Von der Freude

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Was wir gegenwärtig erleben, ist alles andere als erfreulich: Eine Pandemie bedroht uns und unsere Mitmenschen, zwingt uns zu größter Vorsicht im Umgang miteinander, hat das gesellschaftliche Miteinander weitgehend zum Stillstand gebracht, hat schwerwiegende ökonomische Folgen und zwingt auch die Freimaurerei mit all ihren Veranstaltungen zu einer längeren Pause.

Wir haben während unseres bisherigen Lebens in der Bruderschaft erfahren, dass Freimaurerei von zwischenmenschlicher Begegnung lebt. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass unser Bund auch ohne unmittelbare Begegnung miteinander lebendig bleibt!

Da dachte ich an einen Text von mir aus besseren Logentagen, einen Text von der Freude, von der Freude, die ja immer auch ein „Dennoch“ ist und an der wir trotz aller Bedrängnis festhalten müssen, zumal wir ja auch die feste Hoffnung haben, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft zu uns zurückkehren wird.

Freude ist eine durch und durch freimaurerische Gefühlsbewegung!

Nicht, dass es außerhalb unseres Bundes keine Freude gäbe, doch es besteht wohl eine besondere Beziehung zwischen Freude und Freimaurerei: Lebendige Freimaurerei hat immer mit Freude zu tun! Freude bestimmt jede Tempelarbeit, jeweils auf andere Weise, doch stets symbolisiert durch die Rosen auf den Tischen der Brüder Beamten. Freude steht insbesondere im Vordergrund jeder Aufnahme, wenn ein Suchender zum Bruder wird und zum Freund zu werden verspricht und wenn unser Bund hierdurch an Zahl und Substanz gewinnt. Freude bestimmt nicht zuletzt das schönste Fest der Freimaurerei, das Johannisfest, das auf besondere Weise im Zeichen der Rose steht, des Symbols des Dionysischen, der Schaffenskraft, des Lebens. Und das zudem wie kein anderes Fest unseres Bundes die Freundschaft zum Ausdruck bringt, die uns Brüder verbindet und zukünftig noch stärker verbinden soll.Auch unsere Lieder berichten davon, wie Freude auf umfassende Weise in der Freimaurerei zu Hause ist. Heißt es doch in einem alten Kettenlied: “Auf, schließet die Kette und windet die Rosen der Freude darein“. Und lässt doch Bruder Mozart in seiner „Kleinen Freimaurerkantate“ wohlgestimmt singen: „Laut verkünde unsre Freude froher Instrumentenschall, jedes Bruders Herz empfinde dieser Mauern Widerhall.” Schließlich ist wohl auch das, was wir gern das „eigentliche Geheimnis“ der Freimaurerei nennen, nicht mehr und nicht weniger als das Geheimnis der Freude an geglückter, intensiv empfundener Mitmenschlichkeit!

Das Zusammengehören von Freimaurerei und Freude gründet im Wesen der Freude als einer konstruktiven Gefühlsbewegung, die dem Kern des Menschen, den positiven und kreativen Tiefenschichten seiner Seele entstammt.

Freude bringt Vollbringen, bringt innere Bereicherung zum Ausdruck.

Es gibt andere aus dem Alltag herausgehobene, von ihm abgesetzte Gefühle und Stimmungen:

  • Heiterkeit etwa, die gewiss wichtig ist als Reifungsstufe des Menschen und der doch etwas Oberflächliches anhaften kann, das sich gelegentlich gar zur Albernheit steigert;
  • Begeisterung, die sicher auch mit Freude zu tun hat, und die doch droht, in kollektiven Fanatismus umzuschlagen;
  • Verzückung, die auch Glück beinhalten mag, einen Zustand hoher spiritueller Berührtheit, die jedoch mit der Gefahr verbunden ist, die Wirklichkeit aus dem Bewusstsein zu verdrängen und sich in einem Zustand von Rausch, Taumel und Überschwang zu verlieren;
  • ganz zu schweigen von der Schadenfreude, die überhaupt keine Freude im Sinne einer positiven Gemütsbewegung darstellt und die ganz sicher nicht zu den Tugenden eines Freimaurers gehört.

