Symbole erkennen

Abbildung: Oliver Wißmann

Egal welcher Zukunft die Freimaurerei entgegen geht, Symbole begleiten den Einzelnen auf seinem Weg. Zukünftiges bewegt umso mehr, wenn Änderung und Wandel anstehen. Leben ist Bewegung! Die Freimaurerei und ihre Symbole sind zeitlos.
Die Kunst, diese Symbole zu beleben, vermag aus einem rauen Stein einen „Fels in der Brandung“ entstehen zu lassen. Daher nannte man sie auch die Königliche Kunst. Sie öffnet dem Lehrling weit ihre Pforten. Den letzten Weg zu ihr hin gilt es meisterlich zu überwinden – Symbole weisen den Weg. Diese Symbole sind unsichtbar und nur intuitiv (lat. unmittelbare Anschauung) zu erfassen. Die freimaurerische Kunst lehrt, Symbole von „Symbolen“ zu unterscheiden. Mit Worten lässt sie sich nur umschreiben oder andeuten. Im 16. Jahrhundert nannte man sie auch Philosophia perennis (lat. immerwährende / ewige Weisheit). Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) sah in ihr eine universelle wissenschaftliche Formalsprache (Universalsprache) und Hermann Hesse (1877–1962) skizzierte sie im Glasperlenspiel. Eine gewisse Kunstfertigkeit lässt sich dadurch erwerben, dass man ihre Gesetzmäßigkeiten erkennt und anwendet („Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben“). Durch das Prinzip „Freiheit“ entwickelt sich schließlich ein Freimaurer zum „Menschen“ – ganz im Sinne der Zauberflöte: „Er ist Prinz! Mehr noch! Er ist Mensch!“

Gesetzmäßigkeiten finden sich u. a. bei der Tafelloge. Schwierige Themen beim Essen zu meiden und stattdessen bewusst dem Smalltalk den Vorzug zu geben, ist eine kulturelle Leistung. Das Gemüt bleibt auf diese Weise ganz auf den Genuss der Speisen konzentriert, was sich förderlich auf deren Bekömmlichkeit auswirkt. Kultiviertes Essen und die sinnliche Genussfähigkeit sind die Geschwister der Kunst des Zubereitens von Speisen. Jedwede Kunst beansprucht die volle Aufmerksamkeit für sich alleine. Zwei Künste gleichzeitig bewusst zu genießen, ist nicht möglich. Wie eine „echte Dame“, so duldet auch die Kunst naturgemäß keine zweite neben sich. Daher räumt der Ästhet einer Kunst Exklusivrechte ein. Mit der „Königlichen Kunst“ verhält es sich ganz ähnlich – der Freimaurer übt sich daher bei der Tafelloge in Achtsamkeit durch Mäßigung.

Bei den Logenzusammenkünften verhält es sich wie bei der „Essthetik“ (Essen & Ästhetik). Weil die Themen „Politik“ und „Religion“ sich vorzüglich eignen, den inneren emotionalen Haushalt hochkochen zu lassen, vermeidet man sie in einer Loge. Eigentlich sollte es vor Ort nie um diese Themen gehen, sondern um den Einzelnen in seinem Bestreben „Mensch zu werden“. Schon in der ersten Konstitution der Großloge von England und den daraus resultierenden „Alten Pflichten“ (Old Charges) galt den oben genannten Themen grundsätzlich eine von der Freimaurerei getrennte Behandlung. Diese Vermeidungsstrategie stärkt die Verbundenheit der Brüder untereinander als Einheit hinter den Gegensätzen. Der Besucher einer Loge zeigt sich durch dieses Meiden von religionspolitischen Themen „empfangsbereit“ für das Angebot geistiger Kost (von „kostbar“) – die Voraussetzung für Genuss. Auf dieser Basis kann das Ideal brüderlichen Miteinanders gepflegt und Toleranz zur Tugend werden; das Neben- und Miteinander von zum Teil konträren Meinungen ist durchaus möglich. Längst ist es allgemeiner Sprachgebrauch, dass Freimaurerei keine „Religion“ sei. Doch trifft dies auch auf ihre Symbole zu?

Symbole im Mittelpunkt

Den zentralen Mittelpunkt einer freimaurerischen Arbeit bilden ihre Symbole. Während einer Tempelarbeit stellt das Ritual eine bewusst „überzogene Realität“ dar. Nur so wird eine vom Alltag unterschiedene Bühne geschaffen, auf der die Symbole inszeniert, im geistigen Licht betrachtet und reflektiert werden. Dies ist der einzige Moment, in dem der Freimaurer seine Symbole im Sichtbaren bewusst erlebt – in einer vor der Außenwelt geschützten Atmosphäre.
Symbole finden sich allerdings auch zentral im Mittelpunkt religiöser Rituale. Die Freimaurerei ist keine Religion, aber – auf ihre Symbole bezogen – vielleicht doch „religiös“? Wie kann das sein: Keine Religion, aber religiös? Eine Antwort liegt im Begriff „Symbol“ und ist immanent.

Der Ausdruck „Symbol“ leitet sich über das Lateinische symbolum vom Altgriechischen sýmbolon her, was bekanntlich als „Kennzeichen“ übersetzt wird. Griechischen Bräuchen zufolge brach man beispielsweise einen Ring oder eine Münze in zwei Teile und nutzte die Hälften als Erkennungszeichen. Beim erneuten Treffen setzte man die Teile wieder zusammen (als Beweis oder Passwort). Die Einzelteile ergeben vollständig wieder das Ganze. Vordergründig ist darin eine „Verbundenheit“ zu sehen, hintergründig ein Weltbild.

Religiöse Symbole

Die Herleitung von „Symbol“ aus dem Griechischen über das Verb symbállein („zusammenbringen“) ist vergleichbar mit der Bedeutung des Begriffs „Religion“ aus dem Lateinischen religare („wiederverbinden“). Das (Wieder-)Verbinden bildet die Bedeutungs-Schnittmenge zwischen „Symbol“ im Sinne von „zusammenbringen (zweier vertraglich gebundener Parteien)“ und „Religion“ im Sinne von „wiederanbinden (mit Gott)“.
Die römisch-katholische Kirche leitet das Wort „Religion“ aus dem Lateinischen religare („zurückbinden, (Zurück-)bindung an Gott“) her, doch ist diese Betrachtung umstritten. Dem Sprachwissenschaftler Daniel Scholten (*1973) [www.belleslettres.eu] zufolge stützt sich die römische Kirche in dieser Fragestellung auf ihren Kirchenvater Lactantius (250 – 320), der seine eigene Herleitung als Dogma erklärte: Er begründet die Anbindung an Gott durch das sogenannte „Band der Pietas“ [Divinarum institutionum VII, IV, 28].

