Freimaurerei — Tradition des Menschlichen

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Wir Freimaurer sind Suchende. Das ist unsere Überzeugung, das entspricht unserem Menschenbild, und so lehren es immer wieder unsere Symbole und Rituale. Vollkommenheit ist unsere Sache nicht.

Festzeichnung zum 275. Stiftungsfest der Braunschweiger Loge “Carl zur gekrönten Säule” vom 23. Februar 2019

Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

Der Mensch – so hat Goethe einmal gemeint – brauche für seine Entwicklung Wurzeln und Flügel. Doch Wurzeln und Flügel brauchen auch die von Menschen geschaffenen Institutionen, zu denen ja auch die Freimaurerei gehört. Wurzeln braucht die Freimaurerei, weil sie sich – gerade, wenn sie im heute leben und kein erstarrtes Relikt der Vergangenheit sein will – nur von ihren historischen Fundamenten her, nur aus ihrer Geschichte heraus entwickeln und erneuern kann: Dies gilt für ihre Ideen, dies gilt für ihre Symbole und Rituale, dies gilt für die Interdependenzen zwischen Freimaurerei, Gesellschaft, Kultur und politischer Entwicklung. Freimaurerei kann nicht neu erfunden werden: Nur Geschichte bietet Legitimation, nur Geschichte begründet Identität, nur Geschichte ermöglicht Zukunftsorientierung, Orientierung auch für notwendigen Wandel.

Wir Freimaurer sind Suchende. Das ist unsere Überzeugung, das entspricht unserem Menschenbild, und so lehren es immer wieder unsere Symbole und Rituale. Vollkommenheit ist unsere Sache nicht. Aber wir Freimaurer sind nicht nur Suchende. Wir sind auch Menschen, die gefunden haben. Wir haben Freunde gefunden. Wir haben Sinn gefunden, Sinn, der durch die alten Werte Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz vermittelt wird, und wir haben im Tempel einen Raum der Innenschau gefunden, in dem wir uns selbst in der Beziehung zu unseren Brüdern neu und kreativ erleben können, einen Raum, wo wir dem auf die Spur kommen, was das Leben erfordert: Sicherheit der Orientierung, gelassene Kraft und inspirierende Freude! Auf diesem festen Fundament aber gilt wiederum – wie für den einzelnen Maurer, so auch für die Freimaurerei insgesamt – die Pflicht zum Aufbruch! Nur wenn wir uns verändern, können wir bleiben, was wir sind: eine alte und doch zukunftsfähige Bruderschaft.

Am Beginn der freimaurerischen Geschichte als historisch greifbarer Institution, am Beginn des 18. Jahrhunderts, vor mehr als 300 Jahren, standen vielfältige Motive und Erwartungen:

  • Hoffnungen auf das Erlebnis menschlicher Gleichheit jenseits aller Schranken von Stand, Nation und religiösem Bekenntnis;
  • Hoffnungen auf neue Formen gesellschaftlicher Einbindung in den die Menschen oft entwurzelnden Wandlungsprozessen des 18. Jahrhunderts;
  • Hoffnungen auf eine dogmenfreie, lichte Religiosität;
  • Hoffnungen auf einen sicheren Raum für Kritik und Reflexion in den repressiven Strukturen des Absolutismus, orientiert an der Utopie einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politischen Zukunft.

Die Worte und Töne von Mozarts „Kleiner Freimaurer-Kantate“ bringen wohl mehr als Dokumente allein aus Papier jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre der Loge „Carl zur gekrönten Säule“ bestimmt haben mag, die vor 275 Jahren in der ersten großen Gründungswelle der deutschen Logengeschichte hier in Braunschweig konstituiert wurde, die mit Stolz die Matrikelnummer 15 trägt und deren Stiftungsfest wir heute feiern.

Es geht um jeden einzelnen Menschen

Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es war immer wieder dieser neu entdeckte Mensch selbst, der im Zentrum von Freimaurerei und Loge stand. Nicht um den Menschen als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn. Um den Einzelmenschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“ – so gibt der besorgte Priester vor Taminos Aufnahme zu bedenken, doch Sarastro hat das bessere Argument, wenn er feststellt: „noch mehr, er ist Mensch“, und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein“.

Die politisch-soziale Systematik zum Vorrang des Einzelmenschen findet sich dann in Lessings programmatischer Freimaurerschrift “Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer” aus dem Jahre 1778, geschrieben in bester Braunschweiger Nachbarschaft: „Die Staaten“ – so heißt es dort – „vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!“ Und an einer anderen Stelle von „Ernst und Falk“ heißt es scharf anti-ideologisch pointierend, dass die Natur nicht „die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat, Vaterland und dergleichen“ zur Absicht gehabt hätte, „sondern die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnen Wesens“.

Es war die Aufklärung, die vor mancherlei Irrwegen im späten 18. Jahrhundert – Stichwort „strikte Observanz“ – weitgehend das Denken und das Dichten der Freimaurer bestimmte. Die Texte der Lessing, Wieland und Herder, lebendig geblieben bis in unsere Zeit, sind Ausdruck der in ihnen entworfenen Utopie eines befreiten Menschen in einer nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne. „Die Freimaurerei ist ihrem Wesen nach ebenso alt wie die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprössling der Freimaurerei ist.“ Dies sind noch einmal Worte Lessings zur Bedeutung, die der Freimaurerbund im 18. Jahrhundert als fortschrittliche soziale Kraft besessen hat. Die moderne Aufklärungsforschung bestätigt diesen Befund, so wenn etwa der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck die Logen in seiner epochemachenden Schrift „Kritik und Krise“ von 1959 als das „stärkste Sozialinstitut der moralischen Welt im achtzehnten Jahrhundert“ bezeichnet.

Das Angebot der Freimaurerei

Damals war das Angebot der Freimaurerei ebenso eindeutig wie attraktiv. Damals schlossen sich Bürgerliche und aufgeklärte Adelige über trennende gesellschaftliche Schranken hinweg in den Logen zusammen, um als „bloße Menschen“ am Gerüst einer besseren Welt zu „arbeiten“. Ihre Ziele waren gesellschaftliche Gleichheit, menschliche Aufgeschlossenheit und Toleranz, Selbstbefreiung durch Erkenntnis und Wissen, Frieden und Weltbürgertum. Die Logen verstanden sich dabei nicht als politische Aktionsgruppen. Sie bildeten in ihrem informellen Verbund vielmehr eine „moralische Internationale“ (auch dies ein Wort Kosellecks), wie ja auch schon im Jahre 1723 die erste der alten Freimaurerpflichten gefordert hatte: „Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, das Sittengesetz zu befolgen“. Doch diese Verpflichtung allein auf moralische Maßstäbe, vermittelt durch das individuelle Gewissen, machte die Freimaurer bald den reaktionären Kräften in etablierter Politik und Religion verdächtig, führte zu Verboten und Verfolgungen und veranlasste die Freimaurer wiederum, sich durch Verschwiegenheit vor dem Zugriff der absolutistischen Staaten und der Kirchen zu schützen.

