Was nicht im Archiv steht, wird nicht gefunden

Seit mehr als 10 Jahren betreut Br. Hartmut Jentzsch das Großlogenarchiv in Altenburg. Eine große Kiste mit ungeordneten Papieren, Dokumenten aus vergangenen Jahrzehnten, Büchern und Infobroschüren steht vor ihm auf dem Tisch. Sie stammt aus einer kürzlich aufgelösten Loge.

„Das müssen wir jetzt alles ins Archiv einpflegen“, erklärt Br. Hartmut Jentzsch, während er den Laptop hochfährt. Eine Aufgabe, die ihm keine Angst macht, denn diesbezüglich hat er schon ganz anderes erlebt: Riesige Massen an Archivgut haben sie damals sortiert und registriert, vor etwa 12 Jahren, als alles begann. Wochenlang haben sie Blatt um Blatt sorgfältig ausgewertet und in eine Datenbank eingetragen.

In Altenburg in Thüringen befindet sich eines der schönsten und ältesten Logenhäuser Deutschlands. 1804 wurde es eingeweiht. Bis heute dient es der 1742 gegründeten Loge „Archimedes zu den drei Reißbretern“ als Heimstatt. Nachdem das Anwesen 1935 von den Nationalsozialisten enteignet worden war, befand es sich zu DDR-Zeiten im Besitz der Stadt Altenburg. 1992 wurde das Haus an die Großloge A.F.u.A.M.v.D. rückübertragen. Es wurde als modernes Veranstaltungshaus saniert, viel Geld wurde investiert, und lange beschäftigte es — vor allem wegen des finanziellen Aufwandes — die Gemüter. Beim Großlogentag 2002 in Altenburg fiel die Entscheidung, das Archiv der Großloge A.F.u.A.M.v.D. in Altenburg anzusiedeln. 2007 begann die eigentliche Arbeit am Aufbau des Archivs.

„Damals war Br. Dennis Kramer der Großarchivar“, erzählt sein Nachfolger Hartmut Jentzsch, „er fragte mich, ob ich ihm nicht helfen könne.“ Die Archivschränke und Regale waren schon aufgebaut, was fehlte, war der Inhalt. Das erste Archivgut kam vor allem aus dem Deutschen Freimaurermuseum in Bayreuth. „Die hatten einen feuchten Keller und wollten das Papier dort raushaben. Genau so sah es auch aus, als es hier ankam: Zum Teil nur noch Schnipsel. Der ganze Raum war voller Kisten und Säcke mit Papier.“ Die Brüder Dennis Kramer und Hartmut Jentzsch baten den damaligen Altenburger Stuhlmeister, er möge doch einige helfende Brüder mobilisieren, um die riesigen Mengen an Dokumenten zu sichten, zu entklammern, zu säubern und archivgerecht zu verpacken: „Alle paar Minuten kam einer mit einem fertigen Umschlag, ich habe reingeguckt, alles im Computer registriert und eingetragen. So ging das ungefähr sechs Wochen lang“, erzählt Br. Hartmut Jentzsch, „dann hatten wir den Grundstock.“

Besonders stolz ist der Bruder Großarchivar auf die Software, die extra für diese Mammutaufgabe programmiert wurde: für Erfassung, Recherche und Datenpflege.  Das Archivgut stammt zum größten Teil aus der Kanzlei der Großloge. Einige Akten sind den Vereinigten Großlogen oder dem Schottischen Ritus zuzuordnen. Vieles kommt aus den Distrikten, manches aus einzelnen Logen, ein umfangreicherer Bestand vom „Collegium Masonicum“ ist dabei, auch das Freimaurerische Hilfswerk und die Geschäftsführung haben ihre Dokumente hier hinterlegt.

Es ist kein museales Archiv, in dem man große Schätze aus der Frühzeit der Freimaurerei erwarten darf. Eine Stiftungsurkunde aus dem 18. Jahrhundert wird man hier nicht finden. „Das Archiv geht zurück bis zur Gründung unserer Großloge in den 40er Jahren“, erklärt Br. Hartmut Jentzsch und gibt den Namen des ersten Großmeisters Theodor Vogel in die Suchmaske ein. Schnell wird er fündig: „Hier zum Beispiel aus dem Jahre 1952, eine Akte des Collegiums Masonicum — Kasten 35, Nr. 1368.“
Es gibt inzwischen mehr als 2300 Inventarnummern in über 800 Archivkästen. Jede Inventarnummer umfasst in der Regel bis zu 800 Seiten. Und jede dieser Akten hat der Bruder Großarchivar persönlich in die Hand genommen, gelesen oder zumindest überflogen.