Die protestantisch aufgeklärte Philologie führt ab dem 16. Jahrhundert zunehmend den Ursprung des Begriffs „Religion“ auf das Verb re-legere „wieder-auflesen/-sammeln/-wickeln, bedenken, beachten“ zurück und verweist auf Cicero (106 v. Chr. – 43 n. Chr.). Bereits 200 Jahre vor Lactantius leitete er „Religion“ als Kompositum von legere ab und meinte das „erneute Lesen“ und immer wieder „erneute Denken“ (relegere) sei der Schlüssel, das Religiöse (das „Seriöse“) vom Aberglauben (das „Unseriöse“) zu unterscheiden. Nach ihm sollten Gebräuche und Zeremonielles immer wieder erneut gelesen und geprüft werden [De Natura Deorum II, 72].
In den 1970er Jahren entdeckte der Indogermanist und Etruskologe Helmut Rix (1926–2004) die Möglichkeit der Sprachvermischung zweier völlig unterschiedlicher Wurzeln und leitete über das Griechische religere von der Ausgangsbasis religio im Sinne von „auf etwas geistig fixiert zu sein“ her. Scholten zufolge „die geistige Fixierung auf etwas, woraus das Handeln und das Denken in gewisse Bahnen gezwungen wird und sich daraus ein gewisses zwanghaftes rituelles Handeln ergibt“ [www.belleslettres.eu].

Demnach übernahm Lactantius zwar die ursprüngliche Bedeutung von religio, aber er übertrug sie auf sein Dogma, das er aus der „Pietas“ ableitete. Die Pietas war einst die römische Ur-Tugend: Das Alte Rom verstand unter pietas (deutsch Pietät / Pius, der „Fromme“) eine Art „Vertrag“ zwischen Gott und Mensch; eine absolute Pflichterfüllung nicht nur gegenüber der Familie, sondern auch die grundsätzliche Achtung und Respektierung sozial höhergestellter Ämter. Die Pietas war die zentrale Vorstellung von der Ehrfurcht gegenüber den Göttern (Religion) und das Fundament eines hierarchischen Weltbilds (Politik). Die römisch-katholische Kirche beruft sich heute hierauf.
Nach Scholten leitet sich „Religion“ keinesfalls von religare ab, sondern von religio im Sinne einer „Ausübung gezielten Denkens und Handelns verstärkt durch Ritualistik“. Diese Herleitung ist durchaus mit der Freimaurerei vereinbar. Es bleibt dabei: Freimaurerei ist keine Religion, aber im Sinne einer Ableitung von religio kann die Freimaurerei durchaus „religiös“ genannt werden. Allerdings lässt sich auch das „Wiederverbinden“ (religare) mit der Wortbedeutung „Symbol“ vergleichen. Die Königliche Kunst wäre demnach mit den Symbolen im Zentrum der Freimaurerei „religiös“ – aber keinesfalls im Sinne von „gläubig“!

Symbole verbinden

Paulo Coelho (*1947) lässt in seinem Roman „Der Alchimist“ seinen alten König, der mit der Brustplatte an den biblischen König Melchisedek (Aaron oder Salomon) erinnert, die Forderung aussprechen, die zentral ist: „Lerne die Zeichen zu erkennen und folge ihnen.“

Die Symbole der Freimaurerei stehen vor dem historischen Hintergrund mittelalterlicher Kathedralenerbauer und werden allgemein gerne als „Werkzeuge“ erklärt und dargestellt. Zwei Arten könnte man (grob) in der Freimaurersymbolik unterscheiden: Traditionelle Symbole und Allegorien. Es steht außer Frage, dass Handwerkszeug für das Bauen mit Stein und Holz (Carbonari) im Leben der operativen Baufachleute eine große Rolle spielte und somit symbolisch einbezogen wurde.Die andere Gruppe ist von allegorischer Qualität. Beide zielen auf die Entwicklung von Mensch und Menschheit. Beispielsweise trat zu Beginn des 18. Jahrhunderts (in den weiterführenden Graden) der Bau des Salomonischen Tempels als allegorisches Motiv hervor. Es gibt aber auch allegorische und symbolische Darstellungen, die mit der Tempelbausymbolik weniger zu tun haben.

Der kosmische Darstellungskomplex ist hierfür stellvertretend: Unter den sogenannten drei „Großen Lichtern“ verstehen wir heute das Buch des heiligen Gesetzes mit Zirkel und Winkelmaß. Nach Zeijlemaker Jnz wurden früher der „Flammende Stern, gemeinsam mit Sonne und Mond, als diese drei Lichter der Freimaurerei angesehen, da in dieser Zeit die Bibel, der Zirkel und das Winkelmaß noch zur Ausstattung (furniture = bewegliche Kleinodien) des Tempels“ gehörten. Die kosmischen Symbole Sonne, Mond und Sterne (Meister) werden heute – mit den drei Säulen (Weisheit, Stärke, Schönheit) – als „Kleine Lichter“ assoziiert. Wenn die Symbole des Himmels und der Erde – Zirkel und Winkel – während einer Logenarbeit zusammengeführt werden, dann entsteht symbolisch das Universum. Neben den symbolischen Werkzeugen der Handwerksgilden und Tempelerbauer werden im Folgenden auch die allegorischen Momente der Tempelbausymbolik u. a. unter den Begriff des (freimaurerischen) „Symbols“ subsumiert.

Das System freimaurerischer Symbole kann durchaus probate Hilfestellung geben – analog steht dafür das „Werkzeug“ (tool). Das Symbolverständnis der Königlichen Kunst ist ein tradierter veritabler Fundus und (religiös-)philosophischer Schatz, der (eine Art archäologischen) Einblick in das antike Weltbild gewähren und mittelalterliche Perspektiven einnehmen lässt. Hierdurch können adäquat historische Inhalte und Verknüpfungen wieder greifbar und Sichtweisen verständlich werden [„Der Grüne Strahl im Straßburger Liebfrauenmünster“, 2018].

Was sich durch das „Wort“ vielleicht nicht vermitteln lässt, darauf deuten die alten Symbole [„Die Sprache der Symbole“, in „humanität 1/19“]. Symbole sind demnach von philosophisch-spirituellem Wert. Wie bereits gesehen, bedeutet Symbol „zusammenbringen“ (griechischen symbállein). Wen soll das (religiöse) Symbol „wieder verbinden“? Etwas soll zusammengebracht werden, das offensichtlich als „passend“ gesucht werden muss. Kann hierdurch auch der Anschluss an einen weiteren Lebensweg gemeint sein oder das Auffinden des „eigenen“ Weges als eine Art Lebensaufgabe? Allgemein sind die Symbole dem Freimaurer Markierungen in einer noch im „Dunkeln“ liegenden Zukunft, die ihm analog Orientierung im Profanen bieten.

Gibt es das Gegenteil von Symbol?

Bekanntlich lässt sich auch über das Gegenteil das Wesen einer Begrifflichkeit ermitteln (Negative Theologie). Das Gegenteil von griechisch Symbolon wäre demnach „Dia-bolon“: Das oppositäre Verb zum griechischen symbállein („zusammenwerfen“) ist diabállein – dia „auseinander“ und bállein „werfen“, zusammengesetzt zu diabállein „Zerwürfnis stiften“. Der altgriechische Diábolos bedeutet wörtlich der „Durcheinanderwerfer“ im Sinne von „Faktenverdreher“, im Lateinischen Diabolus – nach Goethes Faust des „Pudels Kern“, der plötzlich den Mephisto wie aus dem Nichts mitten im Geschehen erscheinen und Gestalt annehmen lässt. Ist etwa das Gegenteil des Symbols der Teufel?!