Das Logengeheimnis hatte eine doppelte Funktion: Es schützte vor Verfolgung und bewirkte eine festere Integration der Logenmitglieder, denn – so der Freimaurer Goethe – „auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“. Das Geheimnis der Freimaurer hatte zugleich einen dialektischen Charakter: Im Geheimen bereitete sich Öffentlichkeit vor. Die Logen waren, nach der Kennzeichnung des Historikers und Philosophen Jürgen Habermas, „Enklaven bürgerlichen Gemeinsinns“. „Die Freiheit im Geheimen“, so wiederum Koselleck, „wurde zum Geheimnis der Freiheit“, jener Freiheit nämlich, die bald als breiter Strom die europäische und nordamerikanische Geschichte erfassen sollte.

Viele Wegbereiter einer besseren Zukunft gehörten dem Freimaurerbund an. Dass es die Logen verstanden, Träger der Verheißung einer besseren, einer menschlicheren Welt zu sein, machte ihr Angebot aus, gab ihnen Nimbus und Ausstrahlung und sicherte ihnen als „Mode des Jahrhunderts“ – so der Preußenkönig Friedrich – einen festen Platz im gesellschaftlichen, politischen und geistigen Leben ihrer Zeit. Doch Freimaurer waren nicht nur Verkünder von Ideen, sie waren auch Träger und Gestalter von Kultur, und Namen wie Lessing, Goethe und Mozart markieren Haltepunkte auf einem Spannungsbogen der Schönheit, der Sinn und Sinnlichkeit, Prinzip und Lebensfreude, Kunst und Kultur miteinander verbindet.

So weit, so gut.

Aber ist diese Geschichte heute noch lebendig? Reicht der umschriebene Spannungsbogen freimaurerischer Tradition kraftvoll in die Gegenwart hinein? Hat der Freimaurerbund auch heute noch eine Funktion in der Gesellschaft?

Wir Freimaurer wissen, dass wir uns diesen Fragen zu stellen haben, immer wieder und nicht zuletzt an Haltepunkten unserer Geschichte, wie Stiftungsfeste sie darstellen. Wir müssen nach Antworten suchen, um fähig zu sein, unsere eigene Zukunft zu gestalten und um andere Menschen dazu einzuladen, unseren Weg mitzugehen. Dabei hängen Klärung nach innen und Auskunft nach außen untrennbar zusammen: Uns Freimaurern kann an unserem Bund immer nur das deutlich werden, was sich in klarer Sprache nach außen vermitteln lässt.

Was ist der Freimaurerbund in der Gesellschaft von heute?

Zunächst: Was ist er nicht? Er ist nicht, was alte und neue Fehlbeurteilungen in ihm sehen: Er ist keine politische Bewegung, er ist keine Macht im Verborgenen, er ist weder Geheimbund noch Verschwörung, er ist nicht Ersatzreligion, Nebenkirche oder esoterische Sekte. Er ist ein alter, aus bester europäischer Tradition hervorgegangener Freundschaftsbund freier, sozial aufgeschlossener, einander zugewandter Menschen, die nicht mehr, aber auch nicht weniger wollen, als der alten Idee des Menschen, seines Lebensrechts, der Entfaltung seiner Kreativität und der Bewahrung seiner Würde unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart und angesichts vieler neuer Gefahren und Herausforderungen etwas mehr Geltung in der tagtäglichen Realität zu verschaffen.

Dabei wirken wir nicht durch das Propagieren unserer tradierten humanitären Leitvorstellungen, die heute auch bei vielen anderen politischen und sozialen Gruppierungen anzutreffen sind, wir paradieren nicht unter den Spruchbändern der Propaganda, und wir wirken schon gar nicht durch politische Profilierung und Radikalität, der sich die Freimaurerei bewusst versagt. Wir wirken vielmehr durch eine schlichte, aber wirksame Methode: Wir versuchen ganz einfach, den Menschen, so wie er ist, ernst zu nehmen in seiner dreifachen Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen und einer emotionalen Persönlichkeit, die in jeder dieser Eigenschaften ganz spezifische Bedürfnisse hat, und wir bemühen uns in unseren Logen darum, diesen Bedürfnissen gleichzeitig zu entsprechen.

Wie können wir das?

Ganz einfach durch den besonderen, auf drei Säulen ruhenden Charakter des Freimaurerbundes:

  • als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen;
  • als ethisch-moralisch ausgerichteter Bund, der sich an bleibend gültigen Werten und Überzeugungen orientiert
  • und schließlich, aber nicht zuletzt als symbolischer Werkbund, der sein überliefertes Brauchtum, seine Symbole und seine Rituale zur gefühlsmäßigen, erlebnishaften Vertiefung seiner Überzeugungen nutzt.

Dieses dreifache Angebot, von dem wir Freimaurer meinen, das es der Grundsituation des Menschen als dem fragenden, dem suchenden Wesen entspricht, scheint uns nun durchaus aktuell zu sein in der heutigen Zeit der gesellschaftlicher Umschichtung, des Wandels vieler sozialleitender Werte und des Aufkommens zahlreicher neuer Bedrohungen der Menschlichkeit sowohl in der individuellen Lebenswirklichkeit jedes einzelnen von uns als auch in gesamtgesellschaftlicher, ja globaler Dimension.

Die drei genannten Säulen – Gemeinschaft, ethisch-moralische Orientierung und rituelles Brauchtum – gehören untrennbar zusammen und stehen doch in einem Spannungsverhältnis zueinander. Freimaurerei gelingt immer da, wo die Spannung zwischen Idee und Gemeinschaft, zwischen Nachdenken und Handeln, zwischen Verstand und Gefühl, zwischen der Geschlossenheit des Bruderbundes und seiner prinzipiellen Offenheit für neue Menschen, neue Ideen und neue Erfahrungen kraftvoll ausgehalten wird.

Erste Säule: Freimaurerei als Freundschaftsbund

Zunächst: Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen wollen die Freimaurerlogen der Gefahr einer Isolierung des Einzelmenschen in der modernen Konsum- und Industriegesellschaft entgegenwirken. Sie folgen damit ihrer speziellen Tradition, Trennendes zu überwinden, Gegensätze abzubauen, Verständigung und Verständnis zu fördern sowie Menschen zu verbinden, die sich nach Herkunft und Interessenlage sonst nicht begegnen würden. Gerade in der heutigen Zeit sind durch Spezialisierung und Funktionsteilung der modernen Berufs- und Arbeitswelt, durch die Digitalisierung, durch die Ausdifferenzierung des Konsum- und Freizeitverhaltens und durch die Folgeerscheinungen der Migration neue Schranken zwischen den Menschen entstanden. All diesen Spaltungen gegenüber wollen die auf Freundschaft gegründeten Logen Stätten menschlicher Begegnung über alle sozialen und politischen Schranken hinweg sein, sie wollen als „Kitt“ wirken, der die Gesellschaft zusammenhält und der so nötig ist in einer Gesellschaft, die auseinander zu treiben scheint.

