Trauerkultur als Teil unseres Lebens

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© Johanna Mühlbauer / Adobe Stock

Es gibt Grundmuster des menschlichen Verhaltens, die in allen Kulturen gleich sind: Freude, Trauer, Wut, Ekel, Überraschung und Angst. Diese Grundemotionen sind in jedem Menschen angelegt, es gibt aber große Unterschiede in Stärke und Ausdruck. Deshalb sollten wir nicht vorschnell von unserem eigenen Empfinden auf das Empfinden anderer Menschen schliessen.

Zeichnung zur Trauerloge "St. Alban zum Æchten Feuer", Hoya

Besonders wichtig halte ich dies bei trauernden Menschen. Jeder von uns hat sich schon einmal in einer solchen Situation befunden und seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht, die anderen oft nur schwer zu vermitteln sind. Vielleicht möchte man das anderen ja auch gar nicht vermitteln – zumindest für mich gab es Zeiten, in denen das so war.

Der November ist in unserer Kultur klassischer Trauermonat, in denen die Gesellschaft der Toten gedenkt. Das Wetter bildet einen passenden Rahmen: der Herbst wird dunkel und unwirtlich, und schon dieser Umschwung führt manche Menschen in eine gewisse Schwermut. Für mich ist es immer ein bisschen schwierig: trauern, weil der Kalender das so vorsieht.

Emotionen entstehen eben nur begrenzt aus solchen Vorgaben. Genauso, wie Freude manchmal einfach da ist, ist auch die Traurigkeit nicht herbei zu zitieren, sondern stellt sich ein – oder auch nicht.

Trotzdem ist diese Art der Trauerkultur Teil unseres Lebens, und vielleicht ist ein solcher Anlass zu Nachdenken über das Werden und Vergehen in unserer Welt auch gar nicht mal so schlecht. Das Bild von den Brüdern, die uns in den ewigen Osten vorausgegangen sind, möchte ich heute nicht bemühen. Vielmehr möchte ich einen Blick werfen auf die unmittelbaren, sozusagen profanen Auswirkungen, die der Tod auf uns haben kann.

Die meisten Menschen fürchten Tod und Trauer, bedeutet doch beides einen Ausnahmezustand, der viel Schmerz verursacht. Trauernde ziehen sich meistens in sich zurück, weinen, sind verzweifelt bis hin zum Gefühl, nicht mehr weiterleben zu können. Stresshormone werden ausgeschüttet, das Immunsystem leidet, sogar die Sterberate von trauernden Menschen soll erhöht sein.

Der Verlauf dieser Phase ist höchst unterschiedlich. Die einen realisieren sofort, dass der geliebte Mensch tot ist, andere brauchen sehr lange dafür. Auch die Intensität der Gefühle unterscheidet sich stark. Bei manchen Menschen fällt die Trauer milde aus, andere erleben sie als sehr schmerzvoll und langwierig. Eine große Rolle spielt auch, ob jemand unerwartet oder sehr jung gestorben ist. Ein Kind oder einen noch jungen Partner zu verlieren, führt meist zu einer längeren und schmerzhafteren Trauer als der Verlust eines alt gewordenen Elternteils.

Wenn wir uns vornehmen, einem trauernden Angehörigen, Freund oder Bekannten beizustehen, ist das oft schwerer als gedacht. Tiefe Traurigkeit überträgt sich meist innerhalb von wenigen Minuten, was dazu führen kann, dass man sich wieder abwenden möchte.

Gleichzeitig verunsichert der Umgang mit Trauernden. Soll man einen trauernden Freund oder Verwandten in Ruhe lassen oder versuchen, ihn irgendwie aufzumuntern oder abzulenken? Oft wird empfohlen, die Trauernden zu fragen, was ihnen gut tun würde. Einfach gesagt, aber schwergetan. Ich bin nicht gut in so etwas, mir erscheint das unpassend. Aber das ist auch nicht meine Profession und Gott sei Dank habe ich zu wenig Gelegenheit, besser darin zu werden – man möge mir verzeihen.

Trauerschmerz kann ein überwältigendes und irrationales Gefühl sein, dem man wehrlos ausgeliefert ist. Dann weinen die Menschen oder wüten und wollen nicht wahrhaben, was sie eigentlich wissen.

Es gibt aber auch Hinterbliebene, bei denen die Trauer eher milde ausfällt. Das muss nichts damit zu tun haben, ob die Beziehung zu dem Verstorbenen gut oder schlecht war. Es kann auch daran liegen, dass die Menschen mit milden Trauerreaktionen einfach gut mit Veränderungen und Stress umgehen können. Dass sie Gefühle unterdrücken und für sich behalten können, wenn sie meinen, dass es die Situation verlangt. Vielleicht sind sie auch eher in der Lage, den Blick auch auf das Positive zu richten. Dann fällt vielleicht ein Satz wie “ich hätte nie gedacht, dass ich so stark sein kann!”. Diese Resilienz, die psychische Widerstandskraft in Krisensituationen hilft, von Schicksalsschlägen nicht umgeworfen zu werden. Die Resilienzforschung befindet sich in einer spannenden Aufbruchsphase, aber fertige Lösungen und Tipps fürs eigene Durchhalten dürfen seriöserweise daraus noch nicht erwartet werden.

Auch Trauermythen entpuppen sich oft nur als vermeintliche Wahrheiten. Sie besagen beispielsweise, dass Menschen den erlittenen Verlust in Phasen durcharbeiten müssen oder unbedingt ihrem Schmerz Ausdruck geben müssen. Bekannt ist auch die Aufforderung, die Trauer herauszulassen und nicht zu verdrängen. Dazu gab es lange Zeit kaum repräsentative Studien. Auch die allererste Trauertheorie von Sigmund Freud ist von seinen Nachfolgern nie wissenschaftlich überprüft worden. Die empirische Trauerforschung kämpft gegen die Trauermythen an, weil sie trauernde Menschen verunsichern und unter Druck setzen und ihren Trauerprozess behindern können.

Jeder Mensch wird einmal sterben. Das ist sicher. Doch was kommt danach? Ewiges Leben im Himmel? Verdammnis in der Hölle? Eine Wiedergeburt als anderer Mensch – oder sogar als Tier? Wie es nach dem Tod weitergeht, weiß niemand. Die großen Weltreligionen haben teilweise sehr unterschiedliche Vorstellungen davon. Ich bin kein religiöser Mensch und bekenne mich als Agnostiker. Für mich ist die Reise mit meinem Tode ganz einfach zu Ende, aber ich kann mich gut wiederfinden in der schlichten evangelischen Liturgie: “Erde zu Erde, Asche zur Asche, Staub zum Staube”. Genau so fühlt es sich für mich an, wenn das Ende des irdischen Lebens erreicht ist. Es hat etwas Beruhigendes an sich bis hin zur Vorstellung des Lebenskreises, der sich schließt und damit vollendet.

Die Reise selbst, unser Lebensweg, ist aber wichtiger als das Ende und deswegen möchte ich erinnern an die Worte des Bruders Mehmet Fuat Akev aus Istanbul, die in der Loge Roland i.Or. Hamburg überliefert wurden – ich zitiere sinngemäß:

Das Paradies des Maurers entfaltet sich in seinem Gewissen. Wenn er sich seiner Verantwortung in der Welt bewusst ist, wenn er sich den maurerischen Idealen angenähert hat, wenn er seine Pflichten als Mensch und Maurer erfüllt hat, so gut es ihm möglich war, dann hat er die Welt ein wenig besser gemacht und ist gut darauf vorbereitet, sie zu verlassen.

Mehmet Fuat Akev