Wenn das freimaurerische Symbol Hilfestellung gibt, den eigenen Weg zu finden, die losen Anschlüsse des Lebensweges miteinander zu verbinden, der Lebensaufgabe gerecht zu werden, dann müsste man inhaltlich unter dem Gegenbegriff von Symbol das Gegenteil annehmen: Nämlich alles das, was den ernsthaft Suchenden von seinem eigenen Weg abhält, ablenkt, verwirrt oder auf Irrwege schickt.

In den Religionen der Welt wird dieses „Ablenken“ wesenhaft als etwas Eigenständiges und Übernatürliches personifiziert, als „Verwirrer“ oder „Verleumder“ (spanisch Diablo). Im Abendland war es die römisch-katholische Kirche, die dieses Wesen zum Teufel machte – vieles steckte sie innerhalb der vergangenen 2000 Jahre unter dessen Hut und machte seine unterschiedlichsten Träger gleich. Doch hier geht es originär um den „Durcheinanderwerfer“ (Diábolos).
Bezieht sich dieses Durcheinanderwerfen auf eine Ordnung, entsteht Chaos (griechisch „Kluft“). Das Symbolische entspricht der Ordnung und das Diabolische dem Chaos. Das Symbolische überbrückt die „Kluft“ (das Chaos, das Diabolische) und führt den Suchenden zur Ordnung.

Der Symbolische Weg

Nach populärer christlicher Vorstellung soll der „Teufel“ (Diábolos) ursächlich die Stammeltern Adam und Eva trotz Verbot verführt haben, vom „Baum der Erkenntnis“ zu essen. Darin sieht man die „Ursünde“, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Strafe sei folgenschwer für alle Nachkommen: Leid und Tod. Doch ist das wirklich die „Ursünde“? Oder besteht eine „Sünde“ einfach darin, dass man in diese Welt geboren wird und von einem Zustand in den anderen gelangt – durch Trennung? Der Begriff „Sünde“ kommt auch vom Wort „Absonderung“. Ein anderer Bezug aus dem Norddeutschen „Sund“, was „Landtrennung, Bruch“ meint, lässt einen ähnlichen Schluss zu. Eine Geburt stellt – auch als geistiger Prozess – diese Absonderung dar. In der Gnosis (griechisch Erkenntnis, Wissen) wurde der Geist oder die Seele als Abspaltung vom universalen Weltengeist gesehen – vermeintlich getrennt im Körper eines jeden Lebewesens. Schöpfung und der Akt des Zeugens sind ein fortwährender Prozess des Trennens und des Abspaltens.

Der erste Sündenfall geschah keinesfalls durch den Menschen! Dies zeigt beispielsweise die griechische Mythologie: Es waren die Götter selbst, die sich voneinander trennten. Sie fielen aus der (Ur-)Einheit in die Dualität (Welt der Gegensätze). Um einst diesen Sturz aus der Einheit zu unterbinden (das „Geborenwerden“), versteckte Uranos seine Nachkommen, die zwölf Titanen, tief im Bauch Gaias. Uranos wird schließlich entmannt, entmachtet und der Fall ist unaufhaltsam. So teilen sich die Götter untereinander in viele Urprinzipien auf; einerseits verbleiben sie in lichten Höhen, anderseits steigen sie hinab in die Finsternis der Unterwelt. Nach Guthrie wird im thebanischen Kult Dionysos schließlich von den Titanen zerrissen und verschlungen, worauf sein Vater Zeus sie zu Asche verbrennt, aus der schließlich das Menschengeschlecht entstand. Die Spaltungsproblematik ist auch das Thema um Prometheus, der Qualen erlitt, um den Menschen das Feuer der Schöpfung zu vermitteln [Quinque „Die Fackel des Prometheus“]. Die antike Philosophie beschäftigte sich eingehend mit der Abspaltung der sterbenden Mysteriengötter. Plutarch, Plotin, Proklos, Damaskios und andere erklären die „Zerreißung“ als eine Art Zeugungsakt, der schließlich einen Geburtsvorgang einleitet: Nach Burkert muss sich die Weltseele für die Entstehung des beseelten Universums aufteilen, um sich mit der Materie in Raum und Zeit zu verbinden.

Wie Wolfgang Scherpe darlegt, beziehen sich freimaurerische Symbole auf die Genesis. In ihnen liegt rituell das Bewusstsein fortwährenden Trennens – die Abspaltung aus der Einheit. Diese Symbole bilden den Kern des rituellen Kreislaufs. Ihr Studium und der intuitive Zugang lassen den Freimaurer die Symbole deuten und in sich zusammenfügen. Die Königliche Kunst lässt ihn dahin streben, selbst „Mittelpunkt“ zu werden.

Heilige Zeichen

Die Empfindung des „Getrenntseins“ wurde philosophisch schon oft in unterschiedlichen Gesellschaften diskutiert. Man stellte sich früher unter anderem die Geburt „hier unten“ auf der Erde als eine Trennung „von oben“ vor. Die Vorstellung, dass die Seele hierzu aus den „oberen“ Sphären herabsteigt, ist nicht selten zu finden. Folglich steigt sie nach dem Verlassen des Körperlichen (Materie) wieder dort hinauf (in das Geistige). Diese bildhafte Symbolgeschichte findet sich auch in der biblischen Traumvision Jakobs auf dessen Flucht vor Esau, als er die sogenannte „Jakobsleiter“ (Gen 28, 11–17) erblickt. Auf dieser Leiter (oder Treppe), die vom Erdboden bis in den Himmel reicht, steigen unablässig Engel hernieder und herauf. Auch Platon (428–347 v. Chr.) war der Idee der „Seelenwanderung“ zugetan (u. a. Phaidon). Im christlich dominierten Abendland sprach man darüber nur hinter vorgehaltener Hand.

Das Absteigen der Seele ist gleichzusetzen mit dem oben beschriebenen „Fall aus der Einheit“. Der „gefallene Engel“ ist hierfür stellvertretend und nimmt in „Luzifer“ symbolische Gestalt an. Lucifer meint wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt „Lichtträger“ (lux = Licht und ferre = tragen, bringen) und ist an anderer Stelle der Name des strahlenden Morgensterns (Planet Venus). Rational kann doch eigentlich ein symbolischer „Lichtträger oder -bringer“ kein Vertreter der Dunkelheit sein? Trotzdem wurde „Luzifer“ im Laufe der Geschichte nach und nach mit dem Teufel gleichgesetzt. Doch auch ein Träger des Lebenslichtes sucht nach seinem Sturz in die Tiefe wieder einen Weg hinauf zum Licht – gleich wie der „Mensch“ (hebr. Adam) nach seiner Vertreibung (Fall) aus dem Paradies wieder seinen Weg zu gehen wünscht, der ihn in seinen Garten führt. Suchen wir nicht auch in diesem Leben unseren Weg, der uns wieder in die Einheit (zurück) führt?

Die Essenz einer symbolischen „Vermittlung“ – von Trennen, Verwerfen und wieder Zusammenfügen – findet sich prägnant schon im Osiris-Mythos der Ägypter. Osiris wird durch seinen Bruder Seth hinterrücks ermordet. Beim ersten Versucht werden 72 Verschwörer angeheuert. Beim zweiten Mal wird die Leiche Osiris‘ schließlich zerstückelt und in alle Himmelsrichtungen verstreut. Isis sucht die Überreste ihres Gemahls und fügt sie wieder zusammen. Einzig der Phallus bleibt verschwunden, weshalb dieser durch einen hölzernen ersetzt wird. Auf diese Weise wird das gemeinsame Kind Horus gezeugt.

