Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Transformation der Gesellschaft erfordert neue Ethik

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Transformation der Gesellschaft erfordert neue Ethik

Von Mario Glage

Freimaurer sollten bei der Debatte um Werte, Tradition und Identität vorausgehen.

Dieser Beitrag ist angelehnt an das Symposium „Zukunftswerkstatt Vision I“, das vom 18. bis 20. Januar 2019 in Bad Dürrheim stattfand und über dessen Ergebnisse die „Humanität“ berichtete.

Wer über Transformation spricht, muss Auskunft darüber geben, wohin sie denn führen soll. Transformation bedeutet, das gegenwärtig Machbare zu tun und in die Schritte von heute und die damit in Verbindung stehenden Hoffnungen und Visionen von morgen, in konkrete Einstiegsprojekte für eine bessere Gesellschaft hineinzuholen.

Das Zeitalter der Digitalisierung hat ca. 1990 begonnen. Die erste Evolutionsstufe dauerte von ca. 1990 bis 2000 und beschäftigte sich mit der Vernetzung von Computern. In der zweiten Evolutionsstufe von ca. 2000 bis ca. 2015 ging es primär um eine allgemeine Akzeptanz und allgemeine alltägliche Einführung und Nutzung mobiler Geräte. Die jetzt vor uns liegende dritte Evolutionsstufe, deren Dauer Experten von ca. 2015 bis 2030 veranschlagen, hat Themen wie allgemeine Reife der Systeme und das Internet der Dinge im Fokus. Mit der vierten Evolutionsstufe, ab ca. 2030, soll es zu einer vollkommenen Verschmelzung der realen und digitalen vernetzten Welt kommen.

Die digitale Transformation beschränkt sich schon lange nicht mehr allein auf die Wirtschaft und den Berufsalltag. Wie alle industriellen Revolutionen hat auch die digitale Transformation einen weitreichenden Einfluss auf unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Zukunft.

Digitale Transformation ist die größte ethische Herausforderung unserer Zeit

So fallen in Deutschland bis 2025 geschätzte 1,5 Millionen Arbeitsplätze weg. Parallel dazu werden neue Berufsfelder entstehen, die neue Kenntnisse und Fähigkeiten erfordern. Infolgedessen wird es neue Ausbildungszweige und Studienrichtungen geben. Die Industrie wandelt sich zu einer Industrie 4.0. Je weiter fortgeschritten ein Land im Hinblick auf die Digitalisierung ist, desto schneller und stärker wird es von der digitalen Transformation profitieren. Viele, heute drängende Probleme lassen sich mithilfe von künstlicher Intelligenz, Robotern und anderen Technologien lösen.

Digitale Transformation verursacht reale Probleme, die Angst vor der Automatisierung und die wachsende digitale Kluft sind real. Hier handelt es sich um die größten ethischen Herausforderungen unserer Zeit. Die Studien sind sich uneins über das Ausmaß der Verwerfungen.

Einige Prognosen liegen am unteren Ende der Skala (25 Prozent). Andere schätzen die Anzahl der durch die Digitalisierung wegfallenden Jobs höher ein (47 Prozent). Alle zeigen jedoch übereinstimmend, dass die Anzahl der arbeitenden Menschen zukünftig sinkt, wenn mehr und mehr Arbeitsplätze „wegautomatisiert“ werden.

Die steigende Angst, die wachsende digitale Kluft und die soziale Ungleichheit erzeugen Instabilität und Unsicherheit für Bürger und Staaten und damit einen generellen Zustand der Unruhe.

Der strategische Spielraum für Konflikte verändert sich. Neue Kriegsschauplätze entstehen. In Zukunft werden Kraftwerke nicht mehr bombardiert, sondern abgeschaltet. Führungspersönlichkeiten fallen keinem Attentat mehr zum Opfer, sondern werden durch Propaganda, Datenlecks und Fake News gestürzt.

Die vierte industrielle Revolution betrifft auch unsere Vorstellungen von uns selbst – als Person und als Spezies. Sie hat unmittelbaren Einfluss auf unsere Identität und unsere Gemeinschaften.

