Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Tugenden – Fundament unserer Gesellschaft

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Ulrich Wickert, der frühere Tagesschau-Sprecher und Fernsehjournalist, hat ein Buch geschrieben, das 1995 im "Hoffmann und Campe Verlag" veröffentlicht wurde - es trägt den Titel "Das Buch der Tugenden" und ist über 700 Seiten stark.

Nach einleitenden Erläuterungen zu einzelnen Tugenden stellt Wickert einschlägige Texte aus den Bereichen Philosophie, Literatur, Recht, Soziologie und Politik vor. Der Bogen spannt sich von Aristoteles über Schiller, Goethe, Lessing Nietsche, Fontane zu Thomas Mann, Berthold Brecht, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Günter Grass bis hin zu internationalen Autoren wie Orwell und Camus. Tugenden sind für Ulrich Wickert Verhaltensmaßstäbe in einer modernen, verantwortungsbewussten, ökologisch ausgerichteten Gesellschaft und nicht etwa ein altertümlicher Begriff, der konservatives Denken ausdrückt.

Nach Aristoteles ist Tugend “das richtige Maß im Verhalten zwischen zwei Extremen”. Und dieses Maß muss jede Generation neu für sich finden, denn Tugenden gehen immer aus der vorherrschenden Denkungsart hervor. Schon deshalb kann es kein geschlossenes System von Tugenden geben. Der Mensch wählt seine Tugenden in Freiheit und ist dann für seine Wahl verantwortlich.

Alles fließt – Vergangenheit wird durch Gegenwart, Gegenwärtiges durch Zukünftiges verdrängt.

Im ästhetischen Bereich drängen neue Formen hervor, Lebensstil und Zeitgeschmack, Kleidung und Mode wechseln. Stilformen großer Epochen lösen sich ab. In weiteren Schritten führt der Weg durch die Jahrhunderte, von der Romantik zum Rokoko, vom Jugendstil zur Postmoderne. Dieser “ruheloser Wechsel untereinander im Prinzip gleichberechtigter Lebensformen” betrifft auch die sittlichen Haltungen und Wertungen. Das Verständnis überlieferter Tugenden verblasst, weil sie an eine ganz bestimmte Lebensdeutung und an eine bestimmte Auffassung von Menschen gebunden ist.

Man kann also davon ausgehen, dass bestimmte Tugenden auch dem Wandel der Zeiten unterworfen sind. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kam Prof. Dr. Otto Friedrich Bollnow, der 1980 beim Großlogentag in Hameln mit dem “Kulturpreis deutscher Freimaurer” geehrt wurde. Bollnow hatte sich in seinen Werken “Einfache Sittlichkeit” und “Wesen und Wandel der Tugenden” intensiv mit dieser Thematik auseinandersetzt. In der HUMANITÄT 3/2001 erinnert der lesenswerte Beitrag “Tugend – Ihre Bedeutung und Wiederentdeckung” daran.

Das historisch belastete Verständnis von Tugend lässt dieses Wort veraltet erscheinen. Auch Begriffe unterliegen der Mode. In seinem Werk “Wesen und Wandel der Tugenden” spricht Bollnow vom absinkenden Verständnis für manche Tugenden und formuliert: “Es scheint, als ob keine Zeit die großen Tugenden der Vergangenheit rein zu bewahren vermag; und der besorgte Moralist sieht im Verblassen der alten Tugenden allgemeinen Verfall der Sitten. Demgegenüber gilt es, den beständigen Wandel im Verständnis der Tugenden als notwendigen Ausdruck des geschichtlichen Lebens zu begreifen und neben dem Absinken der alten zugleich das Aufsteigen neuer Tugenden zu sehen, in denen jede Zeit neu den ewigen Bestand menschlicher Grundhaltungen aus ihrem Geist heraus umprägen muss.

Wenn wir uns jetzt mit den Tugenden auseinandersetzen, müssen wir uns zunächst einige Fragen stellen:

Ich habe versucht, Antworten darauf zu finden. 