Die Logen und die Menschen in ihnen wollen sich miteinander und mit anderen Menschen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität übersichtliche und humane Lebenswelten geschaffen und erhalten werden. Allerdings: Lebendig sind die Logen nur dann, wenn die Brüder sich und ihren Bund als Freimaurer ernst nehmen. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr. Nichts ist wichtiger als durch engagierte Mitmenschlichkeit glaubwürdig zu sein.

Zweite Säule: Freimaurerei als Wertegemeinschaft

Freimaurer wissen, dass der Mensch ohne Lebenssinn und moralische Orientierung nicht leben kann. Der Mensch will wissen, was Gut und Böse ist, – so konstatierte bekanntlich schon das Buch Genesis. Er braucht Werte. Dieser Grundnotwendigkeit menschlicher Existenz wollen die Freimaurer Rechnung tragen. Sie versuchen auch heute, sich an den alten und zugleich stets aktuellen Werten ihrer besten Tradition zu orientieren: Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit.

Die Allgemeinheit dieser Wertvorstellungen darf nicht irritieren, auch nicht die Tatsache, dass die Freimaurerei diese Werte mit anderen Gruppen teilt. Zum einen sehen wir durchaus einen Vorteil darin, mit anderen Menschen und Gruppen guten Willens in bestimmten Kernwerten überein zu stimmen, Kernwerten, ohne die keine individuelle und soziale Existenz gelingen kann. Und wir haben es durchaus als Bestätigung erlebt, als ein großes geistiges Vorhaben der jüngeren Vergangenheit, wie das von Hans Küng propagierte Projekt „Weltethos“ sich vielfältig mit freimaurerischem Gedankengut berührte.

Zum anderen kommt es uns nicht auf das Propagieren, sondern auf das Umsetzen ethisch-moralischer Positionen an. Und so besteht Freimaurerei nicht zuletzt im Praktizieren ganz bestimmter Methoden zur Einübung und Umsetzung der genannten Kernwerte: „Einübungsethik“ ist deshalb die Ethik der Freimaurerei vom Aachener Philosophen und Freimaurer Klaus Hammacher zurecht einmal genannt worden.

Auf ein ganz persönliches und individuelles Einüben von Umgangsstilen vor allem ist sie angelegt:

  • Stile des Umgangs mit sich selbst,
  • Stile des Umgangs mit dem Mitmenschen,
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt und mit Transzendenz.

Im Rahmen dieser „Einübungsethik“ kommt neben dem alten Bauhüttenbrauchtum dem brüderlichen Gespräch große Bedeutung zu. Auch hier hat Lessing das Leitmotiv angegeben: „Nichts geht über das laut denken mit einem Freunde.“ Ein Diskurs unter Freunden soll Möglichkeiten schaffen, sich zu orientieren, die Welt klarer zu erkennen, sich gemeinsam aus Vorurteilen herauszudenken und sich im Miteinander suchender Menschen zum humanitären Handeln zu motivieren.

Vor allem muss es uns darauf ankommen, eine neue Sensibilität zu entwickeln. Freimaurer sollten sich um die Einsicht bemühen, dass richtiges Fragen wichtiger ist als vorschnelles, zu kurz gegriffenes Antworten. Damit dies gelingen kann, ist Offenheit erforderlich:

  • Offenheit für das Wahrnehmen zeitbestimmender, möglicherweise zukunftsgefährdender Trends,
  • Offenheit für innovative Lösungen,
  • Offenheit für den Mitmenschen im unvermeidbaren Lösungskonflikt, wozu auch die Bereitschaft gehört, eigene Interessen lediglich maßvoll zu vertreten.

Nicht zuletzt aber ist die strikte Verpflichtung zu einer kritisch-selbstkritischen Haltung erforderlich. Eine solche fällt, so wie wir Menschen nun einmal sind, nicht leicht. Rechthaberei ist auch den Freimaurern nicht fremd. Doch um Abhilfe zu schaffen, kann auch hier an Traditionen der Aufklärung und an altes freimaurerisches Denken angeknüpft werden, an die Einsicht nämlich, dass selbst das Bekenntnis zu Menschlichkeit und Brüderlichkeit zum Dogma erstarren kann, wo die Bereitschaft fehlt, auf kritische Argumente zu hören und von der Erfahrung zu lernen.

Es geht um die einmal von Karl Raimund Popper formulierte Erkenntnis, dass zur Lösung vieler Probleme eine Einstellung gehört, „die zugibt“, – so Zitat Popper – „dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst, und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden.“

Hier ist auch abermals an ein Wort und eine Warnung Lessing zu erinnern, „dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht“, und dass „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Dritte Säule: Freimaurerei als symbolischer, als ritueller Werkbund

Wenn der Freimaurerbund sich schließlich als Symbolgemeinschaft eines überlieferten Bauhüttenbrauchtums – präziser: Brauchtums eines moralischen Bauens – und noch älterer, kulturgeschichtlich tradierter Symbole bedient, wenn er versucht, archaische Mythen in rituellen Handlungen seelisch erlebbar zu machen, so will er damit einem einseitigen Vordringen rationaler Tendenzen und dem damit verbundenen Zurückdrängen der emotionalen Seite menschlicher Existenz entgegenwirken. Die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) durch den technischen Fortschritt und die von ihm geprägte Unrast des zivilisatorischen Daseins bedarf der Ergänzung und der Korrektur durch einen Raum der Besinnung, der Kontemplation, der Stille, der Suche nach einem ganz anderen und zugleich ganz wesentlichen Sein.

Freimaurer verschließen sich nicht den modernen technischen Lebens- und Arbeitsformen, zu deren Vermenschlichung sie beitragen wollen. Sie sehen aber in der tätigen Daseinsbewältigung nur eine Seite menschlicher Existenz, die der Ergänzung bedarf. Im freimaurerischen Brauchtum wird diese Ergänzung vermittelt, werden Wege aufgezeigt in das oft verschüttete Universum in uns selbst.

Zunächst: Die Zugänge des einzelnen Freimaurers zu Symbolen und Ritualen können durchaus unterschiedlich sein:

  • Diesen mag vor allem die kontemplative Seite des Brauchtums ansprechen, das Ruhe-Finden, das Zu-Sich-Kommen.
  • Jener mag in erster Linie vom esoterischen Gehalt des Brauchtums angezogen werden, vom behutsamen Ansprechen der Beziehungen Mensch – Welt, Mensch – Kosmos, Immanenz – Transzendenz.
  • Ein anderer wiederum schätzt vor allem die ethisch-erzieherische Qualität des Rituals: tauglicher zu werden als moralischer Baustein in seiner ganz konkreten Lebenswelt.

Daraus folgt, dass auch im Umgang mit Symbolen und Brauchtum “Offenheit” eine zentrale Kategorie der Freimaurerei ist. Auch im Ritualverständnis ist dem Freimaurerbund jeder sektiererische Fundamentalismus fremd: Freimaurerei als geordnete Freiheit – dies gilt auch hier.