Neue Gewinner und Verlierer durch die Transformation aller Branchen

Um diesen Veränderungen Stand zu halten, müssen wir persönliche Verantwortung übernehmen. Wir entscheiden und handeln selbst. Jeder von uns muss moralische Verantwortlichkeit zeigen und damit die gemeinsame Zielsetzung der Menschheit vorantreiben.

Bildung ist ein entscheidender Faktor. Sie führt zu einem zufriedeneren und stabileren Leben, hebt das Einkommensniveau und fördert den sozialen Ausgleich. Sie sorgt für Unabhängigkeit. Eine gebildetere Welt ist toleranter, sicherer, friedlicher und natürlich wirtschaftlich erfolgreicher. Technologie muss zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen und in die einkommensschwächsten Länder vordringen.

Angesichts der Tatsache, dass weltweit immer noch ein Großteil der Menschheit in Armut lebt, sind technische Annehmlichkeiten bedeutungslos. Um 1800 lebten 95 Prozent der Weltbevölkerung in Armut. Heute betrifft Armut immer noch 50 Prozent der Weltbevölkerung. Die größte Ungerechtigkeit auf diesem Planeten ist Armut. Es gibt keinen strukturellen Grund, warum wir die Welt nicht radikal ändern können – und Technologie könnte den Weg dafür ebnen.
Welche Rolle spielt der Mensch in naher Zukunft wirklich? Welche Bedeutung kommt ihm in Unternehmen, in der Gesellschaft, in der Welt zu?

Die Technologisierung beeinflusst Veränderungen in den Unternehmen wie keine andere Rahmenbedingung unserer Zeit. Die Digitalisierung beschleunigt zusätzlich alles, was bisher an Effizienz gewonnen wurde. Unternehmen stehen vor Transformationen, die deutlich mehr sind als eine weitere Chance.
In den zunehmend unpersönlichen Arbeitswelten werden Menschen im Zuge der Beschleunigung und Technologisierung immer mehr objektiviert. Sie werden maschinenähnlich oder in technologischen Bedeutungen gedacht. Das funktionale Verständnis für den arbeitenden Menschen wird weiter verstärkt, der Mensch mehr und mehr „verdinglicht“ und „verzweckt“. Das „menschliche Menschenbild“ verändert sich deutlich. Wir treffen häufig auf unpersönliche Unternehmenswelten, in denen sich die „Beziehung der Beziehungslosigkeit“ zeigt. Wir erleben Menschen, die von einem zum anderen Meeting hetzen und dennoch zu spät kommen, weil keine Transferzeiten eingeplant sind. Wir hören von ungenügend vorbereiteten Meetings, in denen viel geredet, aber wenig abgestimmt wird oder Ziele erreicht werden. Wir erleben ungeführte Mitarbeitende, weil für das Führen der Menschen keine Zeit mehr bleibt. Die Auswirkungen zeigen sich deutlich: überforderte Führungskräfte, innerlich gekündigte, ausgebrannte und emotional leere Menschen. Mitarbeitende, die zu keiner Kooperation mehr bereit sind, weil sie sich vom System ausgenutzt fühlen.

Es lebe der Unterschied, der wirklich einen Unterschied macht

Der Mensch ist ein Subjekt und kann nicht zum Objekt gemacht werden. Das Subjekthafte des Menschen zeigt sich in der individuellen Persönlichkeit, die die Entwicklung von Kompetenzen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen maßgeblich beeinflusst. Menschen denken und fühlen trotz ähnlicher Rahmenbedingungen individuell unterschiedlich. In ihrem schlussfolgernden Denken kommen sie zu unterschiedlichen Resultaten. Sie entwickeln unterschiedliche Herangehensweisen, um Lösungen zu finden. Sie erleben gemeinsam geteilte Wirklichkeiten anders, weil jeder individuell wahrnimmt und für sich persönlich deutet. Menschen verstehen die Welt auf ihre Art. Sie sind in ihrem Menschsein frei und verhalten sich oft unberechenbar. Deshalb sprechen wir auch von „Persönlichkeiten“. Diversität beginnt also nicht erst dort, wo sich Hautfarbe, Geschlecht oder Kultur unterscheiden, sondern bereits in dieser Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten. Hier liegt unserer Erfahrung nach das entscheidende Potenzial des Menschen für die digitale Welt. Die Persönlichkeit ist die Quelle der Kreativität und Voraussetzung für Innovation. In der Persönlichkeit liegt das Potenzial der Zukunft, weil sie „den wahren Unterschied“ zu allen digitalen Maschinen macht.