Grundsätzlich besteht die Auffassung, dass man die Tugenden als Hinweise und Richtlinien sehen kann, die zu einem reichen und erfüllten Leben im Hier und Jetzt führen und den Weg zur glückhaft empfundenen Vollkommenheit weisen. Wenn man allerdings ein Zitat von Edith Piaf heranzieht, könnten leichte Zweifel kommen. Edith Piaf lebte Anfang des 20. Jahrhunderts und war eine französische Sängerin, deren Interpretation von Chansons und Balladen sie weltberühmt machte.

Tugend ist, wenn man so lebt, dass es keinen Spaß macht zu leben

Edith Piaf

Tugenden haben tatsächlich in vielen Bereichen unserer Gesellschaft keinen guten Ruf. Sie stehen in Verdacht, das wenige Vergnügen, das dieses Leben bietet, zu vermiesen. Tugendhaft sein bedeutet angeblich Askese, Enthaltsamkeit und Verzicht, oftmals graue und grämliche Freudlosigkeit. Wenn wir diese Ansichten und Einstellungen untersuchen wollen, müssen wir zunächst den Begriff “Tugend” beleuchten. Bevor man sich an eine Definition des Begriffes heranwagt, ist es sinnvoll zu untersuchen, wen oder was die Umgangssprache mit dem Wort “Tugend” bezeichnet.

Tugend ist eine moralisch herausragende, untadelige Haltung, die der Gesellschaft als positives und moralisches Beispiel dient und individuelle und kollektive Größe fordert. Tugend ist das Gegenteil von Laster. Es gibt viele Tugenden – und jede Tugend hat eine bestimmte Aufgabe, einen bestimmten Schwerpunkt, jede der Tugenden ist in einer bestimmten Situation sinnvoll. Und jede Tugend hat einen Gegenpol; und man braucht beide Pole in einer ausgeglichenen Balance. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Schauen wir uns die Tugend “Mut” an. Ausreichend Mut ist gut, zu viel Mut heißt Wagemut und vielleicht Kühnheit, vielleicht auch Leichtfertigkeit. Zu wenig Mut ist Angst und Schüchternheit, übertriebene Vorsicht. Man braucht also alle diese Pole – und möglichst in einem gut ausgewogenen Verhältnis.

Die Tugenden sind keine Erfindungen der Neuzeit. Die vier weltlichen Kardinaltugenden gehen auf Platon zurück, einem Schüler von Sokrates, der vor etwa 2500 Jahren gelebt hat. Die Kardinaltugenden wurden für die gesamte europäische Kultur maßgebend. Es sind dies die Weisheit, die Mäßigkeit, die Tapferkeit und die Gerechtigkeit. Die Weisheit bestimmt die Sicht des Menschen auf die Welt und seine Stellung darin; die Mäßigkeit bewirkt, dass die natürliche Ordnung der Dinge nicht überschritten wird; die Tapferkeit umfasst die Fähigkeit, die eigenen, als richtig erkannten Werte auch gegen äußere Widerstände durchzusetzen und die Gerechtigkeit ist die Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehungen. Kardinaltugenden heißen sie, weil sie beanspruchen, ganz grundsätzliche Verhaltensvorschriften für die wichtigsten Lebensbereiche zu enthalten. Alle anderen Tugenden sind Teil- oder Untertugenden, die nur genauer angeben, was mit den Kardinaltugenden gemeint ist.

Neben diesen weltlichen Kardinaltugenden haben sich die christlichen Kardinaltugenden herausgebildet, die man schon im Neuen Testament im ersten Brief an die Korinther findet. Sie gehen auf den Apostel Paulus zurück und wurden später im Mittelalter von Thomas von Aquin (der sogenannte Aristoteles des Mittelalters, er war Philosoph und Kirchenlehrer) in den Vordergrund gestellt. Es sind dies Glaube, Hoffnung, Liebe. Die christlichen Kardinaltugenden sind weniger Wegweiser auf ein erfülltes Leben im Diesseits. Sie zeigen vielmehr Verhaltensweisen an, die sich bevorzugt auf das Jenseits konzentrieren, die auf ein gottgefälliges Leben zielen und letztendlich die Erlösung anstreben. 

