Das Bauhaus und die Freimaurerei

Das Bauhaus in Dessau

Freimaurer suchen immer wieder nach historisch-kulturellen Vorbildern ihres Bundes. Gehört nicht auch das Bauhaus dazu? Gerade im Jahr des 100. Gründungstages dieser legendären Hochschule und Ideenschmiede scheint die Frage nahezuliegen. Dennoch wirft die Antwort einige Probleme auf.

Vortrag des Redners der Osnabrücker Loge "Zum Goldenen Rade"

Dabei scheint der Zugang zum Bauhaus, gerade aus Sicht der Freimaurer, einfach zu sein. 1919 veröffentlicht Walter Gropius das Gründungsmanifest der neuen Hochschule und gibt gleich im ersten Satz ihr zentrales Ziel aus – Kunst und Handwerk im Zeichen einer gemeinsamen Arbeit am Bau wieder zu vereinigen. Dieses Zielt ruft bei uns Brüdern das Bild des Tempels der Humanität als Ziel gemeinsamer Arbeit auf. Dem Text von Walter Gropius – er gehört zu den legendären Dokumenten der künstlerischen Moderne – ist obendrein ein Holzschnitt von Lyonel Feininger beigegeben, der das ideelle Programm in ein Bild fasst, jenes der von Sternen bekrönten Kathedrale. Dieses Sinnbild einer stabilen, überzeitlichen Harmonie scheint die Vorstellungen der Freimaurer geradezu idealtypisch aufzunehmen.

Gehört das Bauhaus demnach in die Reihe der illustren künstlerischen Vorbilder und Entsprechungen, die wir Freimaurer immer wieder gern aufrufen, um unseren Bund kulturell und ideell besser verankert und begründet zu wissen? Mozarts „Zauberflöte“ steht dafür beispielhaft. Die Schöpfer der Oper sind Freimaurer, die Entstehungszeit sieht die Freimaurerei in voller Blüte und obendrein enthält dieses Kunstwerk ein komplettes Programm der Königlichen Kunst.

Das Bauhaus bietet sich für eine Identifikation ebenfalls scheinbar an. Es gilt heute nahezu unangefochten als zentrale Referenz für Modernität und Kreativität. Die Hochschule gliedert ihr Personal in Lehrlinge, Gesellen und Meister, Walter Gropius spricht sogar vom Bauhaus als „Loge“. Das Problem: Jenes Bild des Bauhauses, das Freimaurer adressieren, um eine Identifikation zu erreichen, entspricht nur der Frühphase der Hochschule. Obendrein ist keiner der bedeutenden Bauhäusler Mitglied unseres Bundes. Das wirft Fragen auf.

An dieser Stelle soll nicht die komplexe innere Struktur und dynamische Geschichte des Bauhauses referiert werden, eine Geschichte, die in der Abfolge der Bauhausorte Weimar, Dessau und Berlin sowie der Direktoren Walter Gropius (1919-1928), Hannes Mayer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) ihr sichtbares Gerüst findet. Die Tatsache einer rapiden Wandlung des Bauhauses zwingt dazu, auch die Identifikation der Freimaurerei mit historisch-kulturellen Vorbildern neu zu denken. Es geht nicht mehr um starre Spiegelungen, sondern um dynamische Befragungen, nicht mehr um Konstellationen, sondern um Prozesse.

Auf dem Hintergrund dieser veränderten Fragerichtung lassen sich fünf Ansatzpunkte ausmachen, von denen aus das Verhältnis von Bauhaus und Freimaurerei sinnvoll diskutiert werden können:

  • Das Bauhaus lehrt uns, dass Menschen nur kreativ miteinander sein können, wenn sie keinen uniformen Verband, sondern ein lebendiges, gleichsam atmendes Netzwerk bilden, das den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Walter Gropius sprach davon, „Alles in der Schwebe lassen“ zu wollen, als er sich zum Bauhaus als Personenverbund äußerte. Bruno Adler sprach von einem „lebendigen Organismus“. Ebenso wie das Bauhaus sollten auch Logen Orte sein, die sich dynamisch entfalten und der Kreativität des Einzelnen Raum geben. Die Verbindung entsteht durch den gemeinsamen Maßstab der Qualität.
  • Das Bauhaus weist uns, analog zum ersten Punkt, darauf hin, dass erfolgreiche Personenverbände ihre permanente Neuerfindung inszenieren und forcieren. Das Bauhaus liefert, ebenso übrigens wie die Documenta, das Musterbeispiel für eine kulturelle „Marke“, die das Ineinander und Miteinander von Identität und Neuerfindung bewältigt und organisiert. Bewegung und Identität sind keine Widersprüche, sondern Pole einer Bewegung, die ständig beide Aspekte im Blick hat.
  • Das Bauhaus liefert vor allem mit seinem Theater vielfältige, bislang überhaupt nicht diskutierte Ansatzpunkte für ein vertieftes Verständnis des Rituals als des Kernelementes der Freimaurerei. Mit seinem Triadischen Ballett führt Oskar Schlemmer am Bauhaus bewegte Bilder als dynamisierte Geometrien auf. Im Vordergrund steht nicht subjektiver Ausdruck, sondern eine konzertierte Bewegung mehrerer Spiele in einem planimetrischen Raum. Das Tanzspiel führt Bilder vor, ihre Schönheit als Ordnung. Dieser Aspekt führt unmittelbar zu den freimaurerischen Idealen mit ihrer Verbindung von Körperbewegung, gesprochener Sprache, Licht, Musik und bildhafter Symbolik.
  • Das Bauhaus organisiert sich nach innen, es wirkt aber auch dezidiert nach außen. Das Bauhaus will mit seinen Gestaltungen auch Gesellschaft verändern. Damit ist keine parteipolitische Aktivität gemeint, sondern ein Engagement für ein verbessertes Leben aller Menschen. Schönheit und Nützlichkeit werden deshalb von den Bauhäuslern zusammen gedacht. Diese Verbindung von innerer Aktivität und äußerer Wirkung fügt sich auch zu der Intention der Freimaurerlogen, mit ihren internen Übungen eine Praxis anzuleiten, die außerhalb der Logen verändernd wirken soll. Der Bezug auf das Bauhaus könnte helfen, diesen Bezug neu zu durchdenken – auch auf seine möglichen Konflikte und internen Widersprüche hin.
  • Das Bauhaus bietet auch ein Lehrstück für eine Dynamik, die ohne Konflikte niemals zu haben war. Erst in der Rückschau erscheint das Bauhaus als ein Monolith der Moderne – vor allem im Hinblick auf seine heute als klassisch erachteten Designprodukte. Die Entwicklung des Bauhauses war aber in Wirklichkeit von internen wie externen Konfliktlagen begleitet. Diese Geschichte sollten auch wir Freimaurer bewusst reflektieren.

Die hier kurz skizzierten Punkte zeigen auf, wie Freimaurer ein produktives Verhältnis zu der legendären Hochschule gewinnen können. Der Blick auf das Bauhaus sollte uns lehren, unser Verhältnis zu historisch-kulturellen Vorbildern insgesamt neu auszurichten. Dabei darf es weniger um bloße, zur Erstarrung neigende Identifikationen gehen als darum, produktive Fragen zu stellen. Es geht um Prozesse, nicht um Bestände! Das Bauhaus lehrt uns vor allem eines: nur diejenigen, die sich heute bewegen, werden morgen die Klassiker sein!

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Für ein neues Verständnis der Freimaurerei

Der Philosoph und Freimaurer Klaus-Jürgen Grün

„Der symbolische Bund der Freimaurer“: Unter diesem Titel hatte Klaus-Jürgen Grün, Philosoph, Freimaurer und ehemaliger Meister vom Stuhl der Forschungsloge Quatuor Coronati, seinen Vortrag im Lortzinghaus am 29. November 2018 angekündigt.

(Osnabrück / rm) Der Abend ging über diesen Titel deutlich hinaus – mit einem vehementen Plädoyer für die Eigenverantwortung des Menschen und einer Auffassung von Freimaurerei, die weniger auf Tradition statt auf Neuerfindung setzt. Grün führte dieses Verständnis unter anderem mit einer prägnant neuen Definition des Begriffes Arbeit vor. Arbeit sei im Verständnis der Freimaurer nicht einfach Verbrauch von Kraft, sondern im Gegenteil eine Erweiterung. Der Tempel werde erst durch Tätigkeit zu etwas besonderem, plädierte Grün für ein aktives Verständnis der Freimaurerei.