Freude ist anders: Freude bejaht; Freude schließt Zynismus aus; Freude ist erdverbunden.

Freude kommt aus dem Gelingen – so wie Freimaurerei auf Gelingen angelegt ist – ‚ dem Gelingen von etwas, was man tut und erreicht, dem Gelingen von etwas, was man miterlebt, dem Erlebnis von Kunst und Musik etwa, vor allem aber auch dem Gelingen einer menschlichen Beziehung: der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, der Beziehung zwischen Freunden, der Beziehung zwischen Brüdern in der Loge und über die Logengrenzen hinaus, der Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau.

Freude schließt nicht aus, wie es andere Gefühlsbewegungen und Stimmungen oft tun. Freude schließt ein. Freude verbindet, verbindet Menschen, verbindet Mensch und Natur, verbindet Mensch und Transzendenz.

Friedrich Schiller hat diesen allumfassenden und allverbindenden Charakter der Freude in seiner “Ode an die Freude“ für immer gültig formuliert:

„Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt,
alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.
Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“

Friedrich Schiller

Sicher: wir mögen mittlerweile zweifeln „am lieben Vater überm Sternenzelt“, doch im Augenblick der Freude halten wir seine Existenz immerhin für möglich.

Musik ist wieder und wieder Ausdruck von Freude.

Und wer Darstellung von Freude in der bildenden Kunst sucht, der schaue etwa auf das Bild „Lebensfreude“ von Henri Matisse aus dem Jahre 1906, wo der Maler die Verbundenheit der Menschen untereinander, aber auch das Zusammengehören von Freude, Liebe, Kunst und Natur auf überzeugende und ansteckende, eben Freude machende Weise gestaltet hat.

Freude ist lebensnotwendig:

„Hat ein Mensch die Freude geopfert,“ – so lässt Sophokles in seiner „Antigone“ sagen – „so heiße ich es kein Leben mehr, er ist lebendig tot. Fülle meinetwegen dein Haus mit Schätzen, lebe im Herrscherprunk. Ich gebe nicht den Schatten eines Rauchs für alles, wenn des Herzens Freude fehlt.”

Doch, wenn wir es recht sehen, ist Freude wohl nur bei Kindern eine einfache, eine selbstverständliche Gefühlsbewegung, die pure Lebenslust zum Ausdruck bringt.

Spielende Kinder sind lebendig gewordene Freuden,“ – so einmal der Dichter und Dramatiker Friedrich Hebbel.

Gewiss sind auch wir Erwachsenen zu spontaner Freude fähig. Das Gefühl des Götterfunkens, wie ihn Schiller beschreibt, ist uns gewiss nicht fremd.

Dennoch ist unser Freudengefühl bei weitem nicht so elementar wie das der Kinder.

Dies hängt vor allem damit zusammen, dass wir nie wieder so unmittelbar und authentisch sind, wie wir es als Kinder waren und dass sich bei uns Erwachsenen eine unaufhebbare Beziehung zwischen Freude und Verantwortung einstellt, die das Kind noch nicht kennt.

Es kennzeichnet ganz einfach den Grad unserer menschlichen Reife, wenn wir die Aufgabe akzeptieren, die Fähigkeit zur Freude in uns zu entfalten und unsere Verantwortung demgegenüber wahrnehmen, was uns Freude machen soll:

  • So wird sich Freude an Kindern nur durch verantwortliche Elternschaft einstellen.
  • So können wir uns nur durch Arbeit an der Partnerschaft über eine geglückte Liebesbeziehung freuen.
  • So werden nur durch mitmenschliche Verantwortung in der Loge Brüderlichkeit und Freundschaft entstehen.
  • So kann sich Arbeitsfreude nur durch Übernahme von Verantwortung im Beruf entwickeln.
  • So können nur durch Einsatz in der Gesellschaft und Handeln für die Gesellschaft politische Wirklichkeiten entstehen, die auf Dauer Zufriedenheit gewähren und vielleicht gar geeignet sind, Freude zu bereiten.
  • Schließlich: So gibt es nur durch Einsatz für diese eine gefährdete Welt Aussicht auf die dauerhafte Freude an ihrem gesicherten Weiterbestand!