Der Akt des Zerstückelns (Zerreißung) mag durchaus martialisch anmuten, doch erkennt zum Beispiel ein Kabbalist an den 72 Mitverschwörern ihm bekannte Parallelen: Der zahlsymbolische Hinweis lässt „göttliches“ Einwirken erkennen, denn er weiß um die 72 Namen Gottes (jeweils bestehend aus drei Hieroglyphen). Der Osiris-Mythos ist uns aus der Antike zwar als Kosmogonie bekannt, aber den Ägyptern selbst war er in erster Linie ein symbolisches „Lehrgedicht“. Es handelt sich bei den symbolischen Göttern um Prinzipien (Allegorie), die die unterschiedlichen Wesensanteile des Menschen erklären. Vereinfacht handelt es sich um das Körperliche (Osiris), zum anderen das Geistige (Isis) und schließlich um die Seele (Horus). Im Mythos (inter-)agieren sie vielschichtig und bedeutungsvoll miteinander. Kurz: Der Prozess der eigentlichen „Menschwerdung“! Dieser Schöpfungsakt findet somit allegorisch in einem Menschen statt (Erleuchtung). Auch eine freimaurerische Tempelarbeit führt uns jedes Mal diesen symbolischen Schöpfungsweg vor das geistige Auge. Damit der Mensch zum „Menschen“ wird, muss er das in ihn gesetzte Licht weiter zum Strahlen bringen und seinen Weg finden, der ihn aus der Finsternis (Irrwege) zurück „in lichte Höhen führt und Irdischem entfliehen lässt“.

Der modernen Zeichentheorie (Semiotik) zufolge finden sich Symbole überall. Die alten Symbole der Freimaurerei sind viel mehr als „Symbole des Alltags“! Sie helfen, Natur-Prinzipien in sich selbst Wirklichkeit (= wirken) werden zu lassen (Wesensanteile zusammenzutragen), um sich als „Mensch“ zu entfalten. Die Symbole der Freimaurerei verbinden uns mit unserem Weg und sind deshalb dem Worte nach „Heilige Zeichen“. Sie verweisen auf den Weg in die Einheit (Mittelpunkt), um dafür wieder „heil“ zu werden – im Sinne von wieder ganz (= ergänzen). Andere Zeichen, Handlungen, Events oder Gruppen, die uns von unserem inwendigen Weg (zu uns selbst) ablenken oder/und uns von unserem Selbst abhalten, sind genau das Gegenteil von symbolisch (griech. symbállein „zusammentragen“): Alles das, was uns von uns wegführt, ist demnach diabolisch (griechisch diabállein „auseinanderwerfen“).

Die Essenz des Lebens ist Bewusst-Sein! Weisheit zu empfinden (= finden), ist der tiefe Sinn dieser Symbole. Sie dienen der Markierung (Marken) eines Weges (Pilgerschaft). „Erkennen“ geschieht nicht durch Wissen (rationales Studium), sondern durch Intuition (lat. unmittelbare Anschauung). Christliche Mystiker wie Meister Eckhart (1260–1328) betonten dies stark und verwiesen auf Kontemplation (Meditation). Auch Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) wies eindrücklich darauf hin, dass das Wesentliche für das Auge unsichtbar sei und nur durch das Herz (Intuition) erfassbar sei. Übrigens: Hinduismus, Buddhismus u. a. lehren diese Erkenntnis als Fähigkeit lokalisiert im Herzchakra, in der Form zweier ineinander gestürzter Dreiecke (= Hexagramm).

Das Symbol meint begrifflich (wie oben gesehen) das „Verbinden der Zeichen“, die uns unseren eigenen Weg weisen, um schließlich „zusammenzubringen“, was zusammengehört: Unsere verstreuten Wesens(an)teile. Indem wir uns verschiedenen Szenen des Lebens aussetzen und uns ihnen stellen, finden wir uns. Durch rechtes Handeln „meistern“ wir die Situationen und machen sie uns zu eigen. Die Symbole weisen damit auf den Prozess hin, den man „Ent-Wicklung“ nennt – Situationen „lösen“. Das Gegenteil von Entwicklung ist die „Verwicklung“: Geht man seinen „Aufgaben“ aus dem Weg und sucht Hilfe in Vermeidungsstrategien, dann verbleiben Konfliktpotenziale und man „verwickelt“ sich (Unbewusstsein). Ablenkungen aller Art, die uns schließlich vom eigenen Weg abhalten – bewusst oder unbewusst – führen von uns weg und sind demnach (wie oben beschrieben) „diabolisch“.

Fazit

Freimaurerische Symbole sind keine willkürlichen Zeichen, die sich an ihren „Bruchkanten“ erkennen lassen (nach griechischen Bräuchen). Die alten Symbole der Kathedralenerbauer sind nicht für einen irdischen Gebrauch. Sie geben vielmehr Orientierung auf dem geistigen Weg. Sie leiten uns bei der Suche und helfen, uns dort zu „verbinden“ (griech. symbállein), wo wir uns einst „getrennt“ (griech. diabállein) haben: in der „Einheit“! [„so sind wir einst zusammengekommen …“]

Die Symbolik, wie sie in der Freimaurerei gepflegt wird, bezieht sich auf „Heilige Zeichen“ (heil – auf die Einheit abzielend). Heilige Zeichen bildeten einst auch den Mittelpunkt der Religionen. Die Religionen wurden über die Jahrhunderte zu Institutionen und haben sich als solche „verselbstständigt“.

Wohl dem, der „seine“ Zeichen erkennt und ihnen folgt – ihm liegt ein Weltreich zu Füßen: Nämlich er selbst! Er vermag seine Zeichen von allen anderen zu unterscheiden. Diese Entdeckung macht ihm das Symbol „wahrhaftig“ und (be)greifbar. Hat er ein Symbol erkannt, reihen sich dahinter alle anderen Symbole auf wie die Glieder einer Kette. Das erste Symbol, das er auf diese Weise entdeckt, erreicht ihn wie das „Licht, das die Finsternis nicht ergriffen hat“ (Joh. 1, 5). Dieses Symbol ist für ihn, was für Theseus das Geschenk der kretischen Prinzessin Ariadne war: Der rote Faden, der ihn schließlich aus dem Labyrinth des Lebens finden lässt. Die Königliche Kunst lehrt uns daher, unsere größtmögliche Achtsamkeit auf die unsichtbaren Verbindungen zwischen den Symbolen zu richten. Hier verläuft der geheime Pfad, der aus der Dunkelheit herausführt. Gelingt diese „Anbindung“, besteht eine Verbindung über Zeit und Raum hinweg – Anfang und Ende werden ein und dasselbe. Konsequent leiten uns die Symbole zum Wesentlichen, zu Uns, zum Selbst (das „Himmlische/Neue Jerusalem“, die Einheit, der Mittelpunkt der Symmetrie). Was uns von diesem Weg (zu uns selbst) wegführt oder ablenkt, ist „diabolisch“, nicht symbolisch.