Die Zukunft braucht gereifte Persönlichkeiten, weil sie

  • integrierend handeln und nicht „ausschließlich“ agieren,
  • erkennen, was wesentlich ist, um effektiv und wirksam zu sein,
  • den Dingen auf den Grund gehen und nicht an der Oberfläche hängen bleiben,
  • gute Arbeitsbeziehungen ermöglichen und gestalten,
  • die Unterschiede schätzen und ihr Ego im Griff haben,
  • über einen Gemein-Sinn und einen Eigen-Sinn verfügen.

 

Der verantwortliche Umgang mit den Folgen der Digitalisierung muss aus ethischen Gesichtspunkten heraus angestrebt werden

Zunehmend wird in der Politik und Wirtschaft erkannt, dass die Debatte über die digitale Transformation unserer Gesellschaft nicht nur technologisch, betriebswirtschaftlich und wirtschaftspolitisch, sondern auch normativ geführt werden muss. Die Menschen erwarten sowohl vom Staat als auch von den Unternehmen, dass sie Verantwortung für die sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung übernehmen. Dieser Verantwortung kommen sie nach überwiegender Meinung noch nicht ausreichend nach. Im Zuge der Nachhaltigkeitsdiskussion hat sich bei vielen Unternehmen die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie eine gesellschaftliche Verantwortung für die positiven und negativen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit auf Menschen und Natur tragen. Wie z.B. Umwelt- und Ressourcenschutz, Emissionsreduktionen sowie die Einhaltung von Arbeits- und Sozialstandards.

Durch den Verlust der Privatsphäre in der Daten-Ökonomie und die mögliche Zunahme von Diskriminierung und einen Wegfall von Arbeitsplätzen durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz entstehen prekäre Arbeitsverhältnisse. Datenschutz, Datensicherheit sowie Algorithmen-Kontrolle wird in unserer zunehmenden digitalisierten Welt ein Punkt in der Gesetzgebung sein, der oberste Priorität haben muss. Die ethischen Anforderungen in den digitalen Technologien müssen, bevor sie in den Massenmarkt ausgerollt werden, weitestgehend geklärt sein, das nachträgliche Implementieren von ethischen Anforderungen wird sonst eine kostspielige Angelegenheit. Man sollte nicht den Fehler machen, die technologischen Entwicklungen zunächst fortschreiten zu lassen. Wenn man dies tut, läuft man den Entwicklungen hinterher, statt sie zu gestalten.

„Big Data“ und seine Folgen

Die Erzeugung, Verknüpfung und Auswertung großer Datenmengen, oft mit dem Begriff „Big Data“ verbunden, beeinflusst in unserer modernen, digitalisierten Gesellschaft beinahe alle Lebensbereiche. Vernetzte Computertechnologien, Smartphones, soziale Netzwerke, vielfältige Online-Angebote und die Durchdringung des Alltags mit dem „Internet der Dinge“ führen zu einer rasanten Vervielfachung von Datenquellen und Datenmengen. Neben den Potenzialen von „Big Data“, z. B. in den Bereichen Wirtschaft oder Medizin, werden zunehmend auch die gesellschaftlichen Herausforderungen deutlich. Es ergeben sich insbesondere Fragen zu kommerzieller und staatlicher Überwachung, informationeller Selbstbestimmung, Schutz der Privatsphäre, Transparenz bei den Verfahren der Datenverarbeitung oder zu Fehlern bei Datenverwendungen sowie automatisierten Entscheidungen.