Der Referent untermauerte seine Thesen mit ausführlichen Exkursionen in die Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften. Dabei unterschied er grundsätzlich zwischen Entdeckung und Erfindung der Welt, zwischen dem, was er analoges und digitales Denken nannte. Wer die Welt entdeckt, setzt sie als etwas von ihm unabhängig existierendes voraus, wer sie erfindet, bringt Welt überhaupt erst hervor, durch Worten und Taten. Diese Opposition bezog Grün auch auf ethische Konzepte. Wer analog denke, mache für sein Handeln eine übergeordnete Instanz verantwortlich. Wer sie erfinde, übernehme für seine Handlungen Verantwortung. Grün schilderte – ein krasses Beispiel – das Verhalten von Tätern des Dritten Reiches, die für ihre Handlungen nicht selbst die Verantwortung übernommen, sondern auch übergeordnete Instanzen der Partei oder des Staates verwiesen hätten. Pflichterfüllung als Paradigma der systematischen Verantwortungslosigkeit: Grün ließ keinen Zweifel daran, wo er den Ort für den selbstständigen und verantwortungsvollen Menschen sieht.

Ob Erkennen oder Kommunikation – Menschen bilden Welt nicht einfach ab, sie erzeugen sie. Grün bezog sich auf jene Grundverständnisse von Welt und Erkennen, wie sie der Konstruktivismus und die Systemtheorie formuliert haben und zitierte folgerichtig den Kybernetiker Heinz von Foerster und den Soziologen Niklas Luhmann. Besonders wichtig: Menschen nehmen Bedeutungen nicht einfach von außen entgegen, sie kreieren sie als Reaktion auf Wahrnehmung und Kommunikation. Damit zeichnete Grün das Bild einer Welt, die wir nicht einfach vorfinden, sondern in unserem Machen, Sagen und Schaffen ständig neu erschaffen. Menschen sind nicht triviale Maschinen: Mit diesem Terminus umschreiben Systemtheoretiker ihr Bild vom Menschen als einem ständig lernenden und in diesem Sinn produzierenden Wesen, das sich über selbst produzierte Rückkopplungen ständig weiter entwickelt.

Liegt Gott also nicht in einem fernen Jenseits oder Über-Uns, sondern in der Hirnschale des Menschen, also in seiner Kreativität und Produktivität? Grün zitierte dafür Michelangelos Deckengemälde „Die Erschaffung Adams“ aus der Sixtinischen Kapelle in Rom. Er interpretierte den Umriss, in den der Maler die Gestalt Gottes einfügte, als Silhouette der menschlichen Hirnschale und damit als eine implizite Absage des Künstlers an Transzendenz und daraus folgende Konzepte des Menschen. Grün forderte nachdrücklich dazu auf, auf dieser Basis auch das Verständnis der Freimaurerei neu zu denken und dabei auf Eigenverantwortung und Kreativität zu setzen. Die Idee der Humanität sei nur im sozialen Gefüge möglich, sagte Grün. In der Freimaurerei sei alles Resultat der Praxis, formulierte der Philosoph sein Verständnis einer aktiven, auf Weltgestaltung im Hier und Jetzt setzenden Freimaurerei. Dass er seine Ausführungen frei vortrug und sich dabei auf die Kunst der vehementen Ansprache seines Publikums verstand, ist jedem nachvollziehbar, der Klaus-Jürgen Grün einmal erlebt hat. Er ist ein Performer seiner Philosophie.

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Auf Liebe und Tod: Konzert im Lortzinghaus Osnabrück

Der Pianist Florian Krumpäck und der Sänger Marek Kalbus im Lotzinghaus

Sänger Marek Kalbus und Pianist Florian Krumpöck begeisterten mit Liedern von Franz Liszt im Osnabrücker Logenhaus.