Da ist einmal der geschlossene Logenraum, die Bauhütte, der Tempel, in der wir einen Teil unserer Veranstaltungen abhalten, als Stätte der Ruhe, der Besinnung, der Selbsterfahrung. Freimaurerlogen sind keine Fluchtburgen vor den Pflichten des Alltags, keine Schutzwälle, hinter denen sich lebensuntüchtige Männer mit dem Rücken zur Gegenwart in die vermeintlich heile Welt des Mittelalters zurückträumen. Bauhütten wollen aber Plätze der Nachdenklichkeit sein, des Sammelns von Kraft für die Anforderungen, die das Leben täglich an jeden einzelnen von uns stellt.

Da ist weiter die rituelle „Arbeit“ als Ordnung der Zeit. „Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum“ ist, betont der französische Dichter Antoine des Saint-Exupéry. Dies wird von ihm weiter erläutert: „Denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist.“ Das Mittel, die Zeit zu gestalten, ist ihre Gliederung durch herausgehobene Haltepunkte. Unsere Tempelarbeit soll ein solcher Haltepunkt sein, kein Ausstieg, wohl aber eine Atempause im Strom der geschäftigen Zeit, ein festliches „Moratorium des Alltags“ (Odo Marquard). Freimaurer verstehen es, Feste zu feiern! Vielleicht macht auch dies einen Teil der von ihnen angestrebten und praktizierten Menschlichkeit aus.

Ein Weiteres: Freimaurerisches Brauchtum ist Mittel der Erziehung. Viele Symbole unseres Bundes sind Maßstäbe kritischer Prüfung: der rechte Winkel als Maß richtigen, gerechten Handelns, der vierundzwanzigzollige Maßstab als Mahnung sinnvoller Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, die Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Ein Viertes: Wesentlich ist auch, dass freimaurerisches Brauchtum bildhaftes Erleben menschlicher Entwicklung vermittelt. „Rites des passages“, Übergangsriten, symbolische Reisen verdeutlichen menschliche Entwicklung, zeigen die Gefährdung des Menschen, seine Einsamkeit, ja seinen Tod, seine Verwiesenheit auf Gemeinschaft und die Pflicht der Gemeinschaft zu helfen.

Auch die freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters symbolisieren menschliche Entwicklungspotentiale. Nicht in dem Sinne, dass irgendein Freimaurer Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der inneren Weiterentwicklung, der Selbstverwirklichung, des „Werde, der Du bist“. Hier wirkt ein positives Menschenbild, das Sicherheit gibt und Selbstvertrauen stärkt.

Letztlich vermittelt das freimaurerische Brauchtum auch Hinweise auf eine höhere Verantwortung des Menschen, auf seinen Bezug zur Transzendenz. Wenn wir Freimaurer das Symbol des Großen Baumeisters aller Welten als Zeichen für ein höheres Ordnungsprinzip verwenden, so erinnern wir uns daran, dass sinnvolles Leben wohl nur dann gelingen kann, wenn sich der Mensch einem übergeordneten Prinzip, einer transzendenten Seinsschicht, einem “supreme being” (so nennt es die englische Freimaurerei) verantwortlich und auf diese rückbezogen fühlt. Freimauerei ist keine Ersatzreligion, und die Logen sind keine Konkurrenz- oder Nebenkirchen. Die Bauhütte mit ihrer Symbolik ist jedoch eine Stätte, die den Menschen – einerlei ob er glaubt, ob er Agnostiker ist oder Atheist – in höhere, umgreifende Zusammenhänge stellt, die ein Fenster offen hält zur Transzendenz, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

All diese Wirkungen unserer Symbole und Rituale werden nun dadurch vermittelt, dass sich die Brüder Freimaurer in der Geschichte ihres Bundes vier große Symbolkomplexe geschaffen haben, vier Gruppen von masonischen Lebensmetaphern sozusagen, die Freundschaft, Ethik und Ritual zusammenbinden und das Gedachte und Gewollte in unsere Person einschreiben, damit es wirken und unser Denken und Handeln bestimmen kann: Die Metaphern des Lichtes, die für Wahrheit, Aufklärung und Transzendenz stehen, die Metaphern des Wanderns, des Reisens, die uns deutlich machen, dass wir unterwegs sind, dass wir Aufgaben haben, dass uns Gefahren drohen, dass wir darauf Achthaben müssen, dass uns die Zeit nicht nutzlos verrinnt, die Metaphern des Bauens, die uns auffordern, tätig zu sein zum Besseren der eigenen Person und zum Besseren der uns umgebenden Welt und die uns anmahnen, dafür zu sorgen, dass der Tempel der Humanität, dessem Weiterbau wir uns ja verschrieben haben, nicht vorzeitig zur Bauruine wird. Schließlich die Metaphern der Brüderlichkeit, der Mitmenschlichkeit, der Liebe. Wir gehen nicht allein, wir handeln gemeinsam, wir erfahren Rat und Hilfe von anderen. Aber wir müssen Acht haben auf unseren Umgang miteinander, damit es wirklich bleibt bei dem, was wir mit unserem Bruder Wolfgang Amadeus so gern singen: „Unsrer Freundschaft Harmonien dauern ewig fest und schön.“

Ich komme zum Schluss:

  • Freimaurerei als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen,
  • Freimaurerei als Ethos und als Bindung an unverändert gültige Werte,
  • Freimaurerei als Symbolbund:

Dies zusammen in spannend-spannungsvoller Einheit – als „Gesamtkunstwerk“ gleichsam – bildet Reichtum und Wesen unserer Überlieferung. Freimaurerei ist keine Ideologie, sie stellt kein flächendeckendes Programm dar und bedeutet schon gar nicht politischen Aktionismus. Die Radikalität des Freimaurers, wenn es denn überhaupt eine solche gibt, ist die stille, zugleich aber nachhaltige Radikalität beständigen Fragens, Prüfens und Bereitseins. Freimaurerei in diesem Sinne lebendig zu halten und hinein wirken zu lassen in die Gegenwart, engagiert und redlich, mit klaren Gedanken und ausgeprägter Identität, ohne Kleinmut, aber auch ohne Überheblichkeit und in guten Stunden gar mit dem ganzen Charme eines zutiefst menschlichen Spiels, das ist unsere Aufgabe, das ist der Auftrag der humanitären Freimaurerei, die dem Menschen dienen will, die vom Menschen ausgeht und in freier Selbstbestimmung von in Freundschaft verbundenen Menschen getragen und gestaltet wird.

Wir wissen um Herkunft und Auftrag. Wir sind uns bewusst, dass es mehr denn je auf den auf den verantwortlichen Menschen ankommt, aber auch auf den ganzen Menschen, der Vernunft und Emotionalität, Eigenständigkeit und Hinwendung zur Gemeinschaft verbindet.

Für diesen Menschen haben wir ein Angebot, ein Angebot, von dem wir meinen, dass es nicht überholt, sondern durchaus aktuell ist: das Angebot Freimaurerei!