Eine allgemein anerkannte und geteilte Definition von „Big Data“ existiert bisher nicht. Im engeren Sinne werden unter „Big Data-Technologien“ eine Reihe von Anwendungen der Statistik, des maschinellen Lernens bzw. der Mustererkennung wie Korrelationen, Anomalien und Trends sowie vor allem Programme und Verfahren zur Handhabung und Auswertung von großen Datenmengen gefasst, wie z. B. Google und Amazon es praktizieren.
„Big Data“ ist mittlerweile bestrebt, mittels immer mehr, weitgehend automatisierter Datenerzeugungen und Auswertungen sowie umfassenderen Analysen Vorhersagen zu treffen über die Entwicklungen von Menschen, ihre Handlungen und Interaktionen. Die Technikfolgenabschätzung hat die Aufgabe, möglichst frühzeitig künftige Entwicklungen und Handlungsoptionen und die durch „Big Data“ zu erwartenden gesellschaftlichen Veränderungen zu erkennen. Dadurch soll beispielsweise bei potenziellen Fehlentwicklungen, wie bei sich abzeichnenden ethischen oder rechtlichen Konflikten, noch vor ihrer Konkretisierung oder gar Verfestigung mit geeigneten Maßnahmen reagiert werden.

Agile Führung als Tool unserer Werteethik

Agile Führung verbindet gegensätzliche und widersprüchliche Aspekte. Sie handelt prozessorientiert, sie schafft Rahmenbedingungen, die Neues ermöglichen. Es ist offensichtlich, dass sich die Welt gegenüber 1980 markant verändert hat. Kunden, Lieferanten und Mitarbeitende erwarten zwar nach wie vor Verlässlichkeit, die aber nur dann geboten werden kann – und das ist die neue Paradoxie –, wenn die Organisation in der Lage ist, „just in time“ auf veränderte und widersprüchliche, sprunghafte Anforderungen zu reagieren. Um sich und anderen Stabilität bieten zu können, müssen Organisationen (Strukturen, Prozesse, Mitarbeitende und Führungskräfte) sich temporär darauf einlassen.

Wenn eine Situation mit komplex zu bewerten ist, hat man es mit einer prinzipiellen Ungewissheit zu tun. Nicht (mehr) zu wissen, was richtig und was falsch, besser oder schlechter, gewinnbringend oder zerstörerisch ist, erfordert einen anderen Umgang mit Gewissheit und Risiko, mit Sicherheit und Unsicherheit, und mit Verantwortung.

Ein neues Führungsverständnis ist gefragt. Manus (Hand) und agere (führen), die Ursprungsbegriffe von Managen, also die Vorstellung, „da gibt es einen, der die Dinge in der Hand hat, zügeln und treiben kann“, entzaubert sich nun als Illusion von Beherrschbarkeit. Komplexe Systeme gehorchen nicht, sie entwickeln ihre Eigendynamik.

Wie wollen wir in unserer Organisation Berechenbarkeit und Stabilität mit Agilität und Veränderungsbereitschaft balancieren? Führen ist mehr denn je die Kunst, gegensätzliche und widersprüchliche Aspekte zu verbinden. Unternehmensführung heute heißt: Dauerhaftigkeit mit Temporalität verbinden, hierarchische Strukturen mit Selbstorganisation ermöglichen, Routinen der Linienlogik mit agiler Prozesssteuerung und Eigenlogik des Unternehmens mit der Kundenlogik verknüpfen.

Da man Komplexität weder zu fassen bekommt und schon gar nicht ausschalten kann, sollte die Führung eines Unternehmens prozessorientiert denken, entscheiden und handeln. Wenn Sie in Prozessen denken, öffnen Sie sich für das Vertrauen in Entwicklung und Wandel. Statt Druck auszuüben, schaffen Sie Rahmenbedingungen, die Neues ermöglichen.