Für die Königliche Kunst ist der Weg das Ziel. Wer auf ihrem Pfad wandelt, weiß, dass es nicht im Leben darum geht, das „Spiel des Lebens“ zu gewinnen – es lässt sich nicht gewinnen! Im „Steppenwolf“ von Hermann Hesse gibt der namenlose Schachspieler im magischen Theater die „Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit“. Zuerst lässt er die Einheit der Persönlichkeit im Spiegelbild in viele Ichs zerfallen und wählt daraus die Figuren. Er bringt sie willkürlich auf dem Schachbrett ins Spiel. Aufbaukunst nennt er die „Lebenskunst“ und ändert erneut die Spielpositionen nach seinem freien Willen! Im Leben geht es nie um das Ankommen, denn Ankommen bedeutet Leere. „Leben“ bedeutet: Mit Risiken verbunden zu sein, in der Nebenwirkung liegt die Chance und Transformation ist Garantie.

Entwicklung setzt das Fallen eines Schleiers voraus, das Ende der Illusion: Nur die Ent-Täuschung bringt Erwachen! Heilige Symbole können hierbei helfen. Die heiligen Zeichen ermuntern uns, neue Verbindungen einzugehen (symbolisch) und alte Muster zu lösen (diabolisch). Die Alchemie folgerte daraus ihr Gesetz: „Löse und binde“ (lat. solve et coagula) = das Erkennen des Symbolischen und Diabolischen. Ihre Symbolsprache nannten die Alchemisten die „Grüne Sprache“ (an anderer Stelle auch die „Sprache der Vögel“ [s. „humanität Nr. 1/19“].

Nach Paracelsus (1493–1541) sei die Vollendung der Natur und der Gesellschaft die Aufgabe des Menschen. Das einzige Wesen auf diesem Planeten, das zu eigenem Bewusst-Sein gelangen kann und seine Umwelt entsprechend zu gestalten vermag, ist der Mensch! So verstanden, könnte er durchaus als „Krone der Schöpfung“ gesehen werden. Der Mensch muss aber (erst einmal für sich selbst) in diese Verantwortung gelangen und dann seine Verantwortung als „Mensch“ übernehmen! Die Symbole der Königlichen Kunst helfen, wieder in diese Verantwortung zu kommen. Sie schlagen die Brücke in eine vermeintliche Dunkelheit hinein, auf der wir vertrauensvoll und mit Zuversicht voranschreiten dürfen. Werde, der du bist!

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.

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Konzepte, Metaphern, Symbole

Foto: sveta / Adobe Stock

Sprachbilder, wie wir Metaphern üblicherweise wiederum mit einer Metapher umschreiben, sind allgegenwärtig. Sie sind in unserer Sprache sehr viel stärker präsent, als uns im Allgemeinen bewusst ist.

Vortrag auf der 55. Arbeitstagung der Forschungsloge „Quatuor Coronati“, Mannheim, 9./10. März 2019
Hans-Hermann Höhmann, Köln, Ehrenvorsitzender der Forschungsloge „Quatuor Coronati“

Wer immer nachdenkt, strukturiert den Kosmos seines Bedeutungsuniversums durch Metaphern, das heißt, er verwendet Metaphern bereits bevor er mit anderen über Inhalte und Ergebnisse seines Denkens kommuniziert. Unser gesamtes alltägliches Konzeptsystem, auf dessen Grundlage wir sowohl denken und sprechen als auch handeln, ist im Kern metaphorisch, und so wird verständlich, warum George Lakoff und Mark Johnson ihr, die neuere Metaphern-Forschung in hohem Maße inspirierendes gemeinsames Hauptwerk „Metaphors We Live By“ genannt haben, deutscher Titel „Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern“.

Metaphern in der Freimaurerei

Was bedeutet der Komplex „Metapher“ für uns Freimaurer der Gegenwart? Warum behandeln wir ihn auf einer Tagung der Forschungsloge? Welche Rolle spielt er für unsere Kommunikation mit der Öffentlichkeit?

Das sind die Fragen, die mich in meinem Vortrag beschäftigen.

lm Zentrum des Freimaurerbundes stehen für uns Ideen, Ideale und Konzeptionen, mit denen wir Wesen, Strukturen und Ziele der Freimaurerei in eine Sprache fassen, die weitgehend metaphorisch ist, und die in unseren Symbolen und Ritualen ihre Entsprechung findet. Für mich sind dies in erster Linie die Werte des Humanismus und der Aufklärung. Die wichtigsten Begriffe davon sind uns vertraut: Humanität, Brüderlichkeit, Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Friedensliebe. Wenn wir uns über Ziele, Werte und Leitvorstellungen der Freimaurerei verständigen, wenn wir in der Loge und mit der Öffentlichkeit darüber kommunizieren, dann zeigt sich immer wieder, dass auch unsere Sprache ohne Sprachbilder, ohne Metaphern nicht auskommt, ja dass im Grunde genommen der gesamte Charakter der Freimaurerei, der nicht zuletzt in der symbolischen Übertragung von Bauwerkzeugen auf die moralische Welt besteht, metaphorisch ist. Doch auch bereits vor der Entstehung der modernen Freimaurerei hatten Metaphern in der Welt der Bauhütten eine große Bedeutung, ist doch ohne die Lichtmetapher der gotische Kathedralenbau nicht denkbar.

Da die Metaphern der Freimaurerei mit ihren Konzepten zusammenhängen, können wir mit Lakoff/Johnson auch im masonischen Kontext von konzeptuellen Metaphern sprechen, die teilweise unbewussten Charakter haben, Wesen und Struktur der Freimaurerei teilweise aber auch bewusst zum Ausdruck bringen und unserer Orientierung nach innen und außen dienen. Die konzeptuellen Metaphern der Freimaurerei haben den Charakter von Frames, von Rahmen, die ganze Wissensbestände vom Herkunftsbereich der Symbolik in den Zielbereich der praktizierten Freimaurerei übertragen und dort neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten schaffen. Man kann daher auch von ihrem Brückencharakter sprechen, denn sie verbinden Konzepte mit Symbolen und sind auf diese Weise in die masonischen Rituale eingegliedert, deren Texte ja weitgehend aus Metaphern bestehen. Dauernd erfolgen Transferbeziehungen in zwei Richtungen: Einerseits führt der Weg vom Konzept zur Metapher, dann weiter über die Symbolik ins Ritual. Andererseits verbindet die rituelle Praxis Symbole mit Metaphern, die dann von Konzeptionen vermittelt zum Denken und Handeln des Freimaurers führen. Oder anders ausgedrückt: Wir beginnen mit Praxis und werden zur Praxis zurückgeführt, und das Wesen der Freimaurerei besteht weitgehend in der Dialektik ihrer symbolisch-metaphorischen und ihrer tatsächlichen Formen von Praxis.

Mythen, Metaphern und Systeme

Doch spätestens an dieser Stelle setzen Probleme ein, denn die konzeptionellen Grundlagen der Freimaurer stimmen ja – auch in diesem Kontext dürfen wir nicht daran vorbei denken – von masonischem System zu masonischem System nicht überein. Es gibt ja nicht die Freimaurerei (im Singular), sondern nur die Freimaurereien (im Plural). Dies hat verschiedene historische Ursachen und ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich die konkreten maurerischen Systeme auf dem Hintergrund divergierender Mythenstränge entwickelt haben.