Bruder Hartmut Jentzsch ist aber nicht nur Verwalter des Archivs, sondern auch einer seiner fleißigsten Nutzer. Vor sechs Jahren schrieb er eine Chronik über das „Collegium Masonicum“ in Niedersachsen. Dafür hat er viele Dokumente hier einsehen können. Auch andere bekannte Freimaurerforscher, wie Br. Hans-Hermann Höhmann oder Br. Alexander Süß, sind gute „Kunden“ des Altenburger Großlogenarchivs.

Deshalb hat der Großarchivar auch eine Mission: „Was die Logen und die Brüder nicht ins Archiv geben, können wir nicht finden. So einfach ist das“, sagt er. Eigentlich sollte es in den Distrikten einen Distriktarchivar geben. Doch er selbst kenne überhaupt nur zwei in Deutschland, meint Br. Hartmut. Der Distriktarchivar sollte die Logen laufend mahnen, ihren Schriftverkehr ins Archiv zu geben, gerne auch als Kopie, vor allem Wahlunterlagen. Es ist ein Aufruf an die Logen, ihre Tätigkeiten zu dokumentieren, die Akten regelmäßig abzuheften. „Wir haben zum Beispiel das komplette Archiv des Distriktes Niedersachsen hier. Dort läuft das hervorragend, die haben einen eigenen Archivar, der ordnet die Unterlagen vor und ich brauche das nur noch in Archivkästen zu packen und zu nummerieren.“ So sollte das eigentlich laufen. Eigentlich.
Es ist schon erstaunlich, dass viele Logenchronisten über einen Zustand klagen, der kaum nachvollziehbar ist: Akten aus der Frühzeit der Freimaurerei, aus dem 18. und 19. Jahrhundert gibt es jede Menge. Viele Logen können — auch dank der Bestände im Berliner Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz — auf eine nahezu lückenlose Dokumentation ihrer Geschichte bis Anfang der 30er Jahre zurückblicken. Doch was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschehen ist, können die Forscher meist nur unter größten Mühen in Erfahrung bringen. „Heute kümmert sich oft niemand mehr“, sagt Br. Hartmut Jentzsch, „die Sekretäre in den Logen wechseln häufig, geben die Unterlagen nicht weiter. Oder es ist alles auf irgendeinem Rechner gespeichert, der irgendwann kaputt geht.“ Das Gedächtnis der Logen geht auf diese Weise verloren oder bekommt zumindest Lücken.

Jede Loge sollte sich ein Konzept für ihre Archivierung zurechtlegen, rät der Großarchivar. Natürlich kommen auch Stadtarchive oder das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem, wo bereits die meisten Logenakten aus der Zeit vor 1935 lagern, in Frage. Doch auch das Altenburger Großlogenarchiv hat noch viel Platz: „Wenn eine Loge kommt und mir einen Kasten mit Archivgut bringt, dann wird das unter dem Logennamen eingeordnet.“

Der größte Lieferant von Archivgut ist jedoch nach wie vor die Kanzlei der Großloge. „Vor zwei Jahren bekamen die einen neuen Fußboden und haben aussortiert, da erhielt ich eine ganze Lkw-Ladung mit Archivgut“, erinnert sich Br. Hartmut Jentzsch. Im Augenblick versucht er, bei der Beschreibung und Auswertung noch stärker ins Detail zu gehen, um die Suche zu vereinfachen.

Doch so langsam wird es Zeit, ans Aufhören zu denken: Bruder Hartmut ist Jahrgang 1941 und wohnt nicht in Altenburg, sondern in Hannover. Die regelmäßigen Fahrten nach Thüringen werden nicht einfacher für ihn. Als er das Amt des Großarchivars bekam, ging er gerade in Rente. Der Architekt musste sich das Wissen um und über das Archivwesen erst einmal aneignen. Seit November 1987 ist Br. Hartmut Jentzsch Freimaurer, war 2004 bis 2007 Meister vom Stuhl der Loge „Zum Schwarzen Bär“ in Hannover und arbeitet seit vielen Jahren im Ritualkollegium der Großloge mit. 2010 wurde er zum Großarchivar der Großloge berufen. „Inzwischen geht es los mit Zipperlein“, sagt Br. Hartmut Jentzsch, ohne sich zu beklagen. So sei das nun einmal. Doch in nicht allzu langer Zukunft brauche er einen Nachfolger, weiß er. Und der scheint jetzt tatsächlich in Sicht.

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