(Osnabrück/rm) Spätromantiker und Selbstdarsteller, Tastenlöwe und Megastar, katholischer Abbé und bekennender Freimaurer: Franz Liszt war vieles gleichzeitig. Eines war er nicht – ein Mann der leisen Töne. „Gestorben war ich vor Liebeswonne, begraben lag ich in ihren Armen“: Es sind Texte wie dieser von Ludwig Uhland, die den Komponisten, der vor allem mit prunkenden Klavierkonzerten und sinfonischen Dichtungen wie dem von den Nationalsozialisten missbrauchten „Les Préludes“ berühmt wurde, dazu drängten, Lieder zu komponieren. Liszts Lieder locken in einen Kosmos extremer Gefühle. Der Bassbariton Marek Kalbus und der Pianist Florian Krumpöck machten sich bei ihrem Konzert am Samstagabend im Lortzinghaus auf die Reise durch diese Welt wogender Emotion.

Dabei teilten die beiden Künstler den Abend in zwei Teile, die einander so spiegelbildlich entgegengesetzt waren wie die Leitbegriffe, die den Komponisten umtrieben: Liebe und Tod. Florian Krumpöck leitete das Programm solistisch ein – mit Liszts Transkription des „Liebestods“ aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Darauf folgten Lieder, die Liebessehnen als Todeserfahrung reflektieren. Den Kontrapunkt setzte zu Beginn des zweiten Teils nach der Pause „O lieb so lang Du lieben kannst“ nach einem Text von Ferdinand Freiligrath, ein flammendes Bekenntnis zur Liebe als Inbegriff der Sehnsucht nach Zuneigung und Leben.

Franz Liszt hat sich von beiden Polen der Liebe aus in sein Liedschaffen wie in ein Meer brandender Klänge gestürzt. Sänger Marek Kalbus und Pianist Florian Krumpöck taten es ihm nach. Dabei agierten die Musiker expressiv und kontrolliert zugleich. Krumpöck spielte mit Finesse und fein dosiertem Anschlag, Kalbus sang ausdrucksstark und phrasierte zugleich geschmackvoll. Wenn es so etwas wie maßvolle Ekstase gibt – den beiden Musikern gelang diese heikle Balance im Lortzinghaus.

Dabei ging gerade Bassbariton Kalbus hohes Risiko. Für die zwei denkbar unterschiedlichen Hälften des Konzerts hatte er eine Fülle unterschiedlicher Klangfarben aufzubieten. Der Sänger bestand diese Probe auf seine Kunst bravourös und hielt sein Niveau auch gegen die Beeinträchtigungen durch eine Erkältung souverän. Glanzpunkte setzte er mit zwei Liedern nach Texten Goethes. „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“, das Lied des Harfners aus dem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ interpretierte Kalbus höchst differenziert. Ob auffahrender Schmerz oder leise Resignation – der Sänger gestaltete beide Lieder als Gefühlsdramen en miniature differenziert durch und fand sich dabei von Pianist Krumpöck bestens begleitet.

Mit „Weimars Toten“ platzierten die Künstler den Umschlagpunkt des Programms geschickt direkt vor der Pause. Liszt feiert in diesem kurzen Lied, in dessen Text sich Goethe auf Morgenröte reimt, die Größen der Weimarer Klassik als Künder einer neuen Zeit. In diesem Sinn ging es durch die zweite Hälfte des Abends wie durch eine ganz andere Welt euphorischer Gefühle. Liebe als Inbegriff des Lebensglücks – alle Lieder, die Kalbus und Krumpöck nach der Pause sangen, entführten die Zuhörer in Sphären euphorischen Lebensgenusses.

Dabei folgte die Regie des Programms nicht einfach dem Prinzip schlichter Spannungssteigerung. Kalbus und Krumpöck unterlegten die Dramaturgie ihres Auftritts auch mit einem subtil angedeuteten freimaurerischen Programm. Sie nahmen ihre Zuhörer mit auf einen Weg, der durch das Dunkel der Todeserfahrung in das Licht der Liebe und Freundschaft führt und damit bewusst macht, wie mit der Endlichkeit der Existenz bewusst umzugehen ist. Mit ihren Zugaben gaben Kalbus und Krumpöck dieser Linie ihres Programms noch einmal ganz deutliche Kontur. Mit Albert Lortzings Lied „Zwei Sterne“ verbeugten sie sich vor dem Komponisten und unserer gastgebenden Loge, in der Lortzing wirkte, gleichermaßen. Und mit Carl Loewes Lied „Die Uhr“ verwiesen sie auf die Erfahrung der Lebenszeit und ihrer weisen Einteilung als einem zentralen Element der Königlichen Kunst. Die beiden Künstler rundeten damit einen vorzüglichen Konzertabend ab, der Profane und Brüder Freimaurer in gleicher Weise begeisterte. Wie heißt es in Lortzings Lied „Zwei Sterne“? „Selig, ein Maurer zu sein“.

