heute auch meine Schlussworte sind:

„Die alten Symbole Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei zeugen von der Beharrlichkeit einer Hoffnung, die sich durch nichts widerlegt sehen will: Vor der etablierten Ungerechtigkeit nach Gerechtigkeit zu verlangen, in Zeiten der Ungleichheit Gleichheit zu fordern, angesichts tätiger Feindseligkeit geduldig zur Brüderlichkeit zu überreden.“

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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