Wir Freimaurer wissen dabei, dass wir heute eine Gruppe unter vielen sind, die sich um Leben, um Frieden, um Menschlichkeit bemühen, und wir wissen auch, dass viele dazu beitragen müssen, um Wege aus der Gefahr zu finden und dieser Welt eine verlässliche Zukunft zu sichern.

Wir wollen unseren Beitrag leisten, denn unsere Überzeugungen und unsere Symbole fordern uns dazu auf. Lösungen erfordern freilich Ausdauer. Unerlässlich bei der Suche nach Lösungen ist ein „unentmutigter Starrsinn, der – so der Schriftsteller Siegfried Lenz anlässlich der Verleihung des Literaturpreises deutscher Freimaurer an ihn – „(der) auch angesichts großer Wirkungslosigkeit nicht aufhört, seine Fragen an die Welt zu stellen.”

Und Lenz schloss mit Worten, die heute auch meine Schlussworte sind:

„Die alten Symbole Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei zeugen von der Beharrlichkeit einer Hoffnung, die sich durch nichts widerlegt sehen will: Vor der etablierten Ungerechtigkeit nach Gerechtigkeit zu verlangen, in Zeiten der Ungleichheit Gleichheit zu fordern, angesichts tätiger Feindseligkeit geduldig zur Brüderlichkeit zu überreden.“

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Voraussetzungen der „offenen“ Gesellschaft

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Wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Vortrag für das 8. Freimaurer-Kolloquium der Loge "In Treue fest" in München
Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

„Der Freimaurer befindet sich an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft“ – so hieß es im Grußwort des Projektleiters zum 5. Münchener Freimaurer-Kolloquium im Januar 2012. Dem stimme ich zu, und ich bekenne, dass es in meiner langen Freimaurerzeit vor allem diese Schnittstelle gewesen ist, die mich immer wieder interessiert hat. Und ich vermute auch, dass es gerade die Art und Weise ist, wie die Freimaurer heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgehen, von der die Zukunft des Freimaurerbundes abhängt: Denn wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Das vor allem von Karl Raimund Popper, dem zuletzt in London lehrenden Philosophen, entwickelte Konzept der Offenen Gesellschaft ist das Konzept eines demokratischen Pluralismus. Entwickelt in den frühen 1940er Jahren, in der Zeit militanter Bedrohung der freien Welt durch Nationalsozialismus und stalinistischen Kommunismus, richtet sich Poppers Konzept ausdrücklich gegen alle totalitären Versuchungen und gegen alle utopischen „Erzählungen“ von Platon bis Marx, Erzählungen von einem großen gesellschaftlichen Ganzen, in dem die Freiheit des Einzelnen letztlich untergeht.

Offene Gesellschaft bedeutet Herrschaft der Vernunft, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Pluralismus und Schutz der Minderheit, Schutz der Minderheit vor allem im Sinne der institutionell gesicherten Chance, bei der nächsten Wahl zur Mehrheit zu werden und die Regierung zu übernehmen. Offen sind gesellschaftliche Verhältnisse nur dann, wenn Minderheiten auf demokratischer Basis politisch und kulturell angemessen Ausdruck finden können. Kulturell sind für die Idee der Offenen Gesellschaft Meinungsfreiheit, Dissens und Konflikt von grundsätzlicher Bedeutung. „Wahrheit“ als letzte Instanz des politischen Argumentierens ist nur denkbar bis zum Beweis des Gegenteils. Wahrheit muss offen für einen solchen Beweis sein, für die Chance ihrer Widerlegung, Hypothesen müssen falsifizierbar bleiben und Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiösen Stellungnahmen und religiöser Kritik an Politik und Zivilgesellschaft ein besonderes Gewicht zukommen dürfte. Alle Diskursteilnehmer in der öffentlichen Arena haben vielmehr den gleichen Rang, und im Diskurs gilt das vernünftige Argument.

Für mich als Freimaurer ist es selbstverständlich, Anhänger des Konzepts der Offenen Gesellschaft zu sein, und ich halte es für unverzichtbar, über ihre institutionellen und kulturellen Voraussetzungen nachzudenken, und zwar laut nachzudenken. Denn wenn es so etwas gibt wie eine öffentliche Aufgabe der Freimaurerei, so ist es die der Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs über Grundlagen und Praxis der Offenen Gesellschaft. Dieser Diskurs muss innerhalb der Freimaurerei geführt werden, aber auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Gesellschaft außerhalb des Freimaurerbundes. Die Freimaurer der Gegenwart sollten den Mut haben, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein, einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die auf konstruktive Weise Gedanken vermittelt und auf plumpe Parolen verzichtet und die als Gegengewicht wirkt gegen die schrillen Töne der Respektlosigkeit und des Rassismus. Freimaurerei im heutigen Selbstverständnis bedeutet Teil der Zivilgesellschaft zu sein und sich auch in der sozialen Praxis als Teil der Zivilgesellschaft zu bewähren, wobei ihr nicht zuletzt eine wichtige Rolle als Anwältin gesellschaftlicher Gesprächsfähigkeit zufällt.

Politik ist heutzutage verbal unter Beschuss geraten. Dabei geht es oft ebenso heftig wie ungerecht zu, und insbesondere auf der Anklagebank der sozialen Medien wird kaum Pardon gegeben. Jeder weiß die Antwort, kaum einer jedoch kennt noch die Frage. Der Freimaurer aber sollte vor allem lernen, auf sensible Weise Fragen zu stellen, und so möchte ich mich zunächst dafür interessieren, was eigentlich die Voraussetzungen einer gelingenden Politik sind.

Voraussetzungen gelingender Politik

Einerlei, ob es um innerstaatliche Entwicklungen geht, um den Fortschritt der Integration, um die Bewahrung und Weiterentwicklung der Offenen Gesellschaft, um internationale Beziehungen oder um die Gestaltung des künftigen Europas: stets hat das Gelingen von Politik mindestens vier unverzichtbare Voraussetzungen:

Erstens muss ein möglichst widerspruchsfreier institutioneller Rahmen vorhanden sein, der aus verbindlichen Normen, aus Gesetzen von der Verfassung bis hin zu einzelnen Rechtsregeln und Vorschriften besteht. Ohne einen solchen Rahmen lassen sich politische Abläufe im Inneren wie in der internationalen Politik nicht zufriedenstellend regeln.

Innerhalb dieses Rahmens müssen zweitens klare, konsistente und ausreichend akzeptierte Konzeptionen für das Handeln der politischen Akteure vorhanden sein. Ohne fundierte Konzeptionen sind zieladäquate, effektive und zugleich effiziente Maßnahmen der Politik auf all ihren Feldern nicht zu gewährleisten.

Drittens muss es in allen Bereichen des politischen Nachdenkens, Entscheidens und Handelns leistungsfähige Akteure geben, Politiker, die mit „Leidenschaft und Augenmaß“ – so Max Weber – politische Konzepte im Rahmen der gegebenen Institutionen professionell und wirkungsvoll umzusetzen verstehen.