In einer agilen Organisation wissen alle Beteiligten, dass im Kontext von Komplexität und hoher Ungewissheit vorausschauende Planung ergänzt werden muss durch Erproben und Experimentieren, durch Lernen aus Versuch und Irrtum. Entwicklungen haben ihre eigene Logik. Daher sollten alle darauf achten – metaphorisch gesprochen –, welche Erde, wie viel Wasser, wie viel Licht und welche Nährstoffe eine Pflanze braucht, um optimal zu wachsen. Das sind Parameter, die Führung beeinflussen kann, um gewünschte Wirkungen hervorzubringen.

Metanoia-Denkfiguren für Freimaurer?

Das Wort Metanoia stammt aus dem Griechischen, kann mit Reue oder Sinnesänderung übersetzt werden. Was bedeutet für uns Freimaurer – und nicht nur für uns, sondern für die gesamte Menschheit – ein Reue-Empfinden, eine Sinnesänderung im Umgang mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Also im philosophischen Sinne die grundlegende Änderung der eigenen Lebenseinstellung.

Wird sie auch in Zukunft leuchten, unsere Fackel der Aufklärung im 21. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Ungleichheit? Wird das ewige Ringen um den eigenen Verstand, wird das „Enlightenment“ trotz „Dark Factorie“ (Aufklärung, trotz reaktionärer Bewegung) weiter bestehen können?
Was meine ich mit Fackel der Aufklärung? „Sapere aude!“ (Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!) Zugegeben, die Übersetzung ist recht frei. Die beiden Wörter sind Zitate aus einem Gedicht von Horaz und können genauso gut: „Wage es, zu wissen!“ oder „Trau dich, weise zu sein“, bedeuten. Was in ihm gefordert wird, ist so einflussreich wie emblematisch für den Gesinnungswandel des Abendlandes am Ende der frühen Neuzeit. Trotz der gigantischen Entwicklung der Menschheit seit der frühen Neuzeit ist es heute nicht anders als damals. Unmündig ist der Mensch, weil er sich sein Denken von Autoritäten wie dem Staat oder der Kirche vorgeben lässt, statt anstelle von Dogmen und vorgegebenen Denkmustern den eigenen Verstand zu setzen. Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, weil es an jedem Einzelnen selbst, und an sonst keinem, liegt, sich zu emanzipieren. Es gibt keinen Retter, keinen Lichtbringer! Wer darauf wartet, ist selbst schuld an der eignen Naivität und Ahnungslosigkeit.

Überlegungen zum klugen Umgang mit dem Unberechenbaren und Zukünftigen

Angst, sagt ein Sprichwort, ist ein schlechter Ratgeber. Denn wir wissen aus Erfahrung auch, dass blindes Vertrauen und leichtfertiges Missachten aller Warnungen nicht selten der direkte Weg ins Verderben ist. Nie in ihrer Geschichte haben die Menschen gewaltigere Anstrengungen unternommen, um sich gegen Gefahren für Leib und Leben, gegen Krankheit, Not, Unfälle, Diebstahl, Gewalt, Terror, Subversion, gegen Cyber-Attacken und kriegerische Aggression abzusichern. In die Zukunft blicken kann jedoch, entgegen dem weitverbreiteten Wunsch, bis heute kein Mensch. Nach Peter Rühmkorf ist jeder Blick in die Zukunft „… wie in eine Geschützmündung”. Zwar wissen wir nicht, ob das Geschütz überhaupt geladen ist und wann und von wem das Kommando „Feuer!” gegeben wird. Aber wir sind uns zumeist ziemlich sicher, dass aus der Richtung, in die wir blicken, nicht viel Gutes kommen kann. Oberste Priorität in der Gesellschaft muss sein, die Vermeidung von und der Schutz vor Gewalt. Das staatliche Gewaltmonopol darf nicht zusammenbrechen. Das Recht des Stärkeren muss durch die Stärke des Rechts ersetzt werden. Die Anerkennung kultureller Verschiedenheit: Die Entwicklung gemeinsam anerkannter Regeln des Dialogs und einer konstruktiven Konfliktkultur sind dazu unabdingbar.

