Über die Orden

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Manche Themen sind zeitlos. Die nachfolgende unterhaltsame Polemik wurde bereits im Jahre 1989 in der zwischenzeitlich nicht mehr existenten norddeutschen Loge “Klar Kimming” als Zeichnung aufgelegt. Klar Kimming heißt übrigens soviel wie “klarer Horizont”. Den hat der Autor sicher gehabt.

“Angeblich gab es einmal eine Zeit, da waren alle Menschen gleich. Von der weiß ich nichts zu erzählen. In der Zeit, von der ich euch berichten will, war es genau umgekehrt: Die Menschen lebten in scharf voneinander getrennten Schichten, Klassen und Gruppen. Es gab sehr hohe und sehr niedere, weniger hohe und weniger niedere, und eine Unzahl von Zwischenstufen. Jede Schicht war sorgsam darauf bedacht, sich von den anderen deutlich abzugrenzen.Die Menschen legten sich schmückende Titel, Abzeichen und prunkvolle Gewänder zu. Mit ihnen stellten sie an hohen Festtagen sich und ihresgleichen stolz vor aller Welt zur Schau und erfreuten sich ihrer Würde und Wichtigkeit.

Und alle waren zufrieden.

Da aber kam die Kirche und redete ihnen ins Gewissen. Es ist nicht recht, sagte sie, dass ihr so eitel und gefallsüchtig seid. Lebte nicht unser aller Herr und Meister arm und enthaltsam? Ihr reitet auf stolzen Rossen — er aber ritt auf einer Eselin nach Jerusalem ein und starb für uns, für unsere Sünden und Dummheiten am Kreuz. Darum, ihr Menschen: Folgt ihm nach und seid bescheiden!

Das sahen die Menschen ein und richteten sich fortan danach.

In ihrer Dankbarkeit machten sie jene, die ihnen so viel Weisheit beigebracht hatten, zu hochwürdigsten Prälaten und Domkapitularen, zu Excellenzen und Eminenzen, und den Obersten der Kirche nannten sie gar Euere Heiligkeit oder Heiliger Vater. Nicht nur klingende Titel, Reichtum und Macht gaben sie ihnen, sie schmückten sie auch mit kostbaren Kleidern, mit Orden und Zeptern und anderen sichtbaren Insignien ihrer Herrlichkeit. Und wenn jetzt so ein großer Mann durch die Gegend kam, dann rannten die Mütter herbei und hielten ihm ihre Kinder entgegen, dass er sie segnen solle.

Auch dies ging eine Zeitlang gut, da kamen Männer, die an der bestehenden Kirche Kritik übten und sie erneuern wollten. Unser Herr lebte in evangelischer Armut, sagten sie, und nun seht euch mal an, wie satt und feist und selbstherrlich unsere geistlichen Würdenträger ihr Amt versehen! Wollt ihr euch das noch länger gefallen lassen?  Nein, das wollten die Menschen nicht, und so erneuerten sie die Kirche aus wahrhaft evangelischem Geiste heraus. Diejenigen, die ihnen dabei mit gutem Beispiel vorangingen, machten sie zu Oberkonsistorialräten und Konsistorialpräsidenten, zu Dompröpsten, Landesbischöfen und Generalsuperintendenten. Und um aller Welt von der Würde dieser bedeutenden Männer Kenntnis zu geben, verlieh man ihnen kostbare silberne Kreuze, mit denen sie nun ihre Brust schmückten — zum ehrenden Andenken an jenen Mann, der auch einst sein Kreuz getragen hatte, wenn auch unter etwas anderen Umständen.

Wie in der Kirche, so machten es die Menschen aber auch in der übrigen Gesellschaft. Besonders vornehme Leute wurde adelig genannt; sie hatten Anspruch auf ehrfurchtsvolle Anreden wie Durchlaucht oder Erlaucht, fürstliche oder gräfliche Gnaden usw. Wer länger als andere zur Schule gegangen war, der wurde zum Magister, zum Doktor oder Professor, oder gar zur Spektabilität und Magnifizenz. Und selbstverständlich blieben weder ihm noch den Adeligen die prunkvollen Gewänder und Orden vorenthalten. Über die Staatsdiener goss sich ein wahres Füllhorn wohlklingender Titel aus, vom Regierungskanzleisekretär bis zum Leitenden K, u. K Obermilchdirektor. Und nun gar erst das Militär! Was es da alles an Rängen und Rangabzeichen, an Orden und Medaillen gab, das übersteigt fast unsere Vorstellungskraft.

Aber wieder kam eine Zeit, da wurden die Menschen dieser ganzen Spielerei überdrüssig. Muss denn das alles überhaupt sein? fragten sie. Da behaupten wir immer, dass alle Menschen vor Gott gleich seien — und tatsächlich lassen wir keine Gelegenheit aus, um bestehende Unterschiede zwischen uns herauszustellen und neue zu erfinden! Wie viel Streit und Unfriede ist dadurch schon entstanden! Lasst uns doch endlich versuchen, sagten die Leute, auf alle diese Mätzchen zu verzichten und in unserem Nächsten nur den Menschen, den Mitmenschen zu sehen! Vielleicht kommt er dann tatsächlich, der ewige Friede, von dem wir alle träumen!