Viertens schließlich gelingt Politik nur auf der Basis von kulturellen Faktoren, zu denen in erster Linie Vertrauen, Motivationen, Überzeugungen und Wertvorstellungen gehören. Menschen müssen nicht nur wissen, was sie tun und in welchem Ordnungsgefüge sie handeln, sie müssen auch wissen, warum sie handeln, und vor allem müssen sie über innere Maßstäbe verfügen, die sie verpflichten, ethisch verantwortlich tätig zu sein.

Immer deutlicher wird, dass die Probleme der Offenen Gesellschaft nicht allein pragmatisch zu lösen sind. Sie lassen vielmehr nach der Beschaffenheit der in einem Lande lebendigen Bürgerkultur fragen, und das heißt vor allem nach der Wertorientierung von Politik und Gesellschaft, und zwar nicht im Sinne von Wertrethorik und schön formulierten, aber weitgehend unverbindlichen Wertkatalogen, sondern im Sinne einer für Politik und Gesellschaft verbindlichen Wertpraxis.

Die Kultur eines „neuen Wir“

Je mehr die westlichen Gesellschaften durch Zuwanderung multikulturell werden, desto mehr muss sich durch die Vielfalt der Kulturen hindurch eine übergreifende Kultur der Über-einstimmung entwickeln, die Kultur eines „neuen Wir“, die zur Grundlage von Wahrnehmung und Handeln der neuen und der alten Bürger wird. Dabei darf es sich nicht um die Kultur eines antiquierten, völkisch geprägten Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus handeln. Als Grundlage von Demokratie und Offener Gesellschaft zu erhoffen ist vielmehr die Entwicklung der Kultur eines demokratischen Verfassungspatriotismus, die keine deutsche, die eine europäische Leitkultur ist und in den Traditionen der Aufklärung wurzelt.2

Eine solche Gemeinschaftskultur könnte die entstehende vielgestaltige Gesellschaft zusammenhalten, sie könnte – um ein Wort von Bundespräsident Steinmeier aufzunehmen – zum „Kitt werden, der die auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenhält“, zusammenhält, ohne irgendeine der zahlreichen ethnischen und religiösen Identitäten zu missachten, die zu unserer Gesellschaft heutzutage gehören. Diese Identitäten sind ja nicht nur die Identitäten der einwandernden Bevölkerung. Jede soziale Gruppe der Offenen Gesellschaft hat ihre eigene Identität, die auf einer jeweils spezifischen Kultur beruht und das Recht hat, sich in der Gesellschaft zu entfalten. Die Kulturen dieser Gruppierungen sind im Prinzip durchaus mit einander zu vereinbaren, und jede Gruppe wie auch jeder einzelne Mensch kann Träger vieler Kulturen sein, seien sie regional, ethnisch oder religiös geprägt. In uns allen sind sehr verschiedene kulturelle Schichten miteinander vereint. Was diesen Pluralismus sozial und politisch aushaltbar macht ist der verbindende Grundkonsens, dass es offen, frei und demokratisch zugehen soll in dieser Gesellschaft.

Allerdings: Wie jede Kultur kann eine solche Grundeinstellung der Gemeinsamkeit vom Staat nicht verordnet werden. Es muss und kann aber in allen Bereichen der Zivilgesellschaft durch wohlüberlegte und koordinierte Bemühungen unablässig darauf hingewirkt werden, dass sich eine solche gemeinwohlorientierte Grundeinstellung entwickelt. Versagen wir dabei, so droht unsere Einwanderungsgesellschaft in einer Dauerkrise zu versinken.

Wie aber könnte eine neue verbindende Gemeinschaftskultur, eine Kultur des neuen Wir geschaffen werden? Es ist mittlerweile klar geworden, dass das handlungsprägende Bewusst-machen dessen, was uns in einer „bunten“ Gesellschaft miteinander verbindet, kaum durch Predigten oder Verordnungen gelingen kann. Die gesellschaftliche Praxis, die reale Teilhabe aller an den Möglichkeiten, in der Gesellschaft präsent zu sein, ist die Grundvoraussetzung: Das Einräumen von Bildungschancen, das Vorhandensein von Wohnraum ohne Gettoisierung, das Angebot von Arbeitsplätzen gehören dazu. Menschen, die täglich zusammenarbeiten, die sich in Bildungseinrichtungen, Verkehrsmitteln und sozialen Institutionen treffen und sich beim Einkaufen begegnen, brauchen keine Theorien, um einander näher zu kommen. Die Herausbildung einer solchermaßen verbindenden Alltagspraxis der Menschen gleich welcher Herkunft in den zunehmend gemischten Lebenswelten unserer Gesellschaft ist nicht nur wünschenswert und möglich, sie ist auch unverzichtbar, wenn den erkennbaren Ansätzen zur Verfestigung von Parallelgesellschaften mit dem Potential sozialer Spaltungen entgegengewirkt werden soll. Und wenn die Medien bei all dem eine flankierende Rolle spielen, dann sind die Menschen – seien sie Altbürger, seien sie Neubürger – auch weniger empfänglich für die Hetztiraden der Fremdenfeinde von rechts außen.

Ich folge Thomas Meyer darin, dass in der deutschen Zivilgesellschaft ein Schub für das „neue Wir“ erfolgen sollte, vergleichbar vielleicht in Zahl und Leidenschaft der „Willkommenskultur“ des Jahres 2015. Das damalige Engagement müsste nun in der Phase der „eigentlichen“ Integration in eine Vielzahl beständiger Gemeinschaftserfahrungen zwischen Migranten und Eingesessenen in Lebenswelt und Zivilgesellschaft verwandelt werden. Nur so kann das Notwendige erreicht werden: Aus den vielen Teilen unserer vielfältiger werdenden Gesellschaft sowohl im sozialen Bewusstsein als auch in der gesellschaftlichen Praxis zu einer Einheit zu finden, die den Grunderfordernissen einer demokratischen Ordnung entspricht.

Eine solche soziale Basiskultur, wie ich sie einmal nennen möchte, verträgt sich durchaus mit dem Prinzip der Offenen Gesellschaft, denn sie greift nicht in die privaten Bereiche der Bürger ein. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Interaktionskultur, die Verständigung und Zusammenleben der Menschen über die Differenzen von Gruppenkulturen hinweg ermöglicht.

Integration auf der Basis einer Kultur der Gemeinsamkeit gelingt freilich nicht von heute auf morgen. Sie hat einen langfristigen Charakter. Aber wir sind inzwischen weiter damit vorangekommen, als die Zerrbilder der völkischen Rechten uns glauben lassen wollen, und es wäre ein Fehler, den Fortschritt der Integration und die mehr und mehr etablierte Steuerungs-funktion von kulturellen Prägungen und Wertefeldern allein an der nun wirklich beklagenswerten Ausländerkriminalität zu messen. In der Tat: Integration ist ein mühsamer, manchmal auch schmerzhafter und widersprüchlicher Prozess. Deshalb ist es jetzt auch erforderlich, eine vernünftige Einwanderungs- und Integrationspolitik mit einer zügigen Abschiebung straffälliger Asylbewerber zu verbinden. Dass jede Abschiebepolitik fester, grundgesetzkonformer Rechtsregeln bedarf, versteht sich für die Offene Gesellschaft von selbst.