Um diesem Thema gerecht zu werden ist es außerordentlich wichtig, zu erwähnen, dass ein erstes Zukunftsgespräch am 6. Oktober 2018 im Logenhaus der Bauhütte „Minerva zu den drei Palmen“ in Leipzig stattgefunden hat. Auch darüber berichtete die „Humanität“. Bei allen Beiträgen der insgesamt 20 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ging es um die Bedeutung und Weiterentwicklung dieser Themen für die Freimaurerei. Das Themenraster wurde von Br. Helmut Reinalter aus Innsbruck entwickelt. Br. Helmut Reinhalter ist Historiker, Philosoph und Professor am Privatinstitut für Ideengeschichte in Innsbruck. Die Tragweite der sozioökonomischen, technologischen, ökologischen und geomorphologischen Veränderungen könnte heute nicht größer sein.

Es bilden sich postindustrielle Gesellschaften als Folge der Umwälzungen im Zeichen des demografischen Wandels, der neuen Technologien und der medizinischen Errungenschaften heraus, und es entstehen auch neue Gesellschaftsmodelle, mit denen sich die Freimaurerei in Zukunft kritisch auseinandersetzen muss. Moderne Sozialsysteme wandeln sich zunehmend in Risikogesellschaften, die neue ethische Maßstäbe erfordern, wie z. B. globale Ethiken. Durch Neoliberalismus geraten Demokratien an die Grenzen ihrer Effektivität. Zweifelsohne ergeben sich aus diesen Wandlungsprozessen und ihren Folgen wichtige neue Aufgabenfelder, für die ein dringender globaler Handlungsbedarf besteht:

Meine Aufforderung an die Brüder Freimaurer: Die Freimaurerei sollte als geistiger Impulsgeber in der Debatte über die Situation der Zeit nicht passiv zuschauen, sondern sich aktiv mit Fragen nach Werten, Tradition und Identität, in den Logen bemühen.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 3-2021 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

Leserbriefe

Diesen Artikel von Autor Mario Klage halte ich der Begründung nach für überzogen, besser gesagt für überzeichnet. Jede industrielle Epoche, jede Disruption und auch einschneidende Innovationen führten bzw. führen zu Veränderungen, zu Verlierern und Gewinnern, im Sinne des einen Freud, des andern Leid. Daraus eine neue Ethik ableiten zu wollen, erschließt sich für mich nicht. Wievielerlei Ethiken bräuchte es da am Ende des Tages... Dass die Digitalisierung (Industrie 4.0) praktisch in beinahe alle Wirtschaft- und Lebensbereiche Einzug und Einfluss nimmt, liegt auf der Hand. Jedoch sind die Auswirkungen häufig quantitativer Natur, auch bringen sie Erleichterungen für Menschen. Aber es handelt sich immer um Anwendungen. Wenngleich IT und Digitalisierung in der gesamten Bandbreite und über Grenzen hinweg vieles in unserem Leben verändern wird, gilt auch hier Sitte und Moral der geltenden philosophischen Lehre. Alles andere läuft auf eine Glorifizierung einer Technik hinaus. Oder macht es einen qualitativen (moralischen) Unterschied, ob die Tötung mit einer Lanze oder Drohne einhergeht? Vielmehr bemängle ich in der Freimaurerei in der Disziplin Werteethik ein klares Bekenntnis zur Natur, zur Ökologie, um diese Kriterien in unser humanistisches Denken zu manifestieren. Wir verhalten uns großteils umweltzerstörend, siehe Verlust an Biodiversität, Meeresverschmutzung und Ressourcenvergeudung und nehmen aus niedrigen Beweggründen im täglichen Konsum eine verachtenswerte Massentierhaltung und deren Verarbeitung in billigend in Kauf. Lässt sich das mit dem Gestaltungsprinzip Weisheit in Verbindung bringen? Ich meine, hier sollten wir Freimaurer bewusst mehr zeitgemäßes und wertschätzendes, Verhalten an den Tag legen und einen aktiven Beitrag für eine bessere Welt leisten. Hans Taubenberger, Bamberg

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