Wenn wir uns die Mythen anschauen, um die herum sich die Freimaurereien in den vergangenen Jahrhunderten seit 1717 entwickelt haben, so stoßen wir insbesondere auf drei Erzählstränge, die sich zwar oft vermischt haben, die sich aber trotzdem voneinander unterscheiden, ja sich widersprechen können:

  • die hermetisch-esoterischen Erzählungen von uralter Weisheit und geheimnisvollen symbolischen Codes, die in den Logen entschlüsselt werden können,
  • die gnostisch-christlichen Erzählungen von der Nachfolge Jesu, des Obermeisters des Freimaurerordens sowie
  • die humanistisch-aufklärerischen Erzählungen vom Menschen und seinen mitmenschlichen Pflichten im hier und jetzt, die einzuhalten die Freimaurerei den Bruder lehrt.

lm Verständnis nach Innen aber auch im Auftreten der Freimaurer gegenüber der Öffentlichkeit gehen diese Erzählstränge – die ja zu sehr verschiedenen Formen von Freimaurerei im Hinblick auf Konzepte, Symbole und Metaphern geführt haben – oft unreflektiert und verwirrend durcheinander. Und dieses Durcheinander der Mythen begegnet uns dann wieder in den Geschichten, die andere über uns erzählen. Und hier liegt die Wurzel vieler unserer Probleme. Wir werden missverstanden, weil wir selber nicht so richtig wissen, wer und was wir eigentlich sind.

Es wäre nun interessant zu untersuchen, wie sich die konzeptuelle Metaphorik der verschiedenen Spielarten von Freimaurerei voneinander unterscheidet. Und es wäre gleichfalls spannend, die Prozesse aufzuzeigen, durch die sich die Metaphernwelten der einzelnen Freimaureien unter dem Einfluss politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen verändert haben, wenn beispielsweise die Lichtmetapher in der völkischen Freimaurerei der späten 20er und frühen 30er Jahre weithin einen neuheidnisch-arischen Charakter angenommen hat, die einer veränderten freimaurerischen Sinnstiftung dienen sollte. Hier sind noch viele Fragen offen, und es existiert ein umfangreicher Forschungsbedarf.

Die Metaphern der Humanistischen Freimaurerei

Ich muss mich heute allerdings thematisch beschränken, und so möchte ich mich im folgenden Teil meines Beitrags mit der in der Tradition von Humanismus und Aufklärung stehenden Humanitären Freimaurerei beschäftigen, mit der ich ja in Forschung und Praxis besonders verbunden bin. Dabei möchte ich versuchen aufzuzeigen, wie es in dieser Form von Freimaurerei um die Wirkungskette Konzept – Metapher – Symbol – Ritual strukturell und inhaltlich bestellt ist.

  • Freundschaft und Geselligkeit,
  • ethische Orientierung und moralische Praxis,
  • Arbeit mit Symbolen und Ritualen,
  • Bewährung als Einübung in Lebenskunst.

Zu den bewusst gewählten konzeptuellen Metaphern der Humanistischen Freimaurerei gehören für mich in erster Linie vier Gruppen von Metaphern oder auch Metaphernfelder, die einerseits mit den Konzepten der Humanistischen Freimaurerei korrespondieren und andererseits in entsprechenden Einzelsymbolen und symbolischen Handlungen Ausdruck finden. Ich unterscheide die Metaphernfelder „Licht“, „Wandern“, „Bauen“ und „Liebe“, verweise auf die jeweilige Metaphernstruktur und versuche mitzuteilen, zu welchen Sinnstiftungen und Konzepten freimaurerischer Praxis mich diese Metaphernstruktur zurückführt. Dabei ist allerdings stets festzuhalten, dass das Ritual keine bloße Aneinanderreihung von Metaphern ist, dass die freimaurerischen Metaphern vielmehr in die performative Gesamtstruktur des Rituals eingebunden sind.

Das Metaphernfeld „Licht“

Ich beginne mit Bemerkungen zum Metaphernfeld „Licht“ mit den uns allen vertrauten Metaphern, die um Licht, Aufklärung und Erleuchtung kreisen, teils mehr rational (im Sinne von „Aufklärung“), teils mehr spirituell (im Sinne von „Erleuchtung“) konnotiert.

Es fällt nicht schwer, Metaphern des Lichts in unserem Lehrlingsritual aufzufinden:
„Wir wollen unser Herz gegen das Licht richten.“ „Lasst uns die Werkstätte völlig erleuchten, auf dass wir im klarsten Licht unsere Arbeit beginnen.“„Hüten Sie sich vor allen Lehren, welche das Licht des menschlichen Denkens nicht ertragen.“„Licht zu erlangen, sei stets Ihr tiefstes Bestreben.“„Meine Brüder, helft mir, unserem neu aufgenommenen Bruder das Licht zu geben.“

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung. In allen kulturellen Systemen hat die Lichtsymbolik ihren festen Platz. Sie kennzeichnet, oft konkretisiert in den Bildern der sinnlich erfahrbaren Lichtträger – Sonne, Mond, Sterne, Blitz und Feuer – Mythen und Kulte und gelangt als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt auch in das freimaurerische Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, sondern auch für Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis, dafür, dass der Maurer – so will es das Ritual – sich vor Lehren hüten soll, die das Licht der Vernunft nicht aushalten. ln der Sprache des Rituals: „Was das Licht für die Augen, das ist die Wahrheit für den Geist des Menschen. Unwissenheit und Vorurteil verhalten sich zur Wahrheit, wie Finsternis und Dunkel zum hellen Tag.“

Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichtgebung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

Die Beziehungen zur freimaurerischen Praxis sind leicht erkennbar: Redlichkeit und Wahrhaftigkeit werden angemahnt, der Verzicht darauf, als Wahrheit auszugeben, was eigenes Vorurteil ist. Die Loge will – auch dies ist Grundlage des Rituals – „eine sichere Stätte sein für alle, die Wahrheit suchen“. Wohlgemerkt, für die, die Wahrheit suchen, nicht für die, die meinen, universelle Heilsrezepte zu besitzen und ewige Wahrheiten zu verwalten. Hier ist an ein Wort und eine Warnung Lessing zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Das Metaphernfeld „Wandern“

Zweitens Bemerkungen zum Metaphernfeld „Wandern“ mit Metaphern des Wanderns, des Reisens, der Veränderung, des Übergangs: „Die Reisen, welche Sie nun unternehmen, sind Bilder des Lebens.“ „Noch ist der Suchende fern vom Ziel. Mühsam ist der Weg. Lassen Sie uns mutiger vorwärtsschreiten.“ „Der Lehrling muss lernen, im Tempel zu gehen.“ „Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben.“

Die Symbolik des Wanderns veranschaulicht den besonderen Charakter der menschlichen Lebensreise. Wandermythen gehören zu den uralten Bestandteilen menschlicher Bewusstwerdung. Wanderepen wie Homers Odyssee erzählen nicht nur das Schicksal von Helden. Sie bezeugen auch die Bestimmung des Menschen, Wanderer zu sein. Auch eine moderne Filmgattung bestätigt immer wieder einen archaischen Befund: Das menschliche Leben ist ein Roadmovie. Der Mensch ist unterwegs, er muss aufbrechen, er verändert sich, er hat Altes hinter sich zu lassen und selbst, wenn er zum Ausgangspunkt zurückkehrt, ist er verändert und hat die Chance, die Veränderung produktiv an sich selbst zu erleben. Rainer Maria Rilke hat dieses „Zurückkehren, aber doch Verändertsein“ bekanntlich in die schöne Metapher vom „Leben in wachsenden Ringen“ gefasst:

„lch lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.“

Die symbolischen Reisen, die der Freimaurer als Suchender, Lehrling oder Geselle unternimmt, gehören zu den wichtigsten Formen performativen Handelns im Ritual, dessen performativer Charakter – wie der Ritualforscher Christian Wulf betont – sehr wesentlich „über die Inszenierung und Aufführung der Körper der beteiligten Menschen“ Ausdruck findet.