Offene Gesellschaft und Humanistische Freimaurerei

Wenn nun wir Freimaurer uns dem Problem der Offenen Gesellschaft zuwenden und uns fragen, was zu unserer heutigen masonischen Leitkultur gehört und welche „öffentlichen“ Beiträge wir zu leisten in der Lage sind, so müssen wir zunächst einräumen, dass die freimaurerische Werteerzählung für die Gegenwart zuvor einer neuen Struktur bedarf, dass sie nicht so sehr im Allgemeinen verbleiben darf und dass sie sich vor allem auf Wertepraxis zu konzentrieren hat, in meiner Sicht auf die Praxis einer humanitären Freimaurerei, die einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat.

Der Humanismus der modernen Freimaurerei ist für mich ein säkularer, ein weltlicher Humanismus.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden sieben Grundüberzeugungen – in die Form von Postulaten gefasst – für eine gegenwartstaugliche Freimaurerei von besonderer Bedeutung:

1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns.

2. Die Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft.

3. Die Verantwortung für die Erhaltung der Erde sowie eine nachhaltige und gerechte Nutzung ihrer Ressourcen ist Basis jeder ethisch begründeten Politik.

4. Das Getragensein von Empathie, Menschenliebe und natürlicher Solidarität ist unverzichtbare Grundlage einer zu innerem, sozialem und internationalem Frieden fähigen Welt.

5. Die Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Voraussetzung dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an den vielfältigen Baustellen in der Gesellschaft vorangebracht werden kann.

6. Die Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist Grundelement jeder menschlichen Orientierung.

7. Schließlich: Auch heute hat das Prinzip Aufklärung zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind.

Die genannten sieben Postulate bestimmen nun freilich nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln – und zwar sowohl innerhalb der Loge als auch im öffentlichen Raum. Diesen Rahmen gilt es im Diskurs der Brüder zu füllen, und auch hierzu mag das von Lessing empfohlene „Laut denken mit dem Freunde“ eine vorzügliche Methode sein.

Damit nun die Werte eines gleichermaßen auf Herkunft wie auf Zukunft bezogenen Humanismus im Bewusstsein der Menschen heutzutage präsent sind, damit sie in der Praxis etwas wert sind, müssen sie vermittelt werden – in der Freimaurerei wie in der Gesellschaft, deren Teil der Freimaurerbund ist. Hierzu bedarf es eines individuellen und gemeinsamen Nachdenkens und Handelns.

Zunächst: Nicht zuletzt wir Freimaurer sollten uns angesichts historischer Erfahrungen aus der Zeit von Weimarer Republik und Nazi-Diktatur und vor allem auch vor dem Hintergrund massiver eigener völkischer Verirrungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren1 ganz klar darüber sein, wie bedrohlich es für Individuum und Gesellschaft ist, wenn Vernunft, Augenmaß und Werte in den Hintergrund rücken und das mörderische Potenzial von völkischen Vorurteilen und aggressiven Ressentiments gegen Ausländer an ihre Stelle tritt. Deshalb bedarf es zur Sicherung humaner Lebenswelten auch nichts so sehr wie einer lebendigen Bürgergesellschaft, einer Zivilgesellschaft, die die Menschen – einzeln und ihren verschiedenen Gruppen – kooperativ zusammenbindet.

Wie aber kommen diese Einstellungen in der politisch-gesellschaftlichen Praxis zustande?

Was sind sie in der politisch-gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit wert?

Wie lassen sie sich im Habitus des Bürgers verankern, der ja nur durch eine solche habituelle Verankerung auf Dauer zum selbstbewussten Bürger wird?

Nützlich sind Werte für die Gesellschaft gewiss nicht durch eine bloße Werterhetorik, die eher abstößt und Verdruss bereitet, wohl aber durch eine Praxis, an der mitzuwirken den Freimaurern durchaus anstünde, eine Praxis anhaltender und nachhaltiger bürgerlicher Werteaneignung und Werteumsetzung.

Hierzu fünf abschließende Überlegungen:

Arbeitsfelder der Offenen Gesellschaft – Freimaurer in der Zivilgesellschaft

Erstens: Neuorientierungen in der Politik und kultureller Wandel erfordern Zeit. Zur Praxis bürgerlicher Wertaneignung gehört ein komplexes und schwieriges Verständigungsprogramm. Die notwendige Prüfung und Konkretisierung von Werten setzt die Anerkennung der Pluralität von Auffassungen und einen toleranten, redlichen Diskurs voraus, in dem sich Streit- und Kompromisskultur verbinden. Dabei geht es nicht nur um Wertorientierungen, es geht auch um eine im konkreten politischen Handeln belastbare Einsicht in die Strukturen der realen Welt, die immer unübersichtlicher werden, und die es schwierig machen, für politische und gesellschaftliche Herausforderungen Lösungen zu finden, die nicht nur den Werten entsprechen, auf die man sich beruft, sondern bei denen auch das erforderliche Maß an Alltagsvernunft nicht zu kurz kommt.

Zweitens: Angesichts der medialen Informationsüberflutung unserer Tage war es ja einerseits noch nie so leicht, sich mit Wissen zu versorgen, andererseits jedoch noch nie so schwer, sich in der Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden (Harald Welzer). Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annäherung an Fakten und die Gewinnung von Urteilsvermögen. Denn eines der wirklich dramatischen Gegenwartsprobleme lautet doch zweifellos: Was sind Fakten in der heutigen Mediengesellschaft? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist die Wirklichkeit für unser urteilendes Bewusstsein nicht längst hinter einer bloßen Informationsfassade unerreichbar geworden oder sogar zusammengebrochen, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor mehr als einem Jahrzehnt behauptet hat?

Jedenfalls muss der in unseren Tagen zu beobachtenden Tendenz, die Realitäten der Gesellschaft nicht auf der Grundlage einer soliden Ermittlung und Prüfung von Fakten zu verstehen und statt sorgfältig erarbeiteter Wahrheiten jeweils schnell selbstfabriziert-opportune „alternative Fakten“ (sprich Lügen) zur Hand zu haben, entschieden entgegengewirkt werden. Wenn wir handeln wollen in der Gesellschaft, wenn es unsere Absicht ist, Probleme zu lösen, soziale Probleme, ökologische Probleme, Probleme von Migration und Integration, wenn wir die Offene Gesellschaft entwickeln und sichern wollen, dann brauchen wir genaue empirische Analysen von Ausmaß und Ursachen all dieser Probleme und eine gründliche Erörterung der institutionellen Chancen sowie der politischen Mittel, ihnen abzuhelfen (Harald Schnädelbach).