Eine Gruppe war dabei, die ging noch weiter als die anderen.

Lasst uns einen Bund von Männern bilden, sagten sie, in dem die Vorrechte der Geburt oder der gesellschaftlichen Stellung nichts sehr gelten sollen. Bei uns soll nur die Würde gelten, die jedem von uns als Mensch zukommt. Im übrigen sind wir unter uns völlig gleich. Zum Zeichen dieser Gleichheit nennen wir einander Brüder. Mit Feuereifer gingen sie ans Werk. Viele freie Männer von gutem Ruf traten dem Bund bei; sie waren begeistert von den Gedanken, die sie hier hörten und die für die damalige Zeit so unerhört neu waren. So wuchs der Bund und ward groß und ansehnlich; aus Hunderten von Mitgliedern wurden Tausende und aus diesen Zehn- und Hunderttausende.

Das allerdings machte die Einführung gewisser Unterschiede erforderlich. Einige trugen mehr, andere weniger Verantwortung. Einige waren schon länger dabei, andere erst kurze Zeit. Wieder einige bekleideten ein wichtiges Amt, das andere nicht hatten usw. Wie sollte man die alle auseinanderhalten?

Die Brüder taten das Nächstliegende und einzig Richtige. Sie schufen eine Vielzahl von Orden und Abzeichen, mit denen sie die verdienten Brüder vor allen anderen auszeichneten. So konnte jedermann jederzeit leicht erkennen, wem Ehre zuteil geworden war und wem nicht. Die Brüder schufen aber auch eine Vielzahl von Ämtern, die sie untereinander verteilten; und bunt und vielgestaltig, wie diese Ämter und die mit ihnen verbundenen Abzeichen waren auch die Benennungen, die sie für ihre Amtswalter bereitstellten. Neben den geliebten Brüdern gab es nun würdige, ehrwürdige und ehrwürdigste; es gab leuchtende, hoch- und höchstleuchtende Brüder; und wenn einer was ganz Besonderes geworden war, dann durfte er gar noch vor das Amt, das er nun verwaltete, die Bezeichnung “Groß“ setzen, so dass aus unserem wackeren Beamten nun ein Großbeamter geworden war.

Diese glänzenden Aussichten auf eine bessere Zukunft erfüllten die Brüder mit neuer Schaffensfreude. Kamen sie einander besuchen, so überhäuften sie sich mit schmückenden Auszeichnungen und wussten sich dabei viel Schmeichelhaftes zu sagen. Vor allem aber überbrachten sie einander die herzlichen, herzlichsten und allerherzlichsten Grüße, worauf die von soviel unerwarteter Herzlichkeit ganz überwältigten Gastgeber ihrerseits darum baten, doch auch den Entsendern ganz besonders herzliche Grüße auszurichten. Und alle diese Grußbotschaften wurden in wohltönender Weise untermalt vom liebliches Klang der zahlreichen Orden, die die Brust so manches verdienstvollen Bruders zierten und die dort nun im Chore um die Wette baumelten.

Bei all diesem neuen Glanz vergaßen die Brüder jedoch niemals ihre ursprüngliche Bescheidenheit. Wurde jemand von ihnen vor Gott und Menschen ausgezeichnet, weil er nämlich eine Doktorarbeit geschrieben hatte und sich fortan Doktor nennen durfte, dann setzte er im Bruderkreis diesen Titel bescheiden in Klammern. Das sollte heißen: Ich bin zwar ein Doktor, dass Ihr’s nur wisst und niemals vergesst, aber gleichzeitig bin ich von so edler Gesinnung, dass ich Euch gegenüber so tun will, als wäre ich‘s nicht.

So also kam endlich die Gleichheit aller Menschen zumindest im Bund dieser Brüder wieder in die Welt. Damit bin ich unversehends in die Gegenwart geraten und muss nun sehen, wie ich seine Geschichte zu Ende kriege. Vermutlich hat sie folgenden Ausgang:

Eines Tages kamen die Brüder zusammen, und einige von ihnen sprachen: Hängen wir uns nicht eigentlich zuviel Zierrat an den Hals und um die Brust? Und könnten wir auf unsere Titel und schmückenden Bezeichnungen nicht eigentlich verzichten? Schließlich waren wir es doch, die vor über 250 Jahren nach dem Wert des Menschen und nicht nach dem seiner Ämter und Orden gefragt haben! Zurück also zu den Ursprüngen unseres Bundes!”

Wohl gesprochen, werden daraufhin die anderen antworten, so und nicht anders wollen wir es halten! Es geschehe also! Und die Brüder, die uns die Augen geöffnet und diesen klaren Weg gewiesen haben, sie wollen wir als Zeichen unserer Anerkennung mit einem ganz besonderen Orden ehren!

Und dankend werden die Brüder den Orden annehmen.