Freimaurerei hat mit Wanderungen vielerlei Art zu tun: der Aufnahmekandidat wandert zum Licht, der Lehrling macht „Gesellenreisen“, der Geselle wandert – konfrontiert mit der Unabänderlichkeit des Todes – auf dem Weg zur Meisterschaft, und auch für den Meister wird das „Wandern zwischen Sternen und Gräbern“ immer wieder zu Erlebnis und Anstoß.

Rahmen des Wanderns durch die sich durch Wiederholung von Mal zu Mal vertiefenden rituellen Erlebnisse ist das System der drei freimaurerischen Grade Lehrling, Geselle und Meister. Für mich lässt sich dieser Rahmen durch zusätzliche Ritual-erfahrungen nicht sinnvoll erweitern. Die Wandersymbolik hilft erkennen, dass es sich bei den Ritualen der Freimaurer nicht um Verkündigungsrituale oder Rituale der Manifestation nicht zu hinterfragender Überzeugungen handelt, sondern um Erprobungsrituale oder Rituale der Suche, die schrittweise Erkenntnis und korrigierbares Lernen verdeutlichen, was zugleich bedeutet, dass freimaurerische Rituale bei aller Konstanz ihrer Form „offene“ und keine hierarchisch vermittelten Rituale sind – oder doch sein sollten.

Leben als Wandern zu verstehen, ist auch den Gedanken und Bildern anderer Denksysteme und Ausdrucksformen von Kultur eigen. Die Anschaulichkeit und Intensität der sinnlichen Erfahrung der freimaurerischen Rituale wird allerdings nur selten erreicht. Das freimaurerische Brauchtum ist nun einmal sowohl durch eine besonders sinnreiche Ritualstruktur als auch durch eine besonders eindrucksvolle gruppendynamische Qualität des Ritualvollzugs geprägt.

Metaphernfeld „Bauen“

Nun Bemerkungen zum Metaphernfeld „Bauen“ mit Metaphern des Bauens, des Entwerfens, der Arbeit, der Praxis. Wiederum dazu in ununterbrochen metaphorischer Sprache unser Ritual: „Lasst uns an die Arbeit gehen, Brüder, und die Werkzeuge zur Hand nehmen“. „Wir bauen den Tempel der Humanität.“ „Die Bausteine, deren wir bedürfen, sind die Menschen.“ „Der rauhe Stein ist das Sinnbild des Lehrlings. Er bezeichnet die rohe Form, welche der Bildung und Veredelung bedarf.“

Die Metaphern des Bauens umreißen Inhalt und Ziel unserer Arbeit: Freimaurer bauen am Tempel der Humanität. Sie verstehen Sein und Zeit als sinnvoll zu gestaltende Bauwerke. Sie gehen davon aus, dass ihrem Bauen eine wertgebundene Bauidee zugrunde liegt, die sie – ohne jede inhaltliche Bestimmung, fern ab von der Dogmatik eines kreativen Designs und ohne, dass die Loge zur religiösen Vereinigung wird – mit dem Symbol eines universellen Großen Baumeisters umschreiben.

Gewiss, wir bauen ein Fenster zur Transzendenz, denn „über sich“ hinaus zu schauen ist eine Grundbefindlichkeit des Menschen. Doch was der Maurer sieht, wenn er durch dieses „Fenster“ blickt, ist innerhalb und außerhalb der Loge sein Geheimnis, das ihm durch seine Philosophie oder Religion und nicht durch die Freimaurerei vermittelt wird. Es wäre schamlos, den Bruder danach zu fragen, und es wäre anmaßend, am Inhalt seiner Überzeugungen Anstoß zu nehmen, so lange sie mit den im Konsens der Freimaurer gefundenen Wertvorstellungen übereinstimmen und der Bruder sie nicht selbst mit Freimaurerei vermischt und verwechselt.

Grundlegend für die freimaurerische Bausymbolik ist, dass wir uns selbst als Bausteine verstehen, deren Auftrag und Schicksal es ist, den Weg vom rauen zum behauenen Stein zu nehmen, lebenslang und unabweisbar, aber mit der Hoffnung auf Gelingen und auf der festen Grundlage eines positiv-optimistischen Menschenbildes. Wir bauen eine Heimat für Menschen, eine Heimat, die nicht nur am großen Entwurf des Tempelbaus orientiert ist, die vielmehr – wiederum metaphorisch ausgedrückt – vor allem im tagtäglichen Bemühen, um menschenwürdige Wohnverhältnisse in den Alltagsgehäusen unserer Mitmenschen ihren Ausdruck zu finden hat.

Bauen und Wohnen gehören zusammen. Philosophen ganz unterschiedlicher Ausrichtung wie Martin Heidegger, Ernst Bloch und Otto Friedrich Bollnow, aber auch philosophierende Schriftsteller wie Antoine de Saint-Exupéry haben betont, dass der Mensch wesensmäßig ein Wohnender ist, der baut, um beheimatet zu sein. Für Bloch ist „Bauen“ ein Produktions-versuch menschlicher Heimat, und Heidegger formulierte im Rahmen des vielbeachteten „Darmstädter Gesprächs“ zum Thema „Mensch und Raum“ im Jahre 1951: „Das Wesen des Bauens ist das Wohnen lassen. Der Wesensvollzug ist das Errichten von Orten durch das Fügen ihrer Räume. Nur wenn wir das vermögen, können wir bauen. Das Wohnen aber ist der Grundzug des Seins.“

Das „Nicht-Wohnen-Können“ umgekehrt, die Obdachlosigkeit, das heimatlose Asyl verletzt zutiefst die Würde der davon betroffenen Menschen, nicht nur, weil der Besitz einer Wohnung eine elementare Notwendigkeit für physisches menschliches Überleben ist, sondern auch, weil Haus und Wohnung ganz spezifische kulturelle Identitäten stiften, über die zu verfügen gleichfalls ein Grundanliegen der Menschen ist. Seitdem der Mensch Mensch ist, hat er gebaut, wenn auch das Maß des Menschlichen dabei oft verfehlt worden ist.

Nicht nur einzelne Menschen, auch Gemeinschaften sind auf Raum und Heimat, d. h. auf

Verwurzelung an festen Orten angewiesen. Für Logen gilt dies sogar in einem gesteigerten Maße. Ihre Lebenskraft, ihre rituelle, soziale und kulturelle Entfaltung, die sichere Gelassenheit, mit der sie neue Menschen anzusprechen in der Lage sind, all das hängt davon ab, ob sie Räume besitzen, die Heimat konstituieren. Und von dieser Heimat, diesem Heim her, macht es für uns Freimaurer auch heute noch Sinn, vom „Geheimnis“ zu sprechen.