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Uraufführung „Der Horla“ im Osnabrücker Logenhaus

Uraufführung der Kammeroper "Der Horla" von Patrice Oliva am 03.11.2018 im Lortzinghaus in Osnabrück

Im Tempel des Lortzinghauses Osnabrück wurde am vergangenen Samstag die Kammeroper „Der Horla“ von Patrice Oliva nach der gleichnamigen Novelle von Guy de Maupassant in französischer und deutscher Sprache uraufgeführt.

(Osnabrück/rm) In diesem Jahr jährte sich der Todestag Guy de Maupassants zum 125. Mal. Eine seiner wahrscheinlich persönlichsten und gleichzeitig rätselhaftesten Novellen ist der als Tagebuch verfasste „Horla“. Der Ich-Erzähler – spricht hier Maupassant von eigenen Ängsten und Erfahrungen? – verliert zusehends seinen Lebensmut und eigenen Willen.

So ist der Tagebuch schreibende und lesende Mann (Rhys Jenkins mit beeindruckender und doch leicht geführter Stimme) den ganzen Abend über auf der Bühne. Anfangs noch sorglos, den Blick aus dem Fenster genießend und zeichnend, verliert er doch schon bald seine Unbeschwertheit. Gerade sinnierte er noch über die Unzulänglichkeit der menschlichen Sinne, da erscheint ein zweiter Mann auf der Bühne: Jan Friedrich Eggers ersetzt das begonnene idyllische Aquarell auf der Staffelei durch eine leere Leinwand, die nunmehr zum Protokoll des fortschreitenden Willensverlustes wird. Er ist ebenfalls dieser namenlose, Tagebuch schreibende Mann, er liest die beklemmenden Passagen auf Deutsch während Rhys Jenkins in französischer Sprache singt. Spiegelbildlich sitzen sie sich auf der Bühne gegenüber, manchmal dieses andere Ich beobachtend, kaum interagierend und doch unlösbar miteinander verbunden, gefangen in den eigenen vier Wänden, ständig beobachtet und doch allein.

Die Versuche, aus dieser Eingeschlossenheit zu entkommen – die Konsultation eines Arztes, der Besuch einer Abtei auf dem Mont Saint-Michel (Arzt und Mönch: Genadijus Bergorulko) – scheitern. Zwar findet jeweils ein musikalischer Dialog statt, doch der Mann schafft es auch hier nicht, seinen Sessel zu verlassen.

Vergeblich versucht dieser Mensch, seinem Leiden zu entkommen, der Horla – oder er selbst? – lässt ihm keine Chance.

Der Osnabrücker Komponist Patrice Oliva hat die Musik zu diesem beklemmenden Psychogramm geschrieben: Eine emotionale, pulsierende Musik, die die Seelenzustände des Mannes greifbar werden lässt, nuanciert interpretiert von den elf Musiker und Musikerinnen des Kammerorchesters unter Leitung von Daniel Inbal.

Das Premierenpublikum spendete langen und herzlichen Applaus und diskutierte anschließend noch angeregt über den gerade erlebten Abend.

Weitere Vorstellungen: 24.11.2018 und 05.01.2019, jeweils 19:00 Uhr, Kartenvorverkauf über www.weber-musik-edition.de

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Osnabrücker Freimaurer öffnen Besuchern besonderen Raum

Ein Raum im Raum: Die symbolische Stille Kammer

Auch in diesem Jahr öffneten die Osnabrücker Freimaurer im Rahmen der alljährlichen Osnabrücker Kulturnacht am 25. August 2018 für einen Abend ihr Logenhaus der Öffentlichkeit. Über 250 Besucher nutzten die Möglichkeit, sich in einer symbolischen Stillen Kammer grundsätzliche Fragen zu stellen.