Neben den weltlichen und christlichen Kardinaltugenden gibt es noch die bürgerlichen und die ritterlichen Tugenden.

Zu den bürgerlichen Tugenden zählen insbesondere Ordnungsliebe, Sparsamkeit, Fleiß und Pünktlichkeit. Die bürgerlichen Tugenden sind auf die praktische Bewältigung des Alltags gerichtet. Sie stellen das pragmatische Gegengewicht zu den sonstigen, oft an Idealen orientierten Tugenden dar. Diese bürgerlichen Tugenden bilden komprimiert auch die sogenannten preußischen Sekundär-Tugenden ab: Ordnung, Fleiß, Disziplin. Schließlich und endlich fehlen noch die ritterlichen Tugenden, als da sind: Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, Fürsorgepflicht den Schwachen gegenüber, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Standhaftigkeit. 

Diese hier beschriebenen Tugenden sind bei uns allen angelegt – aber in sehr unterschiedlicher Weise. Aber uns verbindet natürlich etwas Spezielles: ich meine damit die uns allen geläufigen Freimaurer-Tugenden: es sind dies die 4 Freimaurer-Tugenden Verschwiegenheit, Vorsichtigkeit, Mäßigkeit und Barmherzigkeit. Ich will ihre Bedeutung kurz skizzieren:

Verschwiegenheit hat nichts mit Geheimniskrämerei und erst recht nichts mit Illegalität oder Intrigantentum zu tun. Verschwiegenheit als Tugend ist die Voraussetzung eines vertrauensvollen Zusammenlebens. Jeder Mitmensch und jeder Bruder hat das Recht auf eine unangetastete Privatsphäre . Verschwiegenheit über Anvertrautes sollte selbstverständlich sein.

Vorsichtigkeit ist ein Kind der Lebenserfahrung. Der Jüngling stürmt hinaus ins pulsierende Leben; er achtet nicht auf die Gefahren, stößt Dinge um in seinem Bestreben, Hindernisse zu überwinden. Je älter man wird, desto vorsichtiger wird man und je vorsichtiger man wird, desto weiser wird man.

Mäßigkeit, die dritte der Freimaurertugenden, will uns helfen, all die Gefahren zu umgehen und all jene Schwierigkeiten zu vermeiden, die als Kennzeichen der Unmäßigkeit bekannt sind.

Barmherzigkeit ist die edelste der vier Freimaurertugenden. Ihr Wesen ist das Verstehen und das Verzeihen. In diesen heilgen Hallen kennt man die Rache nicht – wer kennt nicht jene wundervolle Arie aus der Freimaureroper unserer Brüder Schikaneder und Mozart! Ist ein Mitbruder gefallen, so reichen wir ihm die Hand und helfen ihm wieder auf die Beine.

Zum Schluss will ich noch einmal zurückkommen auf Prof. Bollnow, dem es in seinem Buch “Wesen und Wandel der Tugenden” immer wieder gelingt, die Größe und Bedenklichkeit der einzelnen Tugenden gegeneinander abzuwägen und uns in den großen Bann zu ziehen. Von Platons Kardinaltugenden über die überwältigende Autorität der Kantischen Ethik bis zur Wertediskussion der Gegenwart spannt er Brücken über die Jahrhunderte. Im kategorischen Imperativ erkennt er jenen Geist der Unbedingtheit, der Ausdruck des hohen Ethos und des preußischen Geistes ist.

Mut und Tapferkeit, Besonnenheit und Selbstbeherrschung, Klugheit und Weisheit, Verstand und Vernunft, Ruhe und Gelassenheit, Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Offenheit, Echtheit und Wahrhaftigkeit – und Gerechtigkeit als oberste Tugend sind Themen und Wissensbereiche der großen abendländischen Lebenslehre, die uns durch Bollnow erschlossen werden und uns als Freimaurer zur weiteren Bearbeitung in den Zeichnungen und Diskussionen unserer Logen einladen.

Es gibt keine Selbsterkenntnis ohne Mühe und ohne Arbeit.

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