Das Metaphernfeld „Liebe“

Viertens schließlich Bemerkungen zum Metaphernfeld „Liebe“ mit Metaphern der Mitmenschlichkeit, der Zusammengehörigkeit, der brüderlichen Liebe und der Universalität dieses Miteinanders: „Schöne reine Menschenliebe, Brüderlichkeit aller ist der Mörtel des Tempelbaus.“ „Der Zirkel ist Sinnbild der brüderlichen Gemeinschaft, der den Freimaurer mit allen Menschen verbindet.“ „Die Freimaurerei ist allgemein, sie erstreckt sich über den ganzen Erdboden, und alle Brüder machen nur eine Loge aus.“ „Wir bilden die Kette der brüderlichen Eintracht.“ „Vor allem übt brüderliche Liebe. Sie ist Grundstein und Schlußstein, Kitt und Ruhm unserer alten Bruderschaft.“

Die Metaphern der Liebe bringen zum Ausdruck, dass Freimaurerei menschliches Miteinander bedeutet. Und zwar – wie wir von Lessing gelernt haben – kein Miteinander von Menschen mit besonderen Seinsweisen in nationaler, ständischer und religiöser Hinsicht, sondern ein Miteinander von Menschen als „bloßen“ Menschen, Menschen, denen es – so Lessing im Nathan – „genügt ein Mensch zu sein“.

Damit sich Freimaurerei als menschliches Miteinander ereignet, ist freilich immer wieder der Mut zu einer wirklich umfassenden Begegnung erforderlich. Für den Mitmenschen Sorge tragen, Verantwortung, Respekt und Wissen um einander als Aufgaben ernst zu nehmen und tatsächlich zu praktizieren, hiervon vor allem hängt die Glaubwürdigkeit unseres Bundes ab. Andererseits: Wir geben nicht nur, wir bekommen auch. Wir gehen nicht allein, wir handeln gemeinsam, wir erfahren Rat und Hilfe von anderen. Aber es bleibt dabei: Wir müssen Acht haben auf unseren Umgang miteinander, damit es wirklich zu dem kommt, was wir mit unserem Bruder Wolfgang Amadeus so gern besingen: „Unsrer Freundschaft Harmonien dauern ewig, fest und schön.

Offene Fragen und Forschungsaufgaben

Zum Abschluss meines Beitrages einige Folgerungen und Hinweise auf offene Fragen:

Erstens: Der metaphorische Charakter der Freimaurerei erfordert gründliche Überlegungen über das, was ich als das Gestaltungsdreieck der Freimaurerei bezeichnet habe, über die Beziehungen zwischen Konzept, Metapher und Symbol. Freimaurerei ist ein Gesamtkunstwerk, das inhaltliche Ideen, sprachliche Ausdrucksformen, symbolische Abbildungen und performativen Ritualvollzug miteinander verbindet. Unsere Ideen finden Ausdruck in unseren Ritualen. Ihre Sprache steht in einem engen Zusammenhang mit unseren Symbolen und hat selbst symbolischen Charakter. Dies macht die freimaurerische Metaphorik einerseits in besonderem Maße für das im Ritual übliche performative Sprechen und Handeln geeignet, lässt andererseits aber kaum zu, dass die Metaphorik des Rituals unvermittelt und direkt in der nicht-rituellen, vor allem der öffentlichen Kommunikation eingesetzt wird. Das könnte schlicht oberflächlich, pathetisch und leer wirken. Der Freimaurer sollte daher mit seinen Metaphern wohldosiert umgehen und versuchen auf ihrer Grundlage zunächst und vor allem ein vertieftes Nachdenken zu erreichen, dessen Resultate sich nicht blamieren, wenn sie aus unseren Gedankenwelten wiederauftauchen und in unsere Diskurse Eingang finden.

Zweitens: Die Zahl sinnvoller konzeptueller Metaphern innerhalb der Freimaurerei – insbesondere in einer humanitären Freimaurerei, einer Freimaurerei, die in der Tradition von Humanismus und Aufklärung steht – ist begrenzt, und so macht es inhaltlich, aber auch im Hinblick auf ihre metaphorischen, performativen und symbolischen Sprachformen in meiner Sicht keinen Sinn, die Metaphernbereiche der Freimaurerei beliebig zu erweitern. Die Metaphern unseres Rituals sollen den Kern des Konzepts „Freimaurerei“ beschreiben, in meiner Sicht das Konzept einer humanistisch orientierten Freimaurerei. Deshalb gilt es auf die Konsistenz der freimaurerischen Metaphernfelder zu achten, und – soweit das Ritual nicht ohnehin einer solchen Konsistenz entspricht –, mit behutsamen Anpassungen der Rituale zu reagieren. Insbesondere dann sind Korrekturen erforderlich, wenn die Sprachform der Metapher nicht mehr dem zugrundeliegenden Konzept entspricht und keine überzeugende Sinnzuschreibung ermöglicht.

Drittens: Metaphern sind wesentliche Elemente der freimaurerischen Rituale, machen jedoch keineswegs ihre Gesamtheit aus. Wesentlich für das rituelle Geschehen sind vor allem auch die Körperinszenierungen, die weithin durch ihren performativen Charakter geprägt sind. Dies gilt insbesondere für die Initiationen (Aufnahmen) und die Übergänge von Grad zu Grad (Beförderungen, Erhebungen). Weiter hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die in den Ablauf des Rituals eingefügte Musik und die „Zeichnungen“, das heißt, die in das Ritual eingefügten kürzeren oder längeren Vorträge. Beides, Musik und Zeichnungen, sollten den Fluss des Rituals stützen und bereichern, nicht aber eine zu starke Eigenwirkung entfalten, ja, es wäre zu überlegen, ob nicht bei Aufnahmen, Beförderungen und Erhebungen ganz auf Zeichnungen verzichtet werden sollte. Nach meinen Beobachtungen sind diese oft zu lang, thematisch nicht stimmig und wirken sich insbesondere auf die innere Beschäftigung des Initianden mit dem rituellen Geschehen negativ aus.

Viertens: Es ist meines Erachtens durchaus lohnend, die Arbeit an Konzept, Symbol und Ritual zukünftig mit einem Ausbau der bisher vernachlässigten Arbeit an der freimaurerischen Metaphorik zu verbinden. Dies ist ja ein bisher weithin brachliegendes Feld, dem sich auch das Ritualkollegium unserer Großloge bisher kaum angenommen hat. Und nichts spricht dagegen, diese Arbeit im Rahmen eines erweiterten Diskurses in Angriff zu nehmen, an dem auch die Schwestern Freimaurerinnen mehr als bisher beteiligt sind. Ich habe im Kontext Ritual und rituelle Sprache viel von meinen Schwestern gelernt und möchte ihre analytische Sensibilität auch, ja gerade beim Komplex Metapher nicht missen.

Insgesamt: Das Thema ist spannend, und es lohnt sich, analytisch auf die Reise zu gehen.

Und so schließe ich mit einem Appell des Aufbruchs, den der Genueser Weltbefahrer Friedrich Nietzsche in einer Seefahrtsmetapher verpackt hat und auf den ich bei der Lektüre von Hans Blumenbergs schönem Metaphernbuch „Schiffbruch mit Zuschauer“ gestoßen bin:

„Auch die moralische Erde ist rund“ – so der Seefahrer Nietzsche –, „es gibt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine.

Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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