(Osnabrück/ck) Ein besonderer Höhepunkt der Loge zum Goldenen Rade war die erneute Teilnahme an der Osnabrücker Kulturnacht am 25. August 2018. Das vom städtischen Kulturbüro vorgegebene Motto der diesjährigen Veranstaltung war der „Raum“ und so öffneten dutzende Kulturträger, Museen, Ateliers, Vereine und sonstige Institutionen des öffentlichen Lebens einen Abend lang ihre Pforten für die Öffentlichkeit, um sich mit dem Leitmotiv „Raum“ künstlerisch auseinanderzusetzen.

So ergab sich die Gelegenheit, der Öffentlichkeit einen sehr speziellen freimaurerischen Raum etwas näher zu bringen, der immer schon geheimnisumwoben war und gleichzeitig so oft wie kein zweiter porträtiert wurde: die Stille Kammer.

Dabei ging es nicht darum, eine Hausführung anzubieten (was nicht geschah), sondern sich dem Kern einer stillen Kammer symbolisch zu nähern. Zentraler Baustein war also ein Würfel mit 2,5 Meter Seitenlänge, der nur aus den Kanten bestand und somit einsehbar war. Ein Tisch, ein Stuhl, musivisches Pflaster als Untergrund und das bekannte Vanitas-Stillleben auf dem Tisch komplettierten die Installation und schufen einen Raum im eigentlichem Raum, dem großen Saal des Osnabrücker Lortzinghauses.

Jeder Besucher bekam durch ausgehängte schriftliche Erläuterungen vor Betreten der Installation die Handlungsempfehlung, er solle den Saal betreten, sich an den Rand setzen, den Kubus betrachten, sich vorstellen, er säße auf dem Stuhl und sich dann fragen, wer er selber sei, was ihm wichtig sei und was er noch erleben möchte.

Das Konzept ging perfekt auf und fast alle Besucher verharrten lange Minuten in tiefen Gedanken versunken und die würdevolle Atmosphäre aufsaugend auf ihren Plätzen. Sie beschäftigten sich dabei implizit mit einem Kern der Freimaurerei, dem “Erkenne Dich selbst”, ohne dass man es Ihnen explizit erklären musste oder irgendein Arkanum verriet.

Hinter dem Ausgang des Saals war ein kleiner Get Together Bereich aufgebaut und mehrere Brüder und Schwestern standen bei Wein, Wasser und Grissini für Rückfragen jeder Art zur Verfügung. Es entwickelten sich unzählige spannende Konversationen und die Rückmeldungen der Besucher waren uneingeschränkt positiv. Wieder einmal zeigte sich, dass lokale Logen durch ein maßvolles und zugleich würdevolles Öffnen und Erklären Ihrer Inhalte sehr viel für eine positive Wahrnehmung in der Öffentlichkeit tun und wie selbstverständlich als kulturelles Prisma einer Stadt wirken können.

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Freimaurerei – nach 300 Jahren erstarrt oder zukunftsfähig?

Prof. Dr. Klenke, Universiät Paderborn

Am Donnerstag, 14. Juni, um 20 Uhr referiert Prof. Dr. Dietmar Klenke von der Universität Paderborn im Osnabrücker Lortzinghaus zum Thema „Freimaurertum – nach 300 Jahren erstarrt oder zukunftsfähig?“.

Sind Freimaurer als verschwiegene Gemeinschaft in einer modernen, offenen Gesellschaft überhaupt noch zukunftsfähig oder braucht im Gegenteil der moderne Mensch im hektischen Smartphone-Zeitalter nicht Rückzugsorte der Selbstbesinnung ? Ist ein hohes Alter von 300 Jahren, ausgehend von den englischen Ursprüngen, nicht eher muffiger Traditionsballast in einer Zeit beschleunigter globaler Vernetzung oder fühlen sich gerade die Freimaurer als internationale Gemeinschaft mit humanitärem Anspruch gefordert, über Fremdheitsgefühle und Feindbilder hinweg Brücken der Verständigung zu schlagen? Im Lichte dieser Fragen lässt ein Vortrag des Paderborner Geschichtsprofessors Dietmar Klenke 300 Jahre Freimauerei Revue passieren und zieht Bilanz mit Blick auf unsere heutigen Herausforderungen.