Wer sich freuen will, muss sich also einsetzen für das, was Freude machen soll; er muss sich aber auch auseinandersetzen mit dem, was keine Freude macht, was Freude gefährdet.

Da gibt es die Gefährdung der Freude von innen, die schmerzhafte Erfahrung von Brüchen in der eigenen Entwicklung, von neurotischem Festhalten an Überlebtem, ja von persönlichem Versagen.

Da helfen dann kein Sich-Abwenden und Verdrängen, da hilft nur ein präzises Hinschauen und ein engagiertes Sich-Wandeln.

Und zu beidem – zu Erkenntnis und Veränderung – gibt die Freimaurerei ja auf vielfältige Weise Anstoß und Auftrag:

„Schau in dich“ – so wird uns gesagt – ‚„erkenne dich selbst“;

und danach und auf dieser Grundlage:

“Behaue und bearbeite den rauhen Stein, der du zwar bist und bleibst, den du aber dennoch zu deinem Nutzen und zum Nutzen der Gemeinschaft bearbeiten kannst und sollst!“

Je mehr dieser Aufbruch zu uns selbst gelingt, desto größer wird unsere Freude, desto mehr wird das Fundament gelegt für den nächsten schöpferischen Aufbruch.

Gefährdung der Freude kommt aber nicht nur von innen, sondern auch von Außen: durch Not, durch Krieg, durch Wirtschaftskrisen, durch soziale und berufliche Schwierigkeiten, durch Probleme im Verhältnis von Mensch zu Mensch.

Da mag es schwer sein, Freude zu empfinden. Dennoch kann Freude wohl auch in solchen Situationen jener belebende Funke sein, der in uns ein lebensstarkes „Dennoch“ und „Trotzdem“ auslöst.

Denken wir in diesem Zusammenhang daran, dass es der fast taube und von Leben oft gebeutelte Beethoven war, der Schillers „Ode an die Freude“ den steigernden, überhöhenden Klang gegeben hat.

Doch halten wir das Positive fest und besinnen wir uns zum Schluss noch einmal auf den für unseren Bund – wenn er lebendig bleiben will – so unverzichtbaren Dreiklang von Freimaurerei, Freundschaft und Freude!

Freude ist die Grundstimmung gelingender Freimaurerei.

Sie ist schöpferische Kraft, sie ist Götterfunke, sie ist Lebenshilfe im Privaten wie im Öffentlichen, sie ist Fundament unserer Hoffnung und sie ist Voraussetzung für das Weiterbestehen der Welt: Leben kann nur durch die verpflichtende Kraft der Lebensfreude bewahrt werden!

Es ist eine umgreifende, eine – wie Albert Camus, der französische Romancier und Existenzphilosoph sagt – „sonderbare“ Freude.

Camus verbindet – wohl unbewusst – auf sehr freimaurerische Weise Licht, Liebe und Freude und formuliert sein Credo mit den folgenden eindrucksvollen Worten, die zugleich die Schlussworte dieses Beitrags seien sollen:

Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe.
Unsere Brüder atmen unter dem gleichen Himmel wie wir,
die Gerechtigkeit lebt.
Dann erwacht die sonderbare Freude,
die zu leben und zu sterben hilft und die auf später zu verschieben, wir uns fortan weigern.
Auf der schmerzensreichen Erde ist sie die bittere Nahrung, der raue Meerwind, das alte und das neue Morgenrot.
Mit Hilfe dieser Freude werden wir die Seele dieser Zeit erneuern ...

ALbert Camus
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