Freilich ist auch dieses zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag: Der eigentlich Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht der, welcher informiert, sondern derjenige, der informiert wird (Nathalie Sarraute). Das heißt, ein kritikloses Für-wahr-Halten von Informationen ist ebenso schädlich für die Gesellschaft wie die Praxis, Wahrheit zu manipulieren. Und so bleibt das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel“ Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für den Freimaurer unserer Tage, zumal es Bestätigung findet in der skeptischen Einstellung Karls Raimund Poppers, des Anwalts der Offenen Gesellschaft.

Drittens: So wichtig eine Verständigung über heutige Realitäten ist, die notwendige Tiefe gewinnt dieser Diskurs doch nur dann, wenn er sich mit Erinnerungskultur und historischer Reflexion verbindet. Die europäischen Bürgerkriege des 19. und 20. Jahrhunderts haben ja dem Europa der Aufklärung im Sinne einer den europäischen Eliten gemeinsamen Lebens- und Denkweise ein Ende gesetzt. An diese gemeinsame Lebens- und Denkweise hätte das heutige Europa wieder anzuknüpfen. Um aber an gemeinsame Vergangenheiten anknüpfen zu können, müssen die Europäer der Gegenwart – so hat es der in Harvard lehrende amerikanische Historiker Robert Darnton einmal formuliert – „einen Salto rückwärts über das 19. und 20. Jahrhundert springen und sich von neuem mit der europäischen Dimension des Lebens im Zeitalter der Aufklärung auseinandersetzen“.

Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhundert wiederaufleben lassen wollte – lebte damals doch die große Mehrheit der Europäer im Elend und war doch die Aufklärung selbst eine komplexe Bewegung voller Widersprüche und Gegenströmungen – Stichwort „Dialektik der Aufklärung“. Doch die Aufklärung ist nun einmal der Ursprung der Werte, die heute das Herzstück unserer Gesellschaft ausmachen und das in einer Form, die eine wirkliche, zukunftsträchtige Alternative zum Nationalismus und zum Fundamentalismus ermöglicht.

Freilich müssen europäische Werte heutzutage offen sein für tolerante Begegnungen mit den Werten anderer Kulturen. Selbstverständlich gehören muslimische Mitbürger heute zu Deutschland und zu Europa, doch das bedeutet auch, dass sich der Islam – wie alle Religionen – in das Regelspiel demokratisch-pluralistischer Institutionen einzufügen hat und dass er sich dazu bereitfinden muss, dieses Regelspiel als Grundlage auch der eigenen religiösen und gesellschaftlichen Praxis zustimmend und aktiv mitzugestalten. Dazu sollten sich muslimische Organisationen auch auf der Grundlage der Willensbildung ihrer Mitglieder in Deutschland entwickeln und sich nicht von außen, beispielsweise von religiösen Institutionen in der Türkei, bestimmen lassen.

Gewiss: Wir müssen die Freiheitsräume von Minderheiten schützen, und wir müssen lernen, die Besonderheiten fremder Kulturen zu tolerieren. Denn Kultur bedeutet Heimat, die man auch und gerade in der Fremde braucht, und die ja auch Zugewinn für uns bedeutet. Doch dies gilt primär für die privaten Bereiche der Gesellschaft. In den öffentlichen Bereichen dagegen müssen die Regeln des Pluralismus und der Demokratie gelten, in der Politik muss es säkular zugehen, religiöser Glaube muss privat sein, einerlei, um welche Religion es sich handelt, und die politischen Entscheidungen müssen von den Bürgern im Regelspiel der demokratischer Institutionen getroffen werden. Sicherlich sind diese Bürger – die Altbürger wie die Neubürger – in vielen Fällen gläubige Menschen, aber es muss auf alle Versuche verzichtet werden, politische Richtlinien gleichsam vom Himmel herunter zu holen, nachdem man sie zuvor nach oben projiziert hat.

Viertens ist bürgerliches Handeln vonnöten. Es kommt auf eine aktive Teilhabe am Leben der Gesellschaft an, die nicht exklusiv ist im Sinne eines Ausschlusses anderer und die nicht daherkommt als eine „Bürgerlichkeit der feinen Leute“, sondern die als eine „Bürgerlichkeit der Einbeziehung aller“ wirkt, als eine Bürgerlichkeit der sozialen Offenheit, als eine Bürgerlichkeit, die andere mitnimmt und die auch die weniger Privilegierten in das gesellschaftliche Ganze einschließt.

Fünftens und nicht zuletzt und auf die Freimaurer bezogen: Die Freimaurer hätten sich als Übersetzer der politischen Kultur des Grundgesetzes bewähren. Denn hierauf kommt es in der Tat entscheidend an: Alle deutschen Bürger, alle Menschen hierzulande, diejenigen, die bereits hier leben, die seit eh und je deutsche Bürger sind, aber auch alle, die kommen und zukünftig mit uns leben wollen, müssen den verfassungsmäßigen Rahmen unseres Gemeinwesens anerkennen und auch die dazu gehörende demokratisch-zivile Verhaltenskultur, das offene und friedliche Miteinander in der Gesellschaft, und zwar nicht nur durch Erklärungen und Unterschriften unter Asylanträge, sondern auch und vor allem im Verhalten und im Handeln. Doch auch hier, so meine ich, sind wir in vielerlei Hinsicht weiter als uns die völkische Rechte in Deutschland glauben machen will. Ich erlebe immer wieder Empathie, Freundlichkeit und Zuwendung seitens unserer zugewanderten Neubürger. Auch hier gilt es, sich von der Dominanz dumpfer Parolen zu verabschieden und einzusehen, dass anhaltende Vorurteile weder taugliche Diskurselemente noch gar Grund-lagen für ein problemorientiertes Handeln sind.

Gebäudeschutz für den Tempel der Humanität

Schlusswort: Wir Freimaurer wollen Bauleute sein, Bauleute einer besseren Welt. Doch dazu müssen wir in einem neuen, engagierten Sinne wieder operativ werden, gewiss nicht ohne vorher gründlich nachzudenken, aber doch in der Erkenntnis, dass für den Fortschritt des sozialen Ganzen allein die Praxis zählt. Wie sagte doch Erich Kästner so präzise und unpathetisch knapp: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Gewiss: Freimaurerei ist keine politische Institution oder gar Bewegung. Sie ist eine Gemeinschaft, in der Menschen nach Grundlagen suchen können für Sinn in ihrem eigenen Leben und für ihr Zusammenleben mit anderen Menschen. Doch wenn die Freimaurer den Bau am Tempel der Humanität zum Grundsymbol für die Ausrichtung ihrer Arbeit gewählt haben, so müssen sie bereit sein, darauf hinzuwirken, dass unsere Gesellschaft sich als eine offene und humane Gesellschaft entwickeln kann, dass die Welt als Lebensraum erhalten bleibt für uns und unsere Nachkommen und dass der Tempel der Humanität nicht durch unsere eigene Schuld vorzeitig zur Ruine wird.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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