Herr Prof. Dr. Klenke hat an der Universität Paderborn einen Lehrstuhl für neueste Geschichte inne.

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Kosmopolitismus im 21. Jahrhundert

Der Referent Prof. Niederberger (Foto. Uni Duisburg/Essen)

Der Referent Prof. Niederberger (Foto. Uni Duisburg/Essen)

„Einen spannenden, wenn auch sicherlich anspruchsvollen Abend“ in der Vortragsreihe zum Thema “Globalisierung” versprach der Meister vom Stuhl Matthias Baethge den zahlreich erschienen Zuhörern und er sollte in jeder Hinsicht Recht behalten.

(Osnabrück/rm) Der Duisburger Universitäts- und Philosophieprofessor Andreas Niederberger spannte in dem rund 90-minütigen Vortrag nebst Diskussion einen Bogen von Diogenes, dem ersten Kosmopoliten, der sich selbst Weltbürger nannte, bis ins 21. Jahrhundert, in dem der US-Amerikanische Präsident von „America First“ spricht, die Briten den Brexit umsetzen und der Nationalismus immer stärker wird.

Andreas Niederberger stellte die Grundlagen des Völkerrechts dar, die Francisco de Vitoria schon Anfang des 16. Jahrhunderts vertrat, um den Spaniern den Handel in Südamerika zu ermöglichen und damit dem Kolonialismus die Türen öffnete. Geschwindigkeit nahm der Kosmopolitismus zwischen 1980 und 2010 auf und stellte die „globalen Hilfspflichten“ des australischen Philosophen Peter Singer dar, der die Pflicht zur Hilfestellung fordert, sofern dem keine Eigengefährdung entgegensteht. Die sodann präsentierte Theorie der „global gerechten Verteilung“ blieb Theorie. Niederberger selbst propagierte die Variante der „transnationalen Demokratie“, nach der alle das Recht haben, darüber zu entscheiden, welche Verteilungsprinzipien und Ansprüche gelten. Seine Definition: „„Global kommt jedem grundsätzlich normative Autorität zu“; jeder Mensch bestimmt also über geltende Normen mit und setzt damit jeglichen Populisten klare Grenzen. Jede Entscheidung bedarf also eines Konsenses. Nach dem kalten Krieg war Kosmopolitismus in aller Munde und im Rahmen der Euroeinführung erneut. Gerade hier, kritisierte Niederberger, hat die Politik in Europa eine Riesenchance verpasst. Sie hätte damals eine europäische Sozialpolitik einfordern sollen, statt weiter nationalstaatlich verankert zu sein. Die aktuelle Debatte in der EU, die als Überwindung der Nationalstaaten gefeiert wurde, zeigt doch die Bedeutung des Kosmopolitismus, gerade in der Zeit von Eurokrise und Brexit.

Passender hätte Niederberger seinen Vortrag kaum halten können, als die Gleichberechtigung aller Menschen in den Vordergrund zu stellen, damit hat Niederberger den Freimaurern aus der Seele gesprochen. Kosmopolitismus ist philosophisch-politisch eine Weltanschauung, die den ganzen Erdkreis als Heimat betrachtet. Dass Philosophie an vielen Stellen ein Wunsch bleibt und nicht immer in die Realität umzusetzen ist, das hat sich aber auch an diesem Abend deutlich gezeigt.

„Das Kosmopolitismus mehr ist, als die Möglichkeit viele Länder zu bereisen war mir klar, dieser Umfang von Philosophie, Rechtssystematiken gepaart mit freimaurerischen Gedanken und Werten hat mich aber sehr beeindruckt“, zog Matthias Baethge am Ende des Abends ein Fazit. „Es war herausfordernde Kost aber sie war hervorragend dosiert und gut verträglich, Professor Dr. Andreas Niederberger sei Dank“, so Baethge zum Abschluss und sprach damit den Brüdern und allen Gästen aus